# taz.de -- Modellprojekt für Prostituierte, die aussteigen wollen: "Prostitution ist nichts für ewig"
       
       > Für Prostituierte ist es oft sehr schwierig, einen neuen Job zu finden,
       > sagt Sozialarbeiterin Claudia Fischer-Czech. Modellprojekt für
       > Aussteigerinnen startet heute
       
 (IMG) Bild: :Das Anstrengende ist nicht der Job als solcher, sondern das Doppelleben
       
       taz: Frau Fischer-Czech, Sie beraten Frauen, die aus der Prostitution
       aussteigen wollen. Warum ist so ein Angebot nötig? 
       
       Claudia Fischer-Czech: Weil es für Frauen, die als Prostituierte arbeiten,
       sehr schwer ist, sich beruflich zu verändern. Prostitution ist zwar seit
       Einführung des Prostitutionsgesetzes 2002 legal und gilt nicht mehr als
       sittenwidrig. Trotzdem wird die Arbeit weiterhin als moralisch verwerflich
       betrachtet. Dass Männer Prostitution nachfragen, nimmt die Gesellschaft so
       hin. Aber den Frauen, die diesem Beruf nachgehen, unterstellen viele nach
       wie vor, dass sie Flittchen sind, die nichts anderes können. Genau damit
       haben die Frauen zu kämpfen. Es ist schwer für sie, etwa bei
       Bewerbungsgesprächen darüber zu reden, was sie in den letzten Jahren
       gemacht haben.
       
       Wie viele Prostituierte gibt es in Berlin? 
       
       Wir sind uns mit der Polizei einig, dass es zwischen 8.000 und 10.000
       Frauen sein müssen. Die Dunkelziffer, wie viele Frauen such von
       Menschenhandel betroffen sind und was es zusätzlich an sexueller Ausbeutung
       gibt, ist sehr schwer abschätzbar.
       
       Heute ist die Auftaktveranstaltung Ihres Projekts. Sie haben aber schon im
       Januar mit der Beratung begonnen. Wie viele Frauen sind bereits zu Ihnen
       gekommen? 
       
       Obwohl wir das Programm erst seit Kurzem bekannt machen, haben sich acht
       interessierte Frauen an uns gewendet. Sie sind sowohl vom Alter wie vom
       Bildungsniveau ganz unterschiedlich. Zum Beispiel haben wir eine Bulgarin
       in der Beratung, die in Deutschland länger als Prostituierte tätig war. Sie
       kann nur kyrillische Buchstaben lesen und ist hierzulande daher faktisch
       eine Analphabetin. Gleichzeitig beraten wir auch eine promovierte
       Wissenschaftlerin.
       
       Welche Gründe haben die Frauen für ihren Ausstieg? 
       
       Die Tätigkeit in der Prostitution ist körperlich und seelisch belastend und
       in der Regel nicht für die Ewigkeit angelegt. Wenn Frauen entscheiden
       auszusteigen, dann hat das oft auch damit zu tun, dass sie nicht mehr so
       viel verdienen. Meist kommen aber mehrere Faktoren zusammen. Das Alter
       spielt eine Rolle. Manche Frauen wollen auch einfach einen Wechsel. Wenn
       das Kind in die Schule kommt, kann es sein, dass eine Frau entscheidet: Ich
       brauche eine andere Tagesstruktur. Und natürlich gibt es wie überall ein
       Burnout-Syndrom. Wobei viele Frauen sagen: Das Anstrengende ist nicht der
       Job als solcher, sondern das Doppelleben. Das über Jahre durchzuhalten ist
       enorm belastend. Vom ersten Gedanken bis zum Ausstieg ist es oft ein langer
       Prozess.
       
       Gibt es im Milieu auch Machtstrukturen, die einen Ausstieg erschweren? 
       
       Das Bild vom Zuhälter, der sich eine Frau sucht und sie für sich arbeiten
       lässt, ist eine Mär. In der Regel handelt es sich um freiwillig
       eingegangene Beziehungen, die sich im Laufe der Zeit verändert haben.
       Manche Frauen haben ein Händchen dafür, sich Männer auszusuchen, die ihnen
       letztlich schaden. Aber klar: Sich aus einer solchen Partnerschaft zu lösen
       ist oft schwierig. Es gibt viele Hindernisse bei einem Ausstieg, zum
       Beispiel wenn die Frauen Geld brauchen. Viele wollen nicht Hartz IV
       beantragen. Sie schämen sich, zum Jobcenter zu gehen. Da wird sehr häufig
       unterstellt, die Frauen hätten Geld zur Seite geschafft, weil sie ja
       angeblich so gut verdienten.
       
       Was verdient eine Prostituierte denn? 
       
       Das kommt darauf an, ob Frauen Vollzeit arbeiten oder nebenberuflich. Es
       gibt das hochpreisige Segment wie den SM- oder Eskortbereich. Da verdient
       man besser als im Sexkino in Neukölln. Insgesamt sind die Preise eher
       runtergegangen. Ich habe an einer Studie mitgearbeitet, bei der bundesweit
       300 Frauen befragt wurden. Da war ich doch erstaunt: Der durchschnittliche
       Nettoverdienst bei einer Vollzeitstelle bewegte sich zwischen 1.200 und
       1.500 Euro im Monat.
       
       Wie helfen Sie Frauen, die diesen Job nicht mehr machen wollen, konkret? 
       
       Ich höre erst einmal zu, was die Frauen sich wünschen. Es geht darum,
       individuell zu schauen: Wo sind die Stärken der Betroffenen? Frauen, die in
       der Prostitution arbeiten, erwerben ja durchaus Kompetenzen. Sie sind in
       der Regel selbstständig tätig. Das erfordert ein hohes Maß an Organisation,
       auch an Selbstdisziplin. Danach geht es in die berufliche
       Qualifizierungsphase. Was genau an Weiterbildungsmaßnahmen sinnvoll wäre,
       entscheiden wir gemeinsam mit den Frauen und unserem Partner vom
       Beschäftigungsträger Goldnetz. Oft ist es für die Frauen nicht leicht,
       einen neuen Job zu finden. Der Arbeitsmarkt ist hart. Wenn man dann noch
       das Stigma der Prostitution mit sich trägt, muss man auf einen sehr
       sozialen Arbeitgeber treffen, der das hinnimmt.
       
       Raten Sie Frauen, offen mit ihrer Vergangenheit umzugehen? 
       
       Aus meiner langjährigen Arbeit mit Prostituierten weiß ich, wie belastend
       diese Lügerei sein kann. Häufig ist die Angst vor der Diskriminierung real
       größer als das, was dann letztendlich passiert. Aber ob sie offen darüber
       sprechen will oder nicht, entscheidet jede Frau selbst.
       
       21 Mar 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Antje Lang-Lendorff
       
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