# taz.de -- Berliner Neonaziszene: Rechte drohen Exrechten
       
       > Neonazis nehmen Aussteiger und Abweichler ins Visier. Ex-Rechtsextremer
       > berichtet von versuchtem Überfall am Bahnhof Lichtenberg
       
 (IMG) Bild: Aussteiger aus der rechten Szene haben's schwer
       
       Gerade 23 Jahre alt ist Kevin Müller, aber der junge Mann kann auf eine
       bewegte Vergangenheit zurückblicken. Als 17-Jährigen zieht es Müller in die
       Berliner Punkszene. Wenig später wechselt er die Seite, wird Neonazi und
       verkehrt bei der NPD. Vor anderthalb Jahren die erneute Kehrtwende: Müller
       verlässt die rechte Szene, machte dies in einer Dokumentation mit seinem
       Gesicht und Namen öffentlich. Heute hält der Altenpfleger-Azubi vor
       Schulklassen Vorträge über seinen Werdegang.
       
       Voriges Wochenende musste Müller seinen Szeneausstieg beinah mit seiner
       Gesundheit bezahlen. Als er Samstagnacht mit drei Freunden nach einer Feier
       am Bahnhof Lichtenberg die S-Bahn gen Strausberg nehmen wollte, soll ihn
       eine Gruppe dunkel Gekleideter erkannt haben, berichtet Müller.
       "Verräterschwein" und "Judensau" hätten die sechs bis zehn Vermummten
       gerufen, "wir kriegen dich". Er habe in ein Bahnabfertigungshäuschen
       flüchten können, zwei Begleiter seien dagegen mit Pfefferspray attackiert
       worden. Müller vermutet Berliner Kameradschaftler hinter dem Angriff.
       "Bedroht wurde ich nach meinem Ausstieg aus der Richtung schon öfter, so
       direkte Gewalt habe ich aber noch nicht erlebt."
       
       Bei der Polizei wurde ein entsprechender Vorfall nachträglich angezeigt.
       Ein Notruf in der Nacht selbst sei aber nicht eingegangen, sagte ein
       Sprecher. "Der Staatsschutz ermittelt jetzt."
       
       Dass die rechtsextreme Szene rabiat mit Aussteigern oder Abweichlern
       umgeht, zeigte sie zuletzt auch in zwei anderen Fällen. Seit Wochen wird
       der frühere Berliner Kameradschaftler Denis S. als "Denunziant" geächtet,
       nachdem er in einem Gerichtsprozess zu einem brutalen Angriff auf einen
       23-jährigen "Kameraden" belastet hatte. "Vogelfrei" sei S., heißt es in
       einem Szeneforum. "Keine Gnade mehr."
       
       Letzten Freitag führte auch ein Aufzug von 30 Neonazis in Buckow zu
       Aufsehen. Laut einem Demobericht der rechten Szene richtete sich dieser
       auch gegen einen langjährigen Rechtsextremen mit Migrationshintergrund,
       zuletzt bei der DVU aktiv. Als "kulturloser Mischling" werde dieser
       "niemals Teil der nationalen Bewegung sein", heißt es. Der Aufzug habe
       deshalb vor dessen Wohnort begonnen.
       
       Bei Exit, der Hilfsorganisation für Neonazi-Aussteiger, sind diese jüngsten
       Vorfälle bekannt. Im Fall Müller müsse die Authenzität des Überfalls aber
       noch geprüft werden, sagte ein Mitarbeiter, selbst ein Aussteiger. "Die
       rechtsextreme Szene reagiert sehr gereizt auf Aussteiger, Gewaltandrohungen
       bis hin zu Mordaufrufen gehören zur Regel."
       
       Obwohl er selbst vor Jahren die Szene verlassen habe, sagt der Exit-Mann,
       erhalte er bis heute gelegentlich Drohungen.
       
       31 Mar 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Konrad Litschko
       
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