# taz.de -- Mammographie-Screening: Diagnose Brustkrebs
> Frauen sollen über Vor- und Nachteile des Screenings ausgewogen
> aufgeklärt werden. Bei den Nachteilen ist das offizielle Merkblatt jedoch
> noch verbesserungswürdig.
(IMG) Bild: Die Angst vor einem positiven Befund beim Mammographie-Screening ist groß.
HAMBURG taz | Alle Frauen im Alter von 50 bis 69 erhalten hierzulande alle
zwei Jahre unaufgefordert Post: Eine "Zentrale Stelle" lädt sie ein, am
Mammographie-Screening-Programm teilzunehmen. Ziel der freiwilligen, für
die 10,4 Millionen Adressatinnen kostenlosen Röntgenuntersuchung der Brust
sei es, "möglichst früh erste Anzeichen von Brustkrebs zu entdecken", steht
im Musterbrief der [1][Kooperationsgemeinschaft Mammographie]. "Eine frühe
Erkennung", heißt es weiter, "verbessert die Heilungschancen und ermöglicht
eine schonende Behandlung."
Geröntgt wird in ausgewählten, zertifizierten Praxen. Dass die
Reihenuntersuchung nicht nur Vorteile haben kann, sondern auch Nachteile,
erfährt indes nur, wer das [2][Merkblatt "Informationen zum
Mammographie-Screening"] aufmerksam liest, das dem Einladungsbrief
beiliegen muss.
Als "Nachteil" nennt das Merkblatt zum Beispiel: "… wenn ein Tumor gefunden
und behandelt wird, der niemals Probleme bereitet hätte". Oder wenn ein
auffälliger Befund, der sich nach einer weiteren Untersuchung als
unbegründet herausstellt, eine gescreente Frau beunruhigt -"insbesondere
wenn Gewebe entnommen wird, das sich nachträglich als gutartig
herausstellt".
Herausgeber dieser prägnanten Publikation ist der Gemeinsame
Bundesausschuss (G-BA) von ÄrztInnen und Kassen, der hierzulande den
Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) festlegt. Das
Merkblatt, offiziell eingeführt im Mai 2010, sei zwar "ein deutlicher
Fortschritt gegenüber dem alten Infoblatt", sagt die
Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser. Die Hamburger Professorin,
bekannt als Kritikerin des 2005 gestarteten Screening-Programms, sieht aber
auch in der neu bearbeiteten Version viel Nachbesserungsbedarf.
Als "in höchstem Maße irreführend" kritisiert Mühlhauser den Satz: "Ziel
der Untersuchung ist es, Brustkrebs möglichst früh zu entdecken, um ihn
noch erfolgreich behandeln zu können." Diese Formulierung lege nämlich
nahe, dass nur ein früh entdeckter Brustkrebs erfolgreich behandelt werden
könne. Dies treffe aber nicht zu: "Die meisten Frauen, bei denen Brustkrebs
diagnostiziert wird", so Mühlhauser, "sterben nicht an Brustkrebs - auch
wenn es kein Mammographie-Screening gibt."
"Nicht deutlich" werde im Merkblatt, dass mit der Reihenuntersuchung "vor
allem gutartige Tumore entdeckt" werden. Diese hätten aber oft auch dann
eine gute Prognose, wenn sie erst später entdeckt würden. Die Entdeckung
bösartiger Tumore könnten durch das Screening "vermutlich kaum beeinflusst
werden", sagt Mühlhauser.
Unter der Überschrift "Was haben Sie konkret zu erwarten?" nennt das
aktualisierte Merkblatt reichlich Zahlen. Von 200 Frauen, die ihre Brust
binnen 20 Jahren jedes zweite Jahr röntgen ließen, würden 60 irgendwann
einen verdächtigen Befund bekommen.
Bei einer ergänzenden Untersuchung, mit zusätzlichen Röntgen- oder
Ultraschallaufnahmen, gebe es für 40 dieser 60 Frauen "Entwarnung". Den
anderen 20 werde empfohlen, sich eine Gewebeprobe entnehmen zu lassen.
Deren Analyse führe in jedem zweiten Fall, also bei 10 Frauen, zur Diagnose
Brustkrebs.
Von den übrigen 190 Frauen würde in 20 Jahren bei 3 weiteren Brustkrebs
festgestellt, und zwar "zwischen zwei Screening-Runden". Von den also
insgesamt 13 Brustkrebspatientinnen würden 3 an dieser Erkrankung sterben.
Von den überlebenden 10 wären 8 Frauen "auch ohne Teilnahme am
Mammographie-Screening-Programm erfolgreich behandelt worden"; eine Frau
hätte zu Lebzeiten gar "nichts von ihrem Brustkrebs erfahren". Die
Darstellung der Zahlen endet mit dem Satz: "Eine von 200 Frauen wird dank
ihrer regelmäßigen Teilnahme vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt."
Laut Merkblatt "beruhen" die Zahlen auf wissenschaftlichen Untersuchungen
und Erfahrungen aus anderen Ländern. Mühlhauser verweist dagegen auf einen
2006 publizierten "Cochrane Review". Diese Metaanalyse von sieben Studien
zum Mammographie-Screening mit insgesamt 500.000 Teilnehmerinnen kam zu dem
Schluss, dass durch Screening binnen zehn Jahren nur eine von 2.000 Frauen
weniger an Brustkrebs sterbe.
Die im G-BA-Merkblatt veröffentlichten "Kennzahlen" vermitteln "tendenziell
ein optimistisches, aber noch realistisches Bild", schreibt der vom G-BA
beauftragte Autor Christian Weymayr - dies allerdings nicht in besagtem
Merkblatt, sondern in einer [3][Dokumentation für die
Kooperationsgemeinschaft Mammographie], die sich vornehmlich an Fachleute
und Medien richtet.
Auf Basis und durch Vergleich diverser Studien und Metaanalysen, darunter
auch der "Cochrane Review" und eine frühere Veröffentlichung Mühlhausers,
seien die Zahlen "nicht streng mathematisch ermittelt, sondern abgeschätzt"
worden, erläutert Wissenschaftspublizist Weymayr.
Die so modellierten "Kennzahlen Mammographie-Screening" sollten
JournalistInnen regelmäßig in Berichten über das Programm "verwenden",
[4][forderten 13 Fachleute in einem gemeinsamen Brief,] der Deutschlands
Redaktionen im Februar erreichte und seitdem auf der Website der
Kooperationsgemeinschaft steht.
Es gibt auch Screening-Befürworterinnen, die mit Zahlen sparsamer umgehen.
Zum Beispiel die Radiologieprofessorin Ingrid Schreer; Anfang Oktober, beim
Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe,
erklärte sie: "Erst nach einer Laufzeit von zehn Jahren und mehr wird eine
Aussage zum gewünschten Effekt, das heißt der Reduktion der
Brustkrebssterblichkeit, möglich sein."
Frühe Krebsstadien mittels Screening aufzuspüren, reiche nicht aus. "Es
müssen die frühen, aggressiven Krebse entdeckt werden", fordert die
Röntgenexpertin. Allerdings sei dies methodisch derzeit nicht möglich: "Das
Problem jedoch ist", so Schreer, "dass dafür bisher keine Test- oder
Vorhersagemöglichkeiten der individuellen Tumorbiologie existieren."
Die seit Mai geltende, geänderte "Krebsfrüherkennungs-Richtlinie" verlangt,
dass mit der Einladung zum Screening das neue Merkblatt verschickt wird,
dessen "Zahlenbeispiel" vom G-BA-Vorsitzenden Rainer Hess als "erheblicher
Fortschritt in der Risikokommunikation" gelobt wird. In der Praxis kursiert
aber außerdem immer noch die Vorgängerversion, der Hess "Defizite vor allem
im Sprachduktus und in der ausgewogenen Darstellung der Vor- und Nachteile"
bescheinigt hat.
Das Verbreiten alter Merkblätter soll aber solange zulässig sein, bis die
Restauflage verbraucht ist, meint die G-BA-Kommunikationschefin Kristine
Reis-Steinert - "in Hinblick auf das Erfordernis, dass der G-BA
verantwortungsvoll mit GKV-Geldern umgeht".
14 Oct 2010
## LINKS
(DIR) [1] http://www.mammo-programm.de
(DIR) [2] http://www.mammo-programm.de/cms_upload/fck-userfies/file/merkblatt_deutsch_web.pdf
(DIR) [3] http://www.mammo-programm.de/cms_upload/datenpool/1kennzahlenmammographie-screeningdokumentationv1.2.pdf
(DIR) [4] http://www.mammo-programm.de/cms_upload/datenpool/briefandiemedien.pdf
## AUTOREN
(DIR) Klaus-Peter Görlitzer
## TAGS
(DIR) Andalusien
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