# taz.de -- Debatte Unser Israel (14): Feigheit vor dem Freund
       
       > Hat man als Deutscher kein Recht dazu, Israel zu kritisieren? Diese
       > Haltung war früher zu Recht verbreitet. Heute hat sie keinen Sinn mehr.
       
       Meine Tante war, wie viele Frauen ihrer Generation, die den Krieg überlebt
       hatten, eher ängstlich. Sie hat versucht, im Leben nichts falsch zu machen,
       und immer die CDU gewählt. Irgendwann reiste sie mit dem Rotary-Club nach
       Israel, besuchte ein Kibbuz und die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem. Als
       sie wiederkam, brachte sie eine Erkenntnis mit nach Hause, die in einen
       Satz passte. "Nach dem, was wir den Juden angetan haben, haben wir nicht
       das Recht, über Israel zu urteilen."
       
       Als 1938 in ihrer Heimatstadt die Synagoge brannte, war meine Tante noch
       ein Kind gewesen. Was sie sagte, als sie aus Israel kam, war der Versuch,
       eine angemessene Antwort auf den Krieg und den Massenmord der Nazis an den
       Juden zu finden. Sie war Zeitgenossin, deswegen fühlte sie sich
       verantwortlich.
       
       Viele im moralisch intakten Teil ihrer Generation haben das so gesehen.
       Wenige haben es so direkt, ungeschützt und kategorisch ausgesprochen - aber
       das Gefühl, dass man als Deutscher Juden gegenüber das Recht auf Kritik
       verwirkt hatte, war verbreitet. Im Verzicht auf ein eigenes Urteil liegt
       ein Moment von Selbstbestrafung. Denn es ist überflüssig, sich Kritik zu
       verbieten, wenn man mit allem, was in Israel passiert, einverstanden ist.
       Sinn macht dieser Satz nur, wenn man eigentlich Kritisches zu sagen hätte,
       dies aber aus Rücksicht nicht tut. Ein zwiespältiger Subtext dieses Satzes
       lautet, dass man als Deutscher mit den Israelis ein Geheimnis teilt. Und:
       Das Verbot, über etwas zu urteilen, hat einen religiösen Unterton. Er
       erinnert an das Bußschweigen, mit dem in der katholischen Kirche
       Verfehlungen gesühnt werden.
       
       Wissen, was geschehen ist 
       
       Ich habe meine Tante damals für ihre geradlinige Erkenntnis bewundert. Eine
       andere Frage ist, ob Sühne durch Kritikverzicht 65 Jahre nach Kriegsende
       eine angemessene Haltung gegenüber Israel ist. Wie kann man als Deutscher
       2010 über Israel urteilen? Zum Beispiel gelassen und nüchtern. Die
       Generationen, die die NS-Zeit nicht erlebt haben, sind weniger in einem
       Schuld-Sühne-Komplex befangen. Die NS-Vergangenheit wird seit etwa zehn
       Jahren historisiert, sie rückt ferner. Dieser Prozess ist keine Gefahr, wie
       uns ein paar eifrige Wächter des Gedenkkanons glauben machen wollen,
       sondern eine Chance, die reflektiertes Gedenken ermöglicht. Was wir von uns
       verlangen sollten, hat ein kluger NS-Historiker mal gesagt, sind keine
       plakativen Gesten vor dekorativen Mahnmalen. Sondern möglichst genau zu
       wissen, was geschehen ist.
       
       Die Historisierung der NS-Zeit öffnet auch die Möglichkeit, unbefangener
       auf den Nahostkonflikt zu schauen, der im deutschen Blick mit der Nazizeit
       eng verkoppelt ist. Das Verbot der Kritik an Israel, das in moderater Form
       noch immer die Leitlinie deutscher Außenpolitik bildet, ist überflüssig und
       zudem widersprüchlich. Denn Deutschland rühmt sich gern seiner engen
       Beziehung zu Israel. Beziehungen, in denen viel verschwiegen wird, sind
       aber nicht vertrauensvoll und lebendig, sondern eher doppelbödig.
       
       Sachliche Kritik angebracht 
       
       Außerdem ist es unmöglich, sich auf längere Zeit vorsätzlich dümmer zu
       stellen, als man ist. Israel verstößt mit Besetzung und Besiedlung des
       Westjordanlands seit 43 Jahren systematisch gegen Menschen- und Völkerrecht
       und zeigt keinerlei Absicht, dies zu ändern. In Israel selbst werden Araber
       als Bürger zweiter Klasse behandelt, im Westjordanland hat es ein
       apartheidähnliches System etabliert. Man kann das nicht ignorieren, auch
       nicht aus vermeintlich guten Gründen. Würden Netanjahu und Lieberman in
       Moldau oder Österreich regieren - keiner hätte Scheu, sie rassistische
       Demagogen zu nennen. Doch sie regieren in Jerusalem - und das ist offenbar
       etwas anderes.
       
       Die Deutschen empfinden wegen der NS-Geschichte eine Art Freundespflicht
       gegenüber Israel. Heute sind aber rationale und sachliche Kritik angebracht
       - mit Augenmaß und ohne moralisches Aufplustern. Und Druck. Denn nicht nur
       die Verstöße gegen Menschenrechte und internationales Recht verdienen
       Protest. Spätestens seit der Ermordung von Jitzhak Rabin 1995 ist die
       israelische Politik in eine grundlegend falsche Richtung gekippt. Eine
       streng zionistisch erzogene israelische Freundin sagte neulich: "Dieses
       Land verwandelt sich in eine Diktatur." Das mag übertrieben sein. Aber in
       Israel gibt es furchterregende Kampagnen gegen NGOs und die marginalisierte
       Friedensbewegung, die an die McCarthy-Ära in den USA erinnern. Wer
       kritisiert, gilt als Verräter. Manche Israelis fliehen vor dieser Enge nach
       Berlin oder London. Die Libertären, Weltoffenen gehen, die Betonköpfe
       bleiben - eine fatale Dynamik.
       
       Israel hat sich nicht nur politisch, sondern ganz real eingemauert: Wir
       gegen den Rest der Welt. Das geht an die demokratische Substanz. So droht
       der militärisch hochgerüstete Staat nicht an seinen realen Feinden zu
       scheitern, sondern an einer kurzsichtigen Politik der Stärke.
       
       Eine Gefahr für sich selbst 
       
       Entweder wird sich Israel langfristig in die Region integrieren und in
       einem binationalen Staat verwandeln - oder es wird an innerer Auszehrung
       und Ermüdung zugrunde gehen. Als Flugzeugträger der USA hat es keine
       Zukunft. Und die USA, eine Weltmacht im Abstieg, sind ohnehin keine
       Ewigkeitsgarantie für die Existenz Israels.
       
       Was bedeutet das für Deutsche? Wer hierzulande auf Israel blickt, sollte
       diesen Staat mit einer Art Grundempathie betrachten. Er sollte
       selbstverständlich alle NS-Vergleiche oder Assoziationen vermeiden. Gaza
       als Warschauer Ghetto oder die Palästinenser als "neue Juden" zu bezeichnen
       ist nicht nur historisch abwegig - solche Vergleiche sind auch mit
       Schuldprojektionen und Entlastungswünschen grundiert. Auch mag man es für
       sinnvoll halten, wenn in Brasilien oder Schweden israelische Produkte
       boykottiert werden. In Deutschland verbietet sich das, weil es "Kauft nicht
       bei Juden" erinnern könnte.
       
       In Israel deutet viel darauf hin, dass die systematische Unterdrückung auf
       die Dauer die eigene, offene Gesellschaft zerstört. Die Generation meiner
       Tante konnte das nicht sagen. Wir sollten es, ohne Hochmut und mit viel
       Selbstdistanz. Das können wir von uns verlangen. STEFAN REINECKE
       
       22 Aug 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stefan Reinecke
       
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