# taz.de -- Asylsuchender für Ehrenamt ausgezeichnet: Ein Ausgegrenzter wird gefeiert
> Am Tag des Ehrenamtes würdigt die Politik den Beniner Salomon
> Wantchoucou. Den Asylsuchenden wollte sie eigentlich längst abschieben.
(IMG) Bild: Seit Jahren kämpft Salomon Wantchoucou, dass Asylsuchende nicht mehr in Sammellagern leben müssen.
Normalerweise trägt Salomon Wantchoucou keine Krawatten. Also kann er auch
keine binden. Aber heute ist ein besonderer Tag. Denn heute ist
Wantchoucou, 38 Jahre alt, zweifach abgelehnter Asylbeweber aus Benin, beim
Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt eingeladen.
So steht Wantchoucou am Samstagvormittag auf dem Platz vor dem Palais am
Magdeburger Fürstenwall, es regnet, und der Wind bläst kalt, und
Wantchoucous Freund, mit dem zusammen er seit Jahren im Flüchtlingswohnheim
lebt, bindet ihm die Krawatte mit kleinen aufgedruckten Napoleonfiguren um
den Hals.
Vor vier Wochen schickte die Senatskanzlei einen Brief. Er habe sich in den
letzten Jahren "hervorragend um das Ehrenamt verdient gemacht", schrieb ihm
der Ministerpräsident Reiner Haseloff. Und das soll nun gewürdigt werden.
"Politik sagt Danke" heißt der Festakt, rund hundert Ehrenamtliche hat
Haseloff angeschrieben, sie strömen jetzt an Wantchoucou vorbei in den
Festsaal.
Im Eingang liegen für sie Kopien der Magdeburger Volksstimme aus, die heute
eine Fotogalerie der Geehrten auf ihre Titelseite abgedruckt hat. "Ich
möchte hier unsere politischen Positionen darstellen", sagt Wantchoucou. Er
bemüht sich sehr um korrektes Deutsch und zupft seinen Anzug zurecht, bevor
er die Senatskanzlei betritt.
Sein Ehrenamt ist anders als das der anderen Gäste. Wantchoucou ist Gründer
der Flüchtlingsinitiative Möhlau. Seit Jahren lebt der Geduldete in einer
völlig heruntergekommenen ehemaligen NVA-Kaserne im Landkreis Wittenberg,
weitab von der nächsten Stadt. Die Flüchtlinge bekommen in Sachsen-Anhalt
194 Euro im Monat nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, ein Drittel weniger
als Hartz IV.
Das Bundesland dürfen sie wegen der sogenannten Residenzpflicht nicht
verlassen, zu arbeiten ist den meisten verboten. Das Schlimmste sei die
Isolation im Lager Möhlau: "Wir müssen jahrelang im Wald leben. So können
wir uns niemals integrieren", sagt Wantchoucou. Die Flüchtlinge wollen eine
Arbeitserlaubnis und in Wohnungen leben. Mit Kundgebungen, Pressearbeit,
Eingaben und Protestaktionen versucht die Initiative, diesem Ziel näher zu
kommen. Bislang ohne Erfolg.
Im Palais reichen livrierte Kellner des Maritim-Hotels Sektgläser,
Pianomusik unterlegt die Stimmen, der Protokollchef läuft mit einem
Klemmblock umher. Die Geehrten mögen sich zu einem Gruppenbild auf der
Treppe im Innern des Palais aufstellen, ruft er. "Das Foto lassen wir ihnen
dann als Adventsgeschenk zukommen."
Der Festakt beginnt. Haseloff, der Ministerpräsident, ergreift das Wort.
"Das Ehrenamt ist das Lebenselixier einer Gesellschaft," sagt er. Ohne
Ehrenamt gebe es "keine Nächstenliebe, keine Hilfe, kein
Füreinandereinstehen. Wir brauchen Sie."
## "Wie zwei Zentner Gold"
Auch der Landtagspräsident Detlef Gürth hat sich ein paar Worte
zurechtgelegt. Kaum ein Wort der deutschen Sprache sei "so schön wie das
Wort ,danke' ", sagt Gürth. Dann möchte er den Ehrenamtlichen "zwei Zahlen
vorstellen, die die Leute, die selbst nichts machen, aber immer meckern,
kennen sollten". Die eine Zahl: Wer sich 30 Jahre ehrenamtlich engagiere,
komme "schnell auf 20.000 Stunden geleistete Arbeit." Die zweite: Beim
"derzeitigen Durchschnittslohn" und dem aktuellen Goldpreis könne sich das
Land "allein von der Arbeit, die Sie hier geleistet haben, zwei Zentner
Gold kaufen!" Auch Wantchoucou applaudiert höflich.
Zum Mittagessen sind die Gäste im prunkvollen Festsaal auf vierzehn Tische
verteilt, gemeinsam mit Politikern. Wantchoucou sitzt neben einem
uniformierten Pfadfinderleiter und einem uniformierten Mann von der
Freiwilligen Feuerwehr, es gibt Gemüseterrine, Saale-Unstrut-Wein und zum
Nachtisch Absinth-Panna-Cotta.
Vor dem zweiten Gang werden einzelne Geehrte von der Pressesprecherin des
Landtags vorgestellt. Sie präsentiert einen Mann, der hilft, eine Talsperre
im Harz zu erhalten, und den Vertreter eines Literaturclubs, der sich dem
Gedenken an den Magdeburger Autor Heinrich Zschokke verschrieben hat. "Wir
machen alle zwei Jahren eine Veranstaltung mit Zschokke", sagt er und es
gibt Applaus. Wantchoucou bekommt das Mikrofon nicht.
"Gastgeberin" an seinem Tisch ist die Grünen-Fraktionsvorsitzende Claudia
Dalbert. Zwei Ehrenamtliche durfte ihre Fraktion für den Empfang
vorschlagen, einer war Wantchoucou. "Wir wollten die Unkonventionellen. Das
ist eben unser Politikstil", sagt sie. "Unwürdig" nennt sie die
Unterbringung der Flüchtlinge.
Wantchoucou lebt in einem Raum im vierten Stock eines großen Betonkomplexes
außerhalb der Ortschaft Möhlau, östlich von Dessau. Die Deckenlampe ist
voll toter Motten, im Bad huscht eine Kakerlake davon, wenn das Licht
angeht, die Tapeten lösen sich wegen der Feuchtigkeit in großen Blasen von
den porösen Wänden. 1990 hinterließ die NVA die einstige Kaserne, verändert
hat sich an dem Bau seither kaum etwas.
1992 begann der Landkreis Wittenberg hier Flüchtlinge unterzubringen. Ein
Wachmann steht am Eingang des Geländes, eine afrikanische Frau mit vier
Kindern bricht zu einem Spaziergang auf. Die Kinder grüßen in akzentfreiem
Deutsch. Sie haben fast ihr ganzes Leben hier verbracht.
## Vertrag mit Betreiberfirma verlängert
Im Sommer wurde der Vertrag mit der privaten KVW Beherbergungsbetriebe GmbH
verlängert.
"Es gibt hier nichts, keinen Laden, niemand. Mit wem sollen die Kinder
spielen, wie sollen wir Erwachsenen Deutsch lernen?", fragt Wantchoucou.
"Das hier war eine militärische Einrichtung, das war nicht zum Leben
gedacht." In seinem Zimmer gibt es außer einem Kühlschrank, einem Bett und
einem Stuhl keine Möbel, die Gemeinschaftsräume sind komplett leer. Vor
Wantchoucos Bett liegen übrig gebliebene Exemplare einer Kampagnenzeitung
mit dem Titel "Break Isolation" gegen die Lagerunterbringung. Das
"Karawane"-Flüchtlingsnetzwerk hat sie herausgegeben, dort ist Wantchoucou
organisiert.
Auf einen Stapel Ausdrucke auf dem Boden neben der Heizung liegt "Das
politische System der Bundesrepublik Deutschland", die Ausgabe, die viele
Politologiestudenten lesen müssen. Er habe sie sich bei einem Freund
ausgeliehen. "Es ist wichtig, das zu kennen", sagt Wantchoucou.
2001 kam er nach Deutschland, seine Asylanträge hatten keinen Erfolg.
Abschieben kann der Staat ihn trotzdem nicht. Sein Land stellt ihm keine
Papiere aus - aus Rache für seine oppositionellen Aktivitäten, glaubt
Wantchoucou. Seit 2009 liegt deshalb beim Verwaltungsgericht Halle eine
Klage seines Anwalts auf eine Aufenthaltserlaubnis. Doch das Gericht hat
sich mit der Sache noch nicht befasst. Also bleibt Wantchoucou vorerst
Geduldet - und im Heim.
Als der Festakt in Magdeburg endet, überreichen Hostessen der Senatskanzlei
am Ausgang Präsente: Kaffeebecher mit der Aufschrift "Sachsen-Anhalt: Wir
stehen früher auf" und CDs aus der Reihe "Festspiel der Deutschen Sprache".
Wantchoucou bekommt die Folge, auf der ein "Tatort"-Kommissar Schillers
"Kabale und Liebe" liest.
## Keine Parlamentsinitiative
Er habe den anderen Gästen "seine politischen Positionen erklärt" und die
hätten gesagt, dass "das mit den Menschenrechten gut ist", sagt er. "Der
Pfadfinder, der neben ihm gesessen hat, mag nichts dazu sagen.
Wantchoucou bedauert, das Mikrofon nicht gereicht bekommen zu haben. "Aber
mit dem Mann von der Initiative gegen Rechts habe ich mich gut
unterhalten."
Dann tauscht er mit dem einzigen anderen geehrten Afrikaner, einem Mann aus
Tansania, der in der Freiwilligenagentur der Stadt Burg Integrationsarbeit
leistet, die Telefonnummern aus.
Am Ende kommt der Ministerpräsident am Stehtisch der beiden vorbei. "Ihr
seid hier nicht gut mit Kuchen versorgt?", fragt er. "Ich danke Ihnen, dass
Sie mich eingeladen haben", entgegnet Wantchoucou. "Und ich danke Ihnen,
dass Sie sich so engagieren", sagt Haseloff und klopft Wantchoucou auf die
Schulter. "Und jetzt hier weitermachen: Kaffee und Kuchen essen", sagt er,
und ist weg, bevor Wantchoucou auch ihm seine politischen Positionen
darlegen kann.
Dalbert sagt, die Grünen fordern seit Langem eine dezentrale Unterbringung
von Flüchtlingen. "Aber mit einer großen Koalition ist das schwierig."
Der Tag war "besser als nichts", sagt Wantchoucou. "Es ist schon eine Form
von Anerkennung, auch wenn wir immer noch im Heim sind." Für ihn sei der
Empfang "Lobbyarbeit", gewesen. Dann will er aufbrechen. In Halle beginnt
ein Flüchtlingstreffen - eine neue Kampagne gegen die Residenzpflicht steht
an. Ob man sie beide am Bahnhof absetzen könne, fragt er. Auf dem Weg sagt
sein Freund, der ihm die Krawatte gebunden hat, er finde es "schon sehr
nett", dass sie ihn geehrt haben. "Aber sie sollen nicht glauben, dass sie
damit unseren Mund gekauft haben."
5 Dec 2011
## AUTOREN
(DIR) Christian Jakob
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