# taz.de -- Ungleiche Partner
       
       > Mitten in der Coronakrise hat die Afrikanische Entwicklungsbank
       > beschlossen, Public-private-Partnerships verstärkt zu fördern. Dabei ist
       > der Nutzen dieser Kooperationen für die Staaten äußerst fragwürdig.
       
 (IMG) Bild: Kapstadt im Mai 2020: Maskenproduktion als Kooperationsprojekt
       
       von Jean-Christophe Servant
       
       Während in den westlichen Industrieländern öffentlich-private
       Partnerschaften (Public-private-Partnerships, PPP) zunehmend in die Kritik
       geraten, sind sie in Afrika auf dem Vormarsch. 2018 zählte die Weltbank 460
       PPPs auf dem Kontinent. Nach den Vorreitern Südafrika, Nigeria und Kenia
       werden vor allem in Ghana, Côte d’Ivoire und Senegal immer mehr von diesen
       angeblich so effizienten Kooperationen abgeschlossen. Tatsächlich sind sie
       aber für wachsende Haushaltsdefizite verantwortlich, während sie den
       privaten Unternehmen exorbitante Vorteile verschaffen. Die durch die
       Coronapandemie 2020 ausgelöste Rezession könnte das ganze Ausmaß dieser
       schädlichen Kooperationen offenlegen.
       
       Theoretisch dienen PPPs dazu, dem Staat mehr finanziellen Spielraum zu
       verschaffen. Die Ressourcen, Risiken, Verantwortlichkeiten und Vorteile
       sollen zwischen der öffentlichen Hand und den Unternehmen aufgeteilt
       werden. In der Regel handelt es sich um Verträge über den Bau, die
       Instandhaltung und den Betrieb öffentlicher Einrichtungen (Straßen,
       Krankenhäuser, Flughäfen, Kraftwerke, Eisenbahnen und dergleichen) mit
       einer Laufzeit von 20 bis 30 Jahren. Der Staat als Nutzer der Einrichtungen
       zahlt ab dem Zeitpunkt der Abnahme für die gesamte Konzessionsdauer einen
       Mietzins. Nach deren Ablauf geht das Objekt in den Besitz des Staats.
       
       Die internationalen Finanzinstitutionen als die wichtigsten Förderer,
       aber auch regionale Organisationen haben die PPPs zu einem Motor des
       afrikanischen Wirtschaftswachstums erklärt. „In den letzten 15 Jahren
       wurden Entwicklungshilfegelder eingesetzt, um den Privatsektor zu
       Investitionen in den ärmsten Ländern zu ermuntern“, sagt Nick Dearden,
       Leiter des Netzwerks Global Justice Now. „Anstatt die Länder direkt beim
       Auf- und Ausbau öffentlicher Dienstleistungen zu unterstützen oder Steuern
       von den dort bereits tätigen multinationalen Unternehmen einzutreiben, will
       man mit staatlichen Mitteln ein ‚günstigeres‘ Umfeld für private
       Investitionen schaffen.“ Öffentlich-private Partnerschaften hätten
       anschließend stark zugenommen. „Und sie haben das getan, was sie am besten
       können: öffentliche Aufgaben in langfristige Einnahmequellen für ihre
       Geldgeber verwandeln.“[1]
       
       Insbesondere die Weltbank und ihre Tochterorganisation für die Entwicklung
       des Privatsektors in den Ländern des Südens, die Internationale
       Finanz-Corporation (IFC), engagieren sich mit Unterstützung diverser UN-
       und EU-Organisationen für PPPs zwischen afrikanischen Regierungen und
       privaten Investoren. Die Bilanz dieser Verträge in Europa, wo sie Anfang
       der 1990er Jahre erfunden wurden, hätten allerdings als Warnung dienen
       können. So fällte 2018 ein Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofs zu
       zwölf untersuchten PPPs ein strenges Urteil: „Bei der Mehrzahl der
       geprüften Projekte kam es zu erheblichen Bauverzögerungen und
       Kostenüberschreitungen.“[2]
       
       ## Senegal zahlte das Dreifachefür seine Autobahn
       
       Allen Warnungen zum Trotz gedeihen PPPs in Afrika weiter.
       Entwicklungsziele, Anpassung an den Klimawandel und die vierte industrielle
       Revolution dienten als Rechtfertigung für die neue Privatisierungswelle
       gegen die Interessen der Allgemeinheit, meint der südafrikanische Sozialist
       Trevor Ngwane, der in den nuller Jahren das Anti Privatisation Forum
       mitgegründet hat, eine Koalition von Verbänden unter dem Vorsitz von Thabo
       Mbeki, die gegen die Demontage des öffentlichen Wasser- und Stromsektors
       kämpfte.
       
       Im Frühjahr 2017 dachte Weltbankchef Jim Yong Kim laut darüber nach, dass
       doch nur Gutes dabei herauskommen könne, wenn beispielsweise ein britischer
       Pensionsfonds in den Straßenbau in Dar es Salaam investiert, um eine
       angemessene Rendite zu erzielen.[3]Der UN-Sonderberichterstatter für
       extreme Armut und Menschenrechte Philip Alston warnte ein halbes Jahr
       später jedoch vor dem Privatisierungs-Tsunami, den die PPPs auslösen.[4]
       
       PPPs werden gern als Partnerschaft zwischen gleichberechtigten Akteuren
       dargestellt. Doch in Wirklichkeit sind sie das Ergebnis asymmetrischer
       Verhältnisse. Schulden schwächen die Verhandlungsposition der afrikanischen
       Staaten, deren Vertreter zudem oft nicht über das juristische und
       technische Know-how verfügen, um mit den Anwälten der Multis mithalten zu
       können. Und weil die Privaten den PPP-Vertrag vorbereiten, seien sie immer
       schon einen Schritt voraus, erklärt der senegalesische Anwalt Aliou Saware.
       
       Während sich die Staaten über Jahrzehnte hinweg verschulden, können sich
       die Unternehmen über die in den Verträgen eingebauten Schlupflöcher
       gegebenenfalls ihren Verpflichtungen entziehen. Neuverhandlungen oder
       Änderungen sind in den Verträgen meist nicht vorgesehen. Oft werden sie
       übereilt abgeschlossen, um kurzfristige Wahlversprechen zu erfüllen. Auf
       die staatlichen Stellen können dabei alle möglichen finanziellen
       Belastungen zukommen, beispielsweise Entschädigungszahlungen im Fall von
       sinkenden Wechselkursen oder starken Gewinnrückgängen.
       
       Das Offshore-Gasprojekt Sankofa etwa, ein von der Weltbank unterstütztes
       PPP in Ghana, wurde für die Regierung zu einer Zeitbombe. In einer so
       genannten Take-or-pay-Klausel hat sich der Staat verpflichtet, 90 Prozent
       der Fördermenge aufzukaufen. Die inländische Nachfrage erwies sich jedoch
       als zu gering. Allein 2019 zahlte Ghana infolgedessen 250 Millionen Dollar
       für Gas, das es gar nicht verbrauchen konnte.
       
       Ein anderer typischer Fall ist die senegalesische „Autobahn der Zukunft“
       zwischen dem internationalen Flughafen Blaise-Diagne und der Hauptstadt
       Dakar. 2016 wurde die erste Mautstraße in Westafrika mit großem Pomp
       eingeweiht. In dieser von der IFC unterstützten PPP ist Senac SA, die
       lokale Tochter des französischen Baukonzerns Eiffage, für Planung, Bau und
       Betrieb der Autobahn zuständig. „Senac investierte 70 Milliarden CFA-Francs
       (106 Millionen Euro), während der senegalesische Staat dreimal so viel in
       das Projekt gesteckt hat“, rechnet der Anwalt Saware vor. „Bis zum Ende der
       30-jährigen Laufzeit wird Senac fast 300 Milliarden CFA-Francs (457
       Millionen Euro) verdient haben. Der Staat hingegen kassiert nur die
       Mehrwertsteuer, muss aber bis 2059 die Kredite der
       Entwicklungsorganisationen zurückzahlen – mehr als 200 Milliarden
       CFA-Francs (304 Millionen Euro).“
       
       Alle Sektoren, die hohe Gewinnquoten versprechen, sind betroffen: Energie,
       Mobilfunk, Breitbandkabel, Straßen, Häfen, Eisenbahnen oder Flughäfen.
       Sogar im Sozialwesen empfiehlt die IFC den Einsatz von PPPs, etwa beim Bau
       oder der Sanierung von Krankenhäusern oder der Herstellung und dem Vertrieb
       von Medikamenten. „Entgegen der landläufigen Meinung stellt der
       Gesundheitssektor für Investoren kein Risiko dar“, sagt Anna Marriott von
       Oxfam. Die urbane obere Mittelschicht sei in Ländern wie Kenia, Nigeria
       oder Südafrika bereit, für eine ordentliche Gesundheitsversorgung zu
       zahlen.
       
       Erste Studien zeigen aber, dass PPPs im Gesundheitswesen für die Staaten
       genauso gefährlich sind wie in den herkömmlichen Branchen. So wurde in
       Uganda ein PPP für Bau und Verwaltung des Krankenhauses von Lubowa am
       Stadtrand von Kampala vereinbart, das ohne Ausschreibung an ein
       italienisch-ugandisches Konsortium ging. Durch die Bauarbeiten entstanden
       dem Staat erhebliche Mehrkosten, die das veranschlagte Budget von 250
       Millionen Dollar um 130 Millionen überschritten.[5]
       
       Und in Lesotho sollte das 2011 neugebaute Queen Mamohato Memorial Hospital
       der IFC zufolge nur ein Drittel der Kosten der Vorgängereinrichtung
       verursachen. Drei Jahre nach der Eröffnung verschlang die Klinik aufgrund
       einer Kostenexplosion bei Schuldendienst und Betrieb 51 Prozent des
       nationalen Gesundheitsbudgets. Für den privaten Investor Tsepong Ltd., ein
       Konsortium, das von dem südafrikanischen Gesundheitskonzern Netcare
       angeführt wird, war das Haus mit seinen 425 Betten aber überaus
       gewinnbringend. Allerdings geht all dies zulasten der Ressourcen für die
       Landbevölkerung. Heute verbraucht das Queen Mamohato Memorial Hospital
       immer noch ein Drittel des Gesundheitsbudgets, das seit 2014 immerhin
       verdreifacht wurde.
       
       Netcare, dessen Investitionen nur 4 Prozent der Gesamtkosten des Projekts
       ausmachen, wurde von den anderen Mitgliedern des Konsortiums beschuldigt,
       die vom Krankenhaus erwirtschafteten Einnahmen zu beträchtlichen Teilen
       abgezweigt zu haben. In einem Tauziehen zwischen dem Staat Lesotho und den
       Geldgebern droht der südafrikanische Betreiber, dass das Königreich in eine
       Schuldenkrise geraten würde, sollte das Krankenhaus in Konkurs gehen. In
       Afrika besteht die reelle Gefahr, dass PPPs in einer Zeit, in der ohnehin
       eine neue Schuldenkrise droht, die Staatshaushalte zusätzlich belasten
       werden.[6]
       
       „Natürlich kann man die Art und Weise, wie die Länder ihre Geschäfte
       machen, kritisieren“, sagt der Ökonom Romain Gelin. Aber es seien in erster
       Linie externe Ursachen, die die afrikanischen Staaten zwängen, sich weiter
       dem Diktat der Bretton-Woods-Institutionen zu beugen. Dazu gehören
       insbesondere illegale Finanzströme und Steueroasen: Während 2018 knapp 30
       Milliarden Dollar an staatlicher Entwicklungshilfe nach Afrika flossen,
       gingen dem Kontinent gleichzeitig mehr als 50 Milliarden Dollar durch
       illegale Finanzströme verloren.[7]
       
       Wie schon zu Beginn der nuller Jahre leben auch jetzt wieder Initiativen
       auf, die von den internationalen Finanzinstitutionen fordern, die Schulden
       zu streichen oder wenigstens zu senken. Doch vier Jahrzehnte nach der
       ersten Schuldenkrise gibt es heute kaum noch Streiks und Demonstrationen,
       mit denen damals gegen die Strukturanpassungspläne protestiert wurde.
       
       Mit Blick auf die PPPs fordert der Anwalt Saware, „alles zu stoppen und
       erst einmal eine weltweite Untersuchung darüber anzustellen, ob diese
       Partnerschaften nicht nur profitabel sind, sondern auch zur nachhaltigen
       Entwicklung und zum Wohl künftiger Generationen beitragen“.
       
       1↑ „The Free Market Will Only Deepen the Coronavirus Crisis“, Al Jazeera, 8
       April 2020, www.aljazeera.com.
       
       2↑ „Öffentlich-private Partnerschaften in der EU: Weitverbreitete Defizite
       und begrenzte Vorteile“, Sonderbericht Nr. 9, Europäischer Rechnungshof,
       Luxemburg 2018.
       
       3↑ Rede vom 11. April 2017, www.worldbank.org.
       
       4↑ „UN Poverty Expert Warns Against Tsunami of Unchecked Privatisation“,
       Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte, 19.
       Oktober 2018, www.ohchr.org.
       
       5↑ Fears Raised About Cost of PPP Hospital in Uganda“, Jubilee Debt
       Campaign, 8. Juli 2019, jubileedebt.org.uk.
       
       6↑ Siehe Ndongo Samba Sylla, „Am Beispiel Senegal“, LMd,Juli 2020.
       
       7↑ Vgl. Romain Gelin, „Qui finance les infrastructures en Afrique“, Komitee
       zur Streichung der illegitimen Schulden (CADTM), Brüssel, 9. November 2018,
       www.cadtm.org.
       
       Aus dem Französischen von Nicola Liebert
       
       Jean-Christophe Servant ist Journalist.
       
       12 Nov 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jean-Christophe Servant
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA