# taz.de -- Aktion in Friedrichshain: Mit Tröten gegen Wuchermieten
       
       > Gleich drei Aktivistengruppen sind in Friedrichshain unterwegs, um bei
       > Wohnungsbesichtigungen Lärm zu machen. Vorbild der Aktionen sind Paris
       > und Hamburg.
       
 (IMG) Bild: 300 Euro warm? In der Berliner Innenstadt wird es da schon eng.
       
       "Guten Tag, wem gehört denn dieses schicke Haus? Sie vermitteln da nur?
       Dann gehört es jetzt uns."
       
       Der Makler hinter dem gläsernen Wohnzimmertisch am Viehtrift 30 kämpft noch
       mit der Contenance, da ist das Townhouse im Schlachthofviertel bereits voll
       mit demonstrierenden Wohnungssuchenden. Mit Masken vor dem Gesicht erkunden
       30 Leute ihr neues Heim, lärmen mit ihren Tröten, verwickeln andere
       Interessierte in Gespräche über Wohnungsnot - und sind wieder weg, als 20
       Minuten später die Polizei eintrifft.
       
       Wohnungssuchehappenings gibt es in Hamburg und Paris schon lange, nun haben
       sie auch den Weg nach Berlin gefunden. Den Anfang machte die Hedonistische
       Internationale im September. Im Hinterhof eines Friedrichshainer
       Mietshauses demonstrierten ihre Mitglieder gegen den Mietwucher im
       Szenekiez - und ließen alle Hüllen fallen. Linke Politik, so die
       Aktivisten, müsse nicht immer bierernst sein, sie dürfe auch Spaß machen.
       
       Das Auftaktspektakel hat auch andere Gruppen angesprochen. Am Sonntag sind
       gleich drei Wohnungsbesichtigungstrupps in Friedrichshain unterwegs: Neben
       der Hedonistischen Internationale demonstriert eine Gruppe von
       Wohnungssuchenden im Blaumann und mit Umzugskisten sowie eine
       "Wohnungsbesichtigungs-Rallye" auf Fahrrädern.
       
       Eine Maklerfirma, die gern teuer vermietet, ist Lions-Immobilien. Am
       Sonntag steht eine laute Vorderhauswohnung in der Frankfurter Allee 53 zur
       Besichtigung. 129 Quadratmeter für 1.029, zuzüglich Betriebskosten und
       Warmwasser, das macht 8 Euro den Quadratmeter nettokalt. Kaum sind die
       Aktivisten der Rallye vor dem Haus eingetroffen, werden Flugblätter
       verteilt. Ein Pärchen ganz in Schwarz kommt aus dem Haus. "Nein, 8 Euro
       sind überhaupt nicht zu viel", sagt der Mann. "Die Wohnung muss nur schön
       sein." Die Frau drängt, sagt: "Wir müssen noch zu einem anderen Termin."
       Dass es sich bei beiden um die Makler handelte, erfahren die Demonstranten
       erst, als sie vor der abgeschlossenen Wohnungstür stehen. Und auf der
       Straße fehlt der Smart mit der Werbeaufschrift www.lions-immobilien.de. Auf
       die Windschutzsscheibe hatten die Demonstranten ein Flugblatt geklebt.
       
       Kurze Zeit später treffen die Ersten am Treffpunkt der Hedonisten ein. "Für
       nackt ist es diesmal zu kalt", scherzt eine Frau. Ein anderer verlangt erst
       mal Kaffee. Politik darf nicht nur Spaß machen, sie eilt auch nicht. Dass
       es eine Parallelveranstaltung gibt, stört die Leute nicht. In
       Friedrichshain ist Platz für viele - wenn es nicht so teuer wäre.
       
       Vorbild für die Proteste ist der "Jeudi noir", der schwarze Donnerstag in
       Paris. Schon seit 2007 gibt es in der französischen Hauptstadt spontane
       Protestpartys. In Deutschland wurde das Wohnungshappening erstmals in
       Hamburg erprobt. Dort feierte das Netzwerk "Recht auf Stadt" im April die
       erste "Fette-Mieten-Party". Nun also ist Friedrichshain dran.
       
       Die nächste Adresse wird auf einem Papierschnipsel verteilt: "Gärtnerstraße
       26, 99,56 Quadratmeter, 1.115 Euro warm". Pech nur, dass die Wohnung von
       derselben Maklerfirma vermietet wird. Schon von weitem erkennt das Paar in
       Schwarz die Demonstranten - und sucht das Weite. Sehr zum Missfallen der
       wirklichen Wohnungssuchenden. Sie stehen wie die Aktivisten vor
       verschlossenen Türen.
       
       Die dritte Gruppe stellt in einer Nebenstraße derweil ihre Umzugskartons
       auf dem Gehweg ab. Sie hat zwar den Makler angetroffen, aber keine
       Wohnungssuchenden. "Und das, obwohl sich bei Besichtigungen immer 50 Leute
       drängeln", ärgert sich eine Frau. Dreimal Pech, im nahe gelegenen Park gibt
       es eine Krisensitzung.
       
       Die Spontis der Hedonistischen Internationale haben ihren Kaffee
       ausgetrunken. Auf eine Besichtigung in der Weichselstraße 13, 90
       Quadratmeter, 1.053 Euro warm, haben sie verzichtet. Die Musik war noch
       nicht da. Immerhin steht das zweite Ziel des Tages fest: das
       Mustertownhouse auf dem Schlachthofgelände. Über Umwege erreicht die
       Adresse, Viehtrift 30, die frustrierten Aktivisten der Ralley beim Plenum
       im Park. Linke Politszene und Spaßfraktion? Nun muss zusammenwachsen, was
       vielleicht zusammengehört.
       
       Schon beim Einradeln von der Eldenaer Straße ins Schlachthofviertel ist
       klar: Hier kommen keine Studenten und kein kreatives Prekariat zur
       Besichtigung, hier ist man angekommen. 360.000 Euro kostet ein Townhouse
       der Firma Walter Immobilien. Oder 1.600 Euro im Monat Miete. Das berichtet
       ein Paar, das die Nummer 30 gerade verlässt. "Ob das viel ist, kann ich
       nicht sagen", meint der Mann. "Wenn man hier wohnen will, kostet das halt."
       Die Frau erklärt, warum das so ist. "Zuerst kommen die Künstler in solche
       Viertel, dann wird es teurer. Und die Wohnungssuchenden müssen drunter
       leiden." Das Spektakel der Demonstranten beobachten sie mit kulturellen
       Interesse. "Ob das was bringt?", fragte die Frau. Sie gehen.
       
       Vor dem Townhouse liegt noch ein Flugblatt. "Steigende Mieten stoppen"
       steht darauf. "Damit noch was zum Leben bleibt." Kaum sind die
       Demonstranten weg, ist wieder Ruhe eingekehrt. Nur die Bewohnerin des Lofts
       gegenüber wehrt sich dagegen, dass ihr Zuhause fotografiert wird. "Das ist
       hier mein Garten", schimpft sie - als befände sich ihr Heim in einer Gated
       Community.
       
       10 Oct 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
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