i# taz.de -- Die Bauwende und die Kirchenfrage: Was tun mit obsoleten Sakralbauten? taz.de 70 i taz.de 70 i> Das Kunstfestival „Manifesta“ will im Ruhrgebiet verwaiste Kirchen taz.de 70 i> bespielen. Das könnte ein Schritt in Richtung Bauwende sein. taz.de 70 i taz.de 70 IBild: Wie ein fantastisches Schloss wirkt die umgebaute Zementfabrik von Ricardo Bofill nahe Barcelona /picture/8180726/948/H-002-La--Fabrica-13.jpeg taz.de 70 i taz.de 70 iKirchen sind mit einer Abriss-Realität konfrontiert. Von den 45.000 taz.de 70 ideutschen Kirchenbauten werden in den nächsten Jahren bis zu 50 Prozent taz.de 70 iinfrage gestellt werden, [1][vermuten Experten]. Vor jedem Abriss, der nur taz.de 70 idie Ultima Ratio sein sollte, müsste jedoch Erhalt und Weiternutzung der taz.de 70 iaufgegebenen Sakralbauten diskutiert werden. Denn dass Sakralräume nicht taz.de 70 imehr in der gleichen Weise genutzt werden, wie einmal bei ihrem Bau taz.de 70 ivorgesehen, könnte der Institution Kirche sogar weitere Perspektiven taz.de 70 iverschaffen. taz.de 70 i taz.de 70 iObsolete Kirchenbauten sind ein gesellschaftliches, öffentliches Thema. taz.de 70 iWohl deshalb widmet sich ihnen auch im kommenden Sommer die „Manifesta 16 taz.de 70 iRuhr“. Diese [2][wandernde europäische Kunstbiennale] wird von Juni bis taz.de 70 iOktober 2026 in den Ruhrgebietsstädten Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und taz.de 70 iBochum zwölf profanierte oder entwidmete Kirchen bespielen. Man wolle taz.de 70 ierfahren, „welches Potenzial in den architektonischen und sozialen Räumen“ taz.de 70 isteckt, bekunden die Manifesta-Kuratoren. taz.de 70 i taz.de 70 iSakralbauten zu erhalten, stellt einen vor kirchenräumliche und taz.de 70 iinstitutionelle Herausforderungen. Und die sind eng miteinander verknüpft, taz.de 70 iauch wenn das noch nicht in allen theologischen Köpfen angekommen ist. Eine taz.de 70 i„Bauwende in der Sakralarchitektur“ wird auch angesichts des Klimawandels taz.de 70 idringender. taz.de 70 i taz.de 70 iDer Architekt Olaf Grawert sagte kürzlich: „Der Bausektor ist der größte taz.de 70 iCO₂-Emittent der Welt.“ Er steht für 60 Prozent des weltweiten taz.de 70 iRessourcenverbrauchs. Aber Gebäude haben auch „ein großes ökologisches taz.de 70 iPotenzial“, so Grawert, der sich als Mitbegründer der Initiative House taz.de 70 iEurope! für nachhaltige EU-Normen im Bausektor einsetzt, „sie sind Hebel taz.de 70 ifür Veränderungen.“ taz.de 70 i taz.de 70 i## Unorte zu Oasen taz.de 70 i taz.de 70 iAnlässlich [3][der Ausstellung „We transform“ in der Bonner Kunsthalle] taz.de 70 iempfahl Grawert ein Beispiel aus Salzburg zur Nachahmung. Dort sei es taz.de 70 inämlich gelungen, ein Parkhaus mit 400 Stellplätzen in ein Quartier mit taz.de 70 iWohnung und Gewerbe zu transformieren, inklusive Entsiegelung, Begrünung taz.de 70 iund Wassermanagement. taz.de 70 i taz.de 70 iAuch Unorte in städtische Oasen umzugestalten, ist in der jüngeren taz.de 70 iArchitekturgeschichte immer wieder gelungen. [4][Bereits in den 1970er taz.de 70 iJahren verwandelte der Architekt Ricardo Bofill] im kleinen katalanischen taz.de 70 iSant Just Desvern eine riesige, menschenabweisende Zementfabrik, eine taz.de 70 iBetonwüste aus Rotoren, zahllosen Silos und Schornsteinen, in eine taz.de 70 ieinzigartige Wohn- und Arbeitswelt. In den acht Silos nistete Bofill Büros taz.de 70 iein. Die Maschinenhalle wurde zu einem Kunstsalon. Außen ließ er Oliven- taz.de 70 iund Eukalyptusbäume, Zypressen und Palmen pflanzen. taz.de 70 i taz.de 70 iAuch das Ruhrmuseum der Essener Zeche Zollverein entstand Anfang der 2000er taz.de 70 iJahre aus einem Transformationsprozess. Rem Koolhaas und [5][sein taz.de 70 iRotterdamer Architekturbüro OMA bauten das Kohlenwäsche-Ungetüm] zu einem taz.de 70 iabenteuerlichen Ausstellungshaus inmitten stillgelegter Maschinen um und taz.de 70 iließen in einer industriellen Naturlandschaft ein außergewöhnliches taz.de 70 iWeltkulturerbe entstehen. taz.de 70 i taz.de 70 iKoolhaas realisierte damals, was für seinen Londoner Lehrer Cedric Price, taz.de 70 idem Erfinder des London Eye, mit dem Umbau einer verfallenen taz.de 70 iIndustrieanlage in eine mobile, teils auf Bahngleisen angelegte Hochschule taz.de 70 inoch Vision blieb. Koolhaas’ Umbau fällt in die Phase einer Neubewertung taz.de 70 ivon Bestandsbauten, man rückte von der heute wieder so wild um sich taz.de 70 igreifenden Abrisswut ab. taz.de 70 i taz.de 70 i## Keine „Cowboy Economy“ taz.de 70 i taz.de 70 iDer aktuelle Ruf nach einer „Bauwende“ angesichts des Klimawandels, in den taz.de 70 iauch Oliver Grawert mit House Europe! einstimmt, geht eigentlich auf alte taz.de 70 iForderungen zurück, [6][auf 1972 und den Bericht „Grenzen des Wachstums“ taz.de 70 ivom Club of Rome] oder, noch früher, auf 1966 und den US-amerikanischen taz.de 70 iÖkonomen Kenneth Boulding. Der John-F.-Kennedy-Berater Boulding hatte auf taz.de 70 idem Höhepunkt des Vietnamkriegs vorausschauend ein „zyklisches ökologisches taz.de 70 iSystem“ gefordert, das die vorherrschende „Cowboy Economy“ mit ihrer taz.de 70 igrenzenlosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen hätte ersetzen sollen. taz.de 70 i taz.de 70 iIhm schwebte eine „Architecture of Change“ als Katalysator des Wandels vor. taz.de 70 iDie in den letzten Jahren entstandenen europaweiten Initiativen für ein taz.de 70 iUmdenken in der Baubranche, der Green Deal der Europäischen Kommission, das taz.de 70 iNew European Bauhaus oder Bauhaus der Erde knüpfen an Bouldings taz.de 70 i„Architecture of Change“ an. taz.de 70 i taz.de 70 iDass sich die ökologischen Lasten bei Umbaumaßnahmen drastisch verringern, taz.de 70 iCO₂-Emissionen bei der Materialherstellung etwa um 69 und bei der taz.de 70 iBauausführung um weitere 38 Prozent reduzieren könnten, [7][ergab 2022 der taz.de 70 iBericht „Neue Umbaukultur“ der Bundesstiftung Baukultur]. In der taz.de 70 iGesamtbetrachtung liefe dies auf eine Emissionssenkung von 31 Prozent taz.de 70 ihinaus. „Die ganze Gesellschaft muss den Wert unserer gebauten Umwelt taz.de 70 istärker erkennen und Visionen für eine neue Umbaukultur entwickeln“, taz.de 70 ifordert der Stiftungsbericht. taz.de 70 i taz.de 70 iZurück zu den Kirchen: Dieser Mehrwert könnte also auch für sie ein taz.de 70 ibeträchtliches Plus darstellen. Im Bistum Essen, wo zwischen 2006 und 2022 taz.de 70 ibereits 36 Kirchen planiert wurden, beherzigt man den Umbaudiskurs taz.de 70 imittlerweile. Erst kürzlich wurde die expressiv-moderne taz.de 70 iHeilig-Geist-Kirche, entworfen vom Pritzker-Prize-Träger und Kölner taz.de 70 iNachkriegsarchitekten Gottfried Böhm, zu einem Kunstraum umgewandelt, sie taz.de 70 iist auch eine der zwölf Kirchen auf der Liste der diesjährigen Manifesta. taz.de 70 i taz.de 70 i## Gemeinwohlorientiert? taz.de 70 i taz.de 70 iSolch eine Umwidmung ist nicht nur Teil einer ökologischen, sondern auch taz.de 70 ieiner sozialen und stadtpolitischen Bauwende. Im Ruhrgebiet mit seiner taz.de 70 ihohen Bevölkerungsdichte steigt nämlich der Druck, für die profanierten taz.de 70 iSakralbauten, angepasst an die jeweilige lokale Situation, neue soziale und taz.de 70 ikulturelle Programme zu entwickeln. taz.de 70 i taz.de 70 iDie heute durch die soziale Kirchenkrise entstandene Möglichkeit von Umbau taz.de 70 iund Umnutzung von Sakralräumen sollte nicht als Krisensymptom, sondern als taz.de 70 iHerausforderung angenommen werden. Bestenfalls als eine Chance zur taz.de 70 igemeinwohlorientierten Weiternutzung. taz.de 70 i taz.de 70 iAus diesem Grunde entstand 2024 die initiative kirchenmanifest.de. Unter taz.de 70 idem Motto „Kirchen sind Gemeingüter! Manifest für eine neue taz.de 70 iVerantwortungsgemeinschaft“ wurden bis Ende 2024 ca. 21.000 Unterschriften taz.de 70 igesammelt. Deren Gründerinnen erinnern daran, dass die Kirche mal ein taz.de 70 iKulturraum war, den es heute wiederzugewinnen gelte. taz.de 70 i taz.de 70 iDenn historisch wurden in Kirchenbauten neben Gottesdiensten auch taz.de 70 ikulturelle Veranstaltungen, Versammlungen und Märkte abgehalten. Sie wurden taz.de 70 iwörtlich als ekklesia (griechisch: „Versammlung“, „Versammlungsplatz“, taz.de 70 i„Gemeinde“; lateinisch ecclesia: „Volksversammlung“) wahrgenommen. taz.de 70 i taz.de 70 iAls solche tauchen Kirchenräume etwa in der flämisch-niederländischen taz.de 70 iMalerei der Alten Meister auf, etwa bei Pieter Neefs dem Älteren (1578–ca. taz.de 70 i1659), einem Malerkollegen [8][Peter Paul Rubens]’ im gegenreformatorischen taz.de 70 iAntwerpen. Oder bei Pieter Saenredam (1597–1665). Der malte den Kirchenraum taz.de 70 ivon Haarlems Nieuwe Kerk, als handelte es sich um einen überdachten taz.de 70 iMarktplatz, wo sich die Menschen zum Plausch treffen. taz.de 70 i taz.de 70 i## Neue Lage, neue Formen taz.de 70 i taz.de 70 i„Wer diese Bauten heute allein privatwirtschaftlich als Immobilien taz.de 70 ibetrachtet, beraubt die Communitas. Staat und Gesellschaft können und taz.de 70 idürfen sich ihrer historisch begründeten Verantwortung für dieses taz.de 70 ikulturelle Erbe nicht entziehen“, heißt es im Kirchenmanifest. Der „neuen taz.de 70 iLage“ müsse man daher „mit neuen Formen der Trägerschaft begegnen: mit taz.de 70 ieiner Stiftung oder Stiftungslandschaft für Kirchenbauten und deren taz.de 70 iAusstattungen“. taz.de 70 i taz.de 70 iOb die „Manifesta 16 Ruhr“ solch längerfristige, institutionelle taz.de 70 iVeränderungen anschieben kann, wird sich noch zeigen. Zunächst wollen die taz.de 70 iKuratoren die obsolet gewordenen Sakralräume – laut Programm – „mithilfe taz.de 70 ivon künstlerischen Interventionen in gemeinschaftsfördernde, partizipative taz.de 70 iHandlungsräume“ verwandeln. taz.de 70 i taz.de 70 iWie man einen Kirchenraum als Versammlungsort neu denken und gleichzeitig taz.de 70 ider Bauwende folgen kann, erprobt gerade der Architekt Jaume Mayol von taz.de 70 iTed’A Arquitectes aus Palma de Mallorca. Er baut jetzt im flämischen taz.de 70 iHerentals eine Kapelle aus den Abbruchziegeln einer benachbarten Kirche und taz.de 70 iwiederbelebt dabei die Bedeutung von ekklesia. Mayol hatte dabei den taz.de 70 iVersammlungsraum einer Höhle aus dem antiken Syrakus vor Augen, in der sich taz.de 70 idie erste Christengemeinde getroffen hatte. taz.de 70 i taz.de 70 i„Das ist für mich ein starkes Bild: Eine große Höhle. Eine Halle, die nicht taz.de 70 igeschlossen, sondern offen ist, die keine Glasfenster hat. Dieser taz.de 70 iSchutzraum ist ein Ort, der Menschen dazu einlädt, sich zu versammeln, im taz.de 70 ireligiösen oder nicht-religiösen Sinne. Das bedeutet ‚iglesia‘: ‚Öffnen‘ taz.de 70 iheißt ‚Türen öffnen.‘“ Und, so der an der Düsseldorfer Kunstakademie taz.de 70 ilehrende Mayol, „was die neue Sakralarchitektur betrifft: Es kommt auf taz.de 70 iÖffnung und Einbeziehung an. Die architektonische Umgestaltung sollte die taz.de 70 iKirchen durchlässiger machen“. taz.de 70 i taz.de 70 i20 Jan 2026 taz.de 70 i taz.de 70 i## LINKS taz.de 70 i taz.de 70 1[1] https://baukultur.nrw/projekte/zukunft-kirchen-raume/ https://baukultur.nrw/projekte/zukunft-kirchen-raume/ taz.de 70 1[2] /Kunstausstellung-Manifesta-im-Kosovo/!5871938 /Kunstausstellung-Manifesta-im-Kosovo/!5871938 taz.de 70 1[3] /Ausstellung-ueber-nachhaltiges-Bauen/!6097426 /Ausstellung-ueber-nachhaltiges-Bauen/!6097426 taz.de 70 1[4] /Ausstellung-in-der-Bundeskunsthalle-Bonn/!5962104 /Ausstellung-in-der-Bundeskunsthalle-Bonn/!5962104 taz.de 70 1[5] /Bauhaus-des-21-Jahrhunderts/!394396 /Bauhaus-des-21-Jahrhunderts/!394396 taz.de 70 1[6] /Neues-Buch-Ueberfluss-und-Freiheit/!5891487 /Neues-Buch-Ueberfluss-und-Freiheit/!5891487 taz.de 70 1[7] https://www.bundesstiftung-baukultur.de/publikationen/baukulturbericht/2022-23 https://www.bundesstiftung-baukultur.de/publikationen/baukulturbericht/2022-23 taz.de 70 1[8] /Ausstellung-ueber-Wettstreit-in-der-Kunst/!5884014 /Ausstellung-ueber-Wettstreit-in-der-Kunst/!5884014 taz.de 70 i taz.de 70 i## AUTOREN taz.de 70 i taz.de 70 1Klaus Englert /!a30444 taz.de 70 i taz.de 70 i## TAGS taz.de 70 i taz.de 70 1Kirche /!t5007616 taz.de 70 1CO2-Emissionen /!t5625458 taz.de 70 1Deutsche Kultur /!t5253509 taz.de 70 1Architektur /!t5008962 taz.de 70 1Ruhrgebiet /!t5009930 taz.de 70 1Biennale /!t5009157 taz.de 70 1Katholische Kirche /!t5013186 taz.de 70 1Künste /!t5011754 taz.de 70 1Kunst /!t5008134 taz.de 70 i taz.de 70 i## ARTIKEL ZUM THEMA taz.de 70 i taz.de 70 1St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin: Der Zen-Kult der Wohlstandsbürger /!6048242 taz.de 70 i taz.de 70 iDie Sanierung der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin wurde nach Jahren taz.de 70 iabgeschlossen. 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