# taz.de -- Die Enthaltsamkeit der Parteien: Von wegen Sex und Schnaps
> Linke und SPD scheuen in letzter Zeit gern die Entscheidung und enthalten
> sich lieber. Die Unfähigkeit zur eigenen Position ist im schlechtesten
> Sinne postmodern.
(IMG) Bild: Wer sich enthält, dokumentiert: Ich kann oder will zwar keine Position beziehen, mitspielen und Politik machen will ich aber trotzdem. So wie Linkspartei und SPD
BERLIN taz | Deutschlands Linke hat einen neuen Trendsport entdeckt:
Enthaltung. Nicht bei Sex oder Schnaps. Sondern in der knallharten Politik.
Es geht um Milliarden Euros, um Sparpakete und brutale Umverteilung, es
geht um Bundespräsidenten und Regierungsbündnisse. Schließlich geht es um
Macht und Verantwortung.
Gerade die Roten zeigten in den vergangenen Wochen, dass sie immer weniger
in der Lage sind, Farbe zu bekennen. Die SPD hat sich im parlamentarischen
Entscheiden über gewichtige Teile des Sparpakets enthalten, die Linkspartei
hat weder Joachim Gauck ins Amt heben noch die rot-grüne
NRW-Landesregierung wählen wollen. Da Enthalten aber eben nicht
Dagegenstimmen ist, wurden die beiden Parteien genau durch ihr Enthalten
schließlich doch zum Steigbügelhalter der Mehrheitsmeinung. Ein zumindest
bemerkenswertes Verständnis von Opposition.
Was bedeutet das nun in einem Fünf-Parteien-System, in dem bekanntermaßen
den Bündnisfähigen die Zukunft gehört? Wenn ganze Parteien verabreden, sich
bei wichtigen Entscheidungen geschlossen zu enthalten, ist es zunächst
einmal Ausdruck der tiefen Gräben in den eigenen Reihen.
Bei der SPD und dem Sparpaket kämpften die Agenda-2010-Leute gegen die
Altgenossen. In der Bundesversammlung bei der Wahl des Bundespräsidenten
wie im nordrheinwestfälischen Parlament bei der Wahl der Landeschefinnen
verhinderte vor allem der Kulturkampf zwischen Ost- und Westlinker, Fundis
und Realos, eine klare ausgerichtete Programmatik.
Bevor sich als links verstehende Parteien die Herausforderungen annehmen
und sich auch in verdammt schwierigen Fragen positionieren, scheint es Mode
zu werden, sich lieber gleich ganz zu enthalten.
Nun gibt es Argumente für Parteien, sich dem parlamentarischen
Politikbetrieb zu verweigern. Dann nämlich, wenn sie über eine
außerparlamentarische Mehrheit verfügen und ihre Macht über die Straße zur
Umsetzung der eignen Agenda ausreicht. Solche Parteien sind weder die Linke
noch die Sozialdemokraten.
Und: In einer Demokratie muss es Parlamentariern erlaubt sein, sich auch
mal nicht entscheiden zu können, weil sie zu einem bestimmten Thema eben
keine entschiedene Haltung haben.
Aber: Auch eine Enthaltung ist weiterhin eine gültige Stimmabgabe, also
keine echte Verweigerung, sie ist ein Zwitter. Wer sich enthält,
dokumentiert: Ich kann oder will zwar keine Position beziehen, mitspielen
und Politik machen will ich aber trotzdem.
Gerade weil in einem Fünf-Parteien-System der Bündnisfähigkeit eine so
gewichtige Rolle zukommt, gibt es natürlich auch ganz schlicht die
taktische Enthaltung. Heute stimme ich nicht gegen dich, damit du mir
morgen hilfst. Die spielt in Nordrhein-Westfalen eine gewichtige Rolle. Die
Linken haben gezeigt, dass sie sich partiell in der Lage fühlen,
Regierungsverantwortung zu übernehmen.
Offen bleibt allerdings, mit welcher inhaltlichen Ausrichtung sie sich auf
diesen Deal einlassen. Eine auf die Zukunft ausgerichtete Bündnispolitik
muss klug sein und Enthaltung als Taktik wohldosiert. Sie darf nicht frei
von Positionen sein, und Inhalte müssen erkennbar bleiben, wenn die Idee
von Parteien ernst genommen werden soll.
Wenn die Enthaltung also Teil einer Verabredung ist, bei der zum Schluss
die Wirklichkeit der eigenen Utopie näher gekommen ist, mag es
demokratische Finesse sein.
Ist es aber nur die Unfähigkeit im eigenen Lager, Positionen zu entwickeln,
ist das Enthalten im schlechtesten Sinne postmodern. Dass sowohl die SPD
als auch die Linke in diesem Sinne an den Grenzen ihres eigenen Horizonts
zu scheitern drohen, das ist amüsant.
15 Jul 2010
## AUTOREN
(DIR) Ines Pohl
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