# taz.de -- Diskussion in Saarlouis: Wofür steht die SPD, Herr Maas?
> Im Gespräch mit Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) über soziale
> Gerechtigkeit und die Chancen seiner Partei.
(IMG) Bild: In Saarlouis wurde im Theater am Ring rege diskutiert
von [1][ANN-KATHRIN LIEDTKE]
Vorbei an Stahlbauten, stillgelegten Gruben, mittlerweile bewaldeten, aber
dennoch unnatürlich in die Höhe ragenden Schuttbergen: schon in der
Landschaft zeigt sich Saarlands Imageproblem. Jede zweite Familie lebte
hier früher vom Bergbau. Doch das ist lange vorbei: Im Juni 2012 wurde der
Betrieb der einzig aktiv verbliebenen Grube Saarlouis-Ensdorf eingestellt.
Nun ist vor allem Ford mit rund 6.500 Arbeitsplätzen einer der größten
Arbeitgeber in der Region.
Hier, in seiner Geburtstadt [2][Saarlouis] – mit knapp 34.000
EinwohnerInnen die sechstgrößte Stadt des Saarlandes – traf taz.meinland
Bundesjustizminister Heiko Maas. Zusammen mit ihm diskutierten die
taz-RedakteurInnen [3][Barbara Junge] und [4][Jan Feddersen] über
Hasskriminalität, den Erfolg der AfD und das Wahlprogramm der SPD.
Wir müssen reden – sagt die taz. Bis zur Bundestagswahl im September tourt
taz.meinland durch die Republik. Wir wollen wissen: Was ist hier eigentlich
los? Wie ist die Stimmung im Land und wo liegen die tatsächlichen Probleme
und Chancen?
Eines dieser Probleme, so ordnet [5][Heiko Maas] die Geschehnisse der
vergangenen zwei Jahre ein, liege darin begründet, dass der verstärkte
Zustrom geflüchteter Menschen bei vielen in Deutschland Ängste ausgelöst
habe, die von Populisten instrumentalisiert wurden. Die Lage habe sich aber
mit der Zeit – und etwaigen politischen Maßnahmen – entpannt.
„Ich denke die Populisten haben ihr Angstmacherthema verloren“, sagt Maas.
„Und ich bin überzeugt davon, dass sich viele von ihnen inzwischen selbst
entlarvt haben oder sogar gestellt wurden.“ Dennoch gäbe es keinen Grund
sich zurück zu lehnen: Hasskriminalität in den Sozialen Netzwerken sei um
über 300 Prozent gestiegen. „Gewalt entsteht zuerst im Kopf.“ Das Internet
bietet oftmals die erste Plattform.
## Soziale Gerechtigkeit, eine Illusion?
Das Publikum an diesem Abend wirkt konzentriert. Überwiegend – so der
Eindruck – ist man bereits überzeugt von Maas. Seine Aussagen werden mit
sympathisierendem Nicken und zaghaften Applaus begleitet – übermäßige
Empörung oder Begeisterung sind selten auszumachen.
In der Diskussion dreht es sich – die diesjährigen Bundestagswahlen am 24.
September im Blick – besonders um den Wahlkampf der SPD, die sich nach drei
verlorenen Landtagswahlen immer noch [6][in einem Stimmungstief befindet].
Wenig überraschend machte die Partei soziale Gerechtigkeit zum Kerninhalt
ihres Wahlprogramms. „Ist soziale Gerechtigkeit nicht eigentlich eine
Illusion?“, hakt Barbara Junge nach. „Gibt es momentan nicht wichtigere
Themen als soziale Gerechtigkeit?“
„Die FDP sagt, in einer Welt, in der jeder dafür sorgt, dass es einem
selbst gut geht, geht es irgendwann allen gut“, antwortet Maas. „Ich finde
das funktioniert so nicht. Wir müssen auch schauen, dass es anderen gut
geht. Wir können das nicht alleine schaffen.“
## Ein Gefühl des Abgehängt-Sein
Doch wo fängt wer am besten an, um anderen zu helfen? „Wir haben gemerkt:
Abgehängt-Sein, weniger soziale Gerechtigkeit, ist ein entscheidendes
Thema. Das Gefühl, dass die Gesellschaft auseinander bricht“, erzählt Jan
Feddersen und schöpft aus seinen Erfahrungen rund 50 Termine von
taz.meinland in ganz Deutschland, wo sich dieser Eindruck immer wieder
bestätigte. „Angela Merkel scheint das Bild des Zusammenhalts besser zu
transportieren als die SPD.“
„Das weise ich entscheidend zurück!“, erwidert Maas. Was Angela Merkel
repräsentiere sei Stabilität, wenig Veränderung, eine relativ geringe
Arbeitslosigkeit – aber nicht unbedingt ein Bild der Gerechtigkeit.
Sind die WählerInnen also bequem geworden? Zunächst wirkte der
Schulz-Effekt auch im Saarland. Die Umfragewerte der SPD stiegen, erstmals
wurde ernsthaft über eine Rot-Rot-Grüne Koalition nachgedacht. Dann kam die
saarländische Landtagswahl: 40,7 Prozent für die CDU, 29,6 Prozent für die
SPD. Eine herbe Niederlage. Dazu 6,1 Prozent für die AfD.
Die Bekanntgabe des Bundeskanzlerkandidaten der SPD habe, so Maas, den
BürgerInnen vor allem eines signalisiert: Es gibt eine Alternative zu
Merkel. Im Nachhinein betrachtet, räumt er ein, hätte seine Partei
anschließend mehr Präsenz zeigen sollen. Doch die Serie der Niederlage bei
den Landtagswahlen habe es der Partei und Schulz sehr schwer gemacht.
Ist die Wahl also schon entschieden? „Ich finde es arrogant von jemandem
wie Christian Linder, wenn er sagt, die Wahl sei zum jetzigen Zeitpunkt
bereits entschieden. Noch ist alles offen.“ Außerdem könne es nicht sein,
dass es nicht um die Wahl eines Kanzlers oder einer Kanzlerin gehe, sondern
nur darum, wer die Koalition mit Angela Merkel bilde.
## SPD im Sinkflug – Was tun?
Die sinkenden Umfragewerte der SPD sind auch mit der Abwanderung der
WählerInnen zu anderen Parteien zu erklären. „Leute, die früher bei der SPD
waren sind nun Mitglied der AfD. Es ist schmerzlich, dass es so eine
Entwicklung gab. Ich bin aber der Auffassung, dass man niemanden verloren
geben darf“, meint Maas. Auch deswegen habe er sich dafür eingesetzt nicht
pauschal die Teilnahme an Talkshows zu verweigern, bei denen Mitglieder der
AfD anwesend seien. Denn hier liege die Chance die MitgliederInnen zu
entlarven. „Mit Höcke würde ich mich aber nicht mehr in eine Talkshow
setzen. Seit er die bescheuerte Idee hatte da rechtspopulistische Sprüche
und eine Deutschlandflagge auszupacken.“
Der Hass der Rechtspopulisten habe dennoch überrascht. Bei einer
Wahlkampfveranstaltung in Zwickau wurde der Bundesjustizminister von rund
70 Demonstrierenden empfangen. „‚Nazi-Schwein‘, ‚Stasi-Sau‘, ‚Hau ab!‘
stand auf den Plakaten. Bei manchen ist der Hass so groß geworden, dass
kein Dialog mehr möglich ist.“
Auch im Saarland sitzen Mitglieder der AfD in den Stadträten. Der
Diskussion müsse man sich stellen und im Einzelfall entscheiden, ob jemand
zu überzeugen sei.
## Nichts tun ist keine Alternative
Trotz allgemeiner Zurückhaltung bewegt ein Thema das Publikum der
taz-Veranstaltung besonders: Hasskriminalität im Internet. „Wie soll das
neue Gesetz genau aussehen?“, fragt ein junger Mann aus dem Publikum. „Ich
kann mir kaum vorstellen, dass so etwas zu steuern ist. Vielleicht sollte
man Hass-Kommentare lieber ins Rampenlicht zerren, um die Täter zu
enttarnen, statt sie zu löschen.“
Mit dem sogenannten „Facebook-Gesetz“ von Justizminister Maas, das der
Bundestag mit den Stimmen von Union und SPD angenommen hatte, soll es
möglich sein, dass Online-Netzwerke wie Facebook, Twitter und YouTube
„offenkundig strafbare Inhalte“ binnen 24 Stunden nach dem Hinweis löschen.
KritikerInnen sehen vor allem die Meinungsfreiheit im Internet gefährdet.
„Der Müll soll nicht im Netz bleiben“, sagt Maas. Vielen Menschen fehle
außerdem jegliches Bewusstsein dafür, was im Netz strafbar sei. Aber: „Das
Netz bleibt frei. Das Gesetz ist Neuland, das stimmt. Doch die schlechteste
Alternative ist, nichts zu machen.“
Ein Polizeibeamter aus dem Publikum pflichtet dem Minister bei: „Ich muss
sagen, dass die Behörden dankbar sind, dass unser Justizminister dieses
Gesetz auf den Weg gebracht hat. Bisher hatten wir faktisch keine
Möglichkeit etwas zu löschen, das muss man mal so zugeben.“ Nun seien
Verpflichtungen für die BetreiberInnen geschaffen worden. „Ich finde in der
digitalen Welt zeigt sich, wie die Gesellschaft auseinander brechen kann.
Gerade deswegen muss man sich auf Hasskriminalität im Netz einstellen.“
## meinland, deinland, unserland
Während Maas beim Thema „Soziale Gerechtigkeit“ bei eher eingeübten
Antworten bleibt und Mindestlohn, bedingungsloses Grundeinkommen oder die
Diskussion um ein Einwanderungsgesetz im Schnelldurchlauf abgehandelt
werden, entlockten ihm die ModeratorInnen zum Schluss noch einige
nicht-standardisierte Antworten: Wie stellt sich nun Heiko Maas sein Land
vor?
„Mein Land ist ein freies Land, in dem die demokratische Grundordnung und
Meinungsfreiheit gilt“, sagt Maas. „Und mein Land ist ein Land, in dem
jeder eine Chance hat und die darf nicht von der sozialen Schicht abhängig
sein.“
28 Aug 2017
## LINKS
(DIR) [1] /!s=ann-kathrin
(DIR) [2] /www.saarlouis.de/
(DIR) [3] /!a34179/
(DIR) [4] /Jan-Feddersen/!a76/
(DIR) [5] http://heiko-maas.spd.de/
(DIR) [6] /!5406441/
## AUTOREN
(DIR) Ann-Kathrin Liedtke
## ARTIKEL ZUM THEMA