# taz.de -- SÜDITALIEN: Atmende Feuerberge
       
       > Eine Reise in eine bizarre Landschaft zu den aktiven Vulkanen Vesuv,
       > Ätna, Stromboli und Gran Cratere
       
 (IMG) Bild: Exkursion zum Vulkan.
       
       Wenn du das Loch mit der Schubkarre rausfahren willst, brauchst du
       wahrscheinlich 10.000 Jahre. Und das macht einmal puff und dann ist es
       draußen." Vater und Sohn stehen am Kraterrand des Vesuv und schauen gebannt
       in den mächtigen Schlund. Die beiden Vulkanfreunde sind Teilnehmer einer
       Exkursion zu den Feuerbergen Süditaliens. Sohn Paul möchte gern "bis zum
       Mittelpunkt der Erde" sehen, aber der Blick verliert sich in der
       unergründlichen Tiefe des Kraters.
       
       Der Vesuv am Golf von Neapel ist der erste Vulkan unserer Reise. Still
       liegt der Krater vor den vielen tausend Besuchern, die täglich hier
       heraufkommen. Manchmal poltert ein Stein in die unauslotbare Tiefe, grollt
       in dem gewaltigen Schallbecken nach. Am inneren Kraterrand steigen weiße
       Rauchfahnen auf. Hier kommen Gedanken an Ursprung, Anfang und Ende. Dieser
       Vulkan lockt nicht mit glühender Lava oder Feuersäulen, seine Faszination
       liegt in der möglichen Gefahr - und seiner Geschichte.
       
       "Die Oberfläche des Vulkans barst kurz nach 12 Uhr mittags, VON der Himmel
       war dunkel und von wirbelnden Geschossen erfüllt, um mich herum wütete
       Lärm, das Tosen der See, der Gesteinshagel …" So beschrieb der
       Naturforscher Plinius den Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 nach Christus.
       Eine gewaltige Naturkatastrophe. Der Vesuv begrub die Stadt Pompeji unter
       einer Schicht von Asche, Lava und anderem eruptivem Gestein. Fast niemand
       konnte sich retten. Ein großer Teil der Einwohner, heute auf ungefähr
       zwanzigtausend Seelen geschätzt, erstickte auf den Straßen, in den Häusern
       oder Kellern. "Auch wenn sich die Naturgewalt im Moment zurückhält, der
       Vesuv ist eine erkaltete, aber keinesfalls erloschene Schönheit. Er gehört
       zu den explosivsten und gefährlichsten Vulkanen der Welt", erklärt Geologe
       und Vulkanexperte Florian Becker, der zusammen mit der Wanderführerin
       Sybille Janssen die Exkursion durchführt. Eine ständige Bedrohung: Am Golf
       von Neapel leben immerhin 3,5 Millionen Menschen, im direkten Umkreis des
       Vesuv zirka 600.000.
       
       Der nächste Feuerberg dieser Reise ist eher das Gegenteil: Er explodiert
       nicht, lässt aber seit Urzeiten Lavaströme fließen - der Ätna auf Sizilien.
       
       In Catania wird die Vulkangruppe von Salvo abgeholt, der sie nach Nicolosi
       bringt, seinem Heimatort, der direkt unter dem Ätna liegt. "Ich möchte an
       keinem anderen Ort leben", erklärt er mit der Leidenschaft eines
       Sizilianers und zeigt auf die weiße Rauchfahne - den Atem des Vulkans. "Der
       Ätna überrascht nicht mit Explosionen. Er nimmt dir das Haus weg, er nimmt
       dir den Garten weg, aber er nimmt dir nie das Leben weg", so der
       Pragmatismus eines Vulkanbewohners. Im Gegenteil. Der Vulkan schenkt Steine
       für Häuser und Straßen, fruchtbares Land und nicht zuletzt Geld durch die
       vielen Touristen, die hierherkommen.
       
       Seit 100.000 Jahren ist dieser Feuerberg daueraktiv. Ein riesiges
       Lavastromfeld liegt in unmittelbarer Nähe von Nicolosi. Ein Gebiet, durch
       das immer wieder Lava geflossen ist und so zu einer schwarzen Steinwüste
       wurde. Kleine Kräuter kämpfen sich tapfer durch die Steine, und auf den
       älteren Lavafeldern haben es Ginsterbüsche wieder zu einiger Größe
       gebracht. Bis auf dem Lavastrom, den die Vulkanfreunde nun erwandern,
       wieder etwas wächst, wird es lange dauern. Ein riesiger Steinhaufen türmt
       sich vor ihnen auf und versperrt den weiteren Weg. Die Lava, die bei dem
       Ausbruch 2001 Richtung Nicolosi geflossen ist, kam hier zum Stillstand.
       
       Am nächsten Morgen bricht unsere Exkursionsgruppe zum "Vulkangipfelsturm"
       auf. Die erste Strecke wird mithilfe der Seilbahn bewältigt. Hoch schaukelt
       sie über riesige Krater, aufgetürmte Aschekegel und erloschene Lavaströme.
       Oben weht ein eisiger Wind. Giftig gelbe Schwefelstreifen ziehen sich über
       einen schmalen Grat. Weiße Rauchsäulen qualmen aus den Fumerolen. Eine
       Schutzhütte ist bis zum Dach in schwarzer Lava verschwunden.
       
       Wir sind auf 2.900 Meter angekommen, einige wollen die 400 Meter bis zum
       Gipfel noch erklimmen. Vulkanexperte Becker lehnt ab: "Wenn man ganz hinauf
       will, gibt es nur einen Krater, an dem das geht, die Bocca Nuova. Der ist
       aber sehr instabil, da können die Wände einbrechen. Also, auf nach unten!"
       Ein symmetrischer anthrazitgrauer Aschekegel lädt zum Besteigen ein. Ein
       Bilderbuchkegel, freut sich der Geologe. Seine 80 Meter sind beim Ausbruch
       2001 innerhalb von zehn Tagen entstanden. Hier versinken die Füße tief in
       Asche - ein Marsch wie durch Schnee - nur durch schwarzen.
       
       Nach der erkalteten Schönheit des Vesuv und der gigantischen des Ätnas wird
       es nun Zeit für ein richtiges Vulkanfeuerwerk. Und wo wenn nicht auf der
       Insel Stromboli könnte man dieses besser erleben. Schon die Überfahrt ist
       ein Erlebnis: Die riesige Rauchfahne des Vulkans ist von Weitem sichtbar,
       einige weiße Häuser leuchten unter dem dunklen Kegelberg, schwarzer
       Lavasandstrand, und das Meer hat eine Farbe wie dunkelblaue Tinte. Der
       Stromboli ist einer der aktivsten Vulkane der Welt. "In der Regel spuckt er
       seine Feuersäulen alle fünf bis zwanzig Minuten meterweit in den Himmel",
       erklärt Vulkanexperte Becker. "Ein gutes Zeichen. Schlimm wird es, wenn der
       Vulkan lange nichts macht, dann sammelt er seine Kraft, und danach kann
       eventuell eine große Eruption folgen." Dann lieber gleich am nächsten Tag
       hoch, solange der Schlot noch raucht.
       
       Der steile Weg nach oben versetzt Wanderführerin Janssen in Begeisterung:
       "Dort seht ihr Kalabrien, dort die sizilianische Küste, da den Leuchtturm
       der Insel Salina." Wer nicht mit Schnaufen und sich selbst beschäftigt ist,
       versteht sie. Als die Nacht schwarz genug ist, gehen die Vulkanfreunde ganz
       nach oben an den Rand des alten Kraters. Zirka 200 Meter unter ihnen liegt
       eine bizarre Kraterlandschaft. Plötzlich geht es los. Mit einem Höllenlärm,
       der tief aus der Erde zu kommen scheint, sprüht eine riesige Feuersäule
       weit in den dunklen Nachthimmel. Rote Glut legt sich um den Kraterrand,
       glühende Steine rollen die tiefschwarze Sciara del Fuoco - die Feuerrutsche
       - hinunter und versinken im Meer. Weitere Eruptionen folgen, breite
       Feuersäulen, die wild umhersprühen, schmale, die hoch in den Himmel
       zischen.
       
       Ein phänomenales Naturereignis, das die Zuschauer in den Bann zieht. Der
       Abstieg bei Nacht unter dem funkelnden Sternenhimmel mit unzähligen
       Sternschnuppen kommt uns nun wie ein Konkurrenzfeuerwerk des Universums
       vor.
       
       Der letzte Feuerberg unserer Reise ist der Gran Cratere Vom Fegefeuer des
       Stromboli geht es nun in den Gestank der Hölle. "Man kann die Wände des
       Abgrunds hinabsteigen und bis zum Rand dieser wütenden Münder des Vulkans
       gehen, um mich herum ist alles gelb. Von einem blendenden, betörenden
       Gelb." Den Text Guy de Maupassants über die Insel Vulcano liest Florian
       Becker vor dem Aufstieg zum Gran Cratere. Die typische Duftnote dieser
       Insel sorgt dabei für die passende Atmosphäre. Giftig gelb und höllisch
       stinkend. Muss man da wirklich hinauf?
       
       Man muss. Der giftige Schwefelgestank nimmt mit jedem Schritt zu. Oben
       hilft nur noch ein nasser Lappen um Mund und Nase. "Dies ist die haarigste
       Stelle unserer Exkursion, die Gruppe bleibt zusammen", warnt der Experte
       und verschwindet mit den Vulkanfreunden in den Nebelschwaden, um einen
       Blick in die gelben Rauchsäulen zu riskieren: "Man sieht in diesen
       sogenannten Fumarolen kleine honigfarbene Tröpfchen, das ist flüssiger
       Schwefel", erklärt Becker. Einer der Vulkanfreunde unserer Gruppe kommt
       hustend aus dem Nebel; statt einer ehemals grünen Wanderhose hat er nun
       eine rosarote an - Schwefeldämpfe können nicht nur übel riechen.
       
       23 Nov 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Wiedemann
       
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 (DIR) Reiseland Italien
 (DIR) Politisches Buch
       
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