# taz.de -- Cindy Shermans Frühwerk in Wien: Als die Identitätsspiele laufen lernten
       
       > Postmoderne Motive und ein kurzes Experiment: Eine Wiener Kunstsammlung
       > hat sich in den Kopf gesetzt, das "Frühwerk" Cindy Shermans auszugraben.
       
 (IMG) Bild: Cindy Sherman bei der Ausstellungseröffnung ihres Frühwerks in Wien am 25. Januar 2012.
       
       Wann beginnt ein Künstlerinnenleben? Im Fall der gloriosen
       Dis-Identitäts-Artistin Cindy Sherman galten bislang die "Untitled Film
       Stills" aus den Jahren 1977 bis 1980 als Anfang ihrer künstlerischen
       Karriere. Die enigmatischen Bilder, in denen sich Sherman in
       verschiedensten Rollen und jeweils stillgestellten Szenen nie gedrehter
       B-Movies inszeniert, begründeten ihren Ruhm und ihr Image als Künstlerin
       der radikalen Selbstverwandlung.
       
       Shermans Markenzeichen ist seither das Spiel mit Identitäten, Rollen und
       Transformationen, die nahezu unheimliche Kunst der exzessiven Nutzung und
       gleichzeitigen Verschleierung des eigenen Körpers. Zu den feministischen
       Implikationen ihrer Arbeiten ist viel gesagt und geschrieben worden, denn
       fast immer inszeniert Cindy Sherman Weiblichkeit als komplette Maskerade
       und stellt darin die Frau in ihrer Funktion als Projektionsfläche und
       Objekt des (männlichen) Blicks deutlich aus.
       
       Cindy Sherman schlüpft in alle Rollen, die sie grausam bis zur Groteske
       verbiegt, ohne jemals selbst von ihnen angetastet zu werden. Seit
       Jahrzehnten entwirft sie sich in stets neuen Szenarien, sei es als
       Sex-Crime-Opfer, gespenstische Clowns oder absurd schönheitsoperierte
       High-Society-Ladys.
       
       Doch es gab ein - kurzes - Leben Shermans vor den "Untitled Film Stills",
       und die Kunstsammlung des österreichischen Energiekonzerns Verbund
       (Sammlung Verbund) hat sich unter der Leitung von Gabriele Schor in den
       Kopf gesetzt, das "Frühwerk" Shermans auszugraben und als Werkeinheit zu
       konzipieren. Mit einer Ausstellung in Wien und einem noch umfangreicheren
       Katalog etabliert die Sammlung, deren Schwerpunkt auf feministischer Kunst
       liegt, nun das Werk Shermans aus den Jahren 1975 bis 1977 als Einheit und
       zeigt dabei einige bislang kaum oder gar nicht bekannte Arbeiten.
       
       ## Leichte, verspielte und experimentelle Atmosphäre
       
       Im dem kurzen Zeitraum Mitte der 1970er Jahre war Sherman Kunststudentin am
       State University College in Buffalo und gehörte dort, gemeinsam mit ihrem
       Partner Robert Longo, zur aufstrebenden Künstlergruppe des Hallwalls
       Contemporary Art Center. Das auffälligste Markenzeichen der 21- bis
       23-Jährigen ist ihre enorm große Brille, die in den ersten fotografischen
       Selbstporträts und dem Trickfilm "Dolls Clothes" prominent hervorsticht.
       
       Die Wiener Ausstellung und der Katalog spiegeln eine leichte, verspielte
       und experimentelle Atmosphäre jener Jahre. Wüsste man nicht, was später
       daraus wurde, könnte man manche der Abbildungen auch für x-beliebige
       Studentenfotos halten, Dokumente einer sich austestenden Jugend mit einem
       für diese Lebensphase typischen Hang zum Verkleiden, zu Scherzfotos und
       Theaterspielen.
       
       Die frühen Arbeiten, das sind beispielsweise Fotoserien, in denen Sherman
       mit ihrem Gesicht spielt, serielle Veränderungen in Ausdruck, Make-up und
       Accessoires akribisch festhält und sich von der bebrillten ungeschminkten
       Studentin bis hin zur lasziv rauchenden Verführerin transformiert. Die
       Serien erinnern an die Logik der Daumenkinos. In dieser Phase arbeitet die
       Künstlerin auch mit "Cut-outs", als Ganzkörperfotos ausgeschnittenen
       kleinen Figuren, die sie in theatralischen Szenen miteinander agieren
       lässt, etwa in "A Play of Selves" oder "Murder Mystery".
       
       Immer ist Sherman alle Personen zugleich, sie verkleidet sich nicht
       perfekt, sondern in sichtbar amateurhafter Theatermaske. Rimbauds Satz "Ich
       bin viele", der als Lieblingsmotiv der Postmoderne Karriere machen sollte,
       ist hier schon deutlich ausagiert.
       
       Zwei Motive in diesem Frühwerk erstaunen, denn sie kommen später bei Cindy
       Sherman nicht mehr vor. In der Fotoserie "Air Shutter Release Fashions" von
       1975 sieht man Shermans nackten Körper als Torso. "Air Shutter Release" ist
       der Selbstauslöser, und Sherman legt seine lange Schnur jeweils in der Form
       von Umrissen diverser Kleidungsstücke um den Körper, als Minirock, Bikini,
       T-Shirt. Anlass dieser dekorativen Bondage war eine Aufgabe der Lehrerin
       Barbara Jo Revelle, die von ihrer Klasse verlangte, sich fotografisch mit
       etwas als unangenehm Empfundenem auseinanderzusetzen. Sherman bezeichnet
       sich selbst im Rückblick als "prüde", den nackten Körper auszustellen fiel
       der Meisterin der Camouflage nicht leicht, und sie hat diese Arbeiten
       bislang nie gezeigt.
       
       ## Vom Bauarbeiter zur Dame
       
       Das zweite ungewöhnliche Motiv ist Shermans Verkleidung als Mann. In einer
       ihrer Gesichtsstudien wandeln sie Mimik und Maske schrittweise vom
       Bauarbeiter zur Dame mit Hut. In den Cut-out-Theaterspielen tritt sie als
       Mann auf, und auch in den Serien "Bus Riders" schlüpft Sherman in die Rolle
       männlicher Figuren. Nicht immer soll der Geschlechtswandel authentisch
       aussehen. Aber vor allem in der Serie "Bus Riders", in der Sherman die
       verschiedenen Fahrgäste eines Busses imitiert, sieht sie so aus, als sei
       sie gerade frisch einem "Man in a Day"-Workshop entsprungen. Als schwarzer
       Student, als sonnenbebrillter Businessmann, als sportiver Youngster oder
       gegelter Dandy, exakt so inszenieren sich die Drag Kings heute, Haltung und
       Outfit wirken irritierend echt und bleiben doch nur Stereotype.
       
       Warum ist Sherman, die ja in ihren Arbeiten immer die Zumutungen des
       Geschlechtlichen auslotet, nicht beim Changieren zwischen Männlichem und
       Weiblichem geblieben, beim Gender Bender und der queeren Performance? Der
       politische Geschlechterkampf hat ja genau diese Richtung genommen. Dagegen
       griff Sherman das, was den Gendersensiblen heute als avantgardistisch
       erscheint, damals Mitte der 1970er Jahre kurz auf - um es dann fallen zu
       lassen wie einen zu dürren Ast.
       
       Tatsächlich ließe sich die Frage stellen, wie radikal denn reines Drag und
       bloße Verkehrung der Geschlechter eigentlich sein können. Für Cindy Sherman
       jedenfalls schien künstlerisch wenig Potenzial darin zu liegen. Tatsächlich
       nehmen sich ihre Darstellungen als Mann, im Vergleich zu dem, was sie
       später mit der Frauenrolle anstellte, deutlich zu harmlos aus.
       
       Und vielleicht steckt ja eine generelle Weisheit hinter der Methode, auf
       penetrante Weise beim eigenen Geschlecht zu bleiben. Die sexuelle Identität
       ist zwar durch den sozialen, biologischen oder wie auch immer zu
       bezeichnenden "Gegensatz von männlich und weiblich" geformt; als
       thematische Obsession aber taugt die abstrakte Geschlechterfrage wenig. Das
       Spiel mit den entgegengesetzten Rollen, die Verkehrung der Welten, auch die
       ambivalente Darstellung von Männlichem und Weiblichem hätten nicht
       annähernd dieselbe Schlagkraft gehabt wie Shermans unermüdliche Operation
       am eigenen Geschlecht.
       
       ## Die 12-jährige Cindy
       
       Im frühen Werk Shermans lassen sich ex post dennoch jene Prinzipien
       wiederfinden, die weniger für den Feminismus als vielmehr später für die
       Queer- und Genderbewegung so bedeutsam wurden: Transformation, Performance,
       Maskerade. Das Verdienst des Frühwerkkatalogs ist es, dass er Herkünfte
       aufweist, erste Spuren einer künftigen Entwicklung. Er zeigt in den
       Gesichterserien und Cut-outs den beweglichen Beginn dessen, was Cindy
       Sherman später in einzelne Bilder und zu "Stills" zusammenfassen wird. Die
       Entwicklung des "Von-zu", so bemerkt Gabriele Schor im einleitenden Essay,
       werde in den späteren Arbeiten zu einem einzigen Endprodukt verdichtet.
       
       Das lustigste und schönste Bild des Katalogs aber ist ein Foto, das die
       12-jährige Cindy zusammen mit einer Freundin als altes Damenpaar verkleidet
       zeigt. Die beiden Mädchen imitieren die Alten genau bis in die
       Körperhaltung hinein und recken die kurzsichtig grimassierenden Gesichter
       in Richtung Kamera.
       
       Immer schon wollte Cindy Sherman lieber alte Hexen mit Hängebrüsten
       imitieren als Prinzessinnen. Ihr künstlerischer Impuls stammt aus dem
       allgemeinen kindlichen Trieb, sich zu kostümieren, ein anderes Aussehen,
       einen anderen Ausdruck anzunehmen. Der Unterschied ist nur, dass Sherman
       niemals aufgehört hat mit der Verwandlung - und dass sie das arglose Spiel
       der Verkleidung in seine gespenstischen Abgründe trieb.
       
       "Thats me - Thats not me. Cindy Shermans frühe Werke". Ausstellung der
       Sammlung Verbund, Wien, bis 16. Mai. Catalogue Raisonné, hg. von Gabriele
       Schor, 256 Seiten, ca. 288 Abbildungen, 2012, Verlag Hatje Cantz. Infos
       unter [1][www.verbund.com] - Cindy Sherman Retrospektive vom 26. Februar
       bis 11. Juni im Museum of Modern Art New York.
       
       3 Feb 2012
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.verbund.com
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andrea Roedig
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Feminismus
       
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