# taz.de -- Kunst mit doppeltem Boden: HeldInnen der Selbstdarstellung
       
       > Realsozialistische Motive mit irritierenden Details, der neue
       > Turbo-Kapitalismus in beinahe propagandatauglicher Form: Die Hamburger
       > Deichtorhallen zeigen Bilder des ukrainischen Fotografen Sergej Bratkov.
       
 (IMG) Bild: Blick auch fürs Absurde: Bratkovs Tapeteninstallation "Landing Party" (2003).
       
       Was du festhalten willst, das entzieht sich: Das wussten schon die alten
       Chinesen in ihrem Tao, dem Buch des ewigen Wandels. Auch die Stoiker haben
       Ähnliches über das Glück gesagt. Ein bisschen trifft dieses Sich-Entziehen
       - in diesem Fall: dasjenige der Geschichte - auch auf die Fotos von Sergej
       Bratkov zu: Realsozialistische Motive hat der Ukrainer abgelichtet,
       Soldatinnen in Hab-Acht-Stellung, Stahlarbeiter, Waisenhaus-Kinder,
       Letztere in Schwarzweiß. Das alles wirkt wie eine Beschwörung der
       Vergangenheit - aber der Schein trügt.
       
       Da ist einerseits die Methodik, die das alles als Inszenierung entlarvt:
       Nicht nur hat Bratkov, geboren 1960, die sozialistischen HeldInnen des
       Militärs und der Arbeit stilisiert wie fürs Hochglanzmagazin. Auch hat er
       die Soldatinnen aus nächster Nähe fotografiert und sie individueller,
       schöner gemacht, als alle offiziösen "Heldinnen der Arbeit" es je waren.
       (Hätten die damals eigentlich auch schon so schöne Armbanduhren und
       schimmernden Lippenstift getragen?)
       
       Auch seine Stahlarbeiter, überlegen auf den Fotografen herunterschauend und
       im - in der kommunistischen Propaganda so beliebten - Morgenlicht
       fotografiert, zitieren vergangene Formen, sicher. Aber sie sind für
       wirkliche Eins-zu-Eins-Kopien eben allzu perfekt inszeniert: Ja, hier gibt
       es Helden zu sehen - aber eher solche der Selbstdarstellung als der Arbeit.
       Süffisant spielt der Fotograf mit beinahe barocken Lichtkontrasten, dabei
       sind diese Männer doch vor allem eins: Fossilien, fotografiert im Jahr
       2003.
       
       Einige Jahre später, hat Bratkov eingeräumt, existierte dieser Typus nicht
       mehr: Aus "Helden" waren normal bezahlte Arbeiter geworden. Feine Ironie
       der Geschichte übrigens, dass sich dieser Typus erst nach Ableben des
       zugehörigen politischen Systems so detailliert fotografieren lässt. Bratkov
       spielt mit diesen hergebrachten Posen, überhöht sie - und das so sehr, dass
       seine Bilder im Westen weit beliebter sind als in Russland.
       
       Andererseits bietet ihm auch der ganz normale postkommunistische Alltag
       Chancen zu spielen: 1997 baten US-amerikanische Adoptiveltern Bratkov,
       Waisenkinder zu fotografieren. Er nutzte die Begegnung für eine auch
       künstlerische Inszenierung der Kinder als Menschlein, die fast so abgeklärt
       schauen wie die Erwachsenen. Ebenso wie jene rauchenden, verführerisch sich
       räkelnden Kinder, die von ihren Eltern fürs Model-Shooting hergerichtet
       wurden. Bekleidung und Ambiente, trotz aller erkennbaren Ambition ärmlich,
       spiegeln die Verzweiflung zwischen Geldmangel und den vorgeblich
       unbegrenzten Möglichkeiten des Kapitalismus.
       
       Ob mehr oder weniger subtil: Die Suche nach einer neuen Identität, nachdem
       das alte System zusammengebrochen ist, ist immer wieder ein Thema für
       Sergej Bratkov. Er hat dabei, das steht fest, einen Blick auch fürs
       Absurde. "Princess" heißt etwa eine Serie, die Frauen mit Kinderwunsch
       zeigt: Auf Stühlen sitzen sie, die Strumpfhose heruntergezogen, im Schoß
       eine Glasschale mit dem Namen des erwünschten Samenspenders. "Prince
       Charles" und "Leopold III" steht da, und das ist wohl kaum ernst gemeint,
       steht vielmehr für Unerreichbarkeit des Glamour.
       
       Kurz nach dem Untergang des Atom-U-Boots "Kursk" im Jahre 2000 ließ Bratkov
       vormalige Seeleute im Altersheim posieren, in Matrosenkleidung. Ein
       traumatischer Moment erfährt da eine so bizarre wie mit Bedacht inszenierte
       Geste des Gedenkens. Und gleich noch mitabzulesen: der Fall einer weiteren
       Facette nationaler Identität, nämlich der Unfehlbarkeit der eigenen Armee.
       
       Angesichts all dieser Bratkovschen Inszenierungen stürzen die Bilder aus
       dem neureichen, hochzeitstanzenden Moskau mit allen Auswüchsen den
       Betrachter dann in arge Zweifel: Dokumente oder Inszenierung, Abbild oder
       Kritik? Indiz der Brechung ist zunächst allein das Format: Riesig breite
       Panorama-Bilder hat er da geschaffen - ganz wie zu Zeiten sowjetischer
       Propaganda.
       
       Der Turbo-Kapitalismus als neue Doktrin - ist es das, was Bratkov sagen
       möchte? Mit ehemaligen Funktionären als neue Privilegierte? Zumindest
       bedienen diese Fotos - und das macht sie ihrerseits ein klein wenig gestrig
       - sehr exakt das westliche Klischee des postsowjetischen
       Brutalst-Kapitalismus. Ob er damit der differenzierten Wahrnehmung einen
       guten Dienst erweist, steht dahin. Aber andererseits: Er bezeichnet sich
       auch gar nicht als einen explizit politischen Künstler.
       
       bis 29.8., Hamburg, Deichtorhallen
       
       30 Jun 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Petra Schellen
       
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