# taz.de -- Ulrich Köhler über den Film "Schlafkrankheit": "Afrika hatte ich komplett verdrängt"
       
       > Der Regisseur Ulrich Köhler spricht über seine Kindheit in Afrika, den
       > Schock, nach Deutschland zurückzukommen und das Filmemachen als Therapie.
       
 (IMG) Bild: Seine Eltern arbeiteten als Ärzte in Zaire: Ulrich Köhler
       
       taz: Herr Köhler, wogegen haben Sie sich impfen lassen, bevor Sie nach
       Kamerun aufgebrochen sind? 
       
       Ulrich Köhler: Einen Teil der Impfungen hatte ich schon. Neu war die
       Tollwutimpfung, mit der ich dann auch Probleme hatte, weil ich zu spät
       damit angefangen hatte und die zweite Impfung in Afrika selbst verabreicht
       bekam. Am Tag darauf bin ich einen Berg hochgestiegen, danach hatte ich 39
       Grad Fieber.
       
       Wie war es denn, in Kamerun zu drehen? 
       
       Es war mein bei Weitem anstrengendster Dreh. Das hatte weniger mit Afrika
       und mehr mit dem Drehbuch zu tun. Denn das war kompliziert, es gab viele
       Drehorte und 47 Sprechrollen, ich hatte den Aufwand unterschätzt. Und es
       gab diverse Widrigkeiten wie die, dass es trotz der Trockenzeit geregnet
       hat. Irgendwann war das Team riesig, total aufgebläht. Eigentlich wollte
       ich jeden Morgen bis 20 zählen, und der 21. hätte dann vom Set gehen
       müssen, aber am Ende waren doch 60 Leute im Team.
       
       Ihre Eltern haben früher in dem Krankenhaus gearbeitet, in dem die zweite
       Hälfte des Films spielt. Aber als Sie ein Kind waren, waren Sie mit Ihren
       Eltern nicht in Kamerun, sondern im damaligen Zaire, nicht wahr? 
       
       Genau, das war in den 70er Jahren, sie waren im Auftrag einer kirchlichen
       Entwicklungshilfeorganisation in einem kleinen Dorf an einem ziemlich
       großen Fluss.
       
       Als Ärzte? 
       
       Mein Vater als Arzt, meine Mutter als mit ausreisender Partner, sie hat
       zwar kein Gehalt gekriegt, aber mindestens genauso viel gearbeitet wie mein
       Vater. Das war ganz klassische Entwicklungshilfe: der Arzt, der einzelne
       Patienten betreut, wie man es sich von Albert Schweitzer vorstellt. Dieses
       Konzept wird heute nicht mehr weiterverfolgt, weil es genug afrikanische
       Fachkräfte gibt und die Entwicklungshilfe eher auf der Ebene des
       Managements und der Supervision gewährt wird.
       
       Waren Ihre Kindheitserfahrungen entscheidend für Ihren Wunsch, diesen Film
       zu drehen? Und wollten Sie ihn schon seit Langem realisieren? 
       
       Ich hatte eher lange Zeit Angst, mich damit auseinanderzusetzen, und
       vielleicht ist "Schlafkrankheit" mein therapeutischster Film. Es war ein
       totaler Schock für mich, nach Deutschland zurückzukehren. Ich war noch nie
       in einer Schule gewesen, in Afrika hat uns unsere Mutter unterrichtet. Als
       ich in die Grundschule kam, in die vierte Klasse, setzte sich der einzige
       türkische Mitschüler neben mich, wir verstanden uns sehr gut, weil ich halt
       der Afrikaner war. Dann gab es den ersten Deutschaufsatz, "Mein schönstes
       Ferienerlebnis", und ich schrieb eine 1, wahrscheinlich, weil ich die
       spektakulärsten Geschichten zu liefern hatte. Daraufhin hat sich mein
       Mitschüler von mir weggesetzt, sodass ich das erste halbe Jahr allein an
       meiner Schulbank saß. Als neunjähriger Junge will man so sein wie alle
       anderen, und ich habe Afrika komplett verdrängt.
       
       Es ist nicht Ihr erster Film, in dem die Hauptfiguren Ärzte sind. Was reizt
       Sie an Ärzten, außer dem biografischen Bezug? 
       
       Der Beruf des Arztes ist gerade im Hinblick auf die Entwicklungshilfe total
       interessant, denn er kommt quasi mit eingebauter moralischer Legitimation
       daher. Ein gerettetes Menschenleben ist nun mal ein gerettetes
       Menschenleben. Und zugleich ist die Frage viel komplexer, weil jedes von
       Europäern aufgebaute Gesundheitssystem die Entstehung eigener Strukturen
       verhindert.
       
       Es gibt noch einen anderen Filmemacher, der gern in Krankenhäusern und im
       Dschungel filmt, und auch seine Eltern waren Ärzte: den Thailänder
       Apichatpong Weerasethakul. Spielt er für Sie eine Rolle? 
       
       Er hat mich sehr beeindruckt und beeinflusst. Nach "Bungalow" habe ich
       "Blissfully Yours" zum ersten Mal gesehen. Seither schaue ich mir die Filme
       immer wieder an und halte "Syndromes and a Century" für den tollsten Film,
       den er gemacht hat. Aber eine Sache muss ich sagen: Die Nilpferdgeschichte
       ist etwas, was ich schon vorher im Kopf hatte, sie stammt aus meiner
       Kindheit.
       
       Wie geht sie? 
       
       Es gab Nilpferde in dem Fluss, an dem wir wohnten und auf dem mein Bruder
       und ich mit unseren Einbäumen unterwegs waren. Die Leute hatten großen
       Respekt vor den Tieren, aber meine Mutter hielt die Gefahr für gering. Oft
       sind wir den Tieren hinterhergepaddelt, die Leute konnten es gar nicht
       fassen. Ein halbes Jahr nachdem wir nach Deutschland zurückgekehrt waren,
       wurde eine amerikanische Ärztin von einem Nilpferd getötet, als sie im
       Fluss schwamm. Die Leute im Dorf behaupteten, dass sich der
       Krankenhausleiter in ein Nilpferd verwandelt hätte, um die Frau zu töten,
       weil sie ihm im Weg stand. Es gab noch weitere Geschichten von Menschen,
       die sich in Tiere verwandeln können. Es war ein Mythos meiner Kindheit. Als
       ich den Ort, in dem ich aufgewachsen bin, wieder besucht habe, wollte ich
       die Nilpferde sehen und habe einen Paddler engagiert. Aber es waren keine
       Nilpferde dort. Der Paddler meinte, dass wir dem Nilpferd vielleicht extra
       Geld geben müssen, damit es auftaucht. Beim zweiten Mal habe ich eine Summe
       für das Nilpferd herausgerückt, und tatsächlich war es dann zu sehen.
       
       Es gibt viele nächtliche Szenen, und es ist auffällig, wie sehr Ihre
       Inszenierung die Dunkelheit betont. 
       
       Das war von Anfang an unser Konzept. Eine ganz starke Kindheitserinnerung
       war, dass wir nachts Verstecken gespielt haben und wir uns nur auf die
       Wiese legen mussten, um nicht gesehen zu werden. Es gab nur zwei Stunden
       Strom am Tag, am Himmel war kein Restlicht. Wir haben uns überlegt, wie man
       das filmisch umsetzen kann, und haben uns entschieden, dass gerade bei den
       Nachtszenen im Wald Taschenlampen die einzigen Lichtquellen sein sollten.
       
       13 Feb 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Cristina Nord
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Spielfilm
       
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