# taz.de -- Iran – die Mauer aus Angst ist gefallen
> Was als Revolte gegen den Kopftuchzwang begann, hat sich längst
> ausgeweitet. Überall im Land fordern Demonstrierende den Sturz des
> Regimes. Wie der Aufstand ausgeht, ist vor allem angesichts der massiven
> Repression ungewiss. Wichtiges erreicht hat die Bewegung aber schon
> jetzt.
von Mitra Keyvan
Frau, Leben, Freiheit!“, „Wir lassen uns nichts mehr gefallen!“, „Tod dem
Diktator!“ Solche Parolen werden in den Straßen von Teheran und anderen
Städten gerufen. Sie zeigen die Entschlossenheit der Demonstrantinnen, aber
auch der Demonstranten, den Mächtigen die Stirn zu bieten.
Alles begann am 13. September, als die Sittenpolizei (Gascht-e Erschad) die
22-jährige Mahsa Amini festnahm, weil sie angeblich ihr Kopftuch nicht
vorschriftsmäßig trug. Diesen Vorwurf bekommen täglich tausende Iranerinnen
zu hören. Drei Tage später starb die junge Frau im Krankenhaus, nachdem sie
in Polizeigewahrsam ins Koma gefallen war. Ihr Begräbnis in ihrer
Heimatstadt Saghez in der iranischen Provinz Kurdistan löste im ganzen Land
eine Explosion der Wut aus.
Die Mauer der Angst zeigte überall Risse, Frauen gingen erhebliche Risiken
ein, um dem Regime auf der Straße entgegenzutreten.[1]Obwohl die Machthaber
das Internet abschalten ließen, kursierten in den sozialen Netzwerken
Bilder von Frauen, die öffentlich ihre Kopftücher verbrannten. Und in
Saghez protestierte die Familie des Opfers gegen die offizielle Version zur
Todesursache, in der behauptet wurde, Mahsa Amini habe Vorerkrankungen
gehabt. Die Familie vermutete, dass sie an den Folgen der brutalen
Behandlung durch die Sittenpolizei starb. Damit wurde sie zur Ikone, zur
Märtyrerin.
Trotz des immer härteren Vorgehens der Sicherheitskräfte, teilweise mit
scharfer Munition, weiteten sich die Proteste rasch aus. Am Anfang
richteten sie sich im Wesentlichen gegen die Macht der Sittenpolizei und
die seit 1983 geltende Kopftuchpflicht.
Die Parolen wandten sich dann aber sehr schnell gegen das gesamte System:
„Wir wollen die Islamische Republik nicht! Wir wollen sie nicht!“ In der
Vergangenheit hat es wiederholt Protestwellen gegen das iranische Regime
gegeben, aber nie hatten sie ein solches Ausmaß erreicht, nie so viel
Widerhall in der Bevölkerung und im Ausland gefunden.
## Die Jungen ertragen es nicht mehr
Im Juni 2009 protestierte die „Grüne Bewegung“ gegen die Wiederwahl von
Präsident Ahmadinedschad und sprach von Wahlbetrug.[2]Die Parole „Wo ist
meine Stimme?“ hatte damals vor allem Menschen aus der städtischen
Mittelschicht mobilisiert, nicht aber die ländliche Bevölkerung.
Ende 2017 demonstrierten verschiedene Gruppen der ärmsten
Bevölkerungsschichten unabhängig voneinander gegen die Kürzungen von
Unterstützungsleistungen und Preissteigerungen bei Treibstoff und mehreren
Grundnahrungsmitteln. Und schließlich kam es Ende 2019 erneut zu sozialen
Protesten aus den gleichen ökonomischen Gründen, diesmal vor allem in den
kleinen Städten und armen Vororten der Großstädte. Jedes Mal wurden die
Bewegungen durch gnadenlose Repression mit tausenden von Verhaftungen
niedergeschlagen.
Diesmal sieht sich das Regime mit einer umfassenden Unzufriedenheit
konfrontiert. Vor allem die Frauen und die Jugend beteiligen sich stark an
den Protesten. Fast 51 Prozent der Menschen in Iran sind jünger als 30
Jahre, bei einer zu drei Vierteln städtischen Gesamtbevölkerung von 86
Millionen. Die Jungen ertragen das eingeschränkte Leben nicht mehr, in dem
alles, was anderswo normal ist – wie mit Freunden in der Öffentlichkeit
Musik hören –, zu Schwierigkeiten mit der Obrigkeit führt.
„Bei dieser Bewegung dreht sich alles um die menschliche Würde“, sagt der
Soziologe Asef Bayat. „Es ist, als wollten die Menschen ihre verlorene
Jugend zurückholen, sie geben ihrer Sehnsucht nach einen normalen Leben in
Würde Ausdruck.“ Die Bewegung hat auf das ganze Land übergegriffen: Sie
beschränkt sich nicht mehr auf die städtischen Zentren, längst hat sie auch
entlegene Regionen erfasst. Die heftigsten Zusammenstöße gibt es in
Kurdistan und Belutschistan, insbesondere in der Stadt Zahedan.
Zur Wut der iranischen Bevölkerung trägt die schlechte wirtschaftliche Lage
sehr viel bei: Die Inflation liegt bei rund 40 Prozent. Vor seiner Wahl im
Juni 2021 hatte Präsident Ebrahim Raisi
10 Nov 2022
## AUTOREN
(DIR) Mitra Keyvan
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