# taz.de -- Notizen zum Kleist-Jahr: Der Appetit kommt beim Essen
> Von der Erregung des Gemüths und warum die Gedanken sich immer noch
> allmählich verfertigen.
(IMG) Bild: Einfach mal losreden dank Heinrich von Kleist.
Es war mitten im Studium und in einer Zeit, da es beim Lesen noch darauf
ankam, ziemlich alles bedeutsam zu finden und zu unterstreichen. Nun ist es
aber gerade bei diesem kleinen Kleist-Text nicht so. Der Bleistift wurde
eher zurückhaltend eingesetzt, am Rand von "Über die allmähliche
Verfertigung der Gedanken beim Reden" findet sich lediglich die Notiz:
"Hermeneutischer Zirkel". Hört sich interessant an.
Warum ich das Anfang der Achtzigerjahre vermerkte, ist mir heute allerdings
ein Rätsel. Man notierte ja einiges, von dem man überzeugt war, seine
Bedeutsamkeit werde sich schon noch einstellen. Heinrich von Kleist
jedenfalls, das wusste ich damals noch nicht, schrieb "Über die allmähliche
Verfertigung der Gedanken beim Reden" in Königsberg, gegen 1805, spätestens
1806 und im Umfeld von "Der Zerbrochne Krug" und des "Amphitryon".
Dass man in diesen fünf bis sechs Seiten die Andeutung einer Kleist'schen
Poetologie sehen kann, interessierte mich damals nicht, ging es doch um
nicht weniger als dieses Gefühl der Befreiung. Endlich war es mal gesagt
worden. Da stand es schwarz auf weiß: "Ich glaube, daß mancher großer
Redner in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was
er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nöthige Gedankenfülle
schon aus den Umständen und der daraus resultirenden Erregung seines
Gemüths schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes
Glück hin, zu setzen." Solche Sätze fraßen sich wie ein Wurm ins Gemüt. Es
war allerdings ein zweischneidiges Erlebnis.
Okay, da war dieser Kleist'sche Aufruf zur Dreistigkeit, der es möglich
machte, mit gutem Gewissen einfach mal loszureden und vor allem:
loszuschreiben und zu hoffen, irgendwann stelle sich das Verb schon noch
ein, auf das der Schachtelsatz doch sicherlich zusteuerte. Nicht selten war
es aber gerade damals so, dass der Stein des Anstoßes keine Idee, sondern
ein Affekt war, und das Verb zeigte sich auch am Ende doch nicht.
Ich konnte also, ohne einen Gedanken zu verschwenden, nachvollziehen, was
Kleist auch für sich selbst erhoffte, als er schrieb, der Redner werde
hoffentlich ja schon irgendwann die "nöthige Gedankenfülle" aus der
"Erregung seines Gemüths schöpfen".
Was stand da? War es nicht das geradezu skandalöse Eingeständnis, jede
Kommunikation sei letztlich ein Monologisieren, dem nur die Hoffnung auf
Sinn innewohnt. Stand da tatsächlich, es gehe beim Reden eben nicht um ein
auf das gegenseitige Argument aufbauendes Gespräch, und wurde da nicht von
einer in der eigenen Fantasie und Gedankenwelt haftenden Monade gesprochen.
Es war und ist auch heute noch eine prickelnde wie gruselige Vorstellung,
die in den 70er Jahren so allseits beschworene diskursive Kompetenz, die
wir doch bitte mal an Tag legen sollten, sei eine Schimäre und der
lebendige Dialog nur ein Vorgang, in dessen Verlauf ein Redner sich ein
Gegenüber schnappt, um es wie Lackmuspapier in die eigene ungeordnete
Gedankenwelt zu tauchen.
Am Ende von Kleists kleinem Aufsatz steht übrigens noch dieses "Die
Fortsetzung folgt". Das sollte dann doch nicht sein, also ist die
"allmähliche Verfertigung" sich treu geblieben und bis heute ein immer
weiter gewendeter Gedanke, der je nach Gemütslage einen inneren Dialog
anstößt und bestrebt ist, "dem Anfang nun auch - ein Ende zu finden". Und,
ach ja: Zum ersten Mal gelesen habe ich das in "Kleists Werke - In einem
Band". Der schwarze Kloben lag auf einem Ramschtisch und kostete 13,80
anstatt 26,50 Mark. Was wollte man mehr, immerhin war es billig und
einigermaßen vollständig.
2011 ist Kleist-Jahr. Am 21. November 1811 hat der Dichter sich erschossen.
Wir drucken, immer am 21. eines Monats, Notizen zu Leben und Werk dieses
seltsamsten deutschen Klassikers.
21 Mar 2011
## AUTOREN
(DIR) Jürgen Berger
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kleist-Biografien: Unruhiges Dichterleben
Passend zu Kleists 200. Todestag legen ein Germanist und ein Journalist
Biografien vor, die in ihrer Herangehensweise unterschiedlicher nicht sein
können.
(DIR) Neue Kleist-Ausgabe: Rolls-Royce in Buchform
Zum 200. Todesjahr: Eine Matinee im Berliner Ensemble würdigt die mühsame
Arbeit an der ersten historisch-kritischen Ausgabe sämtlicher Werke
Heinrich von Kleists.
(DIR) Serie zum Kleist-Jahr: Das Leben als Drama
Heinrich von Kleist war einer, dem alles an der Gegenwart zu eng war.
Betrieb er Fundamentalopposition oder war seine Existenz Vorlauf eines
Selbsterfindungslebens?