# taz.de -- Ein Brief an einige Leser:innen (2) : Schlechte Zeit für Meinungsvielfalt?
> Wir bekommen viel Lob für unsere Corona-Berichterstattung – aber auch
> Kritik. Wir versuchen, auf einiges zu antworten. Diesmal: Pluralität von
> Meinungen.
(IMG) Bild: T-Rex ist ausgestorben und deshalb immun gegen Covid-19 – Szene einer Demo von Gegnern der Corona-Prävention in Berlin
Von [1][NINA APIN ]
Zwei tazlerInnen, drei Meinungen heißt es ja sonst gern scherzhaft. Bei
einigen Reizthemen wie [2][Asyl- oder Nahostpolitik] sind es oft auch nur
zwei Lager, die sich gegenüberstehen.
Die Härte und bisweilen Unversöhnlichkeit, mit der diese
Auseinandersetzungen ausgetragen werden, ist nicht immer schön. Doch wie
belebend unsere traditionelle Meinungsfreude ist, das merkt man erst, wenn
sie fehlt.
Monat zwei der Corona-Pandemie und in den Redaktionsfluren ist es still.
Nicht nur, weil kaum noch Kolleg:innen im Haus sind und sich die anderen
per Videoschalte oder Chat von zu Hause aus zuschalten. Und schon gar
nicht, weil irgendwelche Hemmungen oder eine plötzlich erwachte Ehrfurcht
vor der Exekutive irgendwem verböten, sich abweichend zu äußern.
Schlechte Zeiten für die Meinungsvielfalt
Es ist vor allem so, dass innerhalb der Reaktion weitgehend Einigkeit
besteht: Ja, es war vernünftig, das öffentliche Leben weitgehend
lahmzulegen. Ja, es ist richtig, sich als EinzelneR an die Abstands-und
Hygieneregeln zu halten. Und nein, niemand stellt grundsätzlich die
Gefährlichkeit des Coronavirus in Frage, die Kompetenz von Virolog:innen
oder die Hilfen für Firmen und Selbständige.
Schlechte Zeiten für die Meinungsvielfalt – Merkel erklärt dies, die
[3][Regierung einigt sich auf jenes], alle sind irgendwie dafür. Und
täglich warnt das Robert-Koch-Institut, das erst eine zu steile
Verlaufskurve, dann einen zu hohen R-Faktor und jetzt, nachdem die ersten
beiden Szenarien nicht eingetreten sind, eine zweite Welle der Pandemie
befürchtet.
Hätten wir nicht aber zumindest diese auf die wechselnden Empfehlungen
gegründeten „Bocksprünge der Politik“ geißeln sollen, statt sie nur
abzubilden, wie ein Leser meinte?
Vielleicht – aber dann würden wir so tun, als hätten wir von Anfang an
besser gewusst, auf welche Zahl zu achten wäre. Das aber wäre Quatsch – und
auch der Politik und der Virologie muss man in dieser Situation eine
gewisse Lernkurve zugestehen.
## „Mainstream der Angst“
Nein, wir haben nicht die Haare auf den Zähnen verloren – aber es kann
sein, dass das Selbstgewisse, der aus der Position des Bescheidwissens
heraus formulierte Tonfall aus vielen taz-Texten gewichen ist. Einige
finden das befremdlich. Ja, vielleicht schwimmen wir sogar bisweilen mit in
einem „Mainstream der Angst“, wie ein Leserbriefschreiber kürzlich
diagnostizierte.
Und interviewen lieber [4][Karl Lauterbach], demzufolge das Virus noch bis
2022 unser Leben bestimmen wird als Armin Laschet, der schnell zur
Normalität zurückkehren möchte. Warum? Weil wir uns, wie derselbe Leser
provokativ fragt, neuerdings der Angst mehr verpflichtet fühlen als dem
sogenannten gesunden Menschenverstand?
Ja, wir haben in unserer Redaktion durchaus Menschen, die Angst haben – was
sich in dieser Situation mit dem gesunden Menschenverstand aber durchaus
decken kann. Es gibt Kolleg:innen, die an Virologen-Podcasts und aktuellen
Infiziertenzahlen hängen und daraus täglich die düstersten Prognosen
ableiten.
## Abwägen der Prioritäten
Wir haben aber auch Kolleg:innen, die sich zunehmend darüber ärgern, dass
die Demonstrationsfreiheit eingeschränkt ist, dass im Bundestag nicht über
die Grundrente debattiert wird, weil es jetzt angeblich Wichtigeres gibt.
Oder die nicht verstehen, warum Corona es rechtfertigt, das ganze Land lahm
zu legen, während die noch viel bedrohlichere [5][Klimakatastrophe] bislang
angeblich ganz schwer zu bekämpfen war.
Tobias Schulze aus dem Inland [6][platzte neulich der Kragen], als Merkel
pauschal Lockerungen für „zu forsch“ befand. Demonstrationen wieder
zulassen? Kinder zurück an die Klettergerüste? Was bitte ist da forsch? Und
[7][sowohl Bettina Gaus] als auch unser Brüssel-Korrespondent [8][Eric
Bonse halten die Maskenpflicht] in ihrer deutschen Ausgestaltung für
hirnrissig.
Die Angst hat uns also keineswegs übermannt. Der Debattenbeitrag des
Philosophen Arnd Pollmann, der [9][Zweifel an der Verhältnismäßigkeit] von
Grundrechtseinschränkungen äußerte, sprach denn auch vielen aus der Seele.
Was wir gerne beherzigen: Den Rat eines Lesers, der von uns fordert, nicht
einfach zu schreiben, „was man denkt, dass ein Großteil der Stamm-Leser
hören will. Sondern dass man seine Leser auch zum Denken anregt und
herausfordert“. Die Leserinnen natürlich auch.
2 May 2020
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## AUTOREN
(DIR) Nina Apin
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