# taz.de -- Serie zum Kleist-Jahr: Das Leben als Drama
       
       > Heinrich von Kleist war einer, dem alles an der Gegenwart zu eng war.
       > Betrieb er Fundamentalopposition oder war seine Existenz Vorlauf eines
       > Selbsterfindungslebens?
       
 (IMG) Bild: Mit ihm konnte man den Unbedingtheits-Knopf drücken: Dichter Heinrich von Kleist.
       
       Mein Lieblings-Kleist-Moment ist zugleich der bescheuertste. Ich fuhr
       damals, Mitte der Achtzigerjahre, noch meinen Motorroller. Das war ein
       altes, längst klappriges Ding, das bei Feuchtigkeit immer ausging, sich nur
       schwer wieder antreten ließ und dessen Lichter noch schlechter
       funktionierten als seine Bremsen; heute würde ich mich auf so etwas nicht
       mehr draufsetzen.
       
       Einmal, ich kam von irgendwoher und fuhr irgendwohin, steckte ich mit dem
       Ding im Spätherbst im Berufsverkehr fest. Stop and go. Es nieselte. Immer
       wenn ich anhielt, ging der Motor aus. Schwitzend und fluchend musste ich
       ihn jedes Mal wieder antreten. Um mich herum nach Hause fahrende
       Arbeitnehmer bequem in beheizten Wagen. Manche schüttelten den Kopf über
       mich. Da fühlte ich mich plötzlich Kleist sehr nahe. Am Abend vorher hatte
       ich ihn wohl gelesen.
       
       In mir Ärger, Scham und Hochmut. Ich war durchnässt, ich wusste, ich machte
       mich hier in der geordneten Golf-I- oder Golf-II-Welt der alten
       Bundesrepublik lächerlich; und zugleich fühlte ich mich großartig, näher
       dran als alle anderen in den Blechkisten um mich herum an den Intensitäten
       des Lebens.
       
       Das Leben als Drama inmitten einer Gesellschaft, die eigentlich nur
       abgepufferte und vorgezeichnete Lebenswege vorsah. Dafür stand Kleist. Mit
       ihm konnte man den Unbedingtheits-Knopf drücken, so wie man mit Tschechow
       den Melancholie-Knopf drücken konnte und mit Heiner Müller den
       Pathos-Knopf. Ich glaube, ich habe Kleist damals vor allem als
       Integrationsverweigerer gelesen. Es war ja die Zeit, in der noch jeder, der
       auf sich hielt, Außenseiter sein wollte und auf gar keinen Fall ein
       funktionierendes Teil der Gesellschaft.
       
       Und mit Kleist, der alle sicheren preußischen Lebensbahnen abbrach, um Ruhm
       zu suchen, konnte man die damit verbundenen manisch-depressiven inneren
       Dramen zwischen Hybris und Verzweiflung irgendwie überlebensgroß
       zurückgespiegelt bekommen. Ein herrisches "Zum Sieg! Zum Sieg! In Staub mit
       allen Feinden Brandenburgs!" auf der einen Seite. Und ein zerknirschtes
       "Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war" auf der anderen
       Seite. (Auf Seite 520 von Gerhard Schulz' 2007 erschienener
       Kleist-Biografie kann man sich ein Faksimile des Abschiedsbriefs, der
       diesen Satz enthält, anschauen: Kleists Schrift ist klar; keine zitternde
       Hand im Angesicht seines Freitodes.)
       
       Kleist wurde bekanntlich alles an seiner Gegenwart zu eng. So randvoll mit
       inneren Spannungen sind seine Sätze, dass die Grammatik bis zum Reißen
       gespannt ist. In mythische Zeiten, ins Mittelalter und bis nach Chili und
       St. Domingo konnte er sich schreibend wegbeamen. Und alles wurde unter
       seiner Feder zum Schicksalskampf. Ich bin gespannt, wer das alles nun zum
       Kleist-Jahr noch als Fundamentalopposition auch gegen die gegenwärtige
       Gesellschaft starkmachen möchte.
       
       Ich habe mir stattdessen jetzt beim Wiederreinlesen eher gedacht, dass
       Kleist als Vorläufer unserer heutigen Selbsterfindungswelt zwischen
       Intensitätswünschen und Prekaritätsängsten noch zu entdecken wäre. Solche
       Dramen gibt es doch inzwischen in jedem Angestellten- und Beziehungsleben.
       Auch wenn die Motorroller inzwischen selbstverständlich mit einem
       Elektrostarter ausgestattet sind.
       
       21 Dec 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dirk Knipphals
       
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