# taz.de -- Das große Uran-Komplott
> Der französische Konzern Areva und seine dunklen Geschäfte in Afrika
(IMG) Bild: Bakouma 2015: Hinterlassenschaften eines Konzerns
von Juan Branco
Wie ein blutroter Strich zieht sich die Straße aus glutheißem Lateritstein
durch die grüne Landschaft. 134 Kilometer Piste, vergessen von der Zeit und
von der Welt, verbinden die Stadt Bangassou mit dem Dörfchen Bakouma.
Die Straße wurde vor fünf Jahren mithilfe riesiger Maschinen im Rekordtempo
gebaut. Damals verhieß sie der Zentralafrikanischen Republik, einem der
ärmsten Länder der Welt, einen ökonomischen Entwicklungsschub, den
Straßenarbeitern ein Stück Wohlstand und Frankreich eine Energiequelle für
hundert Jahre.
Ersonnen und geplant wurde diese Lebensader einer neuen Welt irgendwo
zwischen Südafrika, Toronto, Paris und den Jungferninseln. Heute wird die
Piste an vielen Stellen von der wuchernden Vegetation verschlungen, sie ist
mit unzähligen Rissen durchzogen und von Schmetterlingen und roten Ameisen
bevölkert. Von der Größe der ersten Tage ist nichts mehr übrig. Zurück
bleibt die Stille – und einer der größten Industrieskandale des 21.
Jahrhunderts.
Zwei Tage dauert die Autofahrt von der Hauptstadt Bangui nach Bakouma. Für
die letzten Stunden steigen wir auf ein Motorrad um, das ständig den Geist
aufzugeben droht. Wo die Piste vollends unpassierbar wird, geht es zu Fuß
unter sengender Sonne weiter, hinweg über die letzten Wasserläufe, die den
unberührten Wald der Präfektur Bangassou durchziehen.
Endlich taucht Bakouma auf: ein paar Hütten aus dem Lehm, der hier der
Mutterboden ist, die Dächer mit trockenen Ästen gedeckt, im Inneren nackte
Bettroste, ohne Matratzen. Ein Ort ohne besondere Gerüche und Farben, auf
den das ganze Jahr die Sonne brennt, von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr
abends. Ein Ort der Selbstgenügsamkeit, die immer wieder von seltsamen
Pilgern aufgestört wurde. Von Leuten, denen die Geldgier aus den Augen
leuchtete und die stets wieder ernüchtert abzogen – ohne das goldene Gift,
das sie gesucht hatten. Das goldene Gift heißt Uran.
Es lagert in riesigen Mengen in der Erde um Bakouma. Einst hatte dieses
Mineral dem Westen die Ewigkeit versprochen. Für die Einheimischen ist es
mittlerweile ein Fluch, der Tag für Tag bedrohlicher wird. Bakouma ist aber
auch der Ort, wo die Geheimnisse des Zusammenbruchs Arevas, des größten
Nukleartechnikkonzerns der Welt, verborgen liegen.
2007 hatte der französische Konzern das Unternehmen UraMin gekauft, das
seit 2006 die Schürfrechte für Bakouma besaß (siehe Chronologie rechts).
Die „Entdeckung“ riesiger Uranvorkommen im Osten der Zentralafrikanischen
Republik hatte so große Hoffnungen geweckt, dass der damalige
Staatspräsident, General François Bozizé, von Areva ein Atomkraftwerk
verlangte. Das sollte direkt neben dem Dorf entstehen, das bis dahin weder
mit Trinkwasser noch mit Strom oder Telefonanschlüssen versorgt war. Die
Konzernleitung hätte lieber Schulen, Sportstätten und Krankenhäuser
errichtet, wofür sie eine Milliarde Euro ausgeben wollte.
## Der Giftmüll bleibt in derZentralafrikanischen Republik
Am 10. August 2008 wurde ein Vertrag unterzeichnet, der mit finanziellen
Anreizen für die afrikanischen Vertragspartner gespickt war. Kurz darauf
flossen 8 Millionen Dollar aus Sonderfonds von Areva an das
Finanzministerium in Bangui. Bald darauf erstickte die vormals
verkehrsträge Hauptstadt in neuen Autos und riesigen Baumaschinen. Mehr als
hundert einheimische Arbeitskräfte wurden eingestellt, an der Universität
von Bangui sollten Geologen und Topografen ausgebildet werden. Im März 2011
tauchte Präsident Bozizé persönlich in Bakouma auf, um den Beginn eines
glorreichen Zeitalters zu verkünden.
Doch der große Traum verwandelte sich bald in den üblichen Albtraum der
Globalisierung. Einen Monatslohn von 70 Euro zahlte Areva seinen Arbeitern
in Bakouma, bei einer Siebentagewoche und 13 Stunden pro Tag – „ohne
Mittagspause“, wie sich ein ehemaliger Minenarbeiter erinnert; „alle zwei
Wochen hatten wir einen freien Tag“, erzählt Sylvain Ngueké, „aber den
mussten wir bei extremer Hitze und ständiger radioaktiver Strahlung auf dem
Minengelände verbringen“. Der stellvertretende Minendirektor habe als
höchstbezahlter einheimischer Manager 700 000 CFA-Franc (etwa 1500 Euro) im
Monat bekommen, berichtet ein anderer Arbeiter, der seit drei Jahren um
eine Abfindung kämpft.
Acht Jahre und einen Bürgerkrieg später ist Bozizé im Exil und die Mine in
Bakouma stillgelegt. In der Zentralafrikanischen Republik liegt die
Lebenserwartung immer noch bei 50 Jahren, das BIP pro Kopf bei 350 Dollar.
Die versprochenen Straßen, Krankenhäuser und Schulen wurden nie gebaut.
Kinder mit Hungerbäuchen stromern zwischen den Lehmhütten von Bakouma, wo
es früher keinen Hunger gab. Der letzte Arzt wurde gerade abgezogen, die
Trinkwasserversorgung, die kurze Zeit funktioniert hatte, ist
zusammengebrochen, ebenso das Strom- und das Telefonnetz.
Der Niedergang begann im Mai 2012, kurz vor den französischen
Präsidentschaftswahlen. Wie an jedem ersten Sonntag des Monats war
Gianfranco Tantardini, der Direktor der Uranmine, mit einem kleinen Flieger
von Bangui nach Bakouma geflogen, um zusammen mit den Arbeitern in der
Dorfkirche die Messe zu besuchen. Der italienische Exmarineoffizier mit
französischem Pass, ein 50-jähriger Koloss mit rasiertem Schädel, hatte
zwischen 2002 und 2004 ein Atom-U-Boot kommandiert. Nun saß er zwischen
seinen Arbeitern auf einer Holzbank und lauschte dem Priester.
Eugénie Damaris Nakité Voukoulé, die Bürgermeisterin von Bakouma, erinnert
sich genau an den weißen Mann, denn sie „den Riesen“ nannten. Die Mine
beschäftigte 133 Arbeiter, von denen 127 einheimisch waren. Nie wird
Eugénie den Tag vergessen, an dem Tantardini nach der Messe das gesamte
Personal versammelte, um zu verkünden, dass Bakouma „ruhen“ werde. Kurz
nach der Übernahme von UraMin durch Areva hatte man den Beschäftigten 50
Jahre Arbeit versprochen; in ihren Arbeitsverträgen waren regelmäßige
Lohnerhöhungen und Prämien festgeschrieben.
Beim Gang durch das hohe Gras ist das Hemd sofort durchgeschwitzt, das
Atmen fällt schwer bei 35, 36, 37, 40 Grad. Ständig piept der Geigerzähler.
Das Minengelände von Bakouma sieht aus wie das no-man’s land in
Tarkowskis „Stalker“: ein verfluchter Ort, wo Vegetation, Ruinen und Rost
ineinander übergehen. In diesem radioaktiven Kessel sind 40 Jahre
französisch-afrikanischer Beziehungen konzentriert, Jahre voller
gescheiterter Großprojekte.
Eine dicke Schicht aus Schlamm und Laub überzieht die vor vier Jahren
verlassenen Gerätschaften. Überall liegen Plastikdosen herum, die zur
Aufbewahrung der Mineralproben dienten, nicht weit davon hermetisch
verschließbare Aluminiumsäcke, in denen radioaktive Mineralien
transportiert wurden. Das Unternehmen hat sie nie entsorgt, jetzt sind sie
alle aufgerissen. Wahrscheinlich hätten die Leute gedacht, das seien
Behältnisse für Lebensmittelbeutel, meint ein früherer Areva-Angestellter.
Schwierige und unerlässliche Arbeiten wie das Vergraben radioaktiver
Abfälle und die Dekontaminierung der Infrastruktur wurden nie durchgeführt.
Und bei der Sicherung des Standorts, der eine große Gefährdung für die
Bevölkerung in der Umgebung darstellt, wurden elementare Regeln missachtet.
Es gibt nicht einmal Warnschilder oder Zäune, die den Zugang verwehren. Das
gesamte Minengelände ist strahlenbelastet. Zwischen einem kleinen Maisfeld
und einer Zebuherde liegen radioaktive Abfälle herum. Hier übersteigt die
Strahlung den natürlichen Wert um das 40-Fache.[1]Damit liegt sie 17-mal
höher als die Maximaldosis, die in Frankreich für Angestellte von
Atomanlagen zulässig ist. Die sanitäre Infrastruktur wurde mit der
Abreise der letzten Ausländer vollständig zerstört, die medizinischen Akten
der lokalen Mitarbeiter sind verschwunden. Es gibt keinerlei Nachsorge.
Die Pariser Zentrale von Areva, dessen Hauptaktionär das staatliche
Commissariat à l’énergie atomique ist, hat im März 2015 Verluste in Höhe
von 4,8 Milliarden Euro bekannt gegeben und eine Umstrukturierung
angekündigt, die 6000 Arbeitsplätze einsparen soll. Ein Großteil der
erforderlichen Rekapitalisierungssumme von 5 Milliarden Euro wird vom
französischen Staat garantiert. Bis 2017 soll die Reaktorsparte vollständig
vom ebenfalls staatlich dominierten Unternehmen Éléctricité de France
übernommen werden.
## Bei dem Putschverschwanden die Beweise
Der Industrieskandal des Jahrhunderts und die astronomischen Summen, um die
es geht, scheinen Lichtjahre entfernt von dem kleinen zentralafrikanischen
Dorf. Wie ist zu erklären, dass Areva mehrere Milliarden Euro für den Kauf
von drei Minen in Namibia (Trekkopje), Südafrika (Ryst Kuil) und
Zentralafrika (Bakouma) bezahlt hat, um sie dann Hals über Kopf zu
schließen, ohne ein einziges Gramm Uran abgebaut zu haben? 4,8 Milliarden
Euro Verlust – auf diese Summe kommt man, wenn man die Haushaltsvolumen der
Zentralafrikanischen Republik über die letzten 20 Jahre addiert.
Als wir das alles Bürgermeisterin Voukoulé erläutern, die mit über 70 noch
jeden Tag auf dem Feld arbeitet, lässt sie uns die Zahlen, um die es geht,
dreimal wiederholen. Sie erinnert sich genau, dass sie zwei Jahre brauchte,
um Areva 100 000 CFA-Franc (200 Euro) als einzige Investition abzuringen,
die der Konzern dem Dorf spendiert hat: für die Renovierung ihres
Amtsgebäudes. Von den zugesagten 400 000 Euro für Sozial- und
Gesundheitsausgaben – weniger als 0,5 Prozent der geplanten
Investitionssumme für die Mine und 0,01 Prozent der
Gesamtinvestitionssumme – ist nichts zu sehen. „Die einzige soziale
Aktivität, die Areva organisierte, war der monatliche Grillabend des Chefs
für seine Expat-Freunde“, schimpft ein Dorfbewohner.
Für den Rückzug aus Bakouma präsentiert Areva auf seiner Homepage folgende
lapidare Begründung: „Wegen des niedrigen Uranpreises nach Fukushima und
der seit mehreren Monaten im Lande herrschenden Unsicherheit hat Areva im
September 2011 die Einstellung der Urangewinnung in Bakouma,
Zentralafrikanische Republik, bekannt gegeben.“ Tatsächlich wurde der
Standort übernommen, als die Nachfrage nach Uran hoch war. Damals hatte der
Kurs auf dem Spotmarkt – also der Preis bei direktem Kauf – seinen
Gipfelpunkt erreicht. Das entsprach jedoch nicht der Realität eines
Marktes, auf dem vor allem die langfristigen Verträge zählen und der damals
relativ geringe Kursschwankungen aufwies.
Tatsache ist, dass die Abwicklung der Mine in Bakouma schon vor dem
AKW-Unfall von Fukushima (März 2011) begonnen hatte – und kurz nachdem
Areva in andere Vorkommen investierte, vor allem in der Mongolei und in
Kanada, wo der Konzern eine Beteiligung an der riesigen Uranmine von Cigar
Lake erwarb. „In Wirklichkeit wurde niemals Abbaugerät nach Bakouma
gebracht“, verrät ein Areva-Manager, der damals vor Ort war. „Wir ahnten
seit 2009, dass es hier keine Urangewinnung geben würde.“ Das war zwei
Jahre vor Fukushima.
Das Sicherheitsargument steht auf noch schwächeren Beinen. Tatsächlich hat
sich die politische Lage erst anderthalb Jahre später deutlich
verschlechtert. In einer Mitteilung erwähnt Areva einen Rebellenangriff vom
24. Juni 2012. An jenem Tag haben Bewohner von Bakouma allerdings
beobachtet, wie Tantardini selbst einige Rebellen zur Mine führte. „Er
sagte ihnen, sie könnten ‚plündern‘, was sie wollten“, erzählt ein Geologe,
der anonym bleiben möchte, „und die Männer der Sicherheitsfirma wies er an,
nicht zu schießen.“ An denselben Vorfall erinnert sich ein Franzose, der
von Areva als Unterauftragnehmer angeheuert war: „Wenn wir mit den Männern
von Areva über den Angriff gesprochen haben, dann immer mit einem halben
Grinsen.“ Kurz vor dem „Überfall“ hatte Tantardini alle vertraulichen
Dokumente und die meisten Spezialisten in die Hauptstadt geschickt.
Das Schicksal der Mine von Bakouma hat nichts mit Industrie- oder
Energiepolitik zu tun. Es handelt sich vielmehr um einen
politisch-juristischen Riesenskandal: die sogenannte UraMin-Affäre, die
Frankreich schon seit drei Jahren beschäftigt.
Die Firma UraMin wurde Anfang 2005 von Stephen Dattels und Jim Mellon mit
einem Startkapital von 100 000 Dollar (91 000 Euro) gegründet.[2]UraMin
investierte in drei Vorkommen in Südafrika, Namibia und Zentralafrika, wo
es zahlreiche Probebohrungen veranlasste, um den Wert der Minen zu erhöhen
und so seine Bilanz aufzubessern. Anfang 2007 verfügte die Firma über
Aktiva in Höhe von 150 Millionen Dollar, wovon weniger als 50 Millionen im
Bergbau angelegt waren. Als Areva kurz darauf, im Juni 2007, das junge
Unternehmen kaufte, zahlte der Konzern den stolzen Preis von 2,5 Milliarden
Dollar (1,86 Milliarden Euro).
Der Ablauf erinnert verdächtig an die Geschichte dreier anderer
Dattels-Unternehmen, die für ebenso absurde Summen von großen
Staatskonzernen übernommen wurden und anschließend rasch vom Radar und aus
den Bilanzen verschwanden. Das gilt etwa für das Unternehmen Oriel
Ressources PLC, dessen Wert in den Monaten vor der Übernahme durch den
russischen Mechel-Konzern um 60 Prozent gestiegen war und das in den Panama
Papers als Teilhaber an drei Firmen auftaucht, die auf den Britischen
Jungferninseln registriert waren.[3]
2010 verlor Areva weitere Hunderte Millionen Euro beim Kauf von Dattels’
Anteilen des Unternehmens Marenica Energy, das eine nie genutzte Mine in
Namibia besitzt, und durch die Übernahme der Nickelmine Weda Bay in
Indonesien, die für 198 Millionen Euro an die damalige Areva-Tochter Eramet
ging. Auch diese Mine „ruht“ und wurde nie ausgebeutet.
Wie lässt sich eine solche Aneinanderreihung ruinöser Operationen erklären?
Nach einem Bericht der Johannesburger Zeitung Mail & Guardian wurde UraMin
von Areva zu einem weit überhöhten Preis gekauft, um über diesen Umweg
mehrere Hundert Millionen Euro an den Clan des damaligen südafrikanischen
Präsidenten Thabo Mbeki abzuzweigen, der zu den Hauptaktionären von UraMin
gehörte.[4]Im Gegenzug hoffte Areva, eine Ausschreibung Pretorias über den
Bau mehrerer Atomkraftwerke und eine Fabrik zur Urananreicherung zu
gewinnen.
Ähnliches vermutet ein ehemaliger Bergbauminister der Zentralafrikanischen
Republik: „Wir dachten gleich, dass Areva UraMin als Deckmantel benutzt.
Auf jeden Fall wussten alle, dass UraMin für das große Atomunternehmen nur
als Türöffner dienen sollte.“ Der Exminister fährt heute in einem
Geländewagen mit Chauffeur und besitzt mehrere Grundstücke in Frankreich,
finanziert mit den „Boni“ der Bergbauunternehmen. Er empfängt uns im
einzigen Fünfsternehotel der Hauptstadt, wo eine Übernachtung so viel
kostet, wie seine Landsleute durchschnittlich im ganzen Jahr verdienen.
„Diese Geschäfte wurden direkt im Präsidentenpalast verhandelt, aber es
zirkulierten darüber Informationen. Als wir die Schürfrechte für Bakouma
öffentlich auslobten, boten die Areva-Leute eine derart lächerliche Summe,
dass wir gezwungen waren, das Angebot von UraMin anzunehmen. Anschließend
nutzten sie die Chance, die Lizenz von UraMin zu einem überhöhten Preis zu
kaufen, was einer Verschleuderung öffentlicher Gelder gleichkommt.“
Dem Staatskonzern Areva werden Korruption und schwere Versäumnisse mit
gesundheits- und umweltschädlichen Folgen vorgeworfen, unter anderem in
China, Südafrika, Niger, Deutschland, Namibia und Gabun. Seine Rolle für
Frankreichs zivile und militärische Nuklearindustrie, die zum Teil der
militärischen Geheimhaltung unterliegt, wurde Anfang der 2000er Jahre zügig
umorganisiert. Treibende Kraft war dabei die neue Konzernchefin Anne
Lauvergeon, die in allen politischen Lagern gut vernetzt ist.
Lauvergeon bekam einen ungewöhnlich großen Handlungsspielraum gewährt,
sodass sie sich den staatlichen Kontrollbehörden entziehen und pharaonische
Projekte in Angriff nehmen konnte, die das Unternehmen an den Rand des
Abgrunds führten. Die Übernahme und alsbaldige Schließung der Lagerstätten
von UraMin erfolgte unter direkter Aufsicht des damaligen
Wirtschaftsministers Thierry Breton und später von Patrick Balkany, einem
engen Vertrauten von Präsident Nicolas Sarkozy.
Balkany gelang es 2008, den Zorn des zentralafrikanischen Präsidenten zu
besänftigen: „Bozizé hatte den Braten gerochen“, erzählt uns ein damaliger
hoher Staatsbeamter. „Als er ahnte, was sich da zusammenbraute, hat er die
Schürfrechte für Bakouma blockiert und gedroht, die Lizenzen zu annullieren
und die Ausschreibung zu wiederholen.“ Wie aus einer Klage der
Zentralafrikanischen Republik hervorgeht, kassierte Balkany für seine
Schlichterdienste eine Kommission von 5 Millionen Euro.
Die entscheidende Frage lautet: Warum war der Areva-Konzern bereit, für das
Uranvorkommen, das er wohl besser kannte als alle anderen, das 30-Fache
seines Wertes zu zahlen? Und am Ende, nachdem er angeblich knapp 100
Millionen Euro investiert und an allen politischen Strippen gezogen hatte,
die ganze Anlage dem Verfall zu überlassen? Da der Konzern außerstande ist,
für diesen Ablauf eine klare Erklärung zu geben, präsentieren Experten wie
der Schriftsteller und Afrikakenner Vincent Crouzet, der
Untersuchungsrichter Marc Eichinger und der ehemalige zentralafrikanische
Vizeaußenminister Saïf Durbaar folgende Interpretation: Die Übernahme von
UraMin könnte einzig dem Zweck gedient haben, ein gigantisches System von
Kick-back-Zahlungen zu arrangieren, das letztlich französischen Interessen
dienen sollte.[5]
Durbaar wurde am 2. Juli 2015 von einem französischen Untersuchungsrichter
befragt. Er war in Frankreich verhaftet und wegen Betrugs zu drei Jahren
Haft verurteilt worden, seltsamerweise aber nach drei Monaten freigelassen,
was er selbst einer Einigung mit dem Geheimdienst zuschreibt.[6]Obwohl der
Name Durbaar in zahllosen Artikeln über die UraMin-Affäre auftaucht,
versicherte uns Éliane Houlette, die Leiterin der französischen
Finanzstaatsanwaltschaft, zweimal, sie habe „nie von ihm gehört“. Nach
monatelanger Untätigkeit sah sich ihre Behörde im März 2015 gezwungen, zwei
Ermittlungsverfahren wegen Betrugs, Bestechung ausländischer Amtsträger und
Vorlage falscher Bilanzen zu eröffnen.
## Die Spur führtnach Südafrika
Als Antwort auf unsere Anfrage übersandte Areva lediglich eine
Presseerklärung mit der Behauptung, das Unternehmen sei durch die
Zentralafrikanischen Republik „entlastet“ worden. Von Wikileaks
veröffentlichte Dokumente und unsere eigenen Ermittlungen zeigen jedoch das
Gegenteil.[7]Étienne Huver und Boris Heger vom Journalistenkollektiv Slug
News, die seit Jahren über den Fall recherchieren, wurden sogar von
Vertretern des Verteidigungsministeriums bedroht.[8]
In Zentralafrika wiederum sind alle Akten zu UraMin und den Aktivitäten von
Areva auf geheimnisvolle Weise verschwunden, nachdem die Seleka-Miliz im
März 2013 mit stillschweigender Zustimmung Frankreichs den Präsidenten
Bozizé aus dem Amt gejagt hatte. Am Tag der Machtübernahme durch die
Milizen wurde das Haus des Generaldirektors für Bergbau durchsucht und
geplündert.
Vor dem überstürzten Rückzug von Areva – als bereits eine staatliche
Untersuchungskommission nach Bakouma unterwegs war – hat Tantardini nach
Aussage eines Geologen, der dabei war, seine Mitarbeiter angewiesen, „ihre
Papierkörbe gründlich zu leeren“. Dann formatierte er alle Festplatten neu,
sicherte den Server mit einem Passwort und nahm sämtliche Akten des
Unternehmens im Flugzeug mit nach Frankreich. Später wurde Tantardini an
die Spitze der Schifffahrtsgesellschaft Société nationale maritime Corse
Méditerranée (SNCM) befördert, wo er derzeit das Insolvenzverfahren des
Unternehmens beaufsichtigt.
Die Zentralafrikanische Republik besitzt nur noch eine Kopie eines einzigen
Dokuments über den „Vorgang Areva“. Damit ist eine Strafverfolgung des
französischen Konzerns in Bangui quasi ausgeschlossen. Der heutige
Bergbauminister Joseph Agbo muss deshalb seine „absolute Ohnmacht“
eingestehen. Er hat mehrfach versucht, etwas zu unternehmen, aber der
einzige Kontakt zu Areva läuft über einen Notar, der den Konzern in
Zentralafrika vertritt und sich sehr wortkarg gibt. Die Arbeiter in Bakouma
versuchen dennoch, einen Prozess gegen Areva anzustrengen, und erklärten
uns, dass die Sache noch am Laufen sei. Doch der Generalstaatsanwalt in
Bangui, Ghislain Grésenguet, will davon „nie gehört“ haben.
Kein französischer Protagonist dieser Affäre war bereit, unsere Fragen zu
beantworten. Und Anne Lauvergeon hat seit dem Beginn ihres Verfahrens nur
zwei Interviews gegeben. Im Parisien versicherte sie Ende März, der Kauf
von UraMin habe „grünes Licht von allen Aufsichtsbehörden und vom Staat“
gehabt; im Übrigen habe die Abwertung der Aktiva allen buchhalterischen
Normen „peinlich genau“ entsprochen. Gegenüber France 3 hat sie ihre
Absetzung bei Areva als Folge ihres Widerstands gegen zwei Projekte von
Sarkozy dargestellt: gegen die Privatisierung des Bergbaus zugunsten Qatars
und den Verkauf eines Atomkraftwerk an Gaddafis Libyen.[9]
Lauvergeon will auch nie mit ihrem Mann Olivier Fric über den Zukauf von
UraMin gesprochen haben. Fric war in die Übernahmeoperation verwickelt und
steht wegen Insiderhandels vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, kurz vor der
Übernahme durch Areva über eine Reihe von Mittelsmännern UraMin-Aktien
gekauft und damit einen Gewinn von 300 000 Euro gemacht zu haben.
Nach der Übernahme durch Areva hatte der UraMin-Direktor des Bergwerks in
Bakouma, ein Südafrikaner, die Angestellten im Camp zusammengerufen und
ihnen mit einer Mischung aus Frust und unternehmerischer Großspurigkeit
erklärt: „Mit UraMin ist es aus. Wir waren ein Hund, der bellt, aber nicht
frisst. Morgen kommt vielleicht ein Hund, der bellt und frisst.“
1↑ Sie beträgt bis zu 3 Mikrosievert pro Stunde, während sie außerhalb des
Dorfes nur bei 0,08 liegt.
2↑ Interview mit Jim Mellon, Spears WMS Magazine,Nr. 13.
3↑ Siehe: offshoreleaks.icij.org/nodes/12030181.
4↑ „French Nuclear Frontrunner’s Toxic Political Dealings in SA“, Mail &
Guardian,3. August 2012.
5↑ Diese Theorie wird inzwischen auch von Wikileaks-Veröffentlichungen
gestützt; siehe „La nouvelle guerre sale pour l’uranium et les minerais
d’Afrique“, Dossier von Wikileaks, 5. Mai 2016; siehe auch den
Spionageroman von Vincent Crouzet, „Radioactif“, Paris (Belfond) 2014.
6↑ Siehe: „Pièces à conviction : ‚Areva, 3 milliards en fumée‘“, France 3,
10. Dezember 2014.
7↑ „Rapport d’activité sur la mine de Bakouma et Areva“, Wikileaks, 5.
Februar 2016.
8↑ „Areva & UraMin. Eine Zeitbombe der französischen Atomindustrie“, Arte,
14. Mai 2015.
9↑ „Pièces à conviction: ‚Areva: les secrets d’une faillite‘“, France 3,
19. Oktober 2016.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Juan Branco ist Spezialist für internationales Recht. Autor von „L’Ordre et
le Monde. Critique de la Cour pénale internationale“, Paris (Fayard) 2016.
10 Nov 2016
## AUTOREN
(DIR) Juan Branco
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