# taz.de -- Die zwei Gesichter des Hugo Chávez
(IMG) Bild: Hugo Chávez zusammen mit Fidel Castro, 28. Oktober 2000
von Gabriel García Márquez
Bei Einbruch der Dämmerung stieg Carlos Andrés Pérez aus dem Flugzeug, mit
dem er gerade von Davos nach Caracas zurückgekehrt war, und sah zu seiner
Verwunderung General Fernando Ochoa Antich, seinen Verteidigungsminister,
auf der Gangway stehen. „Was ist los?“, fragte er misstrauisch. Der
Minister beruhigte ihn mit so überzeugenden Worten, dass der Präsident sich
nicht in den Regierungspalast Miraflores im Herzen von Caracas fahren ließ,
sondern in seine Residenz in La Casona. Er war gerade eingeschlafen, als er
durch einen Telefonanruf des nämlichen Ministers geweckt wurde, der ihn von
einem Militäraufstand in Maracay unterrichtete. Kaum war er in Miraflores
eingetroffen, donnerten die ersten Artilleriesalven los.
Man schrieb den 4. Februar 1992. Mit der ihm eigenen sakramentalen
Verehrung für geschichtsträchtige Daten gab Oberst Hugo Chávez Frías den
Angriffsbefehl in seiner improvisierten Kommandozentrale im Historischen
Museum von La Planicie. Der Präsident erkannte bald, dass nur die
Unterstützung des Volkes ihm noch helfen konnte, und begab sich in die
Fernsehstudios von Venevisión, um sich an die Bevölkerung zu wenden. Zwei
Stunden später war der Militärputsch gescheitert. Chávez kapitulierte unter
der Bedingung, dass man auch ihn eine Rede im Fernsehen halten ließe.
Der junge kreolische Oberst, in Fallschirmjägermütze und mit
bewundernswerter Sprachbegabung, übernahm die volle Verantwortung für den
Aufstand. Aber die Ansprache wurde ein politischer Erfolg. Chávez saß zwei
Jahre im Gefängnis, bis er von Präsident Rafael Caldera begnadigt wurde.
Viele seiner Anhänger und nicht wenige seiner Feinde waren jedoch der
Ansicht, dass er mit dem beredten Eingeständnis seines Scheiterns bereits
die Wahlkampagne eröffnet hatte, die ihm 1999 schließlich die
Präsidentschaft einbrachte.
Diese Geschichte erzählte mir Präsident Hugo Chávez, als wir vor einiger
Zeit an Bord einer venezolanischen Militärmaschine von Havanna nach Caracas
flogen. Wir hatten uns drei Tage zuvor bei einem Treffen in Havanna mit den
Präsidenten Fidel Castro und Andrés Pastrana kennen gelernt, und was mich
auf Anhieb beeindruckte, war die Kraft seines stählernen Körpers. Er besaß
die spontane Herzlichkeit und kreolische Anmut eines waschechten
Venezolaners. Wir hätten uns gern ein weiteres Mal getroffen, fanden aber
beide nicht die Zeit dazu, weshalb wir gemeinsam nach Caracas flogen, um
uns im Flugzeug über sein wechselvolles Leben und seine Zukunftspläne zu
unterhalten.
Für einen Reporter im Ruhestand war es eine spannende Erfahrung. Während er
mir sein Leben erzählte, sollte ich eine Persönlichkeit kennen lernen, die
nicht das Geringste mit dem Bild des Despoten Chávez gemein hatte, wie es
die Medien vermittelten. Neben mir saß ein anderer Chávez. Welcher von
beiden war der echte?
Der schwerste Vorbehalt gegen seine Person während des Wahlkampfs bezog
sich auf seine Vergangenheit als Verschwörer und Putschist. Doch die
Geschichte Venezuelas hat davon schon einige verkraftet. Es begann mit
Rómulo Betancourt, der – ob zu Recht oder nicht – als Vater der
venezolanischen Demokratie gilt und Isaías Medina Angarita gestürzt hatte,
einen alten demokratischen Militär, der sich vorgenommen hatte, das Land
von 36 Jahren Juan Vicente Gómez zu reinigen. Gegen Betancourts Nachfolger,
den Schriftsteller Rómulo Gallegos, putschte General Marcos Pérez Jiménez,
der elf Jahre an der Macht blieb, bevor er sich von einer Generation junger
Demokraten entthronen lassen musste. Mit ihnen begann die längste Phase, in
der Venezuela gewählte Präsidenten hatte.
Der Putsch vom Februar 1992 scheint die einzige Sache zu sein, die Oberst
Chávez je misslungen ist. Er selbst sieht die Sache von ihrer positiven
Seite, als einen Rückschlag, den er der Vorsehung verdankt. Das ist seine
Art, sich Glück oder Intelligenz oder Intuition oder Cleverness zu erklären
– oder wie immer man das magische Etwas nennen soll, das sein Handeln
beflügelt, seit er in Sabaneta, Provinz Barinas, am 28. Juli 1954 geboren
wurde. Der überzeugte Katholik Chávez schreibt sein gütiges Geschick einem
mehr als hundert Jahre alten Amulett zu, das er seit seiner Jugend trägt
und das er von einem Urgroßvater mütterlicherseits geerbt hat, von Oberst
Pedro Pérez Delgado, den er sich zum Schutzhelden erkor.
Das Grundschullehrergehalt seiner Eltern reichte nur knapp zum Leben, und
von seinem neunten Lebensjahr an musste der Junge ihnen helfen, indem er
Früchte und Süßigkeiten von einem Karren verkaufte. Hin und wieder besuchte
er auf einem Esel seine Großmutter mütterlicherseits im Nachbardorf Los
Rastrojos, das ihm wie eine Stadt vorkam, weil es einen Stromgenerator
hatte, der in den ersten Nachtstunden für Licht sorgte, und eine Hebamme,
die ihn und seine vier Geschwister zur Welt gebracht hatte.
Nach dem Willen seiner Mutter hätte er Priester werden sollen, brachte es
aber nur zum Messdiener, der die Glocken so zartfühlend läutete, dass man
ihn daran erkannte. „Hört, das ist wieder Hugo, der läutet“, hieß es dann.
Unter den Büchern seiner Mutter fand er eine schicksalhafte Enzyklopädie,
deren erstes Kapitel ihn gleich in Bann schlug: „Wie man im Leben Erfolg
hat“. In Wirklichkeit war das Buch ein Ratgeber für alle möglichen
Berufskarrieren, und er hat sie praktisch alle ausprobiert. Als Maler, der
Michelangelo und seinen David bewunderte, gewann er im Alter von zwölf
Jahren den ersten Preis bei einem Wettbewerb. Als Musiker wurde er mit
seinen Gitarrenkünsten und seiner Stimme für Geburtstage und abendliche
Darbietungen unentbehrlich. Im Baseball war er ein vorzüglicher Catcher.
Die militärische Laufbahn stand nicht auf der Liste und wäre ihm selbst
auch gar nicht in den Sinn gekommen, hätte ihm nicht eines Tages jemand
erzählt, der kürzeste Weg in eines der großen Baseballteams führe über die
Militärakademie von Barinas.
## Traum von der Karriereals Baseballprofi
Und wieder muss dabei sein Amulett im Spiel gewesen sein, denn an genau
diesem Tage trat der sogenannte Andrés-Bello-Plan in Kraft, der den
Absolventen der Militärschulen den Zugang zur höchsten Universitätslaufbahn
eröffnete. Chávez studierte Politikwissenschaft, Geschichte und
Marxismus-Leninismus. Seine große Leidenschaft galt dem Studium von Leben
und Werk des Simón Bolívar, dessen Proklamationen er auswendig lernte.
Dann kam sein erster bewusster Konflikt mit der aktuellen Politik: der Tod
von Salvador Allende im September 1973. Chávez war fassungslos. Warum nur
putscht das chilenische Militär gegen Allende, wo das chilenische Volk ihn
doch gewählt hat? Kurz darauf erhielt er vom Hauptmann seiner Kompanie den
Auftrag, einen Sohn von José Vicente Rangel zu überwachen, der als
Kommunist galt. „Du glaubst nicht, wie das Leben so spielt“, erzählte mir
Chávez unter schallendem Gelächter. „Sein Vater ist heute mein
Außenminister.“
Damit nicht genug. Zum Abschluss seiner Ausbildung bekam er – Ironie des
Schicksals – seinen Säbel ausgerechnet von dem Präsidenten überreicht, den
er 20 Jahre später stürzen wollte: Carlos Andrés Pérez. „Sie waren ja sogar
drauf und dran, ihn umzubringen“, meinte ich, aber Chávez protestierte:
„Keineswegs. Wir hatten vor, eine verfassunggebende Versammlung
einzuberufen und dann in die Kasernen zurückzukehren.“
Vom ersten Moment an fiel mir auf, dass er ein begnadeter Erzähler war. Ein
echtes Produkt der turbulenten und schöpferischen Volkskultur Venezuelas.
Er hat ein ausgezeichnetes Zeitgefühl und ein geradezu übernatürliches
Gedächtnis, das es ihm erlaubt, Gedichte von Neruda oder Whitman und ganze
Seiten von Rómulo Gallegos auswendig zu zitieren.
In früher Jugend hatte er durch Zufall entdeckt, dass sein Urgroßvater
nicht, wie seine Mutter gern behauptete, ein gefährlicher Mordgeselle war,
sondern ein bemerkenswerter Militär aus der Zeit von Juan Vicente Gómez.
Chávez war von seinem Vorfahren so begeistert, dass er beschloss, ein Buch
über ihn zu schreiben und sein Andenken reinzuwaschen. Er stöberte in
Archiven und Militärbibliotheken und zog mit dem Rucksack des
Forschungsreisenden von Dorf zu Dorf, um die Marschrouten seines
Urgroßvaters mittels Überlebenden und Zeitzeugen zu rekonstruieren. Seit
damals hat der Urgroßvater einen Platz auf seinem Heldenaltar, seit damals
trägt Chávez das schützende Amulett seines Vorfahren.
Damals überschritt er einmal, ohne es zu merken, die Grenze auf der Brücke
von Arauca. Der kolumbianische Hauptmann, der seinen Rucksack durchsuchte,
fand handfeste Gründe, ihn der Spionage zu verdächtigen: Er hatte einen
Fotoapparat dabei, ein Aufnahmegerät, diverse Geheimdokumente, Fotos von
der Region, eine Militärkarte mit Markierungen und zwei Dienstpistolen. Die
Ausweispapiere konnten, wie es sich für einen Spion gehört, durchaus
gefälscht sein.
Die Vernehmung in einem Büro, in dem das einzige Bild an der Wand Simón
Bolívar hoch zu Ross zeigte, zog sich über mehrere Stunden hin. „Ich war
mit meinen Kräften fast am Ende“, erläuterte mir Chávez, „denn je mehr ich
erklärte, desto weniger verstand er mich.“ Bis ihm der rettende Satz
einfiel: „Ist das Leben nicht seltsam, Herr Hauptmann? Vor kaum hundert
Jahren hätten wir in derselben Armee gedient, und der Mann, der uns von
diesem Bild herabanschaut, wäre unser beider Chef gewesen. Wie könnte ich
da ein Spion sein?“ Der Hauptmann war bewegt; er begann überschwänglich von
Großkolumbien zu erzählen, und sie beendeten die Nacht in einer Bar von
Arauca, wo sie Bier aus beiden Ländern tranken. Am nächsten Morgen hatten
sie beide einen ordentlichen Kater, der Hauptmann übergab Chávez seine
Forscherausrüstung und umarmte ihn zum Abschied mitten auf der Brücke im
Niemandsland.
„Zu jener Zeit gewann ich die feste Überzeugung, dass in Venezuela etwas
nicht in Ordnung war“, erinnert sich Chávez. Man hatte ihn zum Kommandanten
einer 13-köpfigen Militäreinheit und einer Fernmeldetruppe ernannt, die in
der Provinz Oriente die letzten Bastionen der Guerilleros zerschlagen
sollten. In einer regengepeitschten Nacht bat ein Oberst des Geheimdienstes
mit einer Patrouille Soldaten und einigen bleichen, abgezehrten Gefangenen,
angeblichen Guerilleros, um Unterschlupf in seinem Lager. Gegen zehn Uhr,
als Chávez gerade am Einschlafen war, hörte er im Nachbarzimmer erstickte
Schreie. „Es stellte sich raus, dass die Soldaten die Gefangenen mit
Baseballschlägern traktierten, die sie mit Stoff umwickelt hatten, um keine
Spuren zu hinterlassen“, erzählte Chávez. Wütend forderte er den Oberst
auf, ihm die Gefangenen auszuliefern oder zu verschwinden, weil er es nicht
akzeptieren konnte, dass in seinem Kommando jemand gefoltert wurde. „Am
folgenden Tag drohten sie mir wegen Befehlsverweigerung mit einem
Militärgericht“, erzählte Chávez weiter, „aber sie beschränkten sich dann
darauf, mich nur eine Zeit lang unter Sonderaufsicht zu stellen.“
Wenige Tage später hatte er noch ein wichtigeres Schlüsselerlebnis. Auf dem
Vorplatz des Lagers landete ein Hubschrauber mit mehreren schwer verletzten
Soldaten, die in einen Hinterhalt der Guerilleros geraten waren. Chávez
trug einen Soldaten mit mehreren Schussverletzungen in den Armen, der ihn
angsterfüllt anflehte: „Lassen Sie mich nicht sterben, Herr Leutnant ...“
Er schaffte es gerade noch, ihn in einen Wagen zu legen. Dann starb der
Mann, und mit ihm sieben andere. Als Chávez in dieser Nacht schlaflos in
seiner Hängematte lag, fragte er sich: „Was tue ich hier? Auf der einen
Seite sind Bauern in Uniform, die bäuerliche Guerilleros foltern, auf der
anderen Seite bäuerliche Guerilleros, die Bauern in Uniform töten. Jetzt,
da der Krieg beendet war, hatte es doch keinen Sinn mehr, noch auf jemanden
zu schießen.“ Und Chávez beendete die Geschichte mit den Worten: „In dem
Moment hatte ich meine erste existenzielle Krise.“
Am nächsten Tag erwachte er mit der Überzeugung, dass er dazu bestimmt sei,
eine Bewegung zu gründen. Und das tat er auch, im Alter von 23 Jahren. Ihr
Name: Venezolanische Volksarmee Simón Bolívar. Die Gründungsmitglieder:
fünf Soldaten und er selbst, ein Unterleutnant. „Mit welchem Ziel?“, fragte
ich. „Mit dem Ziel“, sagte er freimütig, „uns vorzubereiten für den Fall
eines Falles.“ Ein Jahr später – er war inzwischen Fallschirmjägeroffizier
in einem Panzerbataillon in Maracay – begann er die Verschwörung
auszuweiten. Er erklärte mir allerdings, er meine das Wort Verschwörung
lediglich im übertragenen Sinne, als Zusammenschluss von Gleichgesinnten.
Das war der Stand der Dinge, als am 17. Dezember 1982 etwas Unerwartetes
geschah, das für Chávez einen wichtigen Einschnitt in seinem Leben
markiert. Er war mittlerweile Hauptmann im zweiten Fallschirmjägerregiment
und Offiziersadjutant des Geheimdienstes. Aus heiterem Himmel beauftragte
ihn der Regimentskommandant, Àngel Manrique, vor 1 200 Soldaten und
Offizieren eine Rede zu halten. Um ein Uhr nachmittags, das Bataillon war
bereits auf dem Sportplatz angetreten, erteilte ihm der Zeremonienmeister
das Wort. „Und Ihre Rede?“, fragte ihn der Regimentskommandant, als er ihn
ohne ein Blatt Papier aufs Podium steigen sah. „Ich habe sie nicht
aufgeschrieben“, erwiderte Chávez. Und begann zu improvisieren. Es war ein
kurze, von Bolívar und Martí inspirierte Rede, mit einem Exkurs über die
ungerechte und beklemmende Situation Lateinamerikas, noch 200 Jahre nach
der Unabhängigkeit.
Die Offiziere hörten ihm mit unbewegter Miene zu. Unter ihnen waren auch
die mit seiner Bewegung sympathisierenden Hauptleute Felipe Acosta Carle
und Jesús Urdaneta Hernández. Wutentbrannt, und so, dass es alle hören
konnten, empfing ihn der Garnisonskommandant mit den Worten: „Chávez, man
könnte Sie für einen Politiker halten.“ – „Zu Befehl“, antwortete Chávez.
Da baute sich Felipe Acosta, ein Zweimetermann, vor dem Kommandanten auf
und sagte: „Sie irren sich, Herr Kommandant, Chávez ist durchaus kein
Politiker. Er ist ein Hauptmann der heutigen Generation, und wenn Leute wie
Sie hören, was er zu sagen hat, dann kriegen sie es mit der Angst zu tun.“
## Machtinstinkt inunübersichtlichen Zeiten
Daraufhin ließ der Kommandant die Truppe strammstehen und sagte: „Ich
möchte, dass Sie wissen, dass Hauptmann Chávez’ Rede von mir autorisiert
war. Ich habe ihm den Befehl gegeben, sie zu halten. Und alles, was er
gesagt hat, obwohl es nicht schriftlich vorlag, hat er mir gestern
mitgeteilt.“ Er legte eine effektvolle Pause ein und fügte im Befehlston
hinzu: „Und dass mir die Sache nicht nach außen dringt!“
Nach der Veranstaltung ritt Chávez mit den Hauptleuten Félipe Acosta und
Jesús Urdaneta zum zehn Kilometer entfernten Samán del Guere, wo sie den
feierlichen Schwur Simón Bolívars auf dem Monte Aventino erneuerten. „Den
Schluss habe ich natürlich geändert“, sagte Chávez. Anstatt „wenn wir die
Ketten gesprengt haben, die uns nach dem Willen der spanischen Krone
gefangen halten“, sagten sie: „Bis dass wir die Ketten sprengen, die uns
und das Volk nach dem Willen der Mächtigen gefangen halten.“
Seither mussten alle Offiziere, die sich der geheimen Bewegung anschlossen,
diesen Schwur leisten. Jahrelang veranstalteten sie heimliche Kongresse mit
einer immer größeren Zahl von Armeeangehörigen aus dem ganzen Land. „Über
zwei Tage hinweg organisierten wir Treffen an verborgenen Orten,
diskutierten und analysierten die Situation des Landes, knüpften Kontakte
zu bürgerlichen Gruppierungen und Freunden. In zehn Jahren gelang es uns,
fünf Kongresse zu veranstalten, ohne entdeckt zu werden.“
An diesem Punkt des Gesprächs konnte sich der Präsident ein Grinsen nicht
verkneifen und verriet mir mit maliziösem Lächeln: „Nun, wir haben immer
gesagt, dass wir anfangs zu dritt waren. Inzwischen können wir zugeben,
dass es einen vierten Mann gegeben hat, dessen Identität wir stets geheim
gehalten haben, um ihn zu schützen. Denn er war an jenem 4. Februar nicht
aufgeflogen und diente weiter in der Armee. Heute aber können wir verraten,
dass sich dieser vierte Mann zusammen mit uns hier in der Maschine
befindet.“ Er wies mit dem Finger auf einen Mann in einer entfernten
Sitzreihe und sagte: „Oberst Badull!“
Das wichtigste Ereignis im Leben von Kommandant Chávez jedoch war El
Caracazo, der Volksaufstand, der sich im Februar 1989 in Caracas
ausbreitete. Er betonte mehrfach: „Wissen Sie, Napoleon hat behauptet, dass
für den Ausgang einer Schlacht eine momentane Eingebung des Strategen
entscheidend ist.“ Aus diesem Gedanken entwickelte Chávez drei Begriffe:
die historische Stunde, die strategische Minute und schließlich die
taktische Sekunde.
Dann war der historische Moment da, und sie waren nicht darauf vorbereitet.
„Wir wurden von der strategischen Minute überrascht“, räumte Chávez ein. Er
spielte natürlich auf den Volksaufstand vom 27. Februar 1989 an: El
Caracazo. Gerade hatte Carlos Andrés Pérez mit komfortablem Vorsprung die
Präsidentschaftswahlen gewonnen, umso unbegreiflicher war, wie zwanzig Tage
später eine so gewaltsame Revolte ausbrechen konnte.
„Am Abend des 27. war ich auf dem Weg zu einem Doktorandenkolloquium an der
Universität und fuhr noch vorher bei der Tiuna-Kaserne vorbei, um mir von
einem Freund etwas Benzin für den Rückweg geben zu lassen“, erzählte mir
Chávez wenige Minuten vor unserer Landung in Caracas. „Da sehe ich, dass
Truppen in Marsch gesetzt werden, und frage einen Oberst: Wohin gehen diese
ganzen Soldaten? Weil sie nämlich Leute von den Versorgungstruppen
losschickten, die für den Kampf gar nicht ausgebildet waren, erst recht
nicht für den Straßenkampf; einfache Rekruten waren das, denen schon das
Gewehr in ihrer Hand Angst machte. Deshalb fragte ich den Oberst: Wohin
geht dieses Häufchen Leute? Darauf der Oberst: Auf die Straße. Ich habe
Befehl, dem Aufruhr mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten. – Mein Gott,
Herr Oberst, sage ich zu ihm, ist Ihnen denn klar, was da passieren kann?
Und er: Hören Sie, Chávez, Befehl ist Befehl, da ist nichts zu machen.“
Chávez weiß noch, dass er die Röteln hatte und hohes Fieber an jenem Abend.
Als er losfuhr, sah er einen jungen Soldaten mit verrutschtem Helm,
herabhängendem Gewehr und loser Munition angelaufen kommen. „Ich sprach ihn
an. Er steigt ein, völlig nervös und schweißgebadet, ein Junge von 18
Jahren. Na, wo willst du denn hin, so schnell? – Ich habe meine Einheit
verloren, sagt er, dort vorne in dem Lastwagen fährt mein Leutnant. Bringen
Sie mich hin, Herr Major, bitte. Ich hole also den Lastwagen ein und frage
den Fahrer: Wo soll’s denn hingehen? Worauf er zur Antwort gibt: Keine
Ahnung. Wer, zum Teufel, soll das wissen?“
Chávez holt tief Luft, schreit fast, weil ihn die Angst jener Nacht noch
einmal packt: „Weißt du, da schicken sie die Soldaten auf die Straße, mit
ihrer Furcht, jeder bekommt ein Gewehr und fünfhundert Patronen. Und sie
schießen natürlich einfach drauflos. Sie haben mit Gewehrfeuer die Straßen
freigefegt, die Anhöhen und die Armenviertel. Es war eine Katastrophe! Es
gab tausende Tote, unter ihnen Felipe Acosta. Mein Instinkt sagt mir, dass
sie ihn in den Tod geschickt hatten“, meint Chávez. „Das war die Minute,
auf die wir gewartet hatten.“ Gesagt, getan: am nächsten Tag begannen die
Vorbereitungen für den Putsch, der drei Jahre später scheitern sollte.
Gegen drei Uhr morgens landete unsere Maschine in Caracas. Durch das
Fensterchen sah ich auf das Lichtermeer dieser unvergesslichen Stadt, in
der ich drei für Venezuela, aber auch für mich entscheidende Jahre gelebt
hatte. Der Präsident verabschiedete sich von mir mit karibischer
Herzlichkeit. Während er sich mit seiner Eskorte von hochdekorierten
Militärs entfernte, fröstelte mich bei dem Gedanken, dass es zwei
grundverschiedene Männer waren, mit denen ich mich auf einer gemeinsamen
Reise so angenehm unterhalten hatte: Der eine, dem sein unverwüstliches
Glück die Chance präsentiert hatte, sein Land zu retten; der andere ein
Traumtänzer, der sehr wohl einmal als ein weiterer Despot in die Geschichte
eingehen könnte.
Aus dem Spanischen von Christian Hansen
Gabriel García Márquez (1927-2014) war kolumbianischer Schriftsteller und
Journalist, 1982 erhielt er den Literaturnobelpreis; Kiepenheuer & Witsch
(Köln) hat seine Bücher auf Deutsch verlegt: „Der Oberst hat niemand, der
ihm schreibt“ (1961), „Hundert Jahre Einsamkeit“ (1967), „Der Herbst des
Patriarchen“ (1975), „Chronik eines angekündigten Todes“ (1981), „Die Liebe
in den Zeiten der Cholera“ (1985). Dieser Text erschien im August 2000 in
LMd.
7 May 2020
## AUTOREN
(DIR) Gabriel Garcia Marquez
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