# taz.de -- Rechtsextremismus: "Wir wissen da wenig Bescheid"
       
       > Seit drei Jahren vermietet ein Immobilienunternehmen die Kneipe Zum
       > Henker in Schöneweide an einen Neonazi. Warum eigentlich? Ein Protokoll.
       
 (IMG) Bild: Die Nazi-Kneipe "Zum Henker": Hier bewacht von Polizisten während Protesten gegen Rechts im April.
       
       Drei Jahre nun schon werden im Henker in der Brückenstraße in Schöneweide
       „Himmla“-Cocktails und „Odin“-Biere über den Tresen gereicht. Von Paul
       Barrington, ein vorbestrafter Neonazi. In seiner düsteren Kneipe besaufen
       sich die strammsten Rechtsextremen der Stadt, trifft sich die NPD. Auf der
       Homepage sieht man Männer in Uniformen, die nach NS-Zeit aussehen.
       
       Der Verfassungsschutz nennt den Henker den „zentralen Treffort der
       rechtsextremistischen Szene“ der Stadt. 2009 verprügelten Gäste einen
       Migranten, dieser erblindete auf einem Auge. Regelmäßig splittern Scheiben
       des benachbarten Büros der Linkspartei. Das Bezirksparlament beschloss,
       „alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auszuschöpfen“, um den Henker
       zu schließen, Anwohner schrieben Protestkarten.
       
       Nur einer rührt sich nicht, seit drei Jahren schon: der Vermieter, die ZBI
       Zentral Boden Immobilien Gruppe. Warum eigentlich nicht?
       
       Donnerstagmittag, 5. Juli. Anruf in der Berliner Geschäftsstelle der F&M
       Finanzierungs- und Mietgesellschaft, zuständig für die Vermietung der ZBI
       in der Hauptstadt. Frau Manthey meldet sich. Ja, sagt sie, der Henker sei
       bekannt. Da müsse man mit Frau Borchardt sprechen, der Vermietungsleiterin.
       Die sei erst morgen wieder im Haus, 9 Uhr.
       
       Zweiter Anruf. Diesmal im fränkischen Erlangen, Hauptzentrale der ZBI, 450
       Kilometer weit weg von Schöneweide. Eine Neonazi-Kneipe in Berlin? Eine
       Sekretärin verbindet mit Herrn Kreiner. Nicht da. Dann Herr Bader, sagt die
       Frau. „Meier?“, meldet sich ein Mann. Ah, Brückenstraße, da könne er nichts
       sagen. Aber Herr Bader. Der sei nur gerade nicht da. Später ist er es auch
       nicht. „Der steckt im Stau. Probieren Sie’s morgen.“ Im Netz wirbt die ZBI
       mit „sorgfältiger Auswahl der Investitionsobjekte.“ 180 Mitarbeiter, 16.000
       Wohnungen bundesweit.
       
       Freitagmorgen, erneuter Anruf in Erlangen. Ein Herr Scheuer geht ans
       Telefon. Herr Bader? Sei leider in einer Besprechung. Eine Stunde später:
       Sebastian Bader hebt ab. „Folgendes“, sagt er. Bei 16.000 Wohnungen gebe es
       „hier und da Unstimmigkeiten“. Da wisse er im Einzelnen „relativ wenig
       Bescheid“. „Schicken Sie Ihre Fragen schriftlich.“ Wir schicken eine
       E-Mail, 10.28 Uhr.
       
       Um dieselbe Zeit, Berlin. Frau Borchardt, F&M-Vermietungsleiterin, ist
       dran. Beim Thema Henker, sagt sie, müsse sie mit Herrn Prengel verbinden,
       dem Niederlassungsleiter. Besetzt. Herr Prengel rufe zurück.
       
       Freitagmittag. Herr Prengel hat nicht zurückgerufen. Frau Borchardt stellt
       noch mal durch. Ja, sagt Prengel schließlich, „diese Gastronomie“ kenne er.
       „Aber bitte schicken Sie Ihre Fragen per Fax.“ Das Fax geht raus, 13.57
       Uhr.
       
       Montag, E-Mail aus Erlangen. Dr. Bernd Ital, ZBI-Vorstand persönlich. Auf
       einem Foto sieht man einen ernsten Mann mit akkuratem Scheitel und
       filigraner Brille. „Vielen Dank für Ihre Anfrage“, schreibt Ital. Dann vier
       kurze Sätze, einer pro Frage. „Beim Ankauf des Objektes waren rechtsextreme
       Aktivitäten nicht erkennbar. Eine Kündigung ist auf Basis des heutigen
       Mietrechts nicht durchsetzbar. Von Dritten an uns herangetragene Bitten,
       das Mietverhältnis zu kündigen, können aufgrund 2. nicht umgesetzt werden.“
       Und auf die Frage, ob die ZBI grundsätzlich Probleme habe, an Rechtsextreme
       zu vermieten: „Sofern bei einer Mietanfrage an unsere Unternehmensgruppe
       ein extremistischer Hintergrund angenommen werden muss, werden die
       Vermietungsaktivitäten nicht weiter verfolgt.“ Freundliche Grüße.
       
       „Letztlich sind Kündigungen eine politische Entscheidung“, sagt Kati Becker
       vom Zentrum für Demokratie in Schöneweide. Vermieter bekannter
       Neonazi-Locations in Berlin sind zuletzt so verfahren: Einem Rechtentreff
       in Lichtenberg, der sich als Sozialverein tarnte, wurde gekündigt, wegen
       arglistiger Täuschung. Dem Laden des NPD-Landeschefs, ebenfalls in
       Schöneweide, weil dieser sich weigerte, keine rechtsextremen Gegenstände
       mehr zu verkaufen. Auch die bei Rechten beliebten „Thor-Steinar“-Geschäfte
       wurden verklagt. Die Filiale in Mitte schloss 2010, die in Friedrichshain
       muss 2015 dichtmachen. Becker sagt, die Kooperationsbereitschaft der ZBI
       sei „ausbaufähig“. Aus dem Bezirksamt ist Ähnliches zu hören. Für den
       Henker, so Becker, könne sich die ZBI ja zumindest Auflagen überlegen oder
       eine „kreative“ Fassadengestaltung. Man berate da gern.
       
       In Berlin, bei der F&M, verweist man nun auf die Zentrale in Erlangen –
       Nachfrage per E-Mail beim dortigen Vorstand Bernd Ital. Ob die ZBI denn
       juristische Schritte zumindest geprüft habe? Ital antwortet am
       Mittwochnachmittag: Habe man, erfolglos. „Wenn der Mieter gegen den
       Mietvertrag verstößt, würden wir kündigen.“
       
       Der Vertrag gilt noch für fünf Jahre. Nun lädt der Henker wieder zur „88
       Cent“-Party. Die 8 für den achten Buchstaben im Alphabet, die Doppel-8:
       Heil Hitler.
       
       11 Jul 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Konrad Litschko
       
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