# taz.de -- Von Goldgräbern und Nerds
       
       > Zum zweiten Mal in seiner Geschichte verwandelt sich San Francisco – es
       > wird zur Vorstadt von Silicon Valley von Rebecca Solnit
       
       Sie fahren morgens und abends die Bushaltestellen von San Francisco an,
       jedoch eher incognito. Denn es sind keine öffentlichen Verkehrsmittel, an
       der Frontscheibe tragen sie ein dezentes Akronym, nirgends steht, wo sie
       hinfahren. Die Fahrgäste steigen durch die vordere Tür ein, was seine Zeit
       dauert und die grell-orangen Linienbusse hinter ihnen zum Warten zwingt.
       Für die Passagiere sind die Luxusbusse ein Gratisservice. Die meisten
       Fahrgäste holen gleich nach dem Einsteigen ihre Laptops heraus und beginnen
       ihren Arbeitstag schon im Bus, der natürlich mit WLAN ausgestattet ist. Die
       meisten dieser Busse sind strahlend weiß, sie wirken mit ihren dunkel
       getönten Scheiben wie Luxuslimousinen, und manchmal lassen sie mich an
       Raumschiffe denken, in denen außerirdische Überwesen auf der Erde landen,
       um über uns zu herrschen.
       
       An anderen Tagen erinnern sie mich an die Firmenbusse, mit denen einst
       Bergarbeiter zu den Gruben gekarrt wurden. Und einem alten
       Bergwerksbesitzer kämen die Arbeitszeiten bestimmt vertraut vor: Im Silicon
       Valley ist der Arbeitstag seit jeher prinzipiell unbegrenzt. Die jungen
       Leute, die hier einen Job haben, reißen Jahr für Jahr ihre 60- oder
       70-Stunden-Wochen herunter, und die luxuriösen Extras, die ihr Arbeitsplatz
       bietet – Ruheräume, Gourmetkantine, Fitnesszentrum, Wäscheservice –, sollen
       ein hauptsächlich mit Arbeiten verbrachtes Leben weniger schrecklich
       machen. An dieselben Spielregeln hält sich auch die Biotech-Industrie. Die
       Megaunternehmen, die sich südlich von San Francisco angesiedelt haben,
       haben Hunderte dieser Luxusbusse im Einsatz; freilich ist von ihnen immer
       nur im Singular die Rede, wie zum Beispiel vom Google-Bus.
       
       Wir reden übrigens viel über die Busse. Mit „wir“ meine ich Leute wie mich,
       die hier schon länger leben, aber nicht in der IT- oder Biotech-Branche
       arbeiten. Wir reden über sie, wie die Pariser Bevölkerung 1871
       wahrscheinlich ständig über die eingerückte preußische Armee geredet hat.
       Mein Bruder sagt, er hätte, als er zum ersten Mal Leute aus so einem Bus
       steigen sah – korrekt gekleidet, uncool, etwas fehl am Platz und, von ihren
       dunklen Bildschirmen auftauchend, leicht benommen in die Sonne blinzelnd –,
       gedacht, sie seien deutsche Touristen.
       
       Die Angestellten in der Hightech-Branche sind meistens neu in der Gegend,
       männliche Nerds weißer oder asiatischer Abstammung, Alter zwischen zwanzig
       und vierzig. Es heißt, mit fünfzig ist man in dieser Welt bereits ein
       Fossil; die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin sind noch keine
       vierzig (und gehören zu den zwanzig reichsten Menschen der Welt).
       
       Ein Freund erzählte mir eine Geschichte aus der Zeit, als er selbst mit dem
       Apple-Bus zur Arbeit fuhr. Einmal wollte sich der Fahrer einen Scherz
       erlauben und fuhr, nachdem er die meisten seiner Fahrgäste beim zentralen
       Apple-Gelände abgesetzt hatte, einfach in Richtung San Jose weiter, ohne an
       der zweiten Apple-Haltestelle zu halten. Die im Bus verbliebenen
       IT-Spezialisten, die längst verlernt hatten, direkt und spontan zu
       kommunizieren und Einspruch zu erheben, blieben völlig regungslos sitzen
       und starrten auf ihre vorbeiziehenden Büros und Arbeitsstätten, bis der
       Fahrer sie in irgendeinem Slum südlich des neuen globalen Machtzentrums
       absetzte. Von dort riefen sie dann die Zentrale an, die ihnen einen anderen
       weniger unternehmungslustigen Fahrer schickte.
       
       Als ich diese Geschichte einem anderen Freund erzählte, malten wir uns aus,
       wie die Leute im Bus ihre Firmenzentrale per SMS um die E-Mail-Adressen der
       Leidensgenossen gebeten haben, die neben ihnen saßen. Denn diese ganz
       eigene Welt hat viele neue Kommunikationsmöglichkeiten geschaffen, während
       sie altmodische Kulturtechniken verkümmern lässt – wie das Reden mit
       Menschen in der direkten Umgebung. Ausgerechnet diese jungen Leute fahren
       mit dem Google-Bus hin und her, weil sie unbedingt in San Francisco leben
       wollen – in einer Stadt des Flanierens und leichter Bekanntschaften.
       Offenbar schätzen sie diesen Dinge, an deren Auslöschung sie gleichzeitig
       arbeiten.
       
       Der Google-Bus macht vieles möglich. Zum Beispiel eben, dass das Fußvolk
       des Konzerns, der die Weltherrschaft anstrebt, im Silicon Valley arbeitet,
       aber in San Francisco wohnen kann, ohne sich mit dem eigenen Auto jeden Tag
       viereinhalb Stunden durch das haarsträubende Verkehrschaos quälen zu
       müssen. Mit dem Bus nimmt die Fahrerei zur Arbeit und zurück immerhin nur
       dreieinhalb Stunden in Anspruch. Das heißt allerdings, dass die Unternehmen
       – im Unterschied zu Großkonzernen anderer Weltgegenden und Epochen – an der
       Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs wenig Interesse haben. Indem sie
       ihren Mitarbeitern eigene Transportmittel bieten, untergraben sie in
       Wahrheit die finanzielle Basis für Pendlerzüge.
       
       San Francisco war von der Zeit des Goldrauschs bis zum Aufstieg von Los
       Angeles zur größten Industriestadt der USA die unbestrittene Metropole des
       amerikanischen Westens. Jetzt aber ist die Bay Area wegen ihrer Nähe zum
       Silicon Valley zur Schlafstadt der globalen Hightech-Metropole geworden.
       
       ## Wo einst Obstbäume standen, blüht heute Apple
       
       Dass Kalifornien so lange am äußersten Rand des Kontinents lag, hatte seine
       Vorteile, doch inzwischen sind wir ins Zentrum gerückt, eben wegen Silicon
       Valley. Allein schon weil hier fünf der sechs meistbesuchten Websites der
       Welt zu Hause sind: Facebook, Google, YouTube, Yahoo und Wikipedia (Nummer
       fünf ist die chinesische Suchmaschine Baidu). Würden diese Unternehmen,
       gegründet von Absolventen der kalifornischen Stanford University, einen
       eigenen Staat bilden, wäre dieser mit einem Bruttoinlandsprodukt von 2,7
       Billionen Dollar die zehntgrößte Wirtschaftsmacht der Welt.[1]Und in einem
       Bericht der Boston Consulting Group heißt es: „Wenn das Internet ein Land
       wäre, dann gäbe es in vier Jahren nur noch vier Länder auf der Welt mit
       einem höheren Bruttoinlandsprodukt.“[2]
       
       Dieses Land hat eine Hauptstadt, die nicht wie eine Hauptstadt aussieht.
       Sie sieht aus wie eine herrliche, eichenbestandene Hügellandschaft,
       überwuchert von Ansiedlungen: Einfamilienhäuser (die Villenanwesen liegen
       etwas abseits) und Einkaufszentren, hoffnungslos verstopfte Schnellstraßen
       und die monströsen Firmensitze der IT-Unternehmen, die ausnahmslos als
       „Campus“ bezeichnet werden.
       
       Vor fünfzig Jahren war dies noch das „Valley of the Heart’s
       Delight“,[3]eines der größten Obstanbaugebiete der Welt. Eine Herzenslust
       war das Leben hier allerdings nicht für alle. San Jose ist nicht zufällig
       der Gründungsort der Landarbeitergewerkschaft United Farm Workers, die in
       den 1960er Jahren von César Chávez aus der Taufe gehoben wurde: Die Leute,
       die all die Pflaumen und Aprikosen ernteten, arbeiteten in endlos langen
       Schichten und zu Hungerlöhnen. Aber der Anblick und der Duft von mehr als
       50 000 Hektar Obstgärten müssen überwältigend gewesen sein.
       
       Wo einst die Obstbäume wuchsen, hat sich Apple hingepflanzt. Die
       Arbeitszeiten sind immer noch extrem, aber die Branche zahlt enorme
       Gehälter. Die ewige Klage der IT-Angestellten ist es, dass sie keine Zeit
       haben, ihr Geld auszugeben. Allerdings gehen sie oft essen, weil ihnen kaum
       Zeit zum Einkaufen und Kochen bleibt, das ist gut für die Restaurants in
       San Francisco. In den Cafés aus den 1980er Jahren, wo man sich früher mit
       Freunden getroffen und stundenlang geredet hat, sitzen heute die
       Freiberufler bei der Arbeit. Und selbst die schickeren Lokale sind fest in
       der Hand von stummen Gestalten, die auf ihre Apple-Bildschirme starren, als
       wären in irgendeinem Büro plötzlich alle PCs ausgefallen. Neben den 44 000
       festen Jobs in den mehr als 1 700 Unternehmen gibt es in San Francisco noch
       sehr viel mehr Freiberufler, die von kleineren Auftragsarbeiten leben.
       Nicht alle IT-Leute steigen in die schicken Busse nach Süden. Selbst junge
       Leute in der Branche kommen gewöhnlich auf sechsstellige Jahresgehälter –
       bei vielen von ihnen steht mehr als eine Eins am Anfang –, was die
       Immobilienpreise in der Gegend kräftig in die Höhe treibt. Die Fahrer im
       Google-Bus verdienen zwischen 17 und 30 Dollar die Stunde, nicht einmal 50
       000 Dollar im Jahr.
       
       Ich selbst habe den Dotcom-Boom der späten 1990er Jahre als Zuschauerin an
       mir vorüberziehen lassen. Aber letztes Jahr habe ich meine Wohnung an einen
       Google-Ingenieur verkauft – mit der Vorstellung, einen Teil des Geldes
       kurzfristig für Miete auszugeben und langfristig in eine neue Immobilie
       anzulegen. Wobei ich mit meiner langjährigen Erfahrung in der Stadt davon
       ausging, mit meinem ansehnlichen Finanzpolster werde das schon irgendwie
       klappen. Doch diese Zuversicht war bald dahin. Denn der Wohnungsmarkt in
       San Francisco ist so umkämpft, dass man auf jedes Angebot, das auf der
       einschlägigen Website Craigslist zu finden ist, binnen weniger Stunden
       reagieren muss, um überhaupt eine Antwort von einem Hausbesitzer oder
       Makler zu bekommen. In den Angeboten von Häusern und Wohnungen, zur Miete
       oder zum Kauf, war übrigens häufig die Entfernung zur Haltestelle des
       Google- und Apple-Busses angegeben. Bei den Besichtigungsterminen kommt man
       sich oft vor wie bei einem Popkonzert ohne Band. Die meisten Leute in dem
       Gedränge, die aussahen wie Studenten, rückten mit Scheckheften und ganzen
       Stapeln von Lebensläufen, Einkommensnachweisen und anderen Referenzen an.
       Es wurde aufgeregt erzählt, diese jungen Leute lieferten sich regelrechte
       Bieterschlachten, ganze Jahresmieten würden im Voraus angeboten und viel
       höher als verlangt. Diese Gerüchte haben sich absolut bewahrheitet.
       
       Inzwischen sind Zwangsräumungen wieder so häufig wie in den Hochzeiten der
       Dotcom-Blase. Zwar genießen die meisten Mieter in San Francisco einen
       relativ guten Schutz vor Mieterhöhungen und Kündigungen; aber der kann mit
       allerlei Tricks ausgehebelt werden, was häufig zu erbitterten
       Auseinandersetzungen führt: rechtlichen wie illegalen. Ein Freund von mir,
       der nach einer Eigenbedarfskündigung des Wohnungsbesitzers ausziehen
       musste, hat eine neue Wohnung direkt neben seiner alten gefunden und wacht
       nun mit Argusaugen darüber, ob der Besitzer seiner früheren Wohnung auch
       tatsächlich die vorgeschriebenen drei Jahre darin wohnen bleibt.
       
       In Kalifornien gibt es außerdem ein Gesetz, das es jedem Hausbesitzer
       erlaubt, sämtliche Mieter auf die Straße zu setzen, wenn er das Objekt in
       Eigentumswohnungen umwandeln und verkaufen will. Deshalb hat die an sich
       erfreuliche Mietpreisbindung oft den Effekt, dass Vermieter ihre Altmieter
       loswerden wollen, um die freien Wohnungen zu Fantasiepreisen verkaufen zu
       können.[5]Frisch renoviert kommen sie dann auf den Markt: Bad und Küche mit
       Armaturen aus gebürstetem Edelstahl, kühle Fliesen, die Zimmer in neutralen
       Farben gestrichen, ganz nach dem Geschmack junger Technokraten.
       
       Vor Kurzem wurde ein Latino, der seit vierzig Jahren eine Berühmtheit in
       der hiesigen Kulturszene ist, von seinem Vermieter an die Luft gesetzt,
       während seine Frau eine Chemotherapie machte. Einer der bekanntesten
       Dichter der Stadt wird gerade aus seiner Wohnung geworfen, in der er
       fünfunddreißig Jahre verbracht hat. Das ganze Gebäude, seit Beginn des 20.
       Jahrhunderts vorwiegend Mietwohnungen, wird in Wohneigentum umgewandelt.
       Man weiß nicht, ob unser Poet ein bescheideneres Domizil wird ergattern
       können oder ob er ins Exil gehen muss. Und wie sieht die Zukunft einer
       Stadt aus, die sich kein Dichter mehr leisten kann?
       
       Im letzten Jahr sind die Mieten in San Francisco je nach Viertel um 10 bis
       135 Prozent gestiegen.[5]Da viele Leute zuvor dank der Mietpreisbindung
       deutlich weniger gezahlt hatten, als der Markt noch vor dem Boom hergegeben
       hätte, fällt die Anpassung an das neue Preisniveau besonders hart aus. Auch
       zwei sehr beliebte und gut frequentierte Buchläden bekamen eine
       Räumungsklage, weil die Vermieter mehr Geld herausholen wollten. In
       derselben Gegend haben innerhalb eines Jahres sechzehn neue Restaurants
       aufgemacht. Larry Ellison ist der Chef des Softwareriesen Oracle und der
       sechstreichste Mensch der Welt. Er hat mit der Stadtverwaltung
       ausgehandelt, dass er die Piers 27, 28 und 29 an der San Francisco Bay, wo
       im September 2013 der America’s Cup stattfinden soll, für fünfundsiebzig
       Jahre kommerziell nutzen darf, wenn er dafür diese urbanen Filetstücke bis
       zum diesjährigen Start der ältesten Segelregatta der Welt renovieren
       lässt.[6]Dass Ellison Dutzende kleiner Läden in Ufernähe räumen lassen
       wird, ist ein Teil der Abmachung. Solche Entwicklungen verändern den
       Charakter einer Stadt, in der über Jahrzehnte politische Dissidenten und
       Pazifisten, Schwule und Lesben, aber auch alle möglichen Lebenskünstler
       Zuflucht gesucht und gefunden haben.
       
       ## Armut ist grausam für eine Stadt, aber Reichtum auch
       
       Wie viele Städte, die in ihrer postindustriellen Phase aufgeblüht sind,
       wurde auch San Francisco im Lauf der letzten fünfundzwanzig Jahre ein
       teures Pflaster. Trotzdem leben hier immer noch viele Schriftsteller,
       politische Aktivisten, Umweltschützer oder einfach gesellschaftliche
       Außenseiter. Aber insgesamt sind Leute, die nicht 60 Stunden pro Woche für
       eine Firma arbeiten wollen, selten geworden. Denn Boomstädte vertreiben
       auch und gerade diejenigen, die für ein eher bescheidenes Einkommen
       wichtige Dienste leisten, zum Beispiel Lehrer, Feuerwehrleute,
       Automechaniker und Schreiner; aber auch Leute, die Zeit für soziales
       Engagement haben. Ich frage mich immer, wie eigentlich Verkäuferinnen oder
       die berühmten Tellerwäscher mit ihrem Geld auskommen. Und wie weit ihre
       Wohnungen wohl von ihrem innerstädtischen Arbeitsplatz entfernt sein mögen.
       
       Letzten Sommer war ich bei einer Hausbesichtigung. In der Anzeige hatte es
       keinerlei Hinweis darauf gegeben, dass das Haus bewohnt war. Es war ein
       schönes altes Haus, in dem die Besitztümer der Familie sich wie Sedimente
       abgesetzt hatten: ein Schlagzeug, Bibeln, verblasste Porträtfotos, Möbel
       mit der Patina vieler Jahre, Küchengegenstände, Kinderspielzeug. Es war
       eine Ausstellung all dessen, was verloren gehen würde. Der Makler stand an
       der Haustür und versicherte den Interessenten, sie bräuchten keine
       Räumungsklage anzustrengen, sie müssten nur die Miete so erhöhen, dass die
       Bewohner sie nicht mehr würden zahlen können. Die ihr ein Haus braucht,
       kommt und zerstört die Häuser der Armen.
       
       In den ärmeren Vororten gehen, wie überall in den USA seit der
       Immobilienkrise 2008, die Zwangsvollstreckungen und Notverkäufe bei
       überschuldeten Eigenheimen unvermindert weiter, obwohl in vielen Fällen der
       erzielte Preis niedriger ist als die Hypothek, die auf dem Haus lastet.
       Dagegen kämpft das nachbarschaftliche Aktionsbündnis Occupy Bernal Heights
       mit Demonstrationen vor Banken und Protestkundgebungen vor Häusern.
       
       Armut ist grausam und zerstörerisch. Doch Reichtum ist auch grausam und
       zerstörerisch. Die Vereinigten Staaten sind wie ein Schwarz-Weiß-Mosaik,
       zusammengesetzt aus Unterdruckregionen, wo es viel Zeit und Raum, aber
       wenig Geld gibt, und den Boomtowns mit Unmengen Geld und einem wahnwitzigen
       Tempo, wo der Wohnraum extrem knapp ist. In keiner von beiden Situationen
       ist das Leben besonders angenehm.
       
       Der Hightech-Boom von San Francisco wird gern mit dem kalifornischen
       Goldrausch des 19. Jahrhunderts verglichen, von dem wir meist nur die
       niedlichen Bilder bärtiger Männer mit Spitzhacken im Kopf haben, die in
       ihren karierten Flanellhemden so ähnlich aussehen wie manche Szeneschwule
       der 1970er Jahre. Als im Frühjahr 1848 hier das erste Gold entdeckt worden
       war, gaben Angestellte ihre Jobs auf und Seeleute ließen ihre Schiffe im
       Stich. Die winzige Hafenstadt Yerba Buena, wie San Francisco damals hieß,
       war binnen kurzem verödet. An der Hauptader wurden manche reich; viele
       bezahlten das Abenteuer mit ihrem Leben, als Opfer von Epidemien,
       schlechter Ernährung, des harten Lebens und der Gewalt. Einige verloren ihr
       ganzes Geld wieder und schleppten sich zurück in die Vereinigten Staaten,
       wie die von Siedlern bewohnte Osthälfte des Landes damals genannt wurde,
       als der amerikanische Westen noch weitgehend den Indianern gehörte.
       
       Das neue Eldorado war ein Außenposten, die Neuankömmlinge landeten hier
       meist mit dem Schiff. Genauso profitabel wie das Goldschürfen – und viel
       ungefährlicher – war es, die Goldgräber mit Lebensmitteln zu versorgen und
       ihnen Gelegenheiten zu geben, ihr Geld auszugeben. Die großen Vermögen
       wurden von Ladenbesitzern gemacht, solchen wie Levi Strauss, der Anfang der
       1850er Jahre als Hausierer mit Kleidung und Kurzwaren in den
       Goldgräbersiedlungen begann, oder auch Leland Stanford, der zum
       Eisenbahnmagnaten aufstieg und 1891 die Stanford University gründete, aus
       der ein Jahrhundert später das Silicon Valley hervorgehen sollte. Die
       mexikanischen Bewohner Kaliforniens, die vor dem Goldrausch riesige Ranchs
       besessen und ein gutes Leben geführt hatten, wurden weitgehend enteignet.
       Noch härter traf es die indigenen Kalifornier: Sie wurden massakriert oder
       vertrieben. Von ihnen blieb nur etwa ein Fünftel übrig, und die
       Überlebenden mussten mit ansehen, wie die Goldminen ihr Land zerstörten.
       
       Der Goldrausch bescherte San Francisco, wo zunächst vor allem zugewanderte
       junge Männer lebten, ein rasantes Wachstum. 1850 lebten in ganz Kalifornien
       120 000 Menschen, 110 000 von ihnen Männer. 1852 machten die Frauen ein
       Zehntel der Bevölkerung aus, 1870 etwas mehr als ein Viertel. In dieser
       Zeit blühte die Prostitution: von den eleganten Kurtisanen, die im
       politischen und kulturellen Leben der Stadt eine einflussreiche Rolle
       spielten, bis zu den minderjährigen chinesischen Sexsklavinnen, die in
       „Krippen“ gehalten wurden. So nannte man die vergitterten Kabinen, in denen
       sie „arbeiten“ mussten, bis sie zu Tode geschunden waren.[7]
       
       Der Boom trieb die Preise in fantastische Höhen: Ein Ei kostete in San
       Francisco 1848 einen Dollar. 1863 brach sogar ein „Eierkrieg“ um die
       Farallones Islands aus. Um diese 50 Kilometer vor der Küste im Pazifik
       liegenden Klippen stritten sich zwei Firmen, die es auf die Eier der dort
       nistenden Seevögel abgesehen hatten, weil die in Ermangelung von
       Hühnereiern sehr wertvoll waren.
       
       ## Ein Ei für einen Dollar, Stiefel für einhundert
       
       Ein Paar feste Stiefel kostete hundert Dollar, und die innerstädtischen
       Grundstücke waren so teuer, dass die Leute unter Wasser liegende Flächen in
       der Bucht kauften und durch Aufschüttung zu Baugelände machten. Auch die
       Löhne lagen sehr hoch, jedenfalls bis 1869. In diesem Jahr wurde die
       Central-Pacific-Eisenbahn fertig, die eine direkte Schienenverbindung
       zwischen der San Francisco Bay Area und dem Osten der USA herstellte.
       Danach strömten mehr und mehr arme Einwanderer von der Ostküste in die Bay
       Area, wo sie den arbeitslos gewordenen Eisenbahnarbeitern Konkurrenz
       machten.
       
       Die Boomtown war auch ein Eldorado des Dienstleistungsgewerbes. In den
       berühmten „Annals of San Francisco“[8]heißt es über das Jahr 1849: „Damals
       hatte man in San Francisco keine eigene Wohnung, und die Zeit war zu
       kostbar, als dass irgendjemand sein Essen selbst zubereitet hätte. Folglich
       aß die übergroße Mehrheit der Menschen in einem der zahllosen Restaurants,
       in Hotels oder Pensionen, die vielen sowohl Unterkunft als auch
       Verköstigung boten. Oft waren es freilich elende Schuppen, wo das Essen
       schlecht, der Service noch schlechter war, außerdem waren sie dreckig,
       unbequem und teuer. Die vereinzelten besseren Unterkünfte, die es gab,
       verlangten natürlich noch höhere Preise.“
       
       In Boomtowns, damals wie heute, schwappt viel Geld hin und her, und doch
       prägt nicht Überfluss, sondern Mangel den Alltag. Auch die Arbeitskräfte in
       der heutigen Schiefergasförderung in Wyoming, North Dakota und in der
       kanadischen Provinz Alberta sind Neuankömmlinge. Sie haben lange
       Arbeitsschichten, bekommen hohe Löhne, treiben die Mieten in die Höhe,
       verdrängen Alteingesessene, essen außer Haus, trinken viel – und wenn sie
       suchtkrank werden oder Schlägereien anzetteln und ins Krankenhaus müssen,
       belasten sie die kommunalen Dienste.
       
       In Wyoming beispielsweise gibt es etliche junge Männer, die bei einem
       Fracking-Unternehmen angeheuert haben und so viel Geld verdienen wie noch
       nie in ihrem Leben. Sie kaufen sich gute Wohnwagen und teure Zugfahrzeuge,
       sie gönnen sich extravagante Vergnügen, alles auf Kredit. Und dann werden
       sie aus irgendeinem Grund arbeitsunfähig, und ihr Leben fällt auseinander.
       In North Dakota hat das Fracking viele Böden verseucht und Farmer in den
       Ruin getrieben. Hier mussten die indigenen Amerikaner den Trailer-Park, in
       dem sie jahrzehntelang gelebt hatten, räumen und Platz für besser zahlende
       Arbeiter mit nagelneuen Wohnwagen machen. Wie ein Virus zerstört die
       Fracking-Industrie die von ihr befallene Landschaft, um anschließend
       weiterzuziehen. Im Westen der USA trifft man überall auf Geisterstädte, wo
       das lokale Gewerbe dahinsiecht. Umgeben sind sie von einer
       Geisterlandschaft mit Hügeln aus geschredderter Erde und Tümpeln voller
       giftiger Rückstände.
       
       In gewisser Hinsicht ist Silicon Valley ganz anders: Es bietet saubere,
       ruhige Arbeitsplätze, die in der einen oder anderen Form sogar bleiben
       werden. Aber auch der IT-Boom ist eben nur ein weiterer Boom für die San
       Francisco Bay Area: Die Arbeitskräfte kommen und gehen, die Mieten und
       Immobilienpreise steigen ins Unermessliche, Alteinwohner müssen weichen,
       stellenweise wird die gewachsene Stadtlandschaft ausradiert.
       
       Mir kommt das alles wie eine moderne Variante des amerikanischen
       Pioniergeists vor, mit den sattsam bekannten Verhaltensweisen und der
       entsprechenden Einstellung: Bindungslose Menschen ziehen irgendwo hin, tun
       Dinge, ohne sich groß um die Auswirkungen zu kümmern, gehen ziemlich
       leichtsinnig mit Geld um und setzen ebenso leichtsinnig ihr Leben aufs
       Spiel.
       
       So gesehen passt der Google-Bus vielleicht zu dem einen Gesicht des
       janusköpfigen Kapitalismus: Er bringt Leute zur Arbeit, die zu wertvoll
       sind, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder im eigenen Auto zu fahren.
       Diese wertvollen Menschen bewegen sich im selben Raum, in dem Obdachlose
       vagabundieren, denen weder eine Privatsphäre noch ein Minimum an Komfort
       und Sicherheit zugestanden werden. Gleich neben der Haltestelle des
       Google-Busses an der Cesar Chavez Street stehen auch Migranten aus
       Lateinamerika, die darauf warten, von einem Bauunternehmer für einen Tag
       angeheuert – oder von der Polizei festgenommen und abgeschoben zu werden.
       
       14 Jun 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rebecca Solnit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA