# taz.de -- Russlandbild aus zwei Film-Perspektiven: Der Yogi und der Offizier
       
       > Andrei Kontschalowski und Nikita Michalkow sind Brüder. Die russischen
       > Filmemacher liefern sehr unterschiedliche Bilder von ihrem Land.
       
 (IMG) Bild: Der eine malt das Leben in Putins Reich rosarot, der andere pflegt seinen Youtube-Blog: Andrei Kontschalowski (l.) und Nikita Michalkow im Mai 2014.
       
       „Jeden Morgen verließen sie Seite an Seite das alte, ihnen von den Eltern
       überlassene Haus. Zusammen strebten sie zum Tor, zum obligatorischen
       morgendlichen Dauerlauf. Tata stand traurig neben ihrem Küchenfenster und
       sagte: ’Androntschik und Nikitotschek denken, dass ich nichts sehe. Aber
       gleich hinter dem Tor werden sie sich trennen. Dann läuft einer nach rechts
       und der andere nach links.‘“
       
       So zerstritten waren die Brüder Andrei Kontschalowski, 77, und Nikita
       Michalkow, 69, schon im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Eine
       Verwandte erinnert sich hier an sie, und mit „Tata“ meint sie Natalja
       Kontschalowskaja (1903–1988), Schriftstellerin und Mutter der beiden. Ihre
       Söhne hatte sie früher oft aus Moskau auf die Datscha zum Großvater
       gebracht, dem Maler Pjotr Kontschalowski. Bei diesem verkehrte der Pionier
       der sowjetischen Filmkunst, Sergei Eisenstein, Regisseur von „Panzerkreuzer
       Potemkin“.
       
       Aus den beiden Jungen von damals sind selbst Kinoregisseure geworden. Die
       Holzwände der großväterlichen Datscha wurden ihnen zu Kulissen. Beide haben
       um die 30 Filme gedreht und zahlreiche internationale Preise erhalten.
       Nikita Michalkow bekam den Oskar für sein in der Stalinzeit spielendes
       Drama „Die Sonne, die uns täuscht“. Beide leiten je eine Filmakademie in
       Moskau. Bei alledem trennten sich ihre Wege immer mehr. Als lebenslange
       Rivalen sind sie inzwischen auch ideologische Gegner.
       
       In der Presse beliebt ist das Klischee, sie reproduzierten einen russischen
       Konflikt aus dem 19. Jahrhundert: zwischen den sogenannten Westlern und den
       Slawophilen. Die Slawophilen betonten Russlands Nähe zu Asien. Statt im
       Individuum erblickten sie das Gegegenüber zu Staat und Regierung in
       Kleinkollektiven. Während die „Westler“ sich wünschten, Russland möge sich
       schleunigst demokratisieren.
       
       ## Hollywood und zurück
       
       Schon seinen zweiten Film, „Asjas Glück“, hatte Andrei Kontschalowski 1967
       nicht durch die Sowjetzensur bringen können. Nach vielen Konflikten verließ
       er Anfang der 80er Jahre Russland – wie er glaubte, für immer. Er setzte
       sich in Hollywood durch, drehte mit Stars wie Sylvester Stallone und
       Nastassja Kinski – anspruchsvolle Filme mit halbslawischem Flair ebenso wie
       kommerzielle Filme.
       
       Nach dem Ende der Sowjetunion kehrte er zum Drehen zurück. Zum „Westler“
       entwickelte er sich dabei nicht. „In Russland liebt man kompromisslose
       Menschen“, sagt er heute: „Die übrigen gelten als Schlappschwänze. In
       diesem Sinne ist die russische Mentalität nicht demokratisch.“ Und weiter:
       „Die Zeiten, in denen Europa ideologischer Trendsetter war, sind vorbei.“
       
       Eher schon passt das Etikett „slawophil“ auf Bruder Nikita. Der flehte im
       Jahre 2009 Wladimir Putin als damaligen Präsidenten Russlands in einem
       offenen Brief an, entgegen der Verfassung noch ein drittes Mal zu
       kandidieren. Als Vorsitzender des Verbandes der Filmschaffenden macht
       Michalkow sich zunehmend zum Sprecher einer Kulturpolitik, die Russland vor
       den Auswüchsen westlicher Toleranz und Verdorbenheit bewahren soll. In der
       Praxis bedeutet dies heute Zensur.
       
       ## Die Zarentreuen sind die Guten
       
       Michalkow bewerkstelligte einst international finanzierte und erfolgreiche
       Produktionen. In den letzten Jahren wirkte er als Hofregisseur des
       staatlich gesponserten nationalrussischen Kinos. Sein letzter Film, „Der
       Sonnenstich“, ein dreistündiges Melodrama, spielt gegen Ende des russischen
       Bürgerkrieges unter weißen, von den Roten eingekesselten Offizieren. Die
       zarentreuen Junker sind in diesem Film die Guten, die Bolschewiki die
       Bösen. Sozialrevolutionäre sind Wladimir Putin unheimlich.
       
       Als Vorsitzender des Verbandes der Filmschaffenden verfolgt Michalkow
       unerbittlich alle, die die restriktive offizielle Kulturpolitik
       kritisieren. Im Jahre 2009 abgewählt, berief er bald darauf einen
       Parallelkongress ein, der ihn wieder ins Amt hievte. Der Verband ist heute
       verarmt, seine Immobilien wurden verschleudert, teils an unbekannt.
       
       Etwa vierzehntäglich verhalbdunkelt sich der Bildschirm des Senders Rossija
       24 für die Sendung „Der Dämonenjäger“. Darin begegnet Michalkow der
       „globalen Lüge“ über Russland. Vor schimmernden Utensilien im
       Astrologenstil zitiert er, in Offiziershaltung, mit feschem Schnurbart und
       schwarzer Lederjacke, einen Zuschauerbrief: „Wenn man zum Beispiel daran
       denkt, dass in den französischen Schulen verlangt wird, dass die Jungen in
       Mädchen- und die Mädchen in Jungenkleidern kommen, damit es
       Gleichberechtigung gibt“ - hier stockt ihm der Atem vor Empörung: „Das
       passt zum Titel unserer Sendung - reinster Dämonenspuk!“
       
       Ein andermal lässt sich der Dämonenjäger verärgert über jene aus, die das
       „Schiff verlassen“, also aus Russland emigrieren. „Reisefreiheit ist für
       mich die Grundvoraussetzung für Patriotismus“, sagte sein Bruder Andrei
       Kontschalowski kürzlich in einem Interview. Er hat eine doppelte
       Staatsbürgerschaft und lebt mit seiner Familie teils in Frankreich, wie
       schon Mutter Natalja als junges Mädchen. „Nebenan war immer die Welt meines
       Großvaters, wo französisch gesprochen wurde“, erinnert er sich an seine
       Kindheit.
       
       ## Der unangrifbare Clan
       
       Dass diese Insel der Seligen zu Zeiten des Archipels Gulag unangetastet
       blieb, verdankte Kontschalowskaja ihrem Ehemann, dem Kinderbuchautor Sergei
       Michalkow (1913–2009). Dessen adlige Vorfahren waren Hofschranzen beim
       Zaren gewesen, er blieb es auch unter den folgenden Regimen.
       
       1943 hatte der 30-Jährige den Auftrag erhalten, den Text für die
       sowjetische Staatshymne zu dichten: „Uns erzog Stalin zur Treue am Volk“.
       Noch zweimal, das letzte Mal unter Putin, sollte Michalkow als Senior die
       Hymne an die politischen Gegebenheiten anpassen. In den 1970er Jahren wurde
       er Präsident des Schriftstellerverbandes der Russischen Föderation. Dieser
       Schulterschluss machte den Clan unangreifbar.
       
       Momente, in denen sein Vater zu Stalin gerufen wurde, auch ein persönliches
       Zusammentreffen mit dem einstigen Filmvorführer des Diktators inspirierten
       Andrei Kontschalowski zu seinem Film „Im inneren Kreis“ (1991). Wie
       Michalkow senior glaubt dessen Held, der junge Operateur Iwan, an seinen
       Führer. Für Kontschalowski bleibt kein Zweifel – ohne das Wegschauen der
       Iwans wäre Stalins Terror nicht möglich gewesen.
       
       Als „Iwanismus“ bezeichnet er einen vorindustriellen Mangel an bürgerlichem
       Verantwortungsgefühl. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung, meint er,
       achte die Interessen ihrer Mitmenschen nur, wenn man ihr auf die Finger
       schaut. Auch wenn der Westen Kontschalowski im Leben näher ist, ideologisch
       unterscheiden sich die Brüder darin, wie sie die russische Historie und die
       Realität sehen.
       
       ## Russland-Statistiken
       
       Während Michalkow das Leben in Putins Reich rosarot malt, pflegt
       Kontschalowski seinen YouTube-Blog. Schmal, fast meditierend, vor den
       Holzbalken einer Mansarde, in T-Shirt und Pullover verkündet er
       Russland-Statistik: trauert über die vielen obdachlosen Kinder, den hohen
       Alkoholverbrauch (15,8 Liter pro Jahr und Kopf laut WHO), den Rekordplatz
       im Korruptionsrating (aufsteigend Platz 127 nach Transparency
       International).
       
       Die russische Mentalität wandeln, meint Weltbürger Kontschalowski, könne
       nur eine Art aufgeklärter Erziehungsdiktatur. Das Ziel seines eigenen
       Kampfes ist beschränkter: einen Weg für Kameras freizuhalten, damit sie den
       Zuschauern zeigen, was im Lande Sache ist.
       
       Sein letzter Film, „Die weißen Nächte des Postboten Alexei Trjapizyn“,
       spielt im hohen Norden, in einer verfallenen Siedlung am Kensee bei
       Archangelsk. Kontschalowski wollte ursprünglich einen Dokumentarfilm über
       den Postboten Andrei Trjapizyn drehen, der mit seinem Boot die
       Dorfgemeinschaft mit der Kreisstadt verband. Trjapizyn gab vor zwei Jahren
       das Trinken auf und hielt durch. Die EinwohnerInnen spielten sich, und auch
       alles andere entwickelte sich von selbst.
       
       ## Die Magie des Sees
       
       Dass dem Postboten plötzlich der Außenbordmotor seines Bootes gestohlen
       wurde, damit hatte der Regisseur gar nicht gerechnet. Eingeplant hatte er
       nur den türkisblauen See. Wenn hier die dunklen Laichkräuter im Wasser ihre
       Schirme öffnen, schleicht sich Magie ein. Aus der Ruine der alten Schule
       hört Trjapizyn Kinderstimmen, die die sowjetische Staatshymne singen.
       
       Die Einwohner von Kenozersk hat der Verlust des Postboots noch stärker von
       der Außenwelt abgeschnitten. Aber es kümmert sie nicht sehr. Sie leben
       ohnehin außerhalb des Weltgeschehens. Kontschalowski war begeistert von der
       Widerstandskraft dieser kleinen Gemeinde: „Russland ist noch nicht so tot,
       dass man nur gut über es reden dürfte.“
       
       Der Film erhielt 2014 auf der Biennale von Venedig den Silbernen Löwen. Aus
       diesem Anlass rief die Abendzeitung Wetschernjaja Moskwa den Postboten
       Alexei Trjapizyn auf seinem Handy an und fragte nach seinen Gefühlen.
       „Keine besonderen“, lachte Trjapizyn: „Ich fahre gerade Kartoffeln
       ausbuddeln.“ Dann aber freute er sich doch: „Der Silberne Löwe, verstehe
       ich richtig, das ist eine große Belohnung?“
       
       15 Mar 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Kerneck
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Russland
 (DIR) Ukraine
 (DIR) Waffenkontrolle
 (DIR) Moskau
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Venedig
       
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