# taz.de -- Katholiken gegen Kabila
> In der Demokratischen Republik Kongo führen Bischöfe die politische
> Opposition an
(IMG) Bild: Von der Kirche organisierte Anti-Kabila-Proteste, Kinshasa, 21. Januar 2018
von François Misser
Seine Amtszeit endete offiziell am 31. Dezember 2016, und trotzdem amtiert
Joseph Kabila weiter als Präsident der Demokratischen Republik Kongo.
Zweimal schon hat er die fälligen Neuwahlen verschoben, ungeachtet der an
Silvester 2016 erzielten Vereinbarung zwischen Regierung und Opposition,
die einen Fahrplan für Wahlen bis Ende 2017 vorsah.
Am 4. Oktober 2016 begründete der Staatschef eine erste Verschiebung damit,
dass 10 Millionen Erstwähler nicht registriert seien. Am 7. Juli 2017
kündigte der Vorsitzende der „unabhängigen“ Wahlkommission Ceni, Corneille
Nangaa, einer von Kabilas Handlangern, eine erneute Verschiebung an – wegen
der schlechten Sicherheitslage in mehreren Provinzen. Die Opposition sprach
von Manipulation und erinnerte daran, dass die Gewalt in der Region vor
allem nach der Ermordung von Jean-Prince Mpandi eskaliert sei.
Sicherheitskräfte hatten den Clanchef am 12. August 2016 erschossen.
Auf Initiative des Laienverbands der katholischen Kirche (CLC) kam es
daraufhin in der Hauptstadt Kinshasa und anderen Städten zu einer breiten
Mobilisierung. Mehrfach wurden Gläubige aufgefordert, nach der Messe
friedlich auf die Straße zu gehen, um Wahlen einzufordern. Am 21. Januar
2018 schwenkten Demonstranten Banner mit der Aufschrift: „Wir, die
gläubigen Christen, fordern die volle Umsetzung der Silvester-Vereinbarung
vom 31. Dezember 2016.“
Viele oppositionelle Vereine im Kongo haben sich in den vergangenen zwei
Jahren über die sozialen Netzwerke organisiert.[1]Doch es sind die
Katholiken, die zur letzten Hoffnung der Kongolesen geworden sind. Die
katholische Kirche, die bei der Silvester-Vereinbarung 2016 als
Vermittlerin fungiert hatte, fühlt sich von Kabila betrogen. Sie ersetzt
zunehmend die durch Spaltungen und den Tod ihres langjährigen Anführers
Étienne Tshisekedi im Februar 2017 geschwächte Opposition, deren letzte
Aufrufe zum Generalstreik kläglich gescheitert waren.
Mindestens die Hälfte der Bevölkerung des Kongo gehört der katholischen
Kirche an. Deren besondere Rolle rührt daher, dass sie dank ihrer
Pfarreien, Gemeindearbeit, Basisgemeinden und Laienbewegung eine der
letzten Institutionen ist, die unabhängig agiert und das Vertrauen der
Bevölkerung genießt. Der frühere Führer der protestantischen Hauptkirche
Église du Christ du Congo, Bischof Pierre Marini Bodho, hingegen sitzt
für die Kabila-Partei im Senat. Zahlreiche Protestanten,
Kimbanguisten[2]oder Mitglieder obskurer „Erweckungskirchen“ nehmen nun an
den von Katholiken initiierten Demonstrationen teil.
Die katholische Bischofskonferenz (Cenco) und die von ihr eingerichtete
Kommission für Gerechtigkeit und Frieden kritisieren auch die Plünderung
der Rohstoffvorkommen, die Knebelverträge im Bergbau und die
Umweltverschmutzung. Fulgence Muteba, Bischof von Kilwa Kasenga in der
Provinz Katanga, verurteilt den Schmuggel mit Rosenholz, an dem offenbar
Mitglieder der Präsidentenfamilie beteiligt sind. Dabei beruft er sich auf
die Enzyklika „Laudato si!“, in der Papst Franziskus bekräftigt: „Die Erde
zu verletzen heißt, sich gegen sich selbst zu versündigen.“ Außerdem
konnten Wahlbeobachter der Cenco 2011 belegen, das die Wiederwahl des seit
2001 amtierenden Kabila manipuliert worden war. Auch dies zeugte von einer
Unabhängigkeit der Kirche, die in der Geschichte des Landes nicht
selbstverständlich war.
Im 16. Jahrhundert war der Katholizismus durch portugiesische Jesuiten auf
das Gebiet des heutigen Kongo gelangt. Anfang des 20. Jahrhunderts war die
Kirche eine der Säulen der kolonialen Dreifaltigkeit in Belgisch-Kongo,
neben der belgischen Verwaltung und den von der Kolonialmacht
konzessionierten Privatunternehmen. Nach der Unabhängigkeit spielte die
katholische Kirche eine eher konservative Rolle, in Opposition zu Patrice
Lumumba, der die „Sünde“ begangen hatte, um sowjetische Hilfe zu bitten.
Noch im Jahr 1985 zeigte die päpstliche Seligsprechung der Nonne
Marie-Clémentine Anuarite Nengapeta, die 1964 in den Händen lumumbistischer
Simba-Rebellen den „Märtyrertod“ erlitten hatte, dass ein Teil der
katholischen Hierarchie in Kongo im Kalten Krieg stehen geblieben war.
Allmählich aber wandte sich die Kirche von Joseph-Désiré Mobutu, Präsident
von 1965 bis 1997, und der von ihm erfundenen Ideologie der „Authentizität“
ab. Mobutus proklamierte Rückkehr zu den vorkolonialen Wurzeln führte
Anfang der 1970er Jahre dazu, dass alle christlichen Vornamen aus den
Melderegistern getilgt werden mussten. Der Bruch zwischen dem Staat und den
Katholiken war damit eine Frage der Zeit. Allerdings war die Kirche des
damaligen Zaire auch nicht immer eine gefügige Schülerin Roms. Sie
beanspruchte eine eigene afrikanische Identität, etwa indem sie das
zairische Ritual der getanzten Messe entwickelte, das Rom erst 1986
anerkannte.
## Hunger nach Brot und gutem Regieren
Im Verlauf von Mobutus Diktatur vergrößerte sich der Riss. Auf Initiative
der Basisgemeinden, die für die Theologie der Befreiung aufgeschlossen
sind, machte sich die Kirchenführung die Forderung nach mehr Freiheit und
Gerechtigkeit zu eigen. 1978 erschien „Wege der Befreiung“ von Martin
Bakole, in dem sich der Erzbischof von Kananga mit dem Mobutu-Regime, der
Rolle der Kirche während der Kolonialzeit und dem Wirtschaftsmodell des
Landes kritisch auseinandersetzt.[3]José Mpundu, Pfarrer und Gründer der
Amos-Gruppe, die sich für gewaltlosen Widerstand gegen
Menschenrechtsverletzungen einsetzt, ist ein weiterer wichtiger Vertreter
dieser Strömung. Aber die Entwicklung war keineswegs einheitlich. So genoss
der Katholik Mobutu (im Gegensatz zum Protestanten Kabila) noch lange die
Unterstützung der kirchlichen Würdenträger seiner Heimatregion Équateur.[4]
Am Ende waren es aber die katholischen Bischöfe, die Mobutus Regime den
Todesstoß versetzten. Ihr Memorandum vom 9. März 1990 war eine
Majestätsbeleidigung. Es konstatierte – entgegen dem damaligen
Einparteiensystem –, „die Partei ist nicht die Nation“, und forderte,
„alle notwendigen rechtlichen Maßnahmen zu ergreifen, um zu verhindern,
dass eine Minderheit oder eine kleine Gruppe die Macht an sich reißt und
allein zum eigenen Vorteil ausübt“.
Einen Monat später kündigte Mobutu die Einführung eines
Mehrparteiensystems an. Der Erzbischof von Kisangani, Laurent
Monsengwo, leitete die Souveräne Nationalkonferenz von 1990 bis 1992, die
die Demokratisierung einleiten sollte. Mobutus Versuch, die Konferenz zu
beenden, provozierte am 16. Februar 1992 einen Marsch der Christen, der
blutig unterdrückt wurde. Angesichts eines Sturms der Empörung sahen sich
die Behörden gezwungen, die Wiedereröffnung der Konferenz zu erlauben. Dies
trug zu einem Klima bei, in dem der Sturz des Regimes nur noch eine Frage
der Zeit schien.
Die katholische Kirche war in der Spätphase Mobutus nicht nur eine
kritische Stimme gegen das herrschende „Schmarotzertum“. Sie war damals wie
in späteren Bürgerkriegszeiten auch die einzige Institution, die in der
Gesellschaft Aufgaben übernahm, aus denen der Staat sich vollständig
zurückgezogen hatte, vor allem im Bildungs- und Gesundheitsbereich, und
sogar nach dem Bankrott des Bankensystems die Rolle der Sparkassen
übernahm.
Dazu gehörte auch der Versuch der Bischofskonferenz von 2016, eine
Vereinbarung über Wahlen auszuhandeln. Läutet die Unterdrückung der
katholischen Demonstrationen, die seit dem Scheitern der Vereinbarung Ende
2017 stattfinden, nun auch das Ende von Kabila ein? Die Empörung über die
Schändung von Gotteshäusern und die Verhaftung von Messdienern hat zu einer
Welle der Solidarität innerhalb der Weltkirche geführt. In der Vorstellung
der Christen im Kongo und anderswo übernimmt das Staatsoberhaupt die Rolle
des Herodes oder des Pharaos, der das auserwählte Volk daran hindert, ins
gelobte Land der Demokratie zu ziehen. Diese Analogien mögen überzeichnet
sein, doch wenn sie von Millionen als Realität wahrgenommen werden, werden
sie lebendig und „machen“ Politik.
In der Demokratischen Republik Kongo kommt es derzeit zu einer modernen
Variante der Kreuzzüge. Für die Aktivisten ist es nicht mehr nur
Bürgerpflicht, sondern auch religiöse Verpflichtung, Kabila zum Rücktritt
zu bewegen. In seiner Rede vom 2. Januar meldete sich der inzwischen
78-jährige und zum Kardinal aufgestiegene Monsengwo als Mahner zurück: „Es
ist höchste Zeit, dass die Wahrheit über systemische Lügen siegt, dass die
Mittelmäßigen sich zurückziehen und dass Frieden und Gerechtigkeit in der
Demokratischen Republik Kongo herrsche.“ Er verurteilte all diejenigen, die
„die Religionsfreiheit, die die Grundlage aller Freiheiten ist, mit Füßen
treten“, sowie die „Barbarei“ der „sogenannten tapferen Männer in Uniform“.
In einem Brief an die Bischöfe vom 5. Januar unterstrich der Apostolische
Nuntius Luis Mariano Montemayor, ein Vertrauter des Papstes, „die breite
Unterstützung für die Kundgebungen vom 31. Dezember“. Die Würdenträger
sollten sich auf Zulauf zu künftigen Demonstrationen einrichten.
Kurz darauf rief die Laienorganisation CLC zum „ausdauernden Widerstand“
auf. Am 8. Januar 2018 begann die Erzdiözese Bukavu mit einer Gebetsreihe
für freie und transparente Wahlen. Im ganzen Land läuteten die Pfarrer
jeden Donnerstag um 21 Uhr die Glocken, um die Einhaltung der
Silvester-Vereinbarung zu fordern. Immer mehr Menschen unterstützten die
Proteste. Seit der ersten Kundgebung vom 31. Dezember 2017 kamen zu den
Katholiken auch Demonstranten anderer Religionen oder Konfessionen hinzu.
Die kongolesische Kirche ist zweifellos das Flaggschiff des Katholizismus
in Afrika, doch ist sie nicht die einzige katholische Kirche, die eine
wichtige politische Rolle auf dem Kontinent spielt. So verfügte die
katholische Kirche in Ruanda früher über beträchtlichen Einfluss – und
unternahm 1994 nichts gegen den Völkermord an den Tutsi, weil die
Kirchenspitze mit den Präsidenten Grégoire Kayibanda und Juvénal
Habyarimana, beide Vorreiter der Ideologie der Hutu-Vorherrschaft, unter
einer Decke steckte. Und als in Burundi Missionare vertrieben und die
religiösen Basisgemeinschaften (Inama Sahwanya), die die Diskriminierung
der Hutu-Mehrheit durch das Tutsi-Regime kritisiert hatten, verfolgt
wurden, führte das mit zum Staatsstreich von Major Pierre Buyoya im Jahr
1987.
In mehreren Ländern Afrikas hat die katholische Kirche mit
Nationalkonferenzen das Ende von Einparteiensystemen eingeläutet. Die
erste fand 1990 in Benin unter Vorsitz von Erzbischof Isidore de Souza
statt. In Burkina Faso machte sich Kardinal Philippe Ouédraogo 2014 für
die Einhaltung der Verfassung stark, die dem Langzeitherrscher Blaise
Compaoré eine erneute Kandidatur untersagte. Compaoré wurde wenig später
durch einen Volksaufstand gestürzt (siehe den Artikel auf Seite 16/17). Im
Senegal engagierte sich Kardinal Théodore-Adrien Sarr für den Frieden in
der Region Casamance, während in Nigeria Kardinal Anthony Olubunmi Okogie
2016 den „Hunger der Menschen nach Brot und guter Regierung“ aufgriff.
Dreißig Jahre zuvor war in Südafrika der Dominikaner Albert Nolan gemeinsam
mit evangelischen Pastoren Urheber des 1985 veröffentlichten
Kairo-Dokuments, eines mächtigen theologischen Instruments im Kampf gegen
die Apartheid. Es verkündete die prophetische Botschaft des Evangeliums
gegen den Machtmissbrauch Cäsars – genau wie es die kongolesischen
Katholiken heute tun.
1↑ Siehe Sabine Cessou, „Countdown in Kinshasa“, Le Monde
diplomatique,Dezember 2016.
2↑ Eine 1921 von Simon Kimbangu, der von den belgischen Kolonialherren zu
lebenslanger Haft verurteilt worden war, gegründete Kirche mit mehreren
Millionen Mitgliedern in Kongo. Bis 2004 gehörte sie dem (mehrheitlich
protestantisch geprägten) Weltkirchenrat an.
3↑ Bakole wa Ilunga, „Chemins de libération“, Zaire (Éditions de
l’archidiocèse de Kananga) 1978.
4↑ Ignace Ndongala Maduku, „Religion et politique en RD-Congo. Marches des
chrétiens et paroles des évêques catholiques sur les élections“, Paris
(Karthala) 2016.
Aus dem Französischen von Nicola Liebert
François Misser ist ein belgischer Journalist.
12 Apr 2018
## AUTOREN
(DIR) François Misser
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