# taz.de -- Trumps Plan für Palästina
> Israels Regierungschef Netanjahu konnte die dritte Parlamentswahl
> innerhalb eines Jahres trotz Korruptionsvorwürfen knapp für sich
> entscheiden. Dabei kam ihm auch Trumps „Deal des Jahrhunderts“ zur Lösung
> des Nahostkonflikts zu Hilfe. Denn der berücksichtigt ausschließlich die
> Interessen Israels.
von Alain Gresh
Benjamin Netanjahu sah frohgemut drein. Der israelische Regierungschef
stand als Einziger neben Donald Trump, als der Präsident der USA am 28.
Januar 2020 im Weißen Haus seinen lange erwarteten „Deal des Jahrhunderts“
verkündete.[1]Das Publikum im Saal war eine ausgesuchte Mischung aus
ultranationalistischen oder streng religiösen amerikanischen Juden und
ekstatischen evangelikalen Christen, die in mystische Verzückung
verfielen, als Trump auf die Bibel, die heiligen Orte des Judentums und das
Wunder der Existenz Israels zu sprechen kam.
Die Beziehung zwischen den USA und Israel ist symbiotischer als je zuvor.
Als Trump den anwesenden US-Botschafter in Israel, einen der Architekten
des Plans, als „euren Botschafter“ bezeichnete, war nicht ganz klar, ob er
David Friedman als seinen Botschafter in Jerusalem oder als Botschafter
Israels in Washington ansprach.
Bei der Zeremonie im Weißen Haus war auch viel von den Palästinensern die
Rede. Schließlich ging es auch um ihre Zukunft und um die Zukunft ihres
Landes. Allerdings kam der gesamte Plan völlig ohne die Palästinenser
zustande, und so waren sie denn auch bei dieser Veranstaltung nicht
vertreten. Verfasst wurde der Plan von US-Amerikanern, die allesamt
überzeugte Zionisten sind, und von Israelis, die die palästinensischen
Vorstellungen entweder nicht kennen oder wissentlich missachten. Was sich
schon daran zeigt, dass nach dem Trump-Plan ein Drittel des Westjordanlands
Israel zufallen soll.
Die wie ein Hochamt zelebrierte Verkündigung am 28. Januar weckt die
Erinnerung an jene Epoche nach dem Ersten Weltkrieg, in der befrackte
Diplomaten bei ihren Konferenzen zwischen Dessert und Mokka den gesamten
Nahen Osten zerstückelten, ohne dass die betroffene Bevölkerung irgendeine
Art von Mitsprache gehabt hätte.
## In der Tradition des Kolonialismus
Ganz in diesem Geiste hat damals auch Arthur James Balfour, Außenminister
des britischen Empires, über das Schicksal Palästinas entschieden, als er
in einem Schreiben vom 2. November 1917 die berühmte Erklärung abgab: „Die
Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer
nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina.“
Weniger oft zitiert wird allerdings der zweite Teil dieses Versprechens an
die zionistische Bewegung. Denn Balfour spricht von einer „klaren
Übereinkunft, dass nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und
religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften in
Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen
Ländern infrage stellen könnte“.
Die „bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften“ machten zum Zeitpunkt der
Balfour-Deklaration knapp 90 Prozent der Bevölkerung Palästinas aus.[2]Also
wurde der weitaus größte Teil der damaligen Bevölkerung seiner politischen
und nationalen Rechte beraubt. Und weder damals noch heute wurden sie
gefragt; weder damals noch heute wurde ihre nationale Identität anerkannt.
Das Konzept hatte einen Namen: Kolonialismus. Und der war im Jahr 1917 die
Regel. Das britische und das französische Imperium waren davon überzeugt,
ewig zu existieren und das unbestreitbare Recht zu besitzen, das Schicksal
der „minderwertigen“ Völker in Afrika und Asien zu bestimmen. Ein
Jahrhundert später ist das Kolonialsystem zusammengebrochen, nur ein paar
Nostalgiker trauern der „devoir de civilisation“ (zivilisatorischer
Auftrag) nach, auf die sich der französische Politiker Jules Ferry berief,
oder der „white man’s burden“ (Bürde des weißen Mannes), die Rudyard
Kipling in einem Gedicht feierte.
Doch genau diesen Geist atmet jeder Absatz in jenem „visionären“ Plan, den
Präsident Trump am 28. Januar präsentierte. Aber auch Trump kann nicht
darüber hinwegsehen, dass wir nicht mehr im Zeitalter des Kolonialismus
leben. Weshalb er seinen Vorschlag als ausgewogen preist, weil er ja auch
das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat beinhalte.
12 Mar 2020
## AUTOREN
(DIR) Alain Gresh
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