# taz.de -- Kolumne Geräusche: Der Zahnarzt gibt Zwischengas
       
       > Dr. Frank, Motorradmathematiker, hat errechnet: "offener Auspuff =
       > offener Arsch".
       
       Durch unsere Straße müssen Motorräder, wenn sie ihre Rennstrecken im
       Rheingau ansteuern. Die Ampel vor dem Haus ist eines der letzten
       Hindernisse vor der großen Feierabendfreiheit, und da juckt es den einen
       oder anderen Fahrer natürlich schon im Handgelenk. Ich habe nichts gegen
       Mopeds, ich fahre selber eins. Nachdem ich aber die ersten Wochen noch mit
       heiterem Typenraten zugebracht habe, schleicht sich allmählich ein gewisser
       Verdruss ein. Es gibt nämlich kaum etwas anderes zu erlauschen als
       scheppernde Eisenhaufen aus Milwaukee. Die klingen bekanntlich, als rumpele
       ein kaputter Traktor über ein versumpftes Feld - und das ist für mich als
       Liebhaber, als würde ich mehrmals täglich die Quatschmusik von Lynyrd
       Skynyrd hören müssen. Akustische Monokultur. Inzwischen glaube ich sogar,
       dass man hier als Zahnarzt keine Praxis eröffnen darf, wenn man nicht den
       Besitz einer Harley-Davidson nachweisen kann. Mit offenem Auspuff.
       
       Es gilt die Gleichung "Offener Auspuff = Offener Arsch". Immer. Der offene
       Auspuff ist in dieser Gegend allerdings nicht die Ausnahme, die irre Grille
       eines einsamen Idioten. Nein, der offene Auspuff gehört hier nicht nur nur
       zum guten Ton, er ist der gute Ton. Ich verstehe schon, dass dieser Wille
       zum Krach irgendwie seine Gründe haben muss, so wie sich, sagen wir, der
       Waffenbesitz in den USA mit einer Kultur der Individualität und der ewigen
       Eroberung des Wilden Westens durch dieses Individuum erklären lässt.
       Gewitternd durch die Straßenschluchten zu röhren, das bedeutet für das
       aktive Männchen immer auch die Zurschaustellung von Dynamik,
       Risikobereitschaft und Potenz.
       
       Zuvor aber steht es, das Männchen, an dieser dummen Ampel und gibt aus
       purer Langeweile Zwischengas. Wieder. Und wieder. Zwischengas ist, wenn man
       durch einen kurzen Dreh am Gasgriff den Motor im Leerlauf hochjagt. Je nach
       Fabrikat tönt das dann nach einem aggressiven Jaulen, einem bedrohlichen
       Bellen oder - im Falle einer Harley-Davidson - nach einem unappetitlichen
       Verkehrsunfall, bei dem es auch zu Explosionen und Pistolenschüssen kommt.
       Nun gibt es für das Zwischengas sicher so viele vernünftige Begründungen
       wie für den offenen Auspuff - ein zu kleines Geschlechtsteil, ölverseuchte
       Libido, Testosteron. Der Zwischengasgeber gleicht dem Pornodarsteller, der
       sich für einen Dreh in Stimmung bringt. Was sonst sollte ein Primat mit
       einem Verbrennungsmotor zwischen den Beinen machen, wenn nicht -
       Balzgeräusche?
       
       Und so begleiten den Biker oft meine innigsten Flüche und Verwünschungen.
       Was die Sache nur noch schlimmer macht. Sind die Mopedfahrer alle endlich
       weg, wird es bald darauf erst richtig laut. Denn durchunsere Straße muss
       auch der Notarztwagen, wenn er die Rennstrecken im Rheingau ansteuert.
       
       Text: "Because I have learned that nothing is as pressing / As the one whos
       pressing would like you to believe / And Im content to walk a little slower
       / Because there is nowhere that I really need to be", Bright Eyes, "The
       Difference In The Shad".
       
       Musik: Das flehende Balzgeräusch des Kormorans.
       
       18 Aug 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Arno Frank
       
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