# taz.de -- Solo-Ausstellung Halil Altindere: Wenn ich nicht tanzen kann
       
       > Halil Altindere ist eine Schlüsselfigur der Kunstszene in der Türkei. In
       > Berlin ist jetzt seine erste Einzelausstellung in Deutschland zu sehen.
       
 (IMG) Bild: Fremd im eigenen Land: Halil Altinderes Leuchtkasten mit C-Print No Man’s Land (2012).
       
       „Glücklich ist, wer sich Türke nennen darf.“ Wer das überall in der Türkei
       plakatierte Motto des Staatsgründers Atatürk kennt, kann ermessen, was es
       bedeutete, als der Künstler Halil Altindere im Jahr 1997 seinen türkischen
       Personalausweis vergrößerte und an eine Passdruckerei in Istanbul hängte.
       
       Der 1971 in Mardin geborene Künstler ist nämlich kurdischer Abstammung. Und
       noch bis vor wenigen Jahren war es tabu, die heilige türkische Nation und
       ihre Symbole kritisch zur Schau zu stellen.
       
       Es ist einigermaßen verwunderlich, dass dieser Mann noch nicht in einer
       Soloshow in Deutschland vorgestellt worden ist. Denn Altindere gehört zu
       den Schlüsselfiguren der zeitgenössischen Kunstszene in der Türkei,
       zusammen mit Künstlerinnen wie der im Jahr 1946 geborenen Gülsün
       Karamustafa oder Hale Tenger. Jahrgang 1960 leitete er zu Beginn der
       neunziger Jahre eine neue Politisierung der türkischen Kunstszene ein.
       
       ## Repräsentationskritik an den Tabus
       
       Migration, Identität und Geschlecht waren die Themen, mit denen die
       sogenannte 95er-Generation sich von der alten Künstlerelite absetzte, die
       sich noch an der Soz-Art oder der westlichen Abstraktion orientierte, sich
       mit ihrer, in der Form spielerischen, in der Sache harten
       Repräsentationskritik an den Tabus und Symbolen der türkischen Gesellschaft
       abarbeitete. Und die sich neue Medien wie Video, Performance oder
       Installation erschloss.
       
       Wenn Altindere einen Transvestiten im T-Shirt mit der Aufschrift „Türkiye“
       fotografiert, definiert er die Macho-Nation von ihren Minderheiten her. Und
       wenn er in dem Video „Dengbejs“ kurdische Männer in einem Istanbuler
       Hinterhaus Geschichten erzählen lässt, definiert er den kemalistischen
       Gründungsmythos der „einheitlichen türkischen Nation“ von ihren
       verleugneten und blutig unterdrückten Volksgruppen her.
       
       Im Jahr 1999 gab Altindere die Kunstzeitschrift art-ist heraus und
       organisierte Ausstellungen, blieb in erster Linie aber immer Künstler. Sein
       wichtigster Mentor und Verbündeter war Vasif Kortun. Der unabhängige
       Kurator, der heute Direktor des SALT-Kunsthauses in Istanbul ist, sprach
       von der 95er-Generation als Künstlern, „die politische Stücke produzierten,
       ohne politisch organisiert zu sein“.
       
       Ihr „Erfolg“ ließ nicht lange auf sich warten: Für seine Arbeit mit den
       vergrößerten Personalausweisen war Altindere als erstem türkischem Künstler
       eine parlamentarische Untersuchung angedroht worden, wegen Verunglimpfung
       des türkischen Ausweises. Die Istanbul-Biennale, auf der er die Werke
       ausgestellt hatte, hatte ihren Skandal.
       
       „An attack on my art is an attack on socialism and progress“ – die auf die
       Wand gesprühte Parole, die den Besucher der von dem türkischen Koc-Konzern
       gesponserten Kunsthalle Tanas empfängt, sieht nach klassischer Politkunst
       aus. Doch die Arbeit „Hommage to Mladen Stilinovic zielt auf das
       Ironiekonzept des fast gleich alten serbischen Neokonzeptualisten.
       
       ## Poesie und ästhetische Strenge
       
       Denn wenn man etwas vergebens sucht in Altinderes Kunst, dann
       revolutionäres Pathos. Wohl aber findet man Poesie und ästhetische Strenge.
       Einer Arbeit hat Altindere „If I can’t dance, I don’t want to be part of
       your revolution“ genannt – nach dem Motto der amerikanischen Anarchistin
       Emma Goldman. Die handgefertigte Goldkette auf dem Foto hat er einer jungen
       Frau um den Hals gehängt, die ein T-Shirt in der Anarchistenfarbe Schwarz
       trägt.
       
       Wie Stilinovic kleidet Altindere seine Kritik immer in ironische Paradoxe.
       Wenn er in seiner Arbeit „Das Kapital“ von 2009 in Marx’ Hauptwerk mit
       Hilfe eines Lasers ein Loch in Form einer Pistole schneidet, will er an die
       mörderischen Folgen einer allzu gläubig verfolgten Ideologie erinnern.
       
       Wenn er in der Arbeit „No Man’s Land“ einen Raumfahrer auf einem historisch
       aufgezäumten Pferd in die prähistorische Vulkanlandschaft Kappadokien
       stellt, symbolisiert er, wie oft in der Türkei Fortschritt und vergessene
       Geschichte unvermittelt nebeneinander existieren. Und wenn er auf einer
       türkischen Banknote den Staatsgründer Atatürk die Hände vor das Gesicht
       schlagen lässt, demonstriert Altindere seine Hauptwaffen: Ironie und Humor.
       
       Selbst da, wo er die gefährdete Rolle des Künstlers in der Türkei
       anspricht, wirkt sein Werk noch wie eine surrealistische Performance: In
       dem Video „Who shot the artist“ von 2009 sieht man Altindere in einer
       Istanbuler Shopping Mall auf den Zuschauer zugehen. Plötzlich fallen
       Schüsse, der Künstler ist getroffen, das Blut beginnt aus seiner Brust zu
       spritzen. Trotzdem lässt er sich nicht von seinem improvisierten Referat
       über die türkische Kunstszene abhalten.
       
       Die Arbeit ist näher an der türkischen Realität, als man denkt. Zwei Jahre
       nach ihrer Entstehung wurde in Istanbul auf offener Straße ein Attentat auf
       den türkischen Maler Bedri Baykam verübt, als er öffentlich gegen den
       Abriss eines Denkmals protestierte.
       
       Aber Altindere wusste ja, auf was er sich einließ, als er beschloss, ein
       Künstler zu werden, der, wie er es sagte, „nicht im Atelier auf Inspiration
       wartet“.
       
       Halil Altindere: „Infinity has no accent“. Tanas-Kunstraum. Noch bis zum
       24.11. Booklet 4 Euro
       
       4 Oct 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ingo Arend
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kunst Türkei
       
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