# taz.de -- Ehrenmal Laboe: Vorwärts in die Vergangenheit
> Die zentrale Ausstellung des Marine-Denkmals Laboe ist zaghaft
> überarbeitet worden. Mehr will sich die Marine nicht zumuten.
(IMG) Bild: Da wurde es noch renoviert: Das Marine-Ehrenmal in Laboe (Kreis Plön) an der Kieler Förde im Jahr 1997.
Dr. Jann M. Witt trägt wie alle hier einen blauen Pullover mit dem
Abzeichen des Marinebundes. Gut gelaunt kommt er mir von dem hoch
aufragenden Turm her entgegen. Witt ist Marinehistoriker, er war an der
Neugestaltung der Ausstellung in der so genannten Historischen Halle des
Ehrenmals Laboe beteiligt. Die alte Ausstellung wurde immer wieder
kritisiert, weil sie die Marine unkritisch darstelle, besonders während der
NS-Zeit. Nun aber soll alles anders geworden sein.
Wirklich? Fünf Historiker aus Kiel und Hamburg haben in einer öffentlichen
Erklärung gegen die Ausstellung protestiert: Sie sei unwissenschaftlich und
unkritisch. In der örtlichen Presse war von einem "Historikerstreit" die
Rede.
Das Land Schleswig-Holstein hat nicht gekleckert, 600.000 Euro flossen in
die Neugestaltung der Erinnerungsstätte an der Kieler Förde, die dem
Marinebund gehört. Und das, wo die Landesregierung derzeit mit Macht alles
weggespart. Eröffnet wurde die neue Ausstellung am 17. Juni. Kaum jemand
außerhalb der Marineszene hat etwas davon mitbekommen.
Kritisieren sei selbstverständlich in Ordnung, aber gesehen haben sollte
man die Ausstellung - Witt geht voran, quer über den großen Aufmarschplatz.
Er sagt: "Dies ist ein Ort des Gedenkens. Es ist für uns auch ein Ort der
Tradition." Und das man eine "einladende Atmosphäre" schaffen wolle.
Entsprechend hell und luftig ist es im Inneren. Wir schauen auf die Tafeln,
beugen uns über Vitrinen. Ich komme mir vor wie ein Schüler, der
herausfinden muss, wer recht hat: Witt oder seine Kritiker. Geändert hat
sich schon etwas, das sieht man schnell. Bei meinem letzten
Ausstellungsbesuch brach der zweite Weltkrieg plötzlich aus. Jetzt wird ein
kleines Foto ausgestellt, das den Beschuss der Westerplatte bei Danzig
durch die "Schleswig Holstein" am 1. 9. 1939 zeigt. Es wird darauf
hingewiesen, dass Marinesoldaten die Wachmannschaften für das Todeslager
Ladelund an der dänischen Grenze stellten. Mit einem Satz nur, aber ist das
nicht schon ein Fortschritt? Auch Zwangsarbeiter werden erwähnt. Und die
Marinejustiz. Hans Filbinger nicht, nein, keine Namen. Auch kein Hinweis,
welche Karrieren Marinerichter später absolvierten.
Für mich als Zivilisten ist das entschieden zu wenig. Für Herrn Witt als
Militär ist es vermutlich ungeheuer viel. "Ganz unter uns: Es gab hier
früher Texttafeln, auf denen die Unzuverlässigkeit unserer italienischen
Verbündeten während des Krieges beklagt wurde", sagt er. Seine Stimme ist
plötzlich leise - wie immer, wenn die Marineleute etwas ansprechen, das für
sie heikel ist.
Und dann folgen in der Ausstellung doch noch die verdrucksten
Beschreibungen, die das Verhalten der Marine unter den Nazis rechtfertigen:
"Die meisten Marineangehörigen kämpften im guten Glauben, ihre Heimat zu
verteidigen, ohne zu wissen, das sie von einem verbrecherischen Regime
missbraucht werden." Wie wäre es damit, Täter und Opfer erst einmal klar zu
benennen, nach Biografien, Lebensläufen und gesellschaftlichen Milieus zu
fragen? Täter - das Wort gefällt Witt nicht. Es sei ihm zu plakativ. Er
verzieht sein Gesicht: "Ich nenne sie die ,Verantwortlichen'", sagt er.
"Ist ein einfacher Marinesoldat, der auf Befehl hin geschossen hat, ein
Täter?" Biografien aber würden folgen: Etwa über den einzigen
Marineoffizier, der sich Stauffenberg anschloss. Bald.
Endgültig seltsam wird es, als es in die heutige Zeit geht. Schiffe
stampfen im Sonnenlicht durch die See, gut gelaunte Marinesoldaten warten
ihre Waffen - Bilder und Begleittexte wie direkt aus der PR-Abteilung der
Bundesmarine übernommen. Ausdrücklich fühlt sich der Marinebund als
Hausherr den "legitimen nationalen Interessen unseres Landes"
verantwortlich, so steht es in seiner Präambel. Dass es auch über die
Auslandseinsätze auf See eine kontroverse öffentliche Debatte gab, dass
sowohl die Partei Die Linke, aber auch ein CSU-Mann wie Peter Gauweiler
gegen diese militärischen Aktivitäten der Marine klagten, darüber verliert
die Ausstellung kein Wort.
Kann er sich vorstellen, dass hier einmal eine Gedenktafel für die
hingerichteten Matrosen Alfred Gail, Martin Schilling und Fritz Wehrmann zu
finden ist? Witt nickt. Eine Informationstafel, das wäre gut möglich. Er
kennt die Hintergründe zu den drei jungen Männern, die am 10. Mai 1945,
zwei Tage nach Kriegsende, als Deserteure in der Geltinger Bucht erschossen
wurden - sie wollten einfach nur nach Hause. Wieder verzieht sich sein
Gesicht: Mit den Deserteuren sei das so eine Sache. "Ich habe größte
Hochachtung vor den Soldaten, die angesichts der Verbrechen der Nazis
entschieden, nicht mehr zu kämpfen und die dafür die Konsequenzen trugen",
sagt er mit fester Stimme: "Aber wenn einer einfach aus dem Schützengraben
kletterte und seine Kameraden im Stich ließ?" Er wiegt den Kopf hin und
her. Und wenn es aus purer Verzweiflung geschah? Er sieht mich verblüfft
an: Verzweiflung? Das scheint für ihn keine Kategorie zu sein.
"Ein Kollege hat mir gesagt, mit dieser neuen Ausstellung haben wir uns für
50 Jahre in die Zukunft katapultiert", sagt Jann M. Witt zum Abschied, der
Turm des Ehrenmals erhebt sich hinter uns in den wolkenzerzausten Himmel.
"Man kann auch sagen, das Ehrenmal ist da angekommen, wo die Debatte vor 50
Jahren stand", antworte ich.
25 Aug 2010
## AUTOREN
(DIR) Frank Keil
## TAGS
(DIR) Matrosenaufstand
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bei der Marine noch immer das Bild des U-Boot-Kämpfers als tollem Hecht.