# taz.de -- Die zwei Gesichter des Hugo Chávez
       
 (IMG) Bild: Hugo Chávez zusammen mit Fidel Castro, 28. Oktober 2000
       
       von Gabriel García Márquez
       
       Bei Einbruch der Dämmerung stieg Carlos Andrés Pérez aus dem Flugzeug, mit
       dem er gerade von Davos nach Caracas zurückgekehrt war, und sah zu seiner
       Verwunderung General Fernando Ochoa Antich, seinen Verteidigungsminister,
       auf der Gangway stehen. „Was ist los?“, fragte er misstrauisch. Der
       Minister beruhigte ihn mit so überzeugenden Worten, dass der Präsident sich
       nicht in den Regierungspalast Miraflores im Herzen von Caracas fahren ließ,
       sondern in seine Residenz in La Casona. Er war gerade eingeschlafen, als er
       durch einen Telefonanruf des nämlichen Ministers geweckt wurde, der ihn von
       einem Militäraufstand in Maracay unterrichtete. Kaum war er in Miraflores
       eingetroffen, donnerten die ersten Artilleriesalven los.
       
       Man schrieb den 4. Februar 1992. Mit der ihm eigenen sakramentalen
       Verehrung für geschichtsträchtige Daten gab Oberst Hugo Chávez Frías den
       Angriffsbefehl in seiner improvisierten Kommandozentrale im Historischen
       Museum von La Planicie. Der Präsident erkannte bald, dass nur die
       Unterstützung des Volkes ihm noch helfen konnte, und begab sich in die
       Fernsehstudios von Venevisión, um sich an die Bevölkerung zu wenden. Zwei
       Stunden später war der Militärputsch gescheitert. Chávez kapitulierte unter
       der Bedingung, dass man auch ihn eine Rede im Fernsehen halten ließe.
       
       Der junge kreolische Oberst, in Fallschirmjägermütze und mit
       bewundernswerter Sprachbegabung, übernahm die volle Verantwortung für den
       Aufstand. Aber die Ansprache wurde ein politischer Erfolg. Chávez saß zwei
       Jahre im Gefängnis, bis er von Präsident Rafael Caldera begnadigt wurde.
       Viele seiner Anhänger und nicht wenige seiner Feinde waren jedoch der
       Ansicht, dass er mit dem beredten Eingeständnis seines Scheiterns bereits
       die Wahlkampagne eröffnet hatte, die ihm 1999 schließlich die
       Präsidentschaft einbrachte.
       
       Diese Geschichte erzählte mir Präsident Hugo Chávez, als wir vor einiger
       Zeit an Bord einer venezolanischen Militärmaschine von Havanna nach Caracas
       flogen. Wir hatten uns drei Tage zuvor bei einem Treffen in Havanna mit den
       Präsidenten Fidel Castro und Andrés Pastrana kennen gelernt, und was mich
       auf Anhieb beeindruckte, war die Kraft seines stählernen Körpers. Er besaß
       die spontane Herzlichkeit und kreolische Anmut eines waschechten
       Venezolaners. Wir hätten uns gern ein weiteres Mal getroffen, fanden aber
       beide nicht die Zeit dazu, weshalb wir gemeinsam nach Caracas flogen, um
       uns im Flugzeug über sein wechselvolles Leben und seine Zukunftspläne zu
       unterhalten.
       
       Für einen Reporter im Ruhestand war es eine spannende Erfahrung. Während er
       mir sein Leben erzählte, sollte ich eine Persönlichkeit kennen lernen, die
       nicht das Geringste mit dem Bild des Despoten Chávez gemein hatte, wie es
       die Medien vermittelten. Neben mir saß ein anderer Chávez. Welcher von
       beiden war der echte?
       
       Der schwerste Vorbehalt gegen seine Person während des Wahlkampfs bezog
       sich auf seine Vergangenheit als Verschwörer und Putschist. Doch die
       Geschichte Venezuelas hat davon schon einige verkraftet. Es begann mit
       Rómulo Betancourt, der – ob zu Recht oder nicht – als Vater der
       venezolanischen Demokratie gilt und Isaías Medina Angarita gestürzt hatte,
       einen alten demokratischen Militär, der sich vorgenommen hatte, das Land
       von 36 Jahren Juan Vicente Gómez zu reinigen. Gegen Betancourts Nachfolger,
       den Schriftsteller Rómulo Gallegos, putschte General Marcos Pérez Jiménez,
       der elf Jahre an der Macht blieb, bevor er sich von einer Generation junger
       Demokraten entthronen lassen musste. Mit ihnen begann die längste Phase, in
       der Venezuela gewählte Präsidenten hatte.
       
       Der Putsch vom Februar 1992 scheint die einzige Sache zu sein, die Oberst
       Chávez je misslungen ist. Er selbst sieht die Sache von ihrer positiven
       Seite, als einen Rückschlag, den er der Vorsehung verdankt. Das ist seine
       Art, sich Glück oder Intelligenz oder Intuition oder Cleverness zu erklären
       – oder wie immer man das magische Etwas nennen soll, das sein Handeln
       beflügelt, seit er in Sabaneta, Provinz Barinas, am 28. Juli 1954 geboren
       wurde. Der überzeugte Katholik Chávez schreibt sein gütiges Geschick einem
       mehr als hundert Jahre alten Amulett zu, das er seit seiner Jugend trägt
       und das er von einem Urgroßvater mütterlicherseits geerbt hat, von Oberst
       Pedro Pérez Delgado, den er sich zum Schutzhelden erkor.
       
       Das Grundschullehrergehalt seiner Eltern reichte nur knapp zum Leben, und
       von seinem neunten Lebensjahr an musste der Junge ihnen helfen, indem er
       Früchte und Süßigkeiten von einem Karren verkaufte. Hin und wieder besuchte
       er auf einem Esel seine Großmutter mütterlicherseits im Nachbardorf Los
       Rastrojos, das ihm wie eine Stadt vorkam, weil es einen Stromgenerator
       hatte, der in den ersten Nachtstunden für Licht sorgte, und eine Hebamme,
       die ihn und seine vier Geschwister zur Welt gebracht hatte.
       
       Nach dem Willen seiner Mutter hätte er Priester werden sollen, brachte es
       aber nur zum Messdiener, der die Glocken so zartfühlend läutete, dass man
       ihn daran erkannte. „Hört, das ist wieder Hugo, der läutet“, hieß es dann.
       Unter den Büchern seiner Mutter fand er eine schicksalhafte Enzyklopädie,
       deren erstes Kapitel ihn gleich in Bann schlug: „Wie man im Leben Erfolg
       hat“. In Wirklichkeit war das Buch ein Ratgeber für alle möglichen
       Berufskarrieren, und er hat sie praktisch alle ausprobiert. Als Maler, der
       Michelangelo und seinen David bewunderte, gewann er im Alter von zwölf
       Jahren den ersten Preis bei einem Wettbewerb. Als Musiker wurde er mit
       seinen Gitarrenkünsten und seiner Stimme für Geburtstage und abendliche
       Darbietungen unentbehrlich. Im Baseball war er ein vorzüglicher Catcher.
       Die militärische Laufbahn stand nicht auf der Liste und wäre ihm selbst
       auch gar nicht in den Sinn gekommen, hätte ihm nicht eines Tages jemand
       erzählt, der kürzeste Weg in eines der großen Baseballteams führe über die
       Militärakademie von Barinas.
       
       ## Traum von der Karriereals Baseballprofi
       
       Und wieder muss dabei sein Amulett im Spiel gewesen sein, denn an genau
       diesem Tage trat der sogenannte Andrés-Bello-Plan in Kraft, der den
       Absolventen der Militärschulen den Zugang zur höchsten Universitätslaufbahn
       eröffnete. Chávez studierte Politikwissenschaft, Geschichte und
       Marxismus-Leninismus. Seine große Leidenschaft galt dem Studium von Leben
       und Werk des Simón Bolívar, dessen Proklamationen er auswendig lernte.
       
       Dann kam sein erster bewusster Konflikt mit der aktuellen Politik: der Tod
       von Salvador Allende im September 1973. Chávez war fassungslos. Warum nur
       putscht das chilenische Militär gegen Allende, wo das chilenische Volk ihn
       doch gewählt hat? Kurz darauf erhielt er vom Hauptmann seiner Kompanie den
       Auftrag, einen Sohn von José Vicente Rangel zu überwachen, der als
       Kommunist galt. „Du glaubst nicht, wie das Leben so spielt“, erzählte mir
       Chávez unter schallendem Gelächter. „Sein Vater ist heute mein
       Außenminister.“
       
       Damit nicht genug. Zum Abschluss seiner Ausbildung bekam er – Ironie des
       Schicksals – seinen Säbel ausgerechnet von dem Präsidenten überreicht, den
       er 20 Jahre später stürzen wollte: Carlos Andrés Pérez. „Sie waren ja sogar
       drauf und dran, ihn umzubringen“, meinte ich, aber Chávez protestierte:
       „Keineswegs. Wir hatten vor, eine verfassunggebende Versammlung
       einzuberufen und dann in die Kasernen zurückzukehren.“
       
       Vom ersten Moment an fiel mir auf, dass er ein begnadeter Erzähler war. Ein
       echtes Produkt der turbulenten und schöpferischen Volkskultur Venezuelas.
       Er hat ein ausgezeichnetes Zeitgefühl und ein geradezu übernatürliches
       Gedächtnis, das es ihm erlaubt, Gedichte von Neruda oder Whitman und ganze
       Seiten von Rómulo Gallegos auswendig zu zitieren.
       
       In früher Jugend hatte er durch Zufall entdeckt, dass sein Urgroßvater
       nicht, wie seine Mutter gern behauptete, ein gefährlicher Mordgeselle war,
       sondern ein bemerkenswerter Militär aus der Zeit von Juan Vicente Gómez.
       Chávez war von seinem Vorfahren so begeistert, dass er beschloss, ein Buch
       über ihn zu schreiben und sein Andenken reinzuwaschen. Er stöberte in
       Archiven und Militärbibliotheken und zog mit dem Rucksack des
       Forschungsreisenden von Dorf zu Dorf, um die Marschrouten seines
       Urgroßvaters mittels Überlebenden und Zeitzeugen zu rekonstruieren. Seit
       damals hat der Urgroßvater einen Platz auf seinem Heldenaltar, seit damals
       trägt Chávez das schützende Amulett seines Vorfahren.
       
       Damals überschritt er einmal, ohne es zu merken, die Grenze auf der Brücke
       von Arauca. Der kolumbianische Hauptmann, der seinen Rucksack durchsuchte,
       fand handfeste Gründe, ihn der Spionage zu verdächtigen: Er hatte einen
       Fotoapparat dabei, ein Aufnahmegerät, diverse Geheimdokumente, Fotos von
       der Region, eine Militärkarte mit Markierungen und zwei Dienstpistolen. Die
       Ausweispapiere konnten, wie es sich für einen Spion gehört, durchaus
       gefälscht sein.
       
       Die Vernehmung in einem Büro, in dem das einzige Bild an der Wand Simón
       Bolívar hoch zu Ross zeigte, zog sich über mehrere Stunden hin. „Ich war
       mit meinen Kräften fast am Ende“, erläuterte mir Chávez, „denn je mehr ich
       erklärte, desto weniger verstand er mich.“ Bis ihm der rettende Satz
       einfiel: „Ist das Leben nicht seltsam, Herr Hauptmann? Vor kaum hundert
       Jahren hätten wir in derselben Armee gedient, und der Mann, der uns von
       diesem Bild herabanschaut, wäre unser beider Chef gewesen. Wie könnte ich
       da ein Spion sein?“ Der Hauptmann war bewegt; er begann überschwänglich von
       Großkolumbien zu erzählen, und sie beendeten die Nacht in einer Bar von
       Arauca, wo sie Bier aus beiden Ländern tranken. Am nächsten Morgen hatten
       sie beide einen ordentlichen Kater, der Hauptmann übergab Chávez seine
       Forscherausrüstung und umarmte ihn zum Abschied mitten auf der Brücke im
       Niemandsland.
       
       „Zu jener Zeit gewann ich die feste Überzeugung, dass in Venezuela etwas
       nicht in Ordnung war“, erinnert sich Chávez. Man hatte ihn zum Kommandanten
       einer 13-köpfigen Militäreinheit und einer Fernmeldetruppe ernannt, die in
       der Provinz Oriente die letzten Bastionen der Guerilleros zerschlagen
       sollten. In einer regengepeitschten Nacht bat ein Oberst des Geheimdienstes
       mit einer Patrouille Soldaten und einigen bleichen, abgezehrten Gefangenen,
       angeblichen Guerilleros, um Unterschlupf in seinem Lager. Gegen zehn Uhr,
       als Chávez gerade am Einschlafen war, hörte er im Nachbarzimmer erstickte
       Schreie. „Es stellte sich raus, dass die Soldaten die Gefangenen mit
       Baseballschlägern traktierten, die sie mit Stoff umwickelt hatten, um keine
       Spuren zu hinterlassen“, erzählte Chávez. Wütend forderte er den Oberst
       auf, ihm die Gefangenen auszuliefern oder zu verschwinden, weil er es nicht
       akzeptieren konnte, dass in seinem Kommando jemand gefoltert wurde. „Am
       folgenden Tag drohten sie mir wegen Befehlsverweigerung mit einem
       Militärgericht“, erzählte Chávez weiter, „aber sie beschränkten sich dann
       darauf, mich nur eine Zeit lang unter Sonderaufsicht zu stellen.“
       
       Wenige Tage später hatte er noch ein wichtigeres Schlüsselerlebnis. Auf dem
       Vorplatz des Lagers landete ein Hubschrauber mit mehreren schwer verletzten
       Soldaten, die in einen Hinterhalt der Guerilleros geraten waren. Chávez
       trug einen Soldaten mit mehreren Schussverletzungen in den Armen, der ihn
       angsterfüllt anflehte: „Lassen Sie mich nicht sterben, Herr Leutnant ...“
       Er schaffte es gerade noch, ihn in einen Wagen zu legen. Dann starb der
       Mann, und mit ihm sieben andere. Als Chávez in dieser Nacht schlaflos in
       seiner Hängematte lag, fragte er sich: „Was tue ich hier? Auf der einen
       Seite sind Bauern in Uniform, die bäuerliche Guerilleros foltern, auf der
       anderen Seite bäuerliche Guerilleros, die Bauern in Uniform töten. Jetzt,
       da der Krieg beendet war, hatte es doch keinen Sinn mehr, noch auf jemanden
       zu schießen.“ Und Chávez beendete die Geschichte mit den Worten: „In dem
       Moment hatte ich meine erste existenzielle Krise.“
       
       Am nächsten Tag erwachte er mit der Überzeugung, dass er dazu bestimmt sei,
       eine Bewegung zu gründen. Und das tat er auch, im Alter von 23 Jahren. Ihr
       Name: Venezolanische Volksarmee Simón Bolívar. Die Gründungsmitglieder:
       fünf Soldaten und er selbst, ein Unterleutnant. „Mit welchem Ziel?“, fragte
       ich. „Mit dem Ziel“, sagte er freimütig, „uns vorzubereiten für den Fall
       eines Falles.“ Ein Jahr später – er war inzwischen Fallschirmjägeroffizier
       in einem Panzerbataillon in Maracay – begann er die Verschwörung
       auszuweiten. Er erklärte mir allerdings, er meine das Wort Verschwörung
       lediglich im übertragenen Sinne, als Zusammenschluss von Gleichgesinnten.
       
       Das war der Stand der Dinge, als am 17. Dezember 1982 etwas Unerwartetes
       geschah, das für Chávez einen wichtigen Einschnitt in seinem Leben
       markiert. Er war mittlerweile Hauptmann im zweiten Fallschirmjägerregiment
       und Offiziersadjutant des Geheimdienstes. Aus heiterem Himmel beauftragte
       ihn der Regimentskommandant, Àngel Manrique, vor 1 200 Soldaten und
       Offizieren eine Rede zu halten. Um ein Uhr nachmittags, das Bataillon war
       bereits auf dem Sportplatz angetreten, erteilte ihm der Zeremonienmeister
       das Wort. „Und Ihre Rede?“, fragte ihn der Regimentskommandant, als er ihn
       ohne ein Blatt Papier aufs Podium steigen sah. „Ich habe sie nicht
       aufgeschrieben“, erwiderte Chávez. Und begann zu improvisieren. Es war ein
       kurze, von Bolívar und Martí inspirierte Rede, mit einem Exkurs über die
       ungerechte und beklemmende Situation Lateinamerikas, noch 200 Jahre nach
       der Unabhängigkeit.
       
       Die Offiziere hörten ihm mit unbewegter Miene zu. Unter ihnen waren auch
       die mit seiner Bewegung sympathisierenden Hauptleute Felipe Acosta Carle
       und Jesús Urdaneta Hernández. Wutentbrannt, und so, dass es alle hören
       konnten, empfing ihn der Garnisonskommandant mit den Worten: „Chávez, man
       könnte Sie für einen Politiker halten.“ – „Zu Befehl“, antwortete Chávez.
       Da baute sich Felipe Acosta, ein Zweimetermann, vor dem Kommandanten auf
       und sagte: „Sie irren sich, Herr Kommandant, Chávez ist durchaus kein
       Politiker. Er ist ein Hauptmann der heutigen Generation, und wenn Leute wie
       Sie hören, was er zu sagen hat, dann kriegen sie es mit der Angst zu tun.“
       
       ## Machtinstinkt inunübersichtlichen Zeiten
       
       Daraufhin ließ der Kommandant die Truppe strammstehen und sagte: „Ich
       möchte, dass Sie wissen, dass Hauptmann Chávez’ Rede von mir autorisiert
       war. Ich habe ihm den Befehl gegeben, sie zu halten. Und alles, was er
       gesagt hat, obwohl es nicht schriftlich vorlag, hat er mir gestern
       mitgeteilt.“ Er legte eine effektvolle Pause ein und fügte im Befehlston
       hinzu: „Und dass mir die Sache nicht nach außen dringt!“
       
       Nach der Veranstaltung ritt Chávez mit den Hauptleuten Félipe Acosta und
       Jesús Urdaneta zum zehn Kilometer entfernten Samán del Guere, wo sie den
       feierlichen Schwur Simón Bolívars auf dem Monte Aventino erneuerten. „Den
       Schluss habe ich natürlich geändert“, sagte Chávez. Anstatt „wenn wir die
       Ketten gesprengt haben, die uns nach dem Willen der spanischen Krone
       gefangen halten“, sagten sie: „Bis dass wir die Ketten sprengen, die uns
       und das Volk nach dem Willen der Mächtigen gefangen halten.“
       
       Seither mussten alle Offiziere, die sich der geheimen Bewegung anschlossen,
       diesen Schwur leisten. Jahrelang veranstalteten sie heimliche Kongresse mit
       einer immer größeren Zahl von Armeeangehörigen aus dem ganzen Land. „Über
       zwei Tage hinweg organisierten wir Treffen an verborgenen Orten,
       diskutierten und analysierten die Situation des Landes, knüpften Kontakte
       zu bürgerlichen Gruppierungen und Freunden. In zehn Jahren gelang es uns,
       fünf Kongresse zu veranstalten, ohne entdeckt zu werden.“
       
       An diesem Punkt des Gesprächs konnte sich der Präsident ein Grinsen nicht
       verkneifen und verriet mir mit maliziösem Lächeln: „Nun, wir haben immer
       gesagt, dass wir anfangs zu dritt waren. Inzwischen können wir zugeben,
       dass es einen vierten Mann gegeben hat, dessen Identität wir stets geheim
       gehalten haben, um ihn zu schützen. Denn er war an jenem 4. Februar nicht
       aufgeflogen und diente weiter in der Armee. Heute aber können wir verraten,
       dass sich dieser vierte Mann zusammen mit uns hier in der Maschine
       befindet.“ Er wies mit dem Finger auf einen Mann in einer entfernten
       Sitzreihe und sagte: „Oberst Badull!“
       
       Das wichtigste Ereignis im Leben von Kommandant Chávez jedoch war El
       Caracazo, der Volksaufstand, der sich im Februar 1989 in Caracas
       ausbreitete. Er betonte mehrfach: „Wissen Sie, Napoleon hat behauptet, dass
       für den Ausgang einer Schlacht eine momentane Eingebung des Strategen
       entscheidend ist.“ Aus diesem Gedanken entwickelte Chávez drei Begriffe:
       die historische Stunde, die strategische Minute und schließlich die
       taktische Sekunde.
       
       Dann war der historische Moment da, und sie waren nicht darauf vorbereitet.
       „Wir wurden von der strategischen Minute überrascht“, räumte Chávez ein. Er
       spielte natürlich auf den Volksaufstand vom 27. Februar 1989 an: El
       Caracazo. Gerade hatte Carlos Andrés Pérez mit komfortablem Vorsprung die
       Präsidentschaftswahlen gewonnen, umso unbegreiflicher war, wie zwanzig Tage
       später eine so gewaltsame Revolte ausbrechen konnte.
       
       „Am Abend des 27. war ich auf dem Weg zu einem Doktorandenkolloquium an der
       Universität und fuhr noch vorher bei der Tiuna-Kaserne vorbei, um mir von
       einem Freund etwas Benzin für den Rückweg geben zu lassen“, erzählte mir
       Chávez wenige Minuten vor unserer Landung in Caracas. „Da sehe ich, dass
       Truppen in Marsch gesetzt werden, und frage einen Oberst: Wohin gehen diese
       ganzen Soldaten? Weil sie nämlich Leute von den Versorgungstruppen
       losschickten, die für den Kampf gar nicht ausgebildet waren, erst recht
       nicht für den Straßenkampf; einfache Rekruten waren das, denen schon das
       Gewehr in ihrer Hand Angst machte. Deshalb fragte ich den Oberst: Wohin
       geht dieses Häufchen Leute? Darauf der Oberst: Auf die Straße. Ich habe
       Befehl, dem Aufruhr mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten. – Mein Gott,
       Herr Oberst, sage ich zu ihm, ist Ihnen denn klar, was da passieren kann?
       Und er: Hören Sie, Chávez, Befehl ist Befehl, da ist nichts zu machen.“
       
       Chávez weiß noch, dass er die Röteln hatte und hohes Fieber an jenem Abend.
       Als er losfuhr, sah er einen jungen Soldaten mit verrutschtem Helm,
       herabhängendem Gewehr und loser Munition angelaufen kommen. „Ich sprach ihn
       an. Er steigt ein, völlig nervös und schweißgebadet, ein Junge von 18
       Jahren. Na, wo willst du denn hin, so schnell? – Ich habe meine Einheit
       verloren, sagt er, dort vorne in dem Lastwagen fährt mein Leutnant. Bringen
       Sie mich hin, Herr Major, bitte. Ich hole also den Lastwagen ein und frage
       den Fahrer: Wo soll’s denn hingehen? Worauf er zur Antwort gibt: Keine
       Ahnung. Wer, zum Teufel, soll das wissen?“
       
       Chávez holt tief Luft, schreit fast, weil ihn die Angst jener Nacht noch
       einmal packt: „Weißt du, da schicken sie die Soldaten auf die Straße, mit
       ihrer Furcht, jeder bekommt ein Gewehr und fünfhundert Patronen. Und sie
       schießen natürlich einfach drauflos. Sie haben mit Gewehrfeuer die Straßen
       freigefegt, die Anhöhen und die Armenviertel. Es war eine Katastrophe! Es
       gab tausende Tote, unter ihnen Felipe Acosta. Mein Instinkt sagt mir, dass
       sie ihn in den Tod geschickt hatten“, meint Chávez. „Das war die Minute,
       auf die wir gewartet hatten.“ Gesagt, getan: am nächsten Tag begannen die
       Vorbereitungen für den Putsch, der drei Jahre später scheitern sollte.
       
       Gegen drei Uhr morgens landete unsere Maschine in Caracas. Durch das
       Fensterchen sah ich auf das Lichtermeer dieser unvergesslichen Stadt, in
       der ich drei für Venezuela, aber auch für mich entscheidende Jahre gelebt
       hatte. Der Präsident verabschiedete sich von mir mit karibischer
       Herzlichkeit. Während er sich mit seiner Eskorte von hochdekorierten
       Militärs entfernte, fröstelte mich bei dem Gedanken, dass es zwei
       grundverschiedene Männer waren, mit denen ich mich auf einer gemeinsamen
       Reise so angenehm unterhalten hatte: Der eine, dem sein unverwüstliches
       Glück die Chance präsentiert hatte, sein Land zu retten; der andere ein
       Traumtänzer, der sehr wohl einmal als ein weiterer Despot in die Geschichte
       eingehen könnte.
       
       Aus dem Spanischen von Christian Hansen
       
       Gabriel García Márquez (1927-2014) war kolumbianischer Schriftsteller und
       Journalist, 1982 erhielt er den Literaturnobelpreis; Kiepenheuer & Witsch
       (Köln) hat seine Bücher auf Deutsch verlegt: „Der Oberst hat niemand, der
       ihm schreibt“ (1961), „Hundert Jahre Einsamkeit“ (1967), „Der Herbst des
       Patriarchen“ (1975), „Chronik eines angekündigten Todes“ (1981), „Die Liebe
       in den Zeiten der Cholera“ (1985). Dieser Text erschien im August 2000 in
       LMd.
       
       7 May 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabriel Garcia Marquez
       
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