# taz.de -- Somalische Bandy-Nationalmannschaft: „Ocean Stars On Ice – Cool, was?“
       
       > Bandy ist die Urform des Eishockeys. Bei der WM in Sibirien startet auch
       > ein Team aus Somalia – und das stammt aus „Klein Mogadischu“ in Schweden.
       
 (IMG) Bild: Elegant in der schwedische „Eliteserien“: Emil Viklund (l., IfK Vänersborg) gegen Martin Andeasson (Gais Bandy).
       
       BORLÄNGE taz | Chared Anwar war einer der großen Helden am ersten Spieltag
       der [1][Bandy-Weltmeisterschaft, die dieser Tage im sibirischen Irkutsk]
       ausgetragen wird. Bei dieser Hockeyvariante, die auf einer
       fußballfeldgroßen Eisfläche gespielt wird, geht es darum, einen kleinen
       Ball mit einem Schläger über das Spielfeld zu treiben und ihn in ein 3,50 x
       2,10 Meter großes Tor zu befördern.
       
       Noch nie zuvor in der Geschichte dieses Sports, die im 19. Jahrhundert in
       England begann, war es einem Spieler aus Somalia gelungen, bei einem großen
       Turnier ein Tor zu erzielen. Dass Anwars Team am Ende mit [2][1:22 gegen
       Deutschland verloren] hatte, interessierte am Auftakttag der WM am
       Baikalsee niemanden. Die Geschichte der somalischen
       Bandy-Nationalmannschaft umso mehr.
       
       Vor einem halben Jahr konnten viele von ihnen sich noch nicht einmal auf
       Inline-Skates fortbewegen. Jetzt stehen sie sicher auf Schlittschuhen und
       spiele Bandy. Viele schwedische Sportredaktionen glaubten an einen
       verspäteten Aprilscherz, als sie am 13. Mai letzten Jahres von der Gründung
       eine somalischen Bandy-Nationalmannschaft hörten, schließlich ist Somalia
       nicht unbedingt als Wintersportnation bekannt.
       
       Und so verwundert es nicht, dass die Geschichte der ersten Bandymannschaft
       eines afrikanischen Landes nicht in Somalia begann, sondern in Borlänge.
       Die Stadt in der mittelschwedischen Provinz Dalarna hat unter ihren 50.000
       Einwohnern einen hohen Anteil an Migranten. 3.000 von ihnen kommen aus
       Somalia. Fast alle leben im Stadtteil Tjärna Ängar, der in der Bevölkerung
       deshalb auch den Spitznamen „Klein Mogadishu“ trägt. Und mit dem „FC
       Swesom“ (Sweden-Somalia) haben die Somalier dort auch ihren eigenen
       Fußballverein. Doch die schwedische Winterpause ist lang.
       
       Wollen sie vielleicht Bandy spielen? Die Regeln sind ähnlich. Es wird elf
       gegen elf gespielt. Patrik Andersson war auf die Idee gekommen, die Somalis
       anzusprechen. Er wurde Projektleiter von [3][„Somalia Bandy“] und statt auf
       einen Einstieg in das nationale Ligasystem zielte er von vornherein auf
       eine somalische Nationalmannschaft und deren WM-Teilnahme ab. „Es war klar,
       dass wir damit viel mehr Aufmerksamkeit bekommen“, sagte er.
       
       ## Bandy-Maradona als Trainer
       
       Eine nach Stockholm eingeladene Delegation der somalischen Regierung und
       des nationalen olympischen Komitees Somalias gab grünes Licht: Die in
       Borlänge lebenden somalischen Bandyspieler dürfen offiziell als
       Nationalmannschaft antreten. Pelle Fosshaug, als schwedische Bandylegende
       und fünffacher Weltmeister so eine Art Bandy-Maradona wurde als Trainer
       angeheuert. Im Sommer wurde der Weg zur WM-Teilnahme endgültig geebnet
       durch die Mitgliedschaft im internationalen Bandyverband. In den man im
       übrigen gleichzeitig mit Deutschland aufgenommen wurde, wo das
       Bandy-Interesse derzeit wächst.
       
       Auch wenn man beim schwedischen Bandyverband mittlerweile Feuer und Flamme
       für die somalische Mannschaft ist – es fehlte anfänglich nicht an
       skeptischen Stimmen, die um die Seriosität des Sports fürchteten:
       „Natürlich wollten wir nicht, dass da Leute an einer WM teilnehmen, die
       nicht einmal auf Schlittschuhen stehen können“, sagt
       Bandyverbands-Generalsekretär Marcus Norman.
       
       Tatsächlich war die Schlittschuhbeherrschung ein Schwerpunkt beim Training
       der zwanzig vorwiegend 16 bis 19 Jahre alten Spieler. Und zur Unterstützung
       wurde auch eine Kunstlauftrainerin aus dem nahen Falun angeheuert. „Das mit
       der Balance war schwer“, erzählt der 19-jährige Ahmed. „Noch schwerer ist
       das Bremsen“, lacht der 15-jährige Alibashir. Und häufig wollen eben die
       Beine noch nicht so, wie es der Kopf gern möchte.
       
       Der Begeisterung für die neue Sportart tut das keinen Abbruch. Für Mohamed
       ist es eine große Sache, dass plötzlich alle über „seine“ Mannschaft reden.
       Dabei scheint für den 19-jährigen eines noch viel wichtiger zu sein als das
       Interesse internationaler Medien zu sein scheint. Apopocalyps, eine
       Reggaeband mit Kultstatus aus Borlänge, hat ihnen einen Song gewidmet. „Go,
       go, go, Somalia“ heißt der Titel, der mit einer politischen Botschaft
       dahekommt: „Fight for human right!“ – „Cool, was?“, meint Mohamed: „Sie
       nennen uns Ocean Stars On Ice.“
       
       ## Abhärtung im Tiefkühllager
       
       Damit die Mannschaft schon früh einen Eindruck von den Temperaturen
       bekommt, die sie in Sibirien erwarten, gehörte zu den WM-Vorbereitungen der
       Besuch des Tiefkühllagers einer großen Lebensmittelfirma. Doch allen ist
       klar, dass in Irkutsk ein sportlicher Erfolg in der Gruppe mit Deutschland,
       Japan, der Mongolei und der Ukraine eine Sensation wäre. „Der Weg ist das
       Ziel“, umschreibt Trainer Fosshaug diplomatisch die Aussichten, und Patrik
       Andersson betont, dass „Somalia Bandy“ ja in erster Linie als
       Integrationsprojekt gestartet worden sei.
       
       Borlänge hat mit Integrationsprojekten, die sich später zu einer richtigen
       sportlichen Erfolgsgeschichte entwickeln, durchaus Erfahrung. Als
       Sozialprojekt für die kurdische Bevölkerungsgruppe der Stadt war 2004 der
       Fußballklub Dalkurd FF gegründet worden. Er kletterte von Liga zu Liga nach
       oben und verpasste in der letzten Saison nur äußerst knapp den Aufstieg in
       die „Superettan“, die zweite schwedische Profiliga.
       
       Wer sich bei der Geschichte über die somalische Bandymannschaft an eine
       jamaikanische Bobmannschaft erinnert, die bei den Olympischen Spielen 1988
       im kanadischen Calgary an den Start ging, und an den Film „Cool Runnings“,
       der deren Geschichte erzählt, liegt nicht ganz falsch.
       
       Ein Dokumentarfilm über die somalischen Bandycracks wird bereits
       produziert. Er soll am 6. Juni, dem schwedischen Nationaltag, uraufgeführt
       werden – in Borlänge und in Mogadishu. Passend zum Wahlkampf vor den
       schwedischen Parlamentswahlen wolle man damit in die Kinos kommen, sagt
       Mitproduzent Filip Hamar und damit einen Beitrag leisten zur
       Integrationsdebatte.
       
       28 Jan 2014
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://baikal-bandy.ru/?lang=en
 (DIR) [2] http://baikal-bandy.ru/upload/news/SOM-GER_.pdf
 (DIR) [3] http://www.somaliabandy2014.com/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reinhard Wolff
       
       ## TAGS
       
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 (DIR) Somalia
 (DIR) Bundeswehr
 (DIR) Sotschi 2014
       
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