# taz.de -- Das Chamäleonvon Mexiko
> Seit dem 1. Dezember ist Mexikos neuer Präsident López Obrador im Amt.
> Amlo, wie er genannt wird, will auf dem alten Sumpf einen neuen Staat
> errichten. Die Widerstände sind enorm, der Terror der Drogenmafia lässt
> nicht nach und die Methoden des Präsidenten sind nicht immer
> demokratisch.
von Sandra Weiss
Keine geraubten Kinder mehr! Schluss mit der Korruption, Todesstrafe für
Entführer! Wo ist Karla? Die Spruchbänder der Teilnehmer des Friedensforums
von Tlaxcala werfen ein Schlaglicht auf die Abgründe eines Staats, dem
schon lange das Gewaltmonopol entglitten ist. Etwa 200 Teilnehmer haben
sich im September in der zentralmexikanischen Stadt versammelt. Da ist Olga
Tezmol, die seit fast drei Jahren ihre Tochter Karla sucht, die von
Frauenhändlern verschleppt wurde. Da sind der Unternehmer Rafael Mendoza,
der Schutzgeld bezahlen muss, und Rubén Meneses, dessen Bruder Álvaro
entführt und umgebracht wurde. Diese menschlichen Dramen sind das Resultat
des andauernden Drogenkriegs in Mexiko.
Nach zwölf Jahren Gewalt, 250 000 Toten und 37 000 Verschwundenen soll
jetzt alles anders werden. Das hat der neue Präsident Andrés Manuel López
Obrador (Amlo) jedenfalls versprochen. Und deshalb hat er Foren einberufen,
wie dieses in Tlaxcala. Er wolle der Gesellschaft zuhören, sagte er, und
auf dieser Grundlage eine neue Sicherheitspolitik entwerfen, gemeinsam mit
dem Volk, weg von der Militarisierung, weg von der Repression.
Es ist der neue Ansatz eines Hoffnungsträgers: López Obrador ist nicht nur
der erste linke Staatschef Mexikos seit der Demokratisierung,[1]sondern
derzeit die einzige Hoffnung des linken Lagers in Lateinamerika. Die
Erwartungen sind hoch.
Allein dass der Staat sie anhört, ihren Schmerz überhaupt zur Kenntnis
nimmt, war für viele die Anreise nach Tlaxcala wert. Denn bisher waren die
Opfer im besten Fall auf eine gleichgültige Bürokratie gestoßen; so wie
Mireya Rodriguez aus dem Bundesstaat Veracruz: „Als ich meine Anzeige
machte, schaute die Beamtin Fernsehen und jubelte, wenn die
Nationalmannschaft ein Tor schoss“, erinnert sich die zierliche Frau.
## Amlo will eine Amnestie, das Volk will die Wahrheit
Für den Schmerz einer Mutter, die ihren Sohn vermisst, interessierte sich
die Ermittlerin nicht. David wurde am 3. Dezember 2015 vor seiner Haustür
von Polizisten verschleppt, die – wie sich später herausstellte – einer
Todesschwadron im Dienste der Drogenmafia angehörten. Angehörigen von
Opfern wie Mireya Rodriguez bieten die Foren eine öffentliche Plattform.
Doch dem Volk das Wort zu erteilen birgt auch Risiken. Die Amnestie, die
López Obrador im Wahlkampf angekündigt hatte, wurde gleich beim ersten
Forum zerlegt. Die Teilnehmer weigerten sich, ein von Amlos
„Transition-Team“ verfasstes Dokument zu unterschreiben. „Ich will die
Wahrheit wissen, meinen Sohn finden, die Verantwortlichen vor Gericht
sehen. Und dann kann man vielleicht irgendwann einmal über Vergebung
sprechen. Vorher nicht“, sagt Rodriguez. „Die Foren haben gezeigt, wie tief
das Misstrauen gegenüber dem Staat verwurzelt ist. Neue Brücken zwischen
Regierung und Bevölkerung zu bauen ist eine der großen Herausforderungen
für López Obrador“, resümiert die Universitätsprofessorin Eunice Rendón,
eine der Organisatorinnen und Koordinatorin des Bürgernetzwerks Viral.
López Obrador wurde am 1. Juli mit absoluter Mehrheit gewählt. Und nicht
nur das, auch seine erst 2014 gegründete „Bewegung zur Nationalen
Erneuerung“ (Morena) errang die absolute Mehrheit im Kongress. Es war ein
Erdrutschsieg, der auf das Versagen der korrupten Altparteien
zurückzuführen ist – ganz ähnlich wie vor 20 Jahren in Venezuela, als Hugo
Chávez Präsident wurde.
Aber hier wie dort ist die Wahl des neuen Präsidenten ein Schritt ins
Ungewisse, denn worin die von Amlo angekündigte „Vierte Transformation“
programmatisch bestehen soll, bleibt auch nach seinem Amtsantritt Anfang
Dezember unklar. Das heißt allerdings nicht, dass es Mexiko automatisch so
ergehen wird wie Venezuela, auch wenn López Obrador in liberalen Kreisen
gern mit Hugo Chávez verglichen wird und als Linkspopulist oder verkappter
Marxist gilt. Der konservative Historiker Enrique Krauze bezeichnet ihn
als„manichäistischen Messias“. Der linke Soziologe Roger Bartra hält ihn
für
10 Jan 2019
## AUTOREN
(DIR) Sandra Weiss
## ARTIKEL ZUM THEMA