# taz.de -- Dominikanische Republik: Einsame Insel im Pauschalparadies
       
       > Der Karibikstaat hat mehr zu bieten als protzigen Luxus und gutes Wetter.
       > Die Halbinsel Samaná beispielweise ist Ziel für Individualtouristen.
       
 (IMG) Bild: Domrep: United Colors of Samaná.
       
       Der Bug des kleinen Schnellboots durchstößt die Gischtkrone der Welle.
       Salzige Nässe legt sich auf die Lippen und benebelt den Blick durch die
       Brille. „Haltet euch fest!“, ruft Skipper Edwin, während er die Lenkstange
       des Außenbordmotors herumreißt. Hinter der kleinen Felsnase wird endlich
       Playa Rincón sichtbar.
       
       Die sichelförmige Sandbucht auf der dominikanischen Halbinsel Samaná ist
       seit Jahrzehnten ein Geheimtipp für Individualtouristen und hat noch immer
       nichts von ihrem Reiz verloren. Rund drei Kilometer lang feiner weißer Sand
       und Palmen, die sich seicht im Wind wiegen. „Und keine Touris“, freut sich
       Ruby.
       
       Dafür hat Doña Francisca dort, wo der Fluss Caño Frio sein angenehm kühles
       Süßwasser in die einsame Bucht ergießt, ihre Frittierküche aufgebaut. Vier
       Balken sind in die Erde gerammt, Pressspanwände und ein Wellblechdach
       schützen vor Wind und Wetter. Auf einer zum Holzkohleherd umgebauten
       Autofelge gart schon der mit Bohnen vermischte Reis. „Moro gibts, dazu
       frisch gegrillte Langusten oder frittierter Fisch“, wirbt die 60-Jährige
       für ein Mahl nach ausgiebigem Bad. „Das Bier ist eisgekühlt.“
       
       Auch das Wetter zeigt sich im Nordosten des Landes von der besten
       dominikanischen Seite: Nur wenige Wölkchen sind am blauen Karibikhimmel.
       Während an der Nordküste rund um Puerto Plata und Sosúa sowie im Osten bei
       Bavaró und Punta Cana die Alles-inklusive-Hotels dicht an dicht stehen, hat
       der Entdeckungswillige die Halbinsel Samaná fast für sich.
       
       Ein Großteil der anderen Buchten, wie zum Beispiel die idyllische Playa de
       Frontón, lässt sich nur mit dem Boot erreichen. Wenige auch mit einem
       fahrbaren Untersatz, aber erst nach einer anstrengenden Tour mit einem
       Allradfahrzeug über ausgewaschene und morastige Wege. Da lohnt sich doch
       die Ausgabe von 40 Euro für die Sechspersonengruppe von Las Galeras aus zum
       fünf Bootsminuten entfernten Playa Rincón, für den ein Hotelkonzern zwar
       schon eine Baugenehmigung hat, doch die notwendige Logistikinvestition für
       den Betrieb lohnt sich derzeit nicht - noch nicht.
       
       ## Die Massen sind bislang ausgeblieben
       
       Obwohl die dominikanische Regierung vor fünf Jahren einen eigenen
       internationalen Flughafen auf der Halbinsel eingeweiht hat, sind die Massen
       aus Europa und Nordamerika auf der 854 Quadratkilometer großen Peninsula
       ausgeblieben. Als ob die Natur in Konkurrenz zur Renditeabwägung der
       Reiseveranstalter kalkuliert, hat sie sich scheinbar dem „Klein ist
       fein“-Leitgedanken verschrieben und sich erfolgreich allen geplanten
       Großprojekten mit ihren eigenen Mitteln widersetzt.
       
       Zur Freude der Individualtouristen lassen sich in den oft winzigen Buchten
       keine Großhotelanlagen errichten. Alles andere rechnet sich nicht.
       
       Das mit Palmen bewachsene Samaná ist noch immer etwas für jene, die auf
       eigene Kappe reisen wollen - Entdecker eben. „Wir haben für alle was
       anzubieten, Principe“, versichert Carlos, der Fremdenführer. Für ihn sind
       alle Prinzessinnen und Prinzen, die sein Land besuchen. Und Samaná zeigt
       er, wenn Besucher die Schönheiten des Landes fernab vom Massentourismus
       kennenlernen wollen.
       
       Über Jahre haben die Verantwortlichen der dominikanischen
       Touristenindustrie das finanzielle Potenzial von Reisenden unterschätzt,
       die sich nicht von professionellen Reiseorganisatoren ein Ferienpaket
       schnüren lassen wollen, bei dem alle Unwägbarkeiten ausgeschlossen und
       jeder Urlaubstag vorhersehbar ist wie der Sonnenaufgang im Osten und das
       abendliche Verschwinden der Sonne im Westen. Aber auch Rucksackreisende
       sind nicht knauserig in ihren Ferien, wenn das Angebot stimmt.
       
       Erst mit dem Ende des Besucherbooms vor elf Jahren begann in der
       Dominikanischen Republik das Umdenken. Den damals fast ins Bodenlose
       gefallenen Zimmerpreisen versuchte man mit Masse und mit immer billigerem
       Service so lange zu begegnen, bis den Billigheimern aus Europa, aber vor
       allem denen aus Deutschland, das Interesse verging, weil in anderen Ländern
       noch niedrigere Preise geboten wurden. 1999 wurden mehr als 450.000
       Deutsche auf der zweitgrößten Karibikinsel registriert, heute sind es
       181.000 - Tendenz allerdings wieder steigend.
       
       Seit dem Umdenken werden Bergwanderungen und Abenteuerurlaub in den
       Zentralkordilleren angeboten, können Wildwasserfreunde den größten Fluss
       der Karibik, den Río Yaque, mit dem Schlauchboot unsicher machen und
       zwischen Wasserstrudeln und -schnellen hindurch manövrieren oder sich durch
       Wasserfälle abseilen. Paragliding, Wasserfallklettern, Mountainbiking,
       Trekking - hier gibt es nichts, was nicht angeboten wird.
       
       ## Palmendächer statt Hotelanlagen
       
       Dem Platzen der Touristenboomblase verdankt auch der schönste Strand
       Samanás und der gesamten Dominikanischen Republik, die Adlerbucht, ihre
       derzeitige Unberührtheit. Eigentlich sollten rund um die in der Nähe der
       haitianischen Grenze gelegenen Bahia de las Aguilas längst Großhotelanlagen
       stehen. Jetzt gibt es nur eine mit einem Palmdach gedeckte Großhütte mit
       Aussichtsplattform und eine Bootsanlegestelle. Der Strand ist nur mit einem
       Geländewagen zu erreichen, und das verschärfte Gesetz zum Naturschutz wird
       endlich durchgesetzt.
       
       „Wer die Naturschönheiten und die Menschen des Landes kennenlernen will,
       muss sich auf eigene Faust durchs Land bewegen“, rät Kim Bedall,
       Naturschützerin und Tourismusexpertin. „Die Dominikaner sind freundliche
       Menschen, die Besucher mit offenen Armen empfangen.“ Bedall organisiert von
       Dezember bis März Bootstouren in der Bucht von Samaná. Dann treffen in dem
       engen Seegebiet Hunderte von Buckelwalen ein, um sich in dem warm
       temperierten Karibikgewässer dem Liebesspiel hinzugeben und ihre Jungen bei
       der Rückkehr im Folgejahr zur Welt zu bringen. Die 12 bis 15 Meter großen
       und tonnenschweren Riesensäuger kommen schon seit Jahrtausenden,
       Walbeobachten hat sich allerdings erst seit ein paar Jahren zur Attraktion
       der Region ausgeweitet.
       
       ## Zum Versteck der segelnden Raubritter
       
       Wer von Santa Barbara de Samaná aus die Fähre über die Bucht nach Sabana de
       la Mar nimmt, kann kurz nach der Ankunft in der verschlafenen Ortschaft
       mithilfe ortskundiger Führer in eine beeindruckende Hügelwelt eintauchen:
       Los Haïtises. Dicht an dicht ragen Kegelhügel aus Karststein empor, die dem
       tropischen Regenwaldlabyrinth den Namen gegeben haben: Land der Hügelchen.
       Das Wasser hat mit der Zeit zudem Hunderte von Hohlräumen in die grünen
       Kuppen gewaschen. Über Jahrhunderte diente die Hügellandschaft als ideales
       Versteck für die segelnden Raubritter der Karibik.
       
       Hier findet man die Spuren der Taínos: Die Bewohner der 1.600
       Quadratkilometer großen Naturschutzzone nutzten die ausgewaschenen
       Naturhöhlen als Kultstätten und nach der Eroberung der Insel durch die
       Spanier als Zufluchtsort vor Verfolgung und Ausrottung. Die „Cueva de las
       Lineas“ ist reich verziert mit Zeichnungen der Ureinwohner, die die
       Jahrhunderte überdauert haben.
       
       Zurück in Samaná führt die Fahrt über El Limón mit seinem Wasserfall, der
       mit dem Pferd in einer Stunde zu erreichen ist, nach Las Terrenas. Auch
       hier versteckten sich einst Piraten, vor allem französische. Die Piraten
       sind längst verschwunden, das französische Ambiente nicht: Eine eigene
       französische Schule unterhält die Auswanderergemeinschaft, drei
       französische Bäckereien liefern täglich frische Baguettes und Croissants.
       Kleine Appartements und Strandhäuser bieten für Individualreisende auch mit
       schmalem Geldbeutel Unterkunft in der Ortschaft, die auch bei deutschen
       „Aussteigern“ beliebt ist. In Playa Bonita sind vor den kleinen Hotels
       Hängematten zwischen Palmen gespannt, in denen sich der Sonnenuntergang
       genießen lässt. Der Abend klingt dann im Pueblo de los Pescadores aus. In
       den ehemaligen Fischerhütten dinieren jetzt Urlauber. Und Carlos animiert
       im El Mosquito bei Piña Colada und Mojito seine Prinzessinnen und Prinzen,
       endlich das Tanzbein zu schwingen.
       
       21 Jan 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hans-Ullrich Dillmann
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Wahlen in der Dominikanischen Republik: Die neoliberale Maschine rollt
       
       Der sozialdemokratische Oppositionskandidat Mejía hat kaum noch
       Siegchancen. Schuld daran ist sein loses Mundwerk – und der mächtige
       Apparat der Regierungspartei.