# taz.de -- Flüchtlingspolitik Europa: Anlaufstelle Istanbul
> In der größten Stadt der Türkei können Illegale gut untertauchen. Von
> hier suchen sich viele Flüchtlinge aus Afrika oder Asien einen Weg in die
> EU.
(IMG) Bild: Mehr als 80 Prozent der illegalen Einwanderung in die EU läuft über die Türkei nach Griechenland, behauptet Frontex. Anti-Rassismus-Demonstration in Athen.
ISTANBUL taz | Gérard* friert. Er ist erst vor wenigen Tagen in Istanbul
angekommen, und der Winter zeigt sich von seiner unangenehmen Seite. Es ist
nasskalt. Obwohl der Raum geheizt ist, zieht Gérard seine Jacke nicht aus,
er nimmt nicht einmal die Kapuze ab. Bekannte haben ihn mitgebracht.
Hungrig schaut er auf einen langen Tisch, auf dem gerade etliche Portionen
Fertigmahlzeiten gestapelt werden. Es dauert noch einen kleinen Moment,
aber dann wird Gérard nach Tagen ohne richtiges Essen endlich eine warme
Mahlzeit bekommen.
Das Essen ist eine Spende der orthodoxen Kirche. In einem Gemeindesaal der
Kirche Hagia Triada, ein großer, erst kürzlich restaurierter eleganter Bau
direkt am zentralen Taksim-Platz, gibt es einmal in der Woche, am
Samstagmittag, eine kostenlose Mahlzeit für Flüchtlinge.
Die wenigen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die sich in Istanbul um
Flüchtlinge kümmern, konzentrieren sich vor allem auf Frauen und Kinder,
die Schwächsten im großen Treck, der sich Jahr für Jahr, Monat für Monat
und Tag für Tag aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten über Istanbul in
Richtung Europa bewegt. Für Männer bleibt nur der Samstagmittag in der
Hagia Triada, um etwas zu essen zu ergattern.
Es sind fast ausschließlich Afrikaner und ausschließlich Männer, die sich
an diesem Samstag einfinden. Ein Bekannter von Gérard, der seinen Namen
nicht nennen will und auf die Frage, von wo er komme, lediglich "Afrika"
antwortet, hat ihm für den Anfang einen Tipp gegeben, wo er schlafen kann.
Es ist ein Keller, erzählt Gérard, in den er sich nachts verkriecht. Bei
anderen Afrikanern, die er bislang kennengelernt hat, ist kein Platz mehr,
und Geld für ein billiges Hotel hat er nicht.
Gérard kommt von der Elfenbeinküste. Man hat ihn geschlagen und bedroht. Er
will sofort seine Jacke ausziehen, um seine Narben zu demonstrieren. Sein
Ziel ist England, Freunde von ihm leben dort: "Sie werden mir helfen."
Allerdings hat er im Moment keine Ahnung, wie er dort hinkommen soll. "Ich
hab schon einen langen Weg hinter mir, irgendwie werde ich es schon
schaffen", sagt er. Doch zunächst hat er andere Sorgen. Was soll er morgen
essen, wo soll er demnächst schlafen? "Ich brauche einen Job", sagt er,
"das ist jetzt das Wichtigste".
Das Tor nach Europa
Alle Männer erhalten eine Nummer. Nach und nach können sie sich nun ihre
Portionen abholen. Die meisten nehmen das abgepackte Essen gleich mit, kaum
jemand setzt sich an die Tische im Gemeinderaum der Hagia Triada. Allein
oder in kleinen Gruppen machen sie sich auf den oft weiten Weg zu ihren
improvisierten Unterkünften in den Vororten der Stadt. In wenigen Minuten
sind alle verschwunden, verschluckt von der riesigen Metropole am Bosporus.
Istanbul ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem Sammelpunkt für
Flüchtlinge aus aller Welt geworden. Seit die Türkei die Visapflicht für
die meisten arabischen Länder abgeschafft hat, kann man für 60 Euro von
Marokko oder Algerien nach Istanbul fliegen. Von Istanbul aus beginnt dann
die letzte Etappe in Richtung Europäische Union.
Mehr als 80 Prozent der gesamten illegalen Einwanderung in die EU läuft
über die Türkei nach Griechenland, behauptet Frontex, die 2005 gegründete
EU-Agentur zum Schutz der Außengrenzen der Europäischen Union. Im letzten
Jahr wurden mehr als 50.000 illegale Flüchtlinge auf der griechischen Seite
der Grenze aufgegriffen, die Dunkelziffer dürfte erheblich größer sein.
Der einfachste Weg über die Grenze befindet sich in der Nähe der türkischen
Stadt Edirne, die im Länderdreieck Türkei, Bulgarien und Griechenland
liegt. Während der schwer zu überwindende Fluss Evros (türkisch: Meric)
über knapp 200 Kilometer lang die Grenze markiert, gibt es bei Edirne einen
12 Kilometer langen Streifen, an dem die Grenze durch Wiesen und Felder
verläuft. Griechenland hat bereits angekündigt, diesen Streifen zukünftig
durch einen elektronisch überwachten drei Meter hohen Zaun schließen zu
wollen - aber noch ist es nicht so weit.
Edirne ist von Istanbul aus nur drei Autostunden entfernt. Die Fahrt mit
dem Bus kostet lediglich 5 Euro. Deshalb bereiten fast alle Flüchtlinge
ihren Sprung in die EU in Istanbul vor, hier finden sie auch am einfachsten
einen Schlepper, der sie über die Grenze bringt. Kein Flüchtling will
länger als nötig in Edirne bleiben, einer Kleinstadt, in der man nicht so
leicht untertauchen kann.
"Viele glauben außerdem, in Istanbul sind sie schon in Europa. Doch da
haben sie sich schwer getäuscht." Gaspar ist ein Veteran in
Flüchtlingsfragen. Tatsächlich war er selbst einmal einer, doch im Laufe
der Jahre, in denen er in Istanbul hängen blieb, ist er jetzt vom
Flüchtling zum Flüchtlingshelfer geworden.
Er gehört zu den Leuten, die die Essensausgabe in der Hagia Triada
organisieren. "Istanbul", sagt Gaspar, "bietet den Flüchtlingen nichts.
Keine Unterkunft, keine materielle Hilfe und keine Sicherheit. Im
Gegenteil, viele Polizisten misshandeln Flüchtlinge und nehmen ihnen ihr
letztes Geld weg."
Die IHH und der UNHCR
Eine der wenigen türkischen Organisationen, die sich um Flüchtlinge
kümmert, ist die Insan Yardim Vakfi (IHH), die im letzten Jahr durch ihren
Schiffskonvoi nach Gaza international Schlagzeilen machte. "Wir arbeiten
mit dem UN-Flüchtlingswerk UNHCR zusammen", sagt Hüseyin Oruc,
stellvertretender Vorsitzender der IHH.
Bei der Frage, wie genau denn diese Zusammenarbeit aussieht, bleibt er
vage, redet von Beratung und humanitärer Hilfe. Allerdings verwahrt er sich
scharf gegen den von anderen NGOs erhobenen Vorwurf, die IHH würde
lediglich muslimische Flüchtlinge unterstützen. "Natürlich nicht. Religion
und Herkunft spielen bei uns keine Rolle. Wir sind auch im Ausland in
nichtmuslimischen Ländern aktiv", sagt er und verweist auf das Beispiel
Haiti.
Ein inoffizieller Zusammenschluss verschiedener kleiner christlicher
Gemeinden im Stadtteil Beyoglu hat eine Sammelstelle für Altkleider
eröffnet und verteilt zweimal in der Woche Essen an Mütter und Kinder. Die
Helfer dort raten den Flüchtlingen, sich im Büro des UNHCR zu melden und
als Flüchtlinge registrieren zu lassen.
Doch die meisten wollen das nicht. Zum einen, weil sie nachweisen müssten,
dass sie in ihrem Land politisch verfolgt wurden, was die wenigsten können.
Und zum anderen, weil sie dann in irgendeine Provinzstadt geschickt werden,
bis sich ein Aufnahmeland gefunden hat. Die türkischen Behörden bestehen
darauf, dass sich nicht alle Flüchtlinge in Istanbul sammeln.
Beim UNHCR lassen sich hauptsächlich Flüchtlinge aus dem Iran und aus dem
Irak registrieren. Sie haben die besten Chancen, als politische Flüchtlinge
anerkannt zu werden und ein Aufnahmeland in Europa oder Nordamerika zu
finden. Fast alle anderen schlagen sich allein durch oder stützen sich auf
ihre Landsleute und Glaubensbrüder.
Sonntagmorgen, 9 Uhr. Über den Hof der größten Istanbuler Kirche St.
Antoine, die direkt an der Istiklal Caddesi, der bekanntesten Flaniermeile
der Stadt, liegt, huschen gegen Regen und Kälte eingemummte Gestalten zu
einer Treppe, die seitlich an der Kirche entlang in die Tiefe geht. Die
Treppe führt zu einer Kapelle, die unterhalb des Kirchenschiffes in den
Fels gehauen wurde. Hier feiern chaldäische Christen aus dem Irak
wöchentlich ihren Gottesdienst. Es sind vielleicht 200 Leute versammelt,
darunter auch viele Familien mit Kindern.
Wohin mit den Kindern?
"Viele hier", erzählt Maria nach dem Gottesdienst, "sind schon seit Jahren
da". Marias Familie kommt aus Bagdad und floh, als sich die Lage für
Christen nach dem Sturz Saddam Husseins verschlimmerte. Eigentlich fühlt
sie sich in Istanbul ganz wohl, aber trotzdem will die Familie lieber nach
Europa. "Wegen der Kinder", sagt Maria.
Da der Aufenthaltsstatus für Flüchtlinge in der Türkei meist unklar ist,
dürfen ihre Kinder nicht zur Schule gehen. Es gebe Ausnahmen, aber es sei
sehr schwer, ein Kind in einer Schule unterzubringen, erzählt Gaspar. "Man
braucht ein offizielles Dokument, Geld für die Schuluniform und Bücher, und
dann müssen die Kinder ja auch erst einmal Türkisch lernen."
Für Gérard und die anderen allein reisenden Männer sind solche Fragen
völlig uninteressant. Sie wollen sowieso nicht in der Türkei bleiben,
sondern so schnell wie möglich weiter. Die Nachricht, dass Eile auch
deshalb geboten ist, weil Griechenland plant, einen Zaun an der Grenze zur
Türkei hochzuziehen, löst bei den Männern im Gemeindesaal der Hagia Triada
trotzdem nicht viel mehr als ein Achselzucken aus. "Wenn sie eine Stelle
zumachen, finden wir eine andere", ist sich Gérard sicher. "Spätestens
nächstes Jahr bin ich in England."
* Name geändert
16 Feb 2011
## AUTOREN
(DIR) Jürgen Gottschlich
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