# taz.de -- Stadtentwicklung in Aachen: Ein Quartier im Umbruch
> Wie soll sich Aachen-Nord weiterentwickeln? Wie viel Gentrifizierung ist
> gut für das Viertel? taz.meinland fragte vor Ort nach.
(IMG) Bild: Im Depot in Aachen-Nord wurde über die Zukunft des Viertels diskutiert
von [1][JANN-LUCA ZINSER]
Wenn man das „[2][Depot]“ in Aachen-Nord betritt, überquert man mit roter
Farbe gefüllte Schienen. Das neu errichtete Kulturzentrum war einst ein
Straßenbahnhof und soll heute ein Begegnungspunkt für die Bewohner und für
soziale und kreative Projekte sein.
Die große Halle ist lichtdurchflutet. Freiliegende Rohre unterstreichen den
industriellen Charakter, der das Viertel in seiner Vergangenheit so prägte.
Sinnbildlich steht der Komplex für das, was taz.meinland hier diskutieren
will: einerseits das Potential, andererseits die vielen Probleme von
Aachen-Nord.
Zu Gast waren Patricia Yasmine Graf, [3][designmetropole aachen], Marianne
Kuckelkorn, Begegnungszentrumskoordinatorin der [4][Arbeiterwohlfahrt
Aachen-Nord], Alexander Samsz, Autor und Herausgeber von „[5][Aachen Nord
Viertelmagazin]”, Nadya Bascha, [6][Atelierhaus Aachen], und Roberto Graf
von der Tu was GmbH Schülerfirma. Laila Oudray, Redakteurin im Projekt
taz.meinland, führte durch den Abend.
## Wieviel Gentrifizierung darf es sein?
Was genau sind die Probleme vor Ort? Schnell kristallisiert sich in der
Diskussion heraus: Der Kiez war schon immer ein Arbeiterviertel. Und soll
es auch bleiben. „Aachen-Nord ist kein Schickimicki-Viertel. Wir müssen den
ursprünglichen Charakter erhalten!”, fordert ein Mann im Publikum.
Peripher und doch zentral gelegen, waren die Wege zwischen Zuhause und
Arbeit nie weit, der Wohnraum bezahlbar. Seit immer weniger Menschen in
diesem Sektor arbeiteten, änderte sich auch die Gegend. Jene, die es sich
leisten konnten, zogen weg und die Zersplitterung des ehemals fast
greifbaren Zusammenhalts im Viertel nahm ihren Lauf. Der Wohnraum blieb
billig, auch, weil kaum saniert wurde.
Jetzt, da eine kreative Szene das Viertel aufmischt, hohe Summen in
Projekte und Gebäude investiert werden, sorgt sich manch einer um die
Identität von Aachen-Nord. Der Wunsch nach der Struktur vergangener Tage
wird laut.
Soweit, so bekannt – Gentrifizierung ist das Stichwort. Ein Prozess, der in
Deutschland vielerorts zu beobachten ist. Doch Aachen-Nord scheint anders.
Es brodelt. Viele der alten Fabriken stehen leer und werden nun zu
kreativen Hotspots. Im Zuge dieses Prozesses bleiben allerdings einige
Menschen auf der Strecke: Migranten, die kaum integriert werden, und junge
Menschen aus sogenannten bildungsfernen Milieus. Das Depot will deswegen
Berührungspunkte auch und explizit mit ihnen schaffen. Das erfordert aber
viel Eigeninitiative, die viele Betroffene schlichtweg nicht aufbringen
können.
## Engagement kostet Kraft
Die Co-Gründerin der „designmetropole aachen" kennt daneben die
Schwierigkeiten, mit denen Initiatoren sozio-kultureller Projekte zu
kämpfen haben. Der bürokratische und finanzielle Aufwand sei immens,
Fördermittel kämen oft (zu) spät. Für den „normalen Bürger“ seien die
Verwaltungsstrukturen zu langsam.
Darüber herrscht an diesem Abend Konsens: Etwas selber zu machen verlange
viel Geduld, noch mehr Mut und nicht zuletzt auch die finanziellen Mittel.
Man könne sich, so heißt es von einer jungen Frau im Saal, von den
unbürokratischeren Nachbarländern lernen: „Das Rad kann man nicht neu
erfinden, man kann es aber verbessern!“
Die Initiativen im Viertel müssen jedoch vor allem die Teilhabe aller dort
lebenden Menschen gewährleisten können. Marianne Kuckelkorn von der
Arbeiterwohlfahrt hat deshalb versucht, den Lebensraum-Radius von Müttern
mit migrantischem Hintergrund, die, nach ihrer Aussage, nur den Weg von
Zuhause zur Kita und zurück kennen, zu erweitern. Ihnen die Umgebung
zeigen, Stadt näher bringen.
Eine gewaltige Aufgabe. Deshalb plädiert sie für neue Ansätze in Kitas und
Grundschulen. Man müsse bei den Jüngsten anfangen, sie peu à peu und
Generation für Generation in die Gesellschaft führen.
## Einander kennenlernen
Darum führte das „Aachen Nord Viertelmagazin” unter der Leitung von
Alexander Samsz auch Nachbarschaftsinterviews durch: „Lernt einander
kennen!” Man ist hier sichtlich bemüht, Begegnungspunkte zu kreieren, die
in vielen Fällen leider an den Anzusprechenden vorbeigehen.
Als sich die Diskussionsrunde ihrem Ende nähert, wird die Diskussion noch
einmal hitzig. Ein großes Problem des Depots, dem als kulturellen
Knotenpunkt gedachten Koloss aus Beton und Stahl, sei die Verwaltung durch
die Stadt. Die Bürokratie bremse den kreativen Geist, lege die zahlreichen
Initiativen lahm.
Ein Gast überspitzt: um das Depot zu retten, müsse man eine
Selbstverwaltung erzwingen. Notfalls mit zivilem Ungehorsam. Applaus
brandet auf. Ein ehemaliger Hausbesetzer hängt kurzerhand einen taz-Beutel
mit der selbstverfassten Aufschrift „Das Depot ist besetzt!” über einen
Stuhl.
Wie in Spanien, ruft ein Gast, müsse man die Bürgersteige entern. Die
Ängste der Verwaltung vor Kontrollverlust und Subkultur seien
offensichtlich: „Die meinen doch: ‘Nicht, dass es da noch lebendig wird!’“
Ein letzter tosender Applaus.
## Neues Gemeinschaftsgefühl
Im Nachgang bleibt festzuhalten, dass im Aachener Norden viel im Entstehen
ist. Die Partizipation der Bürger, das spiegelt auch das Publikum der
Veranstaltung wider, ist nicht unbeachtlich. Viele stellen sich den Hürden
unseres Verwaltungsapparates, einige kämpfen dagegen an, manche feiern
schon Erfolge.
Das Depot jedoch muss sich von alldem lösen, Entscheidungsträger und
Initiatoren müssen gemeinsam die Schwächsten der Gegend mit ins Boot holen
– und tatsächlich integrieren. Das kann mit Projektarbeit anfangen. Aber es
muss in einem neuen Gemeinschaftsgefühl in Aachen-Nord enden.
7 May 2017
## LINKS
(DIR) [1] /!s=Jann-Luca
(DIR) [2] http://www.aachen.de/DE/stadt_buerger/planen_bauen/stadtentwicklung/stadtviertel/aachennord/projekte_2010_2019/depot/index.html
(DIR) [3] http://www.designmetropole-aachen.de/
(DIR) [4] http://www.awo-aachen.com/seite/208606/nord.html
(DIR) [5] http://www.aachen-nord.de/beispiel-seite/
(DIR) [6] http://www.atelierhausaachen.de/
## AUTOREN
(DIR) Jann-Luca Zinser
## ARTIKEL ZUM THEMA