# taz.de -- 3. Oktober: Gespaltene Gegner
> Bremen putzt sich für den 20. Jahrestag der deutschen Einheit heraus und
> auch die Deutschland-Kritiker machen mobil. Doch eine gemeinsame Linie
> finden sie nicht - zu unterschiedlich sind die Vorstellungen.
(IMG) Bild: Schlagbaumballett im letzten Jahr, Nena und Günter Grass in diesem: bei der Einheitsfeier soll die Kunst nicht fehlen
In sechs Wochen wird in Bremen der 20. Jahrestag der deutschen Einheit
begangen. Nena wird singen, Günter Grass sprechen und Ministerpräsidenten
in Drachenbooten auf der Weser um die Wette rudern. Einigkeit herrscht
dabei bisher nur bei denen, die feiern wollen - die Reihen der
Deutschland-Kritiker sind gespalten.
Erstmals seit 1994 richtet Bremen die Feier wieder aus. Damals gab es
schwere Krawalle (siehe Kasten), diesmal will die Senatskanzlei nicht nur
einen Staatsakt, sondern "ein Bürgerfest, umsonst und draußen" feiern, sagt
Sprecher Werner Wick, der das Fest seit einem Jahr vorbereitet. "Die
Wertigkeit wird dieses Jahr höher eingeschätzt als sonst", die Rückläufe
auf die Einladungen der offiziellen Gäste seien "sehr gut", so Wick. Bis zu
350.000 Menschen werden zu den dreitägigen Veranstaltungen erwartet.
Ähnlich eifrig arbeiten derweil die Gegner des von ihnen als
"schwarz-rot-goldener Jubelrausch" geschmähten Jubiläums. "Kein Tag für die
Nation" ist das Motto ihrer Gegendemonstration, zu der sie 2.000 Menschen
erwarten. "In Zeiten von Staatsbankrotts und Systemkrise versucht der Staat
neue Legitimität zu schöpfen", heißt es in ihrem Aufruf. "Am 3. Oktober
wird der gesellschaftliche Ist-Zustand gefeiert. Die Botschaft lautet:
Schaut euch die DDR an, dann seht ihr ja, was ihr davon habt, wenn ihr was
anderes versucht", sagt ein Sprecher des "Bündnis 3. Oktober". Zwar wolle
man sich "überhaupt nicht positiv auf die DDR beziehen", weshalb auch
Gruppen wie die FDJ nicht willkommen seien. Doch auch die heutigen
Verhältnisse seien für viele Menschen "ziemlich unerträglich", sagt er.
"Und das liegt nicht an korrupten Bänkern oder unfähigen Politikern,
sondern an der Marktwirtschaft als solcher." Die Nation produziere soziale
Gräben, gleichzeitig verschleiere sie diese über die "scheinbare
Gemeinschaft".
Antifas, Autonome, antideutsche und antinationale Gruppen hatten sich
ursprünglich im "Bündnis 3. Oktober" zusammen geschlossen. Doch gleich
mehrere Fraktionen zogen sich zurück, einen gemeinsamen Nenner für die
Kritik an den Einheitsfeiern zu finden, misslang bisher. Antideutsche, die
vor allem den Nationalsozialismus thematisieren, waren die Proteste
politisch nicht substanziell genug. Die Autonomen hingegen wähnen noch
immer Einfluss der Antideutschen - und halten gleichfalls Distanz.
Auch die Linkspartei hält bisher Abstand. Sie findet, die
Deutschland-Kritiker bemühen sich zu wenig, um eine gesellschaftliche
Allianz. "Wir fänden es gut, die Bewegung auf breitere Füße zu stellen,
etwa mit Gewerkschaften oder Gruppen wie Attac", sagt der Landesvorsitzende
Christof Spehr. "Dann wäre es für uns auch interessant, dabei zu sein."
1994, als Bremen zum letzten Mal den Bundesratsvorsitz inne hatte,
organisierte die PDS noch eine Gegenfeier in einem Bürgerzentrum. Diesmal
spricht Gregor Gysi bei der offiziellen Einheitsfeier. "Die Situation ist
nicht dieselbe wie 1994", sagt Spehr. "Damals gab es eine sehr
nationalistische Stimmung, heute hat sich das gewandelt." Doch auch wenn
der neue Patriotismus, wie man ihn auf Fanmeilen sehe, heute auch
MigrantInnen offen stehe, "gibt es gute Gründe, gegen die Einheitsfeier auf
die Straße zu gehen", findet Spehr. Im Zentrum müsse dabei die soziale
Frage stehen: "Während die Einheit gefeiert wird, nimmt die Spaltung der
Gesellschaft immer weiter zu." Mit dieser Kritik müsse man aber die
"Menschen abholen", sagt Spehr. Das habe das "sehr antinational
ausgerichtete Bündnis bisher nicht genug versucht".
Vor den Einheitsfeiern 1994 stritt die linke Szene unter anderem um die
Frage, ob man sich offen zur RAF bekennen solle. Die Proteste fielen
militant aus, Innensenator Friedrich van Nispen (FDP) ließ besetzte Häuser
räumen, ein Vorbereitungstreffen für die Gegendemo mit 70 Delegierten aus
ganz Deutschland wurde von einem SEK verhaftet. Derlei Konfrontation ist
fürs Erste nicht in Sicht. Im September will das Stadtamt mit den
Demo-Anmeldern Kooperationsgespräche führen. Die Innenbehörde rechnet
bisher nicht mit besonderen Problemen.
16 Aug 2010
## AUTOREN
(DIR) Christian Jakob
## TAGS
(DIR) Tag der Deutschen Einheit
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