# taz.de -- Zu wenige Plätze: Schlafplatz für eine Nacht
> Das Winternotprogramm für Obdachlose in Hamburg ist hoffnungslos
> überlaufen. In der Schlange stehen vor allem Arbeitssuchende aus
> Osteuropa.
(IMG) Bild: Anstehen für ein Dach überm Kopf: Schlange an der Spaldingstraße bei einer Unterkunft des Hamburger Winternotprogramms.
HAMBURG taz | In einem alten Bürohochhaus in der Spaldingstraße 1, zehn
Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, liegt die Hauptunterkunft des
Hamburger „Winternotprogramms“ für Obdachlose. Es ist 17.15 Uhr, das
Thermometer zeigt fünf Grad. Etwa 20 Menschen stehen in der Schlange und
warten auf einen Schlafplatz. Es sind Männer, Frauen und Paare im Alter von
Mitte 20 bis Mitte 40. Der Einlass beginnt jeden Tag um 17 Uhr.
„In Hamburg muss niemand auf der Straße schlafen“, hat der Senat
versprochen. Aber stimmt das auch? Drinnen in dem hell erleuchteten Vorraum
sieht man Security, vier Männer und zwei Frauen, sie tragen weiße
Einweghandschuhe, tasten Körper ab und durchsuchen Taschen.
Mir wird schon nach 15 Minuten Stillstehen kalt. Die anderen in der
Schlange scheinen geduldig, unterhalten sich in Sprachen, die ich nicht
verstehe. Einer hat eine Flasche Rum in der Hand, ist betrunken, wird laut.
Der Träger der öffentlichen Unterkünfte der Stadt Hamburg, das Unternehmen
„Fördern und Wohnen“, hat Zahlen, wonach das Winternotprogramm zu 95
Prozent von osteuropäischen Arbeitssuchenden genutzt wird. „Das war
eigentlich nicht so gedacht“, sagt Geschäftsführer Rembert Vaerst. Nach dem
Willen des Senats sollte die Unterkunft Obdachlosen einen
„Erfrierungsschutz“ bieten, die „in Hamburg eine Lebensperspektive haben“.
Seit Mai 2011 dürfen Arbeitsuchende aus Osteuropa nach Deutschland
einreisen, für Bulgaren und Rumänen gelten Sonderbestimmungen: Die
Arbeitsagentur muss ihre Beschäftigung genehmigen, sie können aber ein
Gewerbe gründen. Oft werden sie so in die Scheinselbstständigkeit gedrängt
und müssen für Löhne arbeiten, die zum Leben nicht reichen. 2011 kamen aus
Polen 5.000 Menschen nach Hamburg, aus Rumänien 1.500 und aus Bulgarien
2.000.
Der Senat hat für Arbeitssuchende aus Osteuropa eine Anlaufstelle
eingerichtet, um sie „gezielt zu beraten“ – Kritiker sagen: um sie zur
Rückkehr in die Heimat zu bewegen (taz berichtete). Andreas Stasiewicz, der
Leiter der Beratungsstelle, sieht das Problem vor allem in Billiglöhnen und
der Schwarzarbeit. „Ausbeutung produziert Wohnungslosigkeit“, sagt er.
„Wenn jemand, der in seiner Heimat 120 Euro verdient, hier 500 Euro
bekommt, ist der glücklich. Er vergisst aber, das er von diesem Geld auch
hier leben muss.“
17.45 Uhr, ich stehe immer noch vor der Tür der Unterkunft in der
Spaldingstraße. Ein Security-Mann kommt raus und verkündet das Ende des
Einlasses: „Um 22 Uhr könnt ihr wiederkommen.“ Um 22 Uhr werden sie in den
Warteraum gelassen, dort dürfen sie auf Stühlen schlafen.
Die Leute vorne fangen an mit dem Mann zu diskutieren. Offenbar versteht
man sich nicht. Er versucht es noch mit Handzeichen, dann schließt sich die
Tür wieder. Keiner geht, alle bleiben stehen, als würde es gleich
weitergehen.
## Schlafplatz besetzt
Die Schlafplätze werden nach einem System vergeben: Zuerst kommen die dran,
die schon letzte Nacht einen Schlafplatz hatten, dann die anderen. So ist
es möglich, einen festen Schlafplatz im Winternotprogramm zu haben –
solange man sein Bett keine Nacht leer lässt. Von den 230 Plätzen werden
täglich nur 10 bis 20 wieder frei.
Bis morgens um 9 Uhr müssen alle das Gebäude verlassen haben. Das soll
„Struktur ins Leben bringen“, wie Geschäftsführer Rembert Vaerst erklärt.
Für den warmen Platz am Tage gebe es andere Anlaufstellen, sagt Vaerst. Zum
Beispiel das Herz As, eine Tagesstätte. Das liegt um die Ecke, ist aber so
überlaufen, dass sie bereits am Mittag die Türen schließt. Samstag und
Sonntag ist es gar nicht geöffnet. Für ein auskömmliches Angebot an
Schlafplätzen sorgen, will die Stadt nicht. Und auch Vaerst glaubt, das ein
größeres Angebot auch die Nachfrage steigen lässt: „Wir könnten hier alle
Stockwerke aufmachen und sie wären voll.“
Ich mache mich auf den Weg in die Hamburger Neustadt. Dort gibt es das Pik
As, eine weitere Einrichtung für obdachlose Männer mit 190 Plätzen. Als ich
um die Ecke in den Hof einbiege, kommt mir ein betrunkener Mann mit langen
Haaren und Cowboyhut entgegen. Ich frage ihn, wie es denn drinnen aussieht.
„Stress“, sagt er. – „Und, ist noch was frei?“ Er winkt ab und geht weiter.
Ich gehe rein, vorbei an dem Pförtner, der den Summer bedient. Ich muss
nichts sagen – die Tür geht auf. Ich betrete einen Vorraum, links ein Wagen
mit schmutziger Bettwäsche, dahinter ein Kaffeeautomat. Rechts ein Tresen,
auf dem ein Karton mit Teebeuteln steht, daneben Plastikbecher und eine
Plastikbox mit trockenen Graubrotscheiben. Auf einem Schild steht
„Aufnahme“.
Ein alter Mann wartet mit einem leeren Plastikbecher in der Hand. Im Gang
läuft ein anderer, hagerer, mit leerem Blick auf und ab und brabbelt vor
sich hin. Dann kommt der Pförtner aus seiner Loge. Der alte Mann fragt ihn
nach Kochsalz. Sein Gegenüber zieht die Augenbrauen zusammen, schüttelt den
Kopf: „Kochsalz?? Nee!“
Dann wendet er sich mir zu: „Ja?“ – „Habt ihr noch was zum Schlafen?“ –
„Nee, vielleicht in der Spaldingstraße.“ – „Aber Spaldingstraße ist ja auch
voll“, sage ich.
## Kopf auf dem Tisch
Bleibt nur der Aufenthaltsraum im Pik As, der total überfüllt ist. Dort
stinkt es beißend. Der Fernseher flimmert in die Gesichter der Männer, die
an den Tischen sitzen. Außer den Menschen im Fernseher redet niemand, ein
paar Sitzplätze sind noch frei. Einige haben ihren Kopf auf den Tisch
gelegt und schlafen. In einer Ecke liegen welche in ihren Schlafsäcken.
Zwei Männer rauchen vor der Tür, sie sind Stammgäste und haben ein Bett.
Der eine sogar ein Einzelzimmer, das eigentlich seiner Freundin gehört, die
aber gerade im Krankenhaus ist. Er fragt mich, ob ich nicht weiß, wo ich
schlafen soll. „Hast du Geld?“ Ich zögere. „Für zehn Euro kannst du in
meinem Zimmer pennen.“
Das Pik As soll nachts so überlaufen sein, dass die Leute auch im Vorraum
und auf den Gängen schlafen. 300 Menschen übernachten dort, bei 190
Plätzen. „Die Zustände sind katastrophal“, sagt ein Sozialarbeiter. Die
Stadt Hamburg hat erklärt, bis Ende März rund 1.000 neue Plätze in der
öffentlichen Unterbringung schaffen zu wollen.
3 Dec 2012
## AUTOREN
(DIR) Niels Holsten
## TAGS
(DIR) Rumänien
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