# taz.de -- Gestaltungsraum in Arnstadt : Heimatlicher Renovierungsbedarf
> Wie vermittelt man Lebensgefühl in tradierten Strukturen? Arnstadt kämpft
> um mehr Vitalität in den eigenen Reihen und wir waren dabei.
(IMG) Bild: Der Milchhof in Arnstadt ist noch lange nicht fertig – die Zukunft der Stadt konnten wir dort trotzdem schon diskutieren
von [1][PAUL TOETZKE]
Wahrscheinlich hätte es gar keinen besseren Veranstaltungsort in Arnstadt
geben können. Der [2][Milchhof], ein Beispiel für die regionale
Bauhaus-Architektur und klassische Moderne – gerade wird er renoviert. Noch
ist viel zu tun, doch für die taz.meinland öffnete Besitzer Jan Kobel
erstmals die Türen. An der Fassade bröckelt es, auch die Decke ist noch
nicht ganz dicht. Im Innern zeugen die Graffitis auf den weißen Kacheln vom
jahrelangen Leerstand des Gebäudes.
Der Milchhof und der Streit um seine Zukunft stehen auch für die allgemeine
Stimmung in der Stadt. Alte Gebäude verfallen, der Leerstand in der
Innenstand ist unaufhaltsam. Doch dazwischen gibt es immer wieder private
Initiativen, die dem entgegenwirken, engagierte BürgerInnen, die antike
Gebäude sanieren, Cafés oder Restaurants eröffnen. „Zwischen Stillstand und
Visionen“ lautete deshalb auch der Titel der Veranstaltung.
Im Innern des Backsteingebäudes versammelten sich etwa 40 Menschen – trotz
des sonnigen Wetters. Zu Beginn begrüßte Jan Kobel die ZuhörerInnen, von
denen die meisten das Gebäude zum ersten Mal seit Beginn der
Renovierungsarbeiten sahen. Anschließend erzählte auch [3][Jan Feddersen],
Moderator und taz-Redakteur, von seinem ersten Besuch in Arnstadt. Er könne
sehr gut nachvollziehen, warum Menschen hier hinziehen würden. „Drei
Minuten nachdem wir abgefahren sind, wussten wir: wir kommen zurück.“
Doch wie fühlt es sich an, hier zu leben? Georg Bräutigam ist Vorsitzender
von PRO Arnstadt, einer rechts-konservativen Wählervereinigung. 1994
gegründet wird sie vor allem von Handwerkern und Selbstständigen getragen,
so Bräutigam. 18 Jahre habe sie den Bürgermeister gestellt, das seien gute
Zeiten gewesen. „Der schönste Tag war, als Bosch ankündigte, sie wollen
hier investieren“, fügt er hinzu. Doch schon nach einem Jahr war das
Großunternehmen wieder weg.
## Politischer Neustart gegen den Stillstand
Im Moment herrsche eine Art Stillstand. Deswegen unterstützte seine Partei
im letzten Jahr gemeinsam mit der LINKEN und der CDU einen Bürgerentscheid
für die Abwahl des Bürgermeisters.
Stefan Rienecker ist Anwalt und Mitglied des Unternehmervereins. Er sei
stolz hier zu leben und fühle sich sehr wohl. „Wir können sagen: Arnstadt
hat es sehr weit geschafft.“ Als er hierher gezogen sei, habe man ihm
gesagt, den Arnstädtern könne man es nicht Recht machen. Doch das träfe
nicht zu. Als Beispiel erwähnt er die ihm gegenübersitzende Tanya Harding.
Sie ist gelernte Lehrerin und kommt ursprünglich aus Kanada. Eine
„Zugezogene“ also. Diese Bezeichnung wird im Laufe der Diskussion noch
öfter fallen. Tanya Harding besitzt ein Restaurant in bester Lage,
Altstadt, unweit der Bachkirche. Dort setzt sie auf „alternative“
kulinarische Erlebnisse abseits von Leberknödel und Rostbratwurst. Das ist
nicht immer einfach, denn oft fehlt die Kundschaft. Doch sie habe einfach
bleiben müssen bei „dieser Perle von Innenstadt“, sagt sie.
## Immer wieder bremst die Verwaltung
Frustrierend sei allerdings das Herumkämpfen mit der Kommunalpolitik. Zwei
Jahre habe sie gebraucht, um endlich eine Genehmigung für einen
Außenbereich, den sie auch außerhalb der Sommersaison nutzen kann, zu
bekommen. Dafür musste erst ein Schlichtungsverfahren durch den
Unternehmerverein her. Dazu weitere bürokratische Hürden, die speziell für
die Fußgängerzone gelten: Sonnenschirme ohne Werbung, bestimmte Blumenkübel
etc. „Wie soll sich hier etwas ändern, wenn das alles so lange dauert?“,
fragt sie.
Was zunächst nach einer Lappalie klingt, erzählt doch so viel über
Arnstadt. Und nicht nur Arnstadt. Der Frust über eine „verschlafene“
Verwaltung, den scheinbar absurden bürokratischen Hürden – er beschäftigt
nicht nur die BürgerInnen Arnstadts. Doch gerade hier blockieren
Bürgermeister Alexander Dill und seine Fraktion das Engagement anderer –
das dringt bei der Diskussion immer wieder durch. Auseinandersetzungen über
die Auslegung des Stadtrechts wie im Fall von Tanya Harding sind somit auch
immer politische bzw. persönliche Machtkämpfe.
Auch Hadidi Thoumana hat schon Bekanntschaft mit den deutschen
Kleinstadt-Regularien gemacht. Er stammt ursprünglich aus Syrien, 2014 kam
er nach Deutschland. Er war einer der ersten Flüchtlinge in der Region und
– einer der wenigen, die in Thüringen geblieben sind. Inzwischen besitzt er
ein arabisches Lebensmittelgeschäft in Ilmenau. „Die Leute brauchen Häuser,
Schulen und Arbeit, sonst gehen sie. Das gilt sowohl für Deutsche als auch
für Flüchtlinge.“
## Leere Straßen verhindern ein aktives Zusammenleben
Außerdem seien ab 7 Uhr abends die Straßen leer. „Warum haben die Läden
nicht länger auf?“ Er würde gern bis 21 Uhr geöffnet haben. Aber die
einzigen anderen offenen Geschäfte um diese Uhrzeit seien REWE und
Kaufland. „Wenn es keinen Treffpunkt im Ort gibt, stirbt auch das
Zusammenleben“, sagt er. In der Runde gibt es Zustimmung.
Sowohl Judith Rüber, Stadträtin für die LINKE und Georg Bräutigam
bestätigen, dass es kein Verbot für eine längere Ladenöffnungszeit gibt.
Das Problem sei vielmehr, dass sich kleine Unternehmer so etwas nicht
leisten können, wenn die meisten BürgerInnen sowieso bei den großen Ketten
einkaufen würden.
Auch Rüber, die vor einigen Jahren nach Arnstadt zog, vermisst das
abendliche Zusammensein auf der Straße. „In Italien oder Syrien würde das
Leben um diese Uhrzeit erst anfangen. Hier bekommt man teilweise nach 20
Uhr nichts mehr zu essen.“ Woran das liegt? Sie glaubt, dass das auch ein
Phänomen der ehemaligen DDR-Städte ist. Hier sei die Bereitschaft, Privates
in die Öffentlichkeit zu tragen, höchstwahrscheinlich geringer. Ein
gewisses Verständnis dafür sei bei allem Engagement auch wichtig, fordert
Georg Bräutigam.
Ein Mann aus dem Publikum meldet sich zu Wort. „All diese Leute hier tragen
die Zivilgesellschaft in Arnstadt“, glaubt er. Aber man könne auch nicht
einfach Dinge in die Stadt hinein projizieren. Arnstadt ist nunmal nicht
Berlin. Allein die Konstellation an diesem Abend, aus Rechten (PRO
Arnstadt) und Linken (Judith Rüber) hätte man sich vor ein paar Jahren
nicht vorstellen können. Es tue sich also etwas. Ein großes Problem für die
Stadt sei aber die Demografie. „Das sieht man hier: es sind kaum junge
Menschen da“, sagt er.
Er hat Recht. Der Altersdurchschnitt an diesem Abend liegt auf jeden Fall
bei über 40 Jahren. Ein jüngerer Mann merkt an, dass das auch die Vereine
in Arnstadt zu spüren bekämen. Die Alten ziehen sich zurück, Junge kommen
kaum nach. Trotzdem – das glaubt er – sehe man Zuwanderung hier kritisch.
## Die Möglichkeiten, die Zuwanderung bringt, erkennen lernen
Stimmt das? In der Runde gibt es heftigen Widerspruch. Tanya Harding, die
selbst eingewandert ist, glaubt an Zuwanderung als Chance. „Es gibt
niemanden hier, der diese Jobs macht. Ich habe drei Flüchtlinge in der
Küche engagiert.“ Man brauche den frischen Wind. Im Publikum gibt es dafür
Applaus.
Frischer Wind – der fehlt in Arnstadt auch, weil es keine Uni oder
Hochschule gibt. Während in Ilmenau oder Jena Studenten die Innenstädte
verändern, lassen sich in Arnstadt nur wenige junge Menschen nieder. In der
Runde ist man sich einig, dass man die Kulturschätze Arnstadts besser
bewerben müsse. Alle, die herkommen, seien begeistert. Aber man müsse sie
oft erst zu ihrem Glück zwingen. Viele hätten immer noch Vorurteile
gegenüber dem Osten.
Das beklagt auch eine Frau aus dem Publikum. Sie sei 1998 aus Brandenburg
hergezogen und werde immer noch als „Zugezogene“ bezeichnet – das sage
schon alles. Dabei sei sie genauso stolz auf die Stadt wie die
Ur-Arnstädter. Bei der Einweihung des Rathauses vor ein paar Jahren, seien
ihr die Tränen gekommen. „Das war so bewegend“, sagt sie und fügt dann
hinzu: „Weltoffenheit bringt auch Charme.“ Damit müsse man endlich
offensiver umgehen. Ihr Plädoyer für Toleranz und mehr Gemeinsamkeit stößt
auf großen Zuspruch und zeigt, dass der Wille zu mehr gemeinsamem
Engagement sehr wohl vorhanden ist.
Hadidi Thoumana nickt. Er sehe Syrien als seine Mutter und Deutschland als
seine Frau. „Seine Mutter kann man sich nicht aussuchen, seinen Partner
schon“, sagt er, „ich habe das Geschäft in Ilmenau eröffnet, weil ich dort
leben möchte.“ Er wolle auch seinen Laden nicht länger geöffnet haben, um
mehr zu verdienen. Es gehe ihm darum, eine Beziehung zu den Menschen
aufzubauen. „Kommt auf einen arabischen Kaffee vorbei, ich lade euch ein!“
Mehr Gemeinsamkeit – die soll es auch in Arnstadt geben. Ein Zuhörer
wünscht sich die Stadt als „blühendes Biotop“, die Sanierung des Milchhofs
sei ein wichtiger Beitrag dazu.
19 May 2017
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## AUTOREN
(DIR) Paul Toetzke
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