# taz.de -- Kolumne Press-Schlag: Im Biotop der Liga
       
       > Auch wenn die Mainzer Siegesserie gerissen ist: Der Erfolg der 05er steht
       > für eine Fußballkultur, die ihresgleichen in Europa sucht.
       
       Die Milchschlange ist ein Kriechtier aus Amerika. Sie sieht gefährlich aus,
       ist es aber eigentlich nicht. Das Reptil gehört zur Familie der
       Trugnattern. Sie maßt sich an, wie die sehr giftige Korallenotter
       auszusehen, um Feinde zu veräppeln. Mimikry nennen das die Biologen. Diese
       Art der Täuschung geht eine Weile gut, irgendwann durchschaut sie auch die
       dümmste Maus.
       
       Sieben Spieltage hat die Bundesliga und insbesondere Mainz Mimikry
       gespielt. Verrückt gings zu in dieser Zeit: Die Tabelle stand Kopf. Der FC
       Bayern, die dickste Korallenschlange im deutschen Fußballbiotop, kränkelte
       vor sich hin. Ein Karnevalsverein siegte sich dumm und dusslig. Doch nach
       Spieltag Numero acht ist das Täuschungsmanöver der Mimikrysten vorbei:
       Mainz hat nach sieben Siegen in Serie endlich verloren und schickt sich
       möglicherweise an, künftig im Reservat für harmlose Nattern
       dahinzuvegetieren.
       
       Den Bayern wiederum ist ein besonders schmackhafter Brocken zum Fraß
       vorgeworfen worden. Schalke und Stuttgart deuteten wieder an, dass sie mehr
       Korallenotter als Milchschlange sind. Man könnte auch, um sich endlich aus
       dem Natternbild herauszuschlängeln, sagen: Es ist so etwas wie Normalität
       in der Bundesliga eingekehrt. So konnte es ja auch nicht weitergehen für
       die Mainzer. Der Fortsetzungsroman, den die 05er über Wochen geschrieben
       haben, ist erst mal vorbei. Immerhin haben sie geschafft, was nur zwei
       anderen Vereinen gelungen ist: ein Startrekord. Der bleibt ihnen.
       
       Was sie sogar ganz für sich allein verbuchen können, das ist ein
       Startrekord ohne Makel. Kaiserslautern hatte sich 2001 von Sieg zu Sieg
       gegurkt, die Neue Zürcher Zeitung schrieb seinerzeit von "den Duselbrüdern
       aus der Pfalz". Und im Jahr 1995, als die Bayern aus München die Liga
       anfangs dominierten, da soll ihnen schon mal der Schiedsrichter hier und da
       sanft unter die Arme gegriffen haben, jedenfalls bemerkte die Frankfurter
       Allgemeine Zeitung damals, der Unparteiische habe "nicht unwesentlich
       Regie" geführt.
       
       Fressen jetzt also wie gehabt die Großen die Kleinen und nicht mehr
       umgekehrt? Könnte schon sein. Es wäre aber auch möglich, dass die
       Bundesliga schillernd bunt bleibt wie das Tarnkleid der Milchschlange. Denn
       in dieser Liga wird das Versprechen noch eingelöst, dass jeder jeden
       schlagen kann und die ersten Plätze nicht per Abo an die Topklubs gehen. In
       Spanien tummeln sich wieder Real Madrid und der FC Barcelona an der Spitze,
       in England Chelsea, Arsenal und Manchester United, in Italien die Mailänder
       Klubs. Das ist furchtbar berechenbar. Dann schon lieber die trickreiche
       Mimikry der Mainzer.
       
       17 Oct 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Markus Völker
       
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