# taz.de -- Musiker Doldinger über Jazz und Unterhaltung: "Für mich eröffnete sich eine neue Welt"
       
       > Von ihm stammt nicht nur die "Tatort"-Melodie: Klaus Doldinger wird heute
       > 75 Jahre alt. Ein Gespräch mit dem Musiker und Komponisten über Jazz als
       > Klang der Befreier.
       
 (IMG) Bild: Klaus Doldinger hat keine Angst vor Unterhaltung.
       
       taz: Herr Doldinger, Sie sind seit 1960 Ehrenbürger der Stadt New Orleans.
       Wann waren Sie zum letzten Mal dort? 
       
       Klaus Doldinger: Das war 2005, glaube ich, anlässlich einer USA-Tour mit
       der Band Old Friends.
       
       Wie haben Sie die Flutkatastrophe damals verfolgt? 
       
       In meinem Bewusstsein bin ich nicht so eng mit der Stadt verbunden, wie man
       das annehmen könnte. Ich war auch nicht so oft in New Orleans. Es ist eher
       eine sinnbildliche Verbindung zur Geburtsstätte des Jazz, mit dem ich
       natürlich eine starke emotionale Bindung habe.
       
       Sie haben zunächst mit Dixieland angefangen, nachdem Sie eine klassische
       musikalische Ausbildung gemacht hatten. Was war Ihre erste Berührung mit
       Jazz? 
       
       Die gab es sehr früh zu Kriegsende. Ich war damals auf der Flucht aus Wien
       in Oberbayern gelandet, in Schrobenhausen, und hatte das Glück, dass bei
       der Truppe, die dort einzog, ein paar fähige Musiker unter den GIs waren,
       die eine Band hatten. Die probten dann im Gasthof, ich hörte sie dort und
       für mich eröffnete sich eine neue Welt. Ich hatte so eine Art von Musik
       noch nie gehört. Ich war gerade neun Jahre alt geworden, und das war
       natürlich ein unglaublicher Einschnitt für ein Kind, das praktisch nur das
       zu jener Zeit übliche deutsche Schlagergut kannte bzw. Volksmusik oder
       klassische Musik. Das hat mich für das spätere Leben als Initialzündung
       geprägt.
       
       Für viele Kinder der Kriegsjahre war diese Musik so etwas wie der Klang der
       Befreier. Hatte Dixieland für Sie auch so eine politische Dimension? 
       
       Ja, sicherlich. Man war sich natürlich in den ganz frühen Jahren gar nicht
       so bewusst, was wir hinter uns hatten. Ich hatte ja das große Glück, in
       Wien zu leben während der Kriegsjahre, bin auch dort zur Schule gegangen.
       Und der Krieg zog eigentlich an einem vorbei, ohne dass man realisiert
       hatte, was tatsächlich vorgefallen ist. Ganz zu schweigen von den
       NS-Gräueln, das hat man auch so nicht realisiert. Ganz im Gegenteil, ich
       habe als Kind nur Glanz und Gloria gesehen. Bei uns in der Gegend von Wien,
       in der wir lebten, wohnten einige hochrangige Nazi-Bonzen wie der Baldur
       von Schirach.
       
       Kannten Sie den persönlich? 
       
       Nein, aber ich habe das gesehen, wenn der Hermann Göring zu Besuch war und
       es großen Auflauf gab und die Herrschaften mit ihren großen Limousinen
       vorfuhren. Aber was dahinter lag, das hat man zu keinem Zeitpunkt
       wahrnehmen können. Das Ungute des ganzen Systems war einem überhaupt nicht
       klar.
       
       Ihr internationaler Durchbruch als Jazzmusiker war 1963, ein Jahr später
       begann Ihre Karriere als Filmkomponist. 
       
       Mit der Filmkomponistentätigkeit ging es eigentlich erst im Jahr 1969
       richtig los, mit meinem ersten Kinofilm für Klaus Lemke, "Negresco". Davor
       hatte ich zwar schon mal im Studio an ein paar Projekten mitgewirkt, hab
       auch ein paar Dokumentationen und Werbefilme vertont. Es war zu dem
       Zeitpunkt eher außergewöhnlich, dass jemand aus dem Bereich des Jazz
       engagiert wurde, um Filmmusik zu komponieren und zu arrangieren. Mir hat
       das von vornherein großen Spaß gemacht, zumal die Menschen, mit denen ich
       zu tun hatte, auf derselben Wellenlänge lagen wie ich. Diese frühen
       Kontakte zu einem Klaus Lemke, Volker Schlöndorff, Hans W. Geißendörfer,
       Reinhard Hauff, Margarethe von Trotta - das waren alles Menschen, die mir
       sehr lagen.
       
       Einer Ihrer größten Filmmusik-Hits, die "Tatort"-Melodie, war eine sehr
       frühe Filmkomposition. Das Stück haben Sie sich noch einmal in Ihrem
       aktuellen "Symphonic Project" vorgenommen. Können Sie das eigentlich noch
       hören?
       
       Ja, natürlich. Mich hindert nichts daran, gelegentlich auch den "Tatort"
       mal wieder anzuschauen und zu sehen, was heute daraus gemacht wird, und ich
       bin sehr glücklich über dieses Spontanprojekt, das ich damals praktisch
       zwischen Tür und Angel als Auftrag wahrnahm. Das war ja eine ganz harmlos
       klingende, zehnteilige Krimifolge. Da brauchte ich auch keine Alternativen
       anzubieten. Ich habe dieses eine Ding komponiert, und das wars halt. Das
       war damals sehr einfach und für mich ganz normale Arbeit. Ich hatte schon
       eine Reihe so kurzer Musiken produziert, zum Beispiel auch die
       Erkennungsmusik zur Einführung des Farbfernsehens Mitte der sechziger
       Jahre, die lief vor jeder Farbfernsehsendung. Dass der "Tatort" dann so
       erfolgreich wurde, hat mich sehr erfreut.
       
       Die "Tatort"-Melodie wurde einer Ihrer Fusion-Klassiker. 
       
       Ja, wir spielen das Stück mit meiner Band ja auch auf der Bühne, und es
       lässt sich wunderbar spielen.
       
       Als Sie Ende der Sechziger begannen, sich für Jazzrock und Fusion zu
       interessieren, hatte die experimentelle Free-Jazz-Szene in Deutschland
       gerade ihren Durchbruch. Wäre das für Sie auch ein Weg gewesen? 
       
       Nicht grundsätzlich. Das Prinzip des Free Jazz war mir keineswegs fremd,
       ich hatte ja gelegentliche musikalische Ausbrüche, wo ich sehr frei
       gespielt habe. Aber mir schwebte immer ein greifbares Konzept mit
       erkennbaren Themen und einer erkennbaren Solostruktur vor. Doch ich habe
       mich darüber gefreut, dass einige der bekanntesten Musiker des Free Jazz
       wie Peter Brötzmann oder Alexander von Schlippenbach oder mein Freund
       Manfred Schoof mit ihrer Musik à la longue auch große Anerkennung gefunden
       haben.
       
       Passport wurde eine der erfolgreichsten deutschen Jazzformationen.
       Theoretisch hätten Sie sich voll und ganz auf dieses Projekt konzentrieren
       und auf ihre Filmmusikkarriere verzichten können. Was hat Sie dazu
       gebracht, beides zu machen? 
       
       Ich habe das nie bewusst angesteuert oder gefördert, es gab auch keinen
       Agenten, der mich in irgendeine Richtung gepusht hat. Mich hat immer die
       Vielschichtigkeit der Tätigkeit interessiert, und die Arbeit für Film und
       Fernsehen hat mir den Blick für andere Themenbereiche geöffnet. Wenn man
       nur Instrumentalmusik für die eigene Band komponiert, besteht die Gefahr,
       dass man sich zu sehr im eigenen Zirkel wiederholt. Aber der Film fordert
       ja so derart heraus, auf emotionale Dinge einzugehen, auf gesellschaftliche
       Spannungen, Liebesgeschichten. Die Gefühle und Emotionen, die im Film
       entstehen können, mit Tönen zu verstärken, das ist für den Komponisten eine
       große Aufgabe. Leider wird es viel zu selten gemacht, dass die Komponisten
       von Filmmusiken ihre Musik dann auf der Bühne präsentieren.
       
       Sie fördern auch den Jazz in Deutschland. 
       
       So gut ich kann.
       
       Wie erklären Sie sich den schweren Stand, den Jazz in Deutschland gehabt
       hat? 
       
       Wir müssen uns doch klarmachen: Es geht letztlich auch um Unterhaltung. Der
       Jazz animiert aber dazu, nicht fürs Publikum zu spielen, sondern eher
       intellektuellen Inhalten zu folgen. Und es ist nicht jedem vom Naturell her
       gegeben, Menschen unterhalten zu wollen. Ich habe das innere Bedürfnis,
       wenn schon Menschen da unten sitzen, die Eintritt gezahlt haben, denen
       etwas zu geben, das sie mit einem guten Gefühl nach Hause gehen lässt. Ich
       beklage immer, dass bei den vielen Jazzseminaren, die es in Deutschland
       gibt, das Thema Bühnenpräsenz so gut wie gar nicht vorkommt. Man könnte den
       jungen Leuten in den Seminaren mal ein bisschen vermitteln, dass sie eine
       Verpflichtung haben, ihrem Publikum etwas zu geben, mit vollem
       Körpereinsatz und allem drum und dran.
       
       Haben Sie es damals eigentlich bedauert, als Ihr ehemaliger
       Passport-Mitstreiter Udo Lindenberg seine Laufbahn als Schlagzeuger bei
       Ihnen beendet hat? 
       
       Nein, ganz im Gegenteil. Im Zweifel habe ich das immer unterstützt, wenn
       einer meinte, er muss jetzt sein eigenes Ding probieren. Nur war es damals
       ganz schön schwierig, einen passenden Ersatz zu finden.
       
       12 May 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tim Caspar Boehme
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