# taz.de -- Moderator Tobias Schlegl über Nachhaltigkeit: "Man darf nicht bekehren wollen"
       
       > Nachhaltigkeit ist ein sperriger Begriff. Tobias Schlegl, Moderator der
       > NDR-Satire-Sendung Extra 3, will ihn trotzdem weiter benutzen: Mit
       > Authentizität, den richtigen Symbolen und viel Zorn.
       
 (IMG) Bild: Mit Ironie und Augenzwinkern wirbt Tobias Schlegl für sexy Nachhaltigkeit.
       
       Früher waren sie Viva-Moderator, heute sind Sie Weltverbesserer. Wie kam es
       zu dem Sinneswandel? 
       
       Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Das eine ist eine
       Jobbezeichnung, das andere ist eine Überzeugung. Ich finde es aber ganz
       schlimm, als Weltverbesserer bezeichnet zu werden, das will ich gar nicht
       sein. Ich versuche nur in meinem Umfeld, die Natur nicht auszubeuten und
       auch niemanden sozial auszubeuten. Beruflich darf ich dann noch
       Unternehmen, Politikern und Geistlichen auf die Füße treten, die etwas
       verbockt haben. Das ist meine Aufgabe und das nutze ich auch schamlos aus,
       aber das Prädikat Weltverbesserer ist ganz furchtbar.
       
       Wenn Sie aber in Ihrer Satire-Sendung Extra 3 Politikern und Unternehmen
       vor laufender Kamera auf die Füße treten und dabei kaum ein problematisches
       Thema auslassen, dann tun Sie mehr, um die Welt zu verbessern, als die
       Meisten anderen. 
       
       Bevor man auf andere zeigt, muss man bei sich selber anfangen. Man muss
       sein Leben angucken und schauen, was man da für einen Mist baut und was man
       da verbessern kann. Dieses Leitbild habe ich mir gesetzt. Wenn du so etwas
       propagierst, dann musst du einfach authentisch sein, dann musst du das auch
       leben und dann darf das nicht irgendein PR-Stempel sein. Natürlich kann man
       nur was bewirken, wenn man es nach außen trägt. Aber ich versuche, das
       dezent zu machen und nicht wie eine große Schubkarre vor mir her zu
       schieben.
       
       Gab es ein Schlüsselerlebnis? 
       
       Ich war immer politisiert. Das hat ganz früh mit Punkmusik angefangen. Da
       ist man politisch, aber man sieht nur, was einem nicht gefällt. Es wird
       viel verneint, aber man weiß noch nicht, was man wirklich will. Das hat
       sich dann bei mir jahrelang entwickelt. Ein Schlüsselerlebnis war, dass
       mich unser lieber Herr Schröder in den Rat für Nachhaltige Entwicklung
       berufen hat. Ich sollte da der Jugendvertreter sein, der die Sichtweise der
       jüngeren Menschen vertritt. Aber wer sich für das Thema einsetzen will, der
       muss sich erst mal die Fakten aneignen. Um einem Unternehmen auf die Füße
       zu treten, muss man recherchieren, was überhaupt falsch läuft. Da habe ich
       zwei Jahre Bücher gewälzt, etliche Berichte gelesen und Projekte betreut
       und bin so immer tiefer in das Nachhaltigkeitsthema reingekommen.
       
       Und was verstehen Sie heute unter dem Begriff Nachhaltigkeit? 
       
       Die offizielle Definition ist, dass man die Ökologie, die Ökonomie und auch
       das Soziale in Einklang bringt. Das ist nicht nur auf die Natur beschränkt,
       sondern man muss auch die Wirtschaft und den sozialen Faktor mit ins Boot
       holt. Aber ich finde es kompliziert. Wenn du politische Reden hörst, dann
       ist alles plötzlich nachhaltig, obwohl der Begriff von Politikern ganz oft
       falsch verwendet wird. Da ist Nachhaltigkeit einfach nur, was lange währt.
       Aber das ist völliger Quatsch, da musst du schon in die Tiefe gehen und
       alle drei Bereiche abdecken. Es darf nicht einfach nur ein Ersatzbegriff
       sein, den man jetzt neumodisch in jede Rede einbaut.
       
       Heute sind Sie nicht mehr in dem Rat und moderieren stattdessen die
       Satiresendung Extra 3 im NDR Fernsehen. Ist das eine bessere Position, um
       etwas zu bewirken? 
       
       Ja, natürlich, du kannst bei Extra 3 viel besser Symbole setzen. Ich
       glaube, man muss geeignete Symbole finden, um Leute wachzurütteln und um
       Fakten zu erklären. Ein Beispiel: Die HSH Nordbank hier in Hamburg hat so
       viel Geld in der Finanzkrise verzockt, dass hier sogar die Kita-Gebühren
       erhöht wurden und sich viele Menschen die Kita nicht mehr leisten konnten.
       Da habe ich mir die betroffenen Kinder mit ihren Eltern geschnappt, mit
       ihnen eine Pressekonferenz der HSH Nordbank gestürmt und sie haben sich bei
       dem Chef für diese wunderbare Finanzpolitik bedankt und ihm ein Dankeslied
       gesungen. „Danke für diesen guten Morgen“ klang da etwas anders. Wir sind
       zwar eigentlich gescheitert. Wir haben es nicht geschafft, dass die
       Kita-Gebühren nicht erhöht wurden. Aber wir haben viele Menschen damit
       wachgerüttelt. Die HSH Nordbank hat auch sehr wütend reagiert und das ist
       immer ein gutes Zeichen. Ich glaube, wenn man die richtigen Symbole findet,
       kann man auch die verschiedenen Aspekte der Nachhaltigkeit ganz gut
       vermitteln.
       
       Welche Aufgabe haben die Medien bei der Vermittlung des Leitbilds der
       Nachhaltigkeit? 
       
       Da bin ich ein Fan der Öffentlich-Rechtlichen. Die sollen nicht nach der
       Quote gucken sondern journalistisch arbeiten, den Finger in die Wunde legen
       und gut recherchieren. Wir setzen uns zum Beispiel mit Extra 3 für den
       kleinen Mann auf der Straße ein. Egal, ob es falsche Werbung für McDonalds
       ist, oder die Frage wie die Partei die Linke ihre T-Shirts herstellt. Wie
       wir rausgefunden haben in Bangladesh. Eine Partei, die sich für den
       Mindestlohn einsetzt, lässt sich von armen Leuten in Bangladesh ihre
       Parteishirts machen. Nach unserem Film hat die Linke ihre T-Shirt-Politik
       verändert.
       
       Trotzdem lassen sich die meisten Leute lieber von stumpfsinnigen Talkshows
       und Dokusoaps berieseln. Was können die Medien machen? 
       
       Das ist eine Frage, wie man das ganze verkauft. Natürlich gibt es viele
       Dokumentationen zu dem Thema, gerade zu der ökologischen Seite, aber die
       sind anstrengend. Man muss aufpassen, dass man nicht mit dem erhobenen
       Zeigefinger kommt. Das Thema kann man nicht in allen Facetten erfassen. Man
       muss sich kleine Aspekte rauspicken und sich überlegen, wie man die
       geschickt an den Mann bringt. Bei uns funktioniert es immer, wenn man es
       mit Ironie oder Augenzwinkern verkauft. Ich finde gut, wenn es unterhaltsam
       und humorvoll verpackt wird und trotzdem die richtige Tiefe hat. Man darf
       nicht zu verbissen werden. Auch wenn man die Welt retten will. Alle, die zu
       verkrampft rangehen, finde ich ganz unangenehm. Ich will keinen im
       Fernsehen sehen, der mir sagt, wie ich leben soll. Ich will erfahren, was
       falsch läuft und dann selber meine Schlüsse daraus ziehen.
       
       Aber die Jugend interessiert das Thema nicht, wenn es nicht unterhaltsam
       verpackt ist... 
       
       Nein, und da haben wir bei Extra 3 schon eine Vorreiterrolle. Wir haben
       Filme, die drei Minuten lang sind, die super im Internet zu verkaufen sind.
       Die kann man auf die Facebook-Seite stellen, die kann man weiter verlinken
       in irgendwelchen Blogs, die kommen auf den Punkt, sind unterhaltsam und
       gleichzeitig politisch. Es ist nicht nur Comedy und wir wollen ja nicht
       einfach nur verarschen. Wir haben ein Thema, das uns aufregt und überlegen
       uns dann, wer daran schuld ist und wie wir das verpacken. Also entweder als
       Cartoon, als Aktion mit mir, als Werbevideo der Industrie oder der
       Bundesregierung oder als Podcast von Frau Merkel. Da gibt es tausend
       FormenDafür kann man das Internet gut nutzen. Man darf halt nicht bekehren
       wollen.
       
       Kann man denn überhaupt vermeiden, bei dem Thema oberlehrerhaft
       rüberzukommen? 
       
       Ja, die Gefahr ist groß, oberlehrerhaft zu werden. Ich habe ja schon ein
       Buch über Nachhaltigkeit geschrieben und habe dafür auch die Kämpfer
       besucht, die für dieses Thema auf die Straße gehen. Aber die sind schon zum
       Teil etwas anstrengend und skurril und leben in ihrer eigenen Welt. Das
       muss man dann ´runterbrechen. Nimm den Kern und verpacke es gut, ist die
       Grundbotschaft.
       
       Stimmen Sie mir zu, wenn ich sage, der Kampf für nachhaltige Entwicklung
       ist eigentlich ein Kampf gegen Windmühlen? 
       
       Das ist ein schönes Bild. Wir Nachhaltigkeitskämpfer sind alle Don
       Quijotes, die geblendet sind und eigentlich vergeblich kämpfen, aber wir
       kämpfen und das finde ich gut. Und solange die Leute noch aufstehen und
       weitermachen und es noch so finstere Unternehmen wie BP gibt, muss man da
       einfach dagegen halten. Wenn ich das sehe, ist das eher Motivation, weil
       ich dann noch viel zorniger werde und erst recht weitermachen will.
       
       5 Aug 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Aljosha Grabowski
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Interview
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Politiker:innen zum Reden bringen: Erhellende Antworten auf falsche Fragen
       
       Reden, ohne miteinander zu reden, ist der neue Interviewtrick. Denn wenn
       Worte nur noch Hülsen sind, kommt es auf den Überraschungsmoment an.