# taz.de -- Kultur im Krematorium: Der morbide Charme der Weddinger Bohème
       
       > Der Einzug der Galerie Patrick Ebensperger in ein ehemaliges Krematorium
       > ist Ausgangspunkt für einen neuen Kreativ-Campus in Wedding.
       
 (IMG) Bild: Installation im Rahmen der Berlinale-Sektion "Forum expanded" im Februar 2013 im alten Krematorium.
       
       Eines der eindrücklichsten Werke stammt von Kei Takemura, einer japanischen
       Künstlerin, die 1974 in Tokio geboren wurde, ab dem Jahr 2000 in Berlin
       studierte und seither hier lebt. Es ist eine großformatige Wandarbeit mit
       dem Titel „Remembering Grandmother‘s Living Room“ und zeigt einen
       menschenleeren Innenraum.
       
       Die Künstlerin hat mit heller Gaze und weißem Seidenfaden gearbeitet, einem
       traditionellen japanischen Material, dem eine Haltbarkeit von mehr als
       1.000 Jahren nachgesagt wird. Es ist ein weiteres der Werke von Kei
       Takemura, das um schwere Themen wie Erinnern und Bewahren kreist.
       
       So groß das Werk ist, so filigran, licht und leicht wirkt es andererseits –
       und passt damit optisch wie thematisch in die Galerie Patrick Ebensperger,
       deren neue Räume mit einer aktuellen Ausstellung von Werken von insgesamt
       vierzehn Künstlern ab heute zu besichtigen sind.
       
       Denn die stolzen 1.000 Quadratmeter der Galerie befinden sich im ehemaligen
       Krematorium Wedding, in einer ehemaligen Aussegnungshalle, die in den
       1930ern erbaut wurde und die der Galerist nur notdürftig hat renovieren
       lassen – so, dass die ursprüngliche Bestimmung dieses Hauses, sein sakraler
       Charme, nicht übertüncht wird.
       
       Titel "Green Silten" 
       
       Die Galerie ist somit der erste Ort für Kultur auf diesem einmalig schönen
       Gelände. Im Sommer 2014 wird es komplett eröffnen – als neuer
       Kreativ-Campus unter dem Titel „Silent Green“. Nach dem
       Ex-Rotaprint-Gelände, dem Stattbad und den Uferhallen ist dies also das
       vierte Leuchtturmprojekt in dieser bislang eher wenig erschlossenen Gegend.
       
       Man kann den Stolz des Berliner Filmemachers und Immobilienkaufmanns Frank
       Duske nachvollziehen, wenn er in seinem eleganten Anzug und seinen spitzen
       Schuhen über das Gelände geht, das er gemeinsam mit seinem Partner Jörg
       Heitmann 2012 vom Liegenschaftsfonds erwarb – einem Gelände, auf dem es vor
       Bauarbeitern momentan noch wimmelt, die vor allem noch mit dem Rückbau
       befasst sind.
       
       Kernstück des ehemaligen Krematoriums, das bei seiner Eröffnung 1912 nach
       den Plänen des Berliner Architekten William Müller eröffnet wurde, ist eine
       siebzehn Meter hohe, achteckige Urnenhalle mit Mansardendach: Die erste
       Aussegnungshalle des Krematoriums in der Gerichtstraße 37/38. Frank Duske
       weist auf den ehemaligen Sargaufzug, auf den Terrazzoboden mit
       Schlangenmotiv, der noch ganz staubig ist, weil er gerade geschliffen
       wurde. Oben im befinden sich zwei Balkone über die gesamte Raumlänge.
       
       Duske kann sich gut vorstellen, dass hier eine Ausstellungshalle entsteht,
       in der vielleicht hin und wieder auch eine Modenschau oder ein kleines
       Konzert stattfinden kann. In den anderen Räumen, allen voran den
       Kolumbarien, in denen die Urnen standen, schweben ihm vor allem Ateliers,
       Projekt- und Büroräume vor – vielleicht für eine Plattenfirma, vielleicht
       für Filmproduktionsfirma.
       
       Unterdirdische Halle 
       
       Nur für die unterirdische und daher tageslichtfreie Halle unter der Wiese
       vorm Krematorium, da hat Duske bislang noch keine Idee. Die Halle wurde
       erst kurz vor der Schließung des Krematoriums vor wenigen Jahren fertig
       gestellt. „Für den Katastrophenfall“, sagt Duske, also für kontaminierte
       Leichen. Vor zehn, fünfzehn Jahren, erzählt er, da hätte er vielleicht noch
       über einen Club nachgedacht für diese außergewöhnlichen Räumlichkeiten.
       
       Doch heute denkt er vor allem an die Anwohner im dicht bebauten Wohngebiet.
       Ihm schwebt fürs gesamte Krematorium eher etwas Stilles vor. Das passt
       einerseits am besten zum Charakter des Baus, andererseits wird es das
       Gelände vielleicht am nachhaltigsten, auch am vorsichtigsten verändern.
       
       Doch bis es so weit ist, muss sich der interessierte Besucher noch mit der
       Galerie Patrick Ebensperger zufrieden geben. Noch befindet diese sich
       direkt gegenüber der „Plantage“, einer typischen Berliner Eckkneipe.
       
       ## Galerie Patrick Ebensperger, Plantagenstraße X (eine Blechtür gegenüber
       der Hausnummer 10). Öffnungszeiten: Samstag 12 bis 16 Uhr, Dienstag bis
       Freitag 12 bis 18.30 Uhr
       
       21 Sep 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wedding
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Nun auch im Wedding: Spekulation mit Backstein
       
       Die Uferhallen an der Panke sind verkauft worden. Zu den neuen Eigentümern
       gehört auch einer der Samwer-Brüder. Die Zukunft der Künstlerinnen und
       Künstler ist unklar.