# taz.de -- Alles von Samsung
> Koreas mächtiger Schattenstaat von Martine Bulard
Er ist nicht zu übersehen, nicht einmal in diesem Wald skurriler
Glaspaläste. Der Samsung-Turm steht im Herzen von Gangnam, einem der
schillerndsten Stadtviertel Seouls. Der Rapper Psy hat das Viertel, in dem
teure Autos und hippe junge Leute die Szene dominieren, mit seinem
Videoclip „Gangnam Style“ weltweit bekannt gemacht.
Hier präsentiert Samsung Electronics auf drei Etagen seine spektakulärsten
Erfindungen: riesige Bildschirme, auf denen der Betrachter sich als Golf-
oder Baseballspieler betätigen kann; 3-D-Bildschirme; Kühlschränke mit
durchsichtigen Wänden und einem Computer, der Rezepte liefern kann, die auf
den Kühlschrankinhalt abgestimmt sind; Spiegel mit Sensoren, die Herzschlag
und Körpertemperatur messen. Und natürlich ist an prominenter Stelle das
jüngste Juwel des Konzerns platziert: das Smartphone Galaxy S4, das Anfang
Juni weltweit eingeführt wurde.
Dies ist die glitzernde Seite des Konzerns. In den Showrooms drängen sich
an einem Nachmittag im Mai vorwiegend junge Leute; die Universität von
Seoul liegt direkt um die Ecke. Sie wandern von einer Präsentation zur
nächsten, staunen über die tollen Neuheiten, probieren, diskutieren. Und
für alle, die wir ansprechen, wäre ein Arbeitsplatz bei Samsung „ein
Traum“.
Das bekommen wir immer wieder zu hören. Zusammen mit dem Hinweis, dass
Samsung den US-Giganten Apple und den japanischen Koloss Sony überholt hat.
Oder dass Samsung „der Riese des 21. Jahrhunderts mit den
fortschrittlichsten Technologien“ ist, jedenfalls nach Meinung eines jungen
Ingenieurs vom Innovationstempel Samsung Design, der mit ironischem
Unterton auf den höchsten Wolkenkratzer der Welt in Dubai und das
Atomkraftwerk in Abu Dhabi verweist. Bei beiden Großbauprojekten war
Samsung federführend – nachdem der koreanische Konzern die französischen
Anbieter ausgestochen hatte. Samsung, immer wieder Samsung.
Der Konzern streckt seine Tentakeln nach allen Richtungen aus: Er baut
Werften und Atomkraftwerke, investiert in die Schwerindustrie und den
Wohnungsbau, in Freizeitparks und Rüstungsunternehmen, in die IT-Branche
und den Großhandel. Und selbst in die Bäckerei an der Ecke, in
Versicherungen und Forschungsinstitute nicht zu vergessen. Samsung ist ein
Mischkonzern mit Zügen eines Familienunternehmens: eine weltweit
einzigartige Konzernstruktur, „Jaebeol“ genannt.[1]
Was das für die Menschen heißt, erfahren wir von Park Je Song, der als
Forscher im Korean Labor Institute (KLI) arbeitet: „Als Südkoreaner kommst
du in einer Klinik zur Welt, die einem Jaebeol gehört, gehst in eine
Schule, die einem Jaebeol gehört, und bekommst dein Gehalt von einem
Jaebeol, denn so gut wie alle kleinen und mittleren Unternehmen hängen von
einem dieser Großkonzerne ab. Du lebst in einer Wohnung, die einem Jaebeol
gehört, hast eine Kreditkarte von einem Jaebeol, und auch um deine
Freizeitgestaltung kümmert sich ein Jaebeol.“ Er hätte noch hinzufügen
können: „Und selbst wenn du in ein politisches Amt gewählt wirst, verdankst
du das einem Jaebeol.“ Der Krakenkonzern finanziert alle Parteien, von
rechts bis links.
In Südkorea gibt es etwa 30 Jaebeols. Zu den bekanntesten gehören Hyundai,
Lucky Goldstar (LG) und die Sunkyung Group (SK). Jeder befindet sich im
Besitz einer einflussreichen Familiendynastie. Der mächtigste von allen ist
Samsung. Die Familiengeschichte des Unternehmens ist eine Dauerserie von
Sensationsprozessen, Bruderkämpfen, Korruptionsfällen und abartiger
Verschwendung. Verglichen damit ist „Dallas“ eine Seifenoper für Teenager.
Auch betreibt der Konzern eine intensive Imagepflege: Das Marketingbudget
für 2012 belief sich auf 9 Milliarden Euro.[2]
In der Geschichte von Samsung spiegelt sich der Aufstieg der Republik Korea
von einem Entwicklungsland, das noch in den 1960er Jahren hinter dem
bereits industrialisierten Nordkorea zurücklag, zu einer der 15 größten
Wirtschaftsmächte der Welt. Der Samsung-Gründer Lee Byung Chull
(1910–1987), betrieb ursprünglich ein Lebensmittelgeschäft, auf dessen
Ladenschild drei Sterne prangten – samsung auf Koreanisch. Die
Firmenlegende preist seinen kommerziellen Instinkt, der ihn auf Weiße Ware
(Waschmaschinen, Kühlschränke) und später auf Elektronik setzen ließ. Damit
setzte er sich in Korea und auf den westlichen Märkten durch – und wurde
reich. Sein Vermögen vererbte er an seine vier Kinder, die nur eine
geringfügige Erbschaftssteuer zahlten. Zu seinem Nachfolger bestimmte er
einen seiner Söhne.
Unter diesem Kun Hee entwickelte sich der Konzern weiter zum weltweit
führenden Halbleiterproduzenten (Lieferant von Apple), zum Marktführer bei
Smartphones, Flachbildschirmen und Fernsehapparaten und zu einem der
größten Maschinenbauer und Chemieproduzenten. Auf der Rangliste der
Weltkonzerne steht Samsung heute auf Platz 20, sein Umsatz entspricht einem
Fünftel des koreanischen BIPs.[3]Lee Kun Hees Privatvermögen beträgt laut
Forbes-Liste 13 Milliarden Dollar, damit ist er der reichste Mensch
Südkoreas und die Nummer 69 weltweit.
Was die Samsung-Legende ausblendet, ist das historische Detail, dass Lee
Byung Chull seine Geschäfte 1938 mit der Hilfe der japanischen Besatzer
begonnen hat. Kein Thema ist auch, dass der Konzern vom koreanischen
Diktator Park Chung Hee[4]massiv unterstützt wurde, durch Überlassung von
Grundstücken, durch Subventionen und Kredite, durch Steuervorteile und eine
Abschottung des Binnenmarkts. Samsung ist ein Produkt der Diktaturzeit, was
dem Konzern immer noch deutlich anzumerken ist.
Der jetzige Konzernchef ist 71 Jahre alt und „herrscht mit absoluter Macht
über den Kurs des Unternehmens und über die Mitarbeiter“, sagt Park Je
Song. Und das, obwohl er nicht einmal 3 Prozent des Firmenkapitals besitzt.
Kun Hees Worte sind Befehle, die von allen strikt befolgt werden. 1995
verkündete er seinen Mitarbeitern, ohne Angst vor dem Vorwurf des Sexismus:
„Ihr müsst euch von allem trennen, außer von euren Frauen.“ Von heute auf
morgen ließ er Produktpaletten, Fertigungsmethoden und Managementstrukturen
komplett ummodeln. Diese Bereitschaft, „auf den Markt zu reagieren“,
brachte Samsung große Gewinne und ihm selbst großen Ruhm ein.
Als Kun Hee 1997 feststellen musste, dass seine Mobiltelefone von
miserabler Qualität waren, organisierte er eine gigantische
Telefonverbrennung. Vor den Augen der fassungslosen Arbeiter gingen 150 000
Geräte in Flammen auf. Die Bilder wurden in alle Fabrikhallen des Konzerns
übertragen. Die Botschaft lautete: Pfusch ist nicht mehr wert als ein
Haufen Asche. Der Grundsatz „null Fehler“ wurde zum Dogma erhoben, für
dessen Einhaltung waren die Arbeiter verantwortlich.
Kim Yong Cheol ist ein renommierter Anwalt, der in der „Zentralgruppe für
Reformen“ (Reformation Headquarter Group) arbeitet. Das Allerheiligste des
Konzerns wird auch Generalsekretariat genannt. Wie Kim erzählt, riskiert es
kein Angestellter, während der bis zu sechs Stunden dauernden Besprechungen
mit dem obersten Chef auch nur ein Glas Wasser zu trinken. Auf die Toilette
zu gehen ist nämlich nicht gestattet. Keiner spricht ohne Lees Erlaubnis,
keine käme auf den Gedanken, den leisesten Zweifel zu äußern. „Es ist wie
bei einem Diktator. Er befiehlt, die anderen führen aus.“
Auch die Zulieferer müssen sich bedingungslos fügen. So schildert es ein
Kenner der koreanischen Verhältnisse, der Chef eines französischen
Unternehmens im Bereich städtische Luxusbehausungen ist, jedoch anonym
bleiben möchte: „Um hier zu arbeiten, muss man erwählt werden. Es gibt
keine Ausschreibungen. Alles beruht auf Vertrauen. Wenn Sie auserkoren
werden, müssen Sie dem Konzern vollkommen ergeben sein, aufs Wort
gehorchen. Aber man hat dafür den Vorteil, dass man seine Innovationen
vorantreiben kann, allerdings stets unter der Oberaufsicht von Samsung.“
Mit einem anderen Jaebeol zusammenzuarbeiten oder einen Auftrag abzulehnen,
ist undenkbar. „Es sind feudale Verhältnisse“, gibt der französische
Unternehmer zu. Weniger renommierte Zulieferer müssen hinnehmen, dass sie
plötzlich nur noch die Hälfte verdienen oder über Nacht von der Liste der
Zulieferer gestrichen werden.
Der Anwalt Yong Cheol hat das System Samsung von innen kennengelernt. Und
er ist auf Genauigkeit bedacht. Sieben Jahre und einen Monat stellte er
seine Fähigkeiten in den Dienst des großen Mannes und seiner mehr oder
weniger legalen Geschäftspraktiken: doppelte Buchführung, schwarze Kassen
für die Bestechung von Journalisten und Abgeordneten, Geheimkonten für die
Finanzierung privater Hobbys, etwa der von Lees Gattin, die zeitgenössische
Kunst liebt. „Ich bin geblieben, bis ich herausfand, dass man auf meinen
Namen ein Konto mit einem Guthaben von zig Millionen Won eröffnet
hatte.“[5]
Yong Cheol hat 2005 gekündigt. Zwei Jahre später wurde eine
Untersuchungskommission eingesetzt. Lee Kun Hee bekam wegen
Steuerhinterziehung und Untreue eine Gefängnisstrafe von drei Jahren mit
Bewährung – um sogleich vom damaligen Präsidenten Lee Myung Bak begnadigt
zu werden. Der hatte einmal eine Tochterfirma von Hyundai geleitet. Die
derzeitige Präsidentin und Tochter des ehemaligen Diktators Chung Hee, Park
Geun Hye, lud Lee im Mai 2013 sogar ein, sie auf ihrer USA-Reise zu
begleiten.
Kim Yong Cheol war über das milde Urteil gegen den Boss aller Bosse derart
empört, dass er 2010 sein Buch „Samsung denken“ publizierte.[6]Darin
schildert er minutiös die illegalen Praktiken des Clans und die Korruption
bis in die Spitze des Staates. Doch keine der drei großen Zeitungen Koreas
(Chosun, Joongang und Donga) war bereit, eine Werbebeilage für das Buch zu
akzeptieren. Und natürlich erschien in keiner eine Rezension. Alle sind
durch Werbeeinnahmen oder Familienbeziehungen mit Samsung verbunden,
gelegentlich muss auch ein Geldkuvert für Journalisten nachhelfen. Nur die
Zeitung Hankyoreh durchbrach das Schweigen, allerdings muss sie seither
ohne Werbeanzeigen von Samsung auskommen.
Doch das Buch würde über die sozialen Netzwerke bekannt, bis heute sind 200
000 Exemplare verkauft. Das bedeutete für den Anwalt zwar einen schönen
Verkaufserfolg, verschaffte ihm aber keinen Job. Er musste in seine
Heimatstadt Gwangju zurückehren. In dieser Hochburg der Demokraten fand Kim
Yong Cheol, der sich selbst als Konservativen bezeichnet, eine neue
Arbeitsstelle. Im Rückblick bedauert er nur eines: „Es hat keine
öffentliche Debatte stattgefunden. Samsung hat mein Buch als ‚reine
Fiktion‘ bezeichnet.“ Und alles ging weiter wie gehabt.
Ähnliche Erfahrungen hat der Filmemacher Im Sang Soo gemacht. Er drehte
2012 den Spielfilm „Der Geschmack des Geldes“ und verlegte sich damit von
vornherein auf die Ebene der Fiktion. In dem Film wird das Gebaren der
Jaebeols meisterhaft geschildert: die Korruption, die Arroganz, die
Missachtung der Beschäftigten, die Familienfehden, im Extremfall sogar
Mord.
## Was in Nordkorea die Kims, sind in Südkorea die Lees
Bei einem Gespräch in den Räumen der koreanischen Ausgabe von Le Monde
diplomatique erklärt Im Sang Soo: „Die Jaebeols machen aus den Menschen
Sklaven. Ich musste ihre Mechanismen entlarven.“[7]Dennoch war der Film
kein großer Erfolg an den Kinokassen. Die Medien schwiegen ihn tot, die
großen Kinos wollten ihn nicht zeigen. Für den Regisseur war die größte
Enttäuschung, „dass der Film die Linke nicht interessiert hat, denn sie
wagt nicht, diese Festung anzugreifen.“ Für Im Sang Soo gibt es auf der
koreanischen Halbinsel zwei einflussreiche Dynastien: „In Nordkorea die
Kims und in Südkorea die Lees.“
Angesichts des Schicksals von Roh Hoe Chan scheint diese Aussage nicht
übertrieben. Der Abgeordnete der Neuen Progressiven Partei verlor bei den
Wahlen im Februar 2013 sein Parlamentsmandat, weil er eine Liste mit
Personen veröffentlicht hatte, die von Samsung bestochen worden waren.
Es handelte sich nicht um irgendeine Liste, sondern um eine Liste des
Geheimdienstes. Der hatte, aus welchen Gründen auch immer, Gespräche
zwischen dem Konzernchef und dem Chef der Zeitung Joongang abgehört. Darin
war viel von Geld die Rede, das zum Beispiel an den stellvertretenden
Justizminister geflossen war, aber auch an ein, zwei Staatsanwälte, an
mehrere Journalisten und an Kandidaten für die Parlamentswahlen.
Als die Sache durchsickerte, forderte Roh Hoe Chan zunächst einen
parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Der kam tatsächlich zustande, tat
aber alles, um den Skandal zu vertuschen. Nur der stellvertretende
Justizminister musste zurücktreten. Geschützt durch seine Immunität als
Abgeordneter, machte Roh Hoe Chan daraufhin die Liste bei einer
Pressekonferenz publik und stellte sie auf seine Webseite. Über die Folgen
seines Handelns machte er sich keine Illusionen. Der oberste Gerichtshof
entschied, dass die Immunität Grenzen habe – und im Internet nicht gelte.
Roh Hoe Chan hält das für eine Farce: „Mich hat man verurteilt, aber gegen
die Staatsanwälte ist man nicht vorgegangen. Dazu muss man wissen, dass der
Sohn des Staatsanwalts, der die Untersuchung leitet, bei Samsung angestellt
ist. Der oberste Gerichtshof wollte ein Exempel statuieren. Es ist
unglaublich, wie viele ‚Freunde‘ anriefen, um mich davon abzubringen,
meinen Kampf weiterzuführen.“ Der unbeugsame Abgeordnete warf das Handtuch.
Auch die Gewerkschaften haben erfahren, was Knebelung bedeutet. Ein
Konzernsprecher, Cho Kevin, bestreitet allerdings jede Form von Repression.
Da ein Termin mit einem Samsung-Vertreter schwerer zu bekommen ist als mit
einem Minister oder einem Abgeordneten, kommt seine Auskunft per E-Mail:
„In vielen Einzelbetrieben gibt es Gewerkschaften; der Konzern respektiert
das Arbeitsrecht und die ethischen Normen.“ Es stimmt, dass
Betriebsgewerkschaften existieren, nicht vertreten ist jedoch der
Koreanische Gewerkschaftsdachverband (Korean Confederation of Trade Union,
KCTU), dessen Vorläuferorganisation in den 1980er Jahren eine entscheidende
Rolle bei der Beendigung der Militärdiktatur spielte.
Wie Professor Cho Dho Moon, Soziologe an der Katholischen Universität von
Korea, dokumentiert hat, arbeitet die Konzernführung mit allen Methoden,
unter anderem mit Verschleppungen, Drohungen und Erpressung.[8]Bis 2011 war
im ganzen Konzern nur eine einzige Gewerkschaft zugelassen.
Wer eine neue Gewerkschaft gründen wollte, musste den Antrag bei einer
staatlichen Behörde stellen. Und die informierte dann sofort die Chefetage
von Samsung, die den Antragsteller einige Tage aus dem Verkehr zog. In
dieser Zeit installierte Samsung dann in dem betreffenden Betrieb eine
firmeneigene Gewerkschaft.
Seit Januar 2011 ist der gewerkschaftliche Pluralismus zwar anerkannt, aber
der Dachverband KCTU gilt nach wie als Feind des Konzerns.
Unsere Gesprächspartner sind sechs Männer mittleren Alters. Alle arbeiten
bei Samsung, in der Nähe von Ulsan südöstlich von Seoul. Unser Treffpunkt
ist ein traditionelles koreanisches Gasthaus, das inmitten eines Parks an
einem See liegt. Der Ort ist viel reizvoller als die Umgebung der Fabriken,
in denen sie Akkus für Mobiltelefone, LCD-Bildschirme und Solarmodule
herstellen. Aber vor allem ist er sicherer. „Es ist gefährlich, mit einer
Journalistin zu sprechen, noch dazu mit einer ausländischen“, sagen die
Gewerkschafter. Als Angehörige des KCTU leben sie halb im Untergrund.
Alle sechs sind als „MJ“ eingestuft, für moon jae, was „Problem“ bedeutet.
Einer von ihnen erklärt: „In jedem Unternehmensbereich gibt es Personen,
die den Auftrag haben, MJs aufzuspüren, unter Druck zu setzen, sie zu
kaufen und zu verhindern, dass andere ‚angesteckt‘ werden.“ Ein anderer
Kollege ergänzt: „Wenn jemand zufällig einmal abends mit einem MJ ein Bier
trinkt, wird er sofort einbestellt und ausgefragt, was er gehört und gesagt
hat. Mit einem MJ sollte man nicht einmal in der Kantine am selben Tisch
sitzen.“
## Privatleben der Arbeiterinnen ist nicht gern gesehen
Und ständig haben sie mit Sanktionen zu rechnen: Nur einer der
Gewerkschafter hat seinen Arbeitsplatz am Fließband behalten. Einer wurde
in ein Büro versetzt, wo er ganz allein die wohltätigen Aktivitäten des
Unternehmens organisiert. Ein anderer wurde einem streng überwachten
Versorgungsbetrieb zugewiesen. Die Frage nach der Tätigkeit des Vierten
löst großes Gelächter aus: „Nichts, ich mache buchstäblich nichts. Vorher
war ich Arbeiter; jetzt sitze ich allein in einem Büro und habe nichts zu
tun.“
Der Mann lacht, aber er hat sich in psychiatrische Behandlung begeben. Als
der fünfte Kollege der Gewerkschaft beitrat, wollte ihn die
Unternehmensleitung für mehrere Monate zu einer „obligatorischen
Fortbildung“ nach Malaysia schicken. Er hat sich geweigert und wartet jetzt
ab, was mit ihm geschieht. Der Sechste in der Runde wurde vor vier Jahren
entlassen. Wiedereinstellung ausgeschlossen.
Solche „Problemfälle“ gibt es auch in Suwon bei Seoul, wo eine der
bekanntesten Samsung-Fabriken steht. Hier treffen wir Cho Jang Hee, der
zusammen mit drei Kollegen die Frechheit besaß, eine Gewerkschaft unter dem
Dach des KCTU zu gründen.
Alle Anläufe vor ihnen waren gescheitert. Manche der angesprochenen
Kollegen wurden plötzlich befördert oder bekamen Geld für die Ausbildung
ihrer Kinder angeboten. Andere wurden unter Druck gesetzt und knickten ein,
berichtet Cho Jang Hee: „Von einem Tag auf den andere wagen die Kollegen
nicht mehr, einen anzusehen oder ein Wort zu wechseln. Es gab sogar
‚Fortbildungslektionen‘, in denen die Vorgesetzten uns erklärten, wir seien
Ganoven, die das Unternehmen gefährden.“ Cho Jang Hee und seine Kollegen
wurden rund um die Uhr überwacht und auf Schritt und Tritt gefilmt. Ihre
Telefone wurden abgehört, ihre Angehörigen bedroht. Aber sie ließen sich
nicht einschüchtern.
Ihre Möglichkeiten sind jedoch eng begrenzt: Die Gewerkschaft hat 11
„öffentliche“ und 68 heimliche Mitglieder, in einem Betrieb mit 10 000
Beschäftigten. Deshalb sind sie noch weit davon entfernt, in die
paritätischen Ausschüsse hineingewählt zu werden, die der Konzern
eingerichtet hat, um den Gewerkschaften den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Diese Ausschüsse bestehen zur Hälfte aus Vertretern der Unternehmensführung
und zur anderen Hälfte aus Repräsentanten der Belegschaft, die allerdings
„von oben“ für diese Aufgabe empfohlen wurden.
Immerhin ist der Verband KCTU damit erstmals legal bei Samsung vertreten,
wenn auch nicht respektiert. Doch die Gründer zahlten dafür einen hohen
Preis: Cho Jong Hee wurde entlassen; seine beiden Kollegen wurden für drei
Monate beurlaubt und anschließend an verschiedene Orte versetzt.
In Ulsan wie in Suwon räumen die Gewerkschafter ein, für die
Vollzeitbeschäftigten seien „die Gehälter in Ordnung“. Aber die
Zeitarbeiter bekommen 40 bis 60 Prozent weniger, obwohl sie teilweise die
gleiche Arbeit leisten. Zudem beziehen sie keine Bonuszahlungen. Und wenn
die Aufträge zurückgehen, landen sie auf der Straße.[9]
Die direkt bei Samsung oder bei Subunternehmen beschäftigten Zeitarbeiter
werden auf 40 bis 50 Prozent der Belegschaft geschätzt (offizielle Zahlen
gibt es nicht). Mitarbeiter über 50 Jahre, auch in leitenden Positionen,
werden massiv zur Kündigung gedrängt, denn sie kosten zu viel. Aber für
alle gilt, dass die Arbeitsbedingungen schwierig, die Arbeitszeiten
übermäßig lang und die Belastungen hoch sind.
Auch die Zahl der Arbeitsunfälle ist hoch. Im Januar 2013 starb ein
Zeitarbeiter, nachdem in der Fabrik Hwasung in der Nähe von Suwon
Fluorwasserstoffsäure entwichen war. Solche Risiken sind beim Anblick des
Betriebs nicht zu ahnen. Das kunstvolle Ensemble aus großen, strahlend
weißen Würfeln, eleganten Glaskonstruktionen und gepflegten Rasenflächen
erinnert an den Campus einer Universität. Lee Kun Hee hat seine „digital
city“, die sich über die drei Kommunen Hwasung, Giheung und Onyang
erstreckt, aufs Genaueste geplant. Am Rand des Geländes liegen Wohnheime,
die für die weiblichen Arbeitskräfte sind größer, weil in der
Produktionsstätte für Halbleiter mehr „Operatorinnen“ gebraucht werden.
Etwas weiter entfernt liegt das Wohnheim der jungen Männer, die für
Instandhaltung und Versorgung zuständig sind.
Die jungen Leute kommen aus dem ganzen Land. Alljährlich gehen die Manager
von Samsung auf die Jagd. Sie besuchen die weiterführenden Schulen in der
Provinz, um sich neue Kandidaten anzusehen. Die Lehrer haben bereits eine
Vorauswahl getroffen, aber stets gibt es mehr Interessenten als Plätze.
Samsung genießt einen guten Ruf, und die Gehälter sind relativ hoch.
Umgerechnet 2 000 Euro sind für Berufsanfänger ein Vermögen (das
Mindesteinkommen liegt in Korea bei 600 Euro). „Weil ich bei Samsung
arbeite“, erzählt uns eine Angestellte, „kann ich meine Eltern unterstützen
und für meine Hochzeit sparen.“
Doch in den weißen Produktionshallen lösen sich die Träume der jungen
Mädchen meist schnell in Luft auf. Von außen wirkt alles sauber und
aseptisch. Die „Operatorinnen“ sehen mit ihrer Arbeitskleidung, die den
Körper ganz verhüllt, wie Astronautinnen aus. Man könnte auch an eine
Hochsicherheitseinrichtung denken. Doch hinter dem futuristischen Ambiente
verbergen sich mittelalterliche Arbeitsbedingungen.
Die jungen Frauen arbeiten täglich mindestens zwölf Stunden, danach
verlangt das Management die Teilnahme an Wohltätigkeitsaktivitäten, um die
Solidarität zu festigen. Und bevor sie endlich ins Bett können, geht es
womöglich erneut zurück an den Arbeitsplatz. Und das sechs Tage
hintereinander. Am siebten Tag sind sie so müde, dass sie selten nach Hause
zu ihren Familien fahren.
„Wir stehen mit Samsung auf, essen mit Samsung, arbeiten bei Samsung,
unterhalten uns mit Samsung, schlafen bei Samsung“, beschreibt Kab Soo ihr
Leben, dem sie glücklich entronnen ist. Sie hat gespart und dann eine
andere, weniger harte Arbeit gefunden.
Natürlich haben die jungen Frauen das Recht, abends auszugehen. „Wir sind
hier nicht in China“, meint ein ehemaliger Manager des Konzerns etwas
pikiert auf meine Frage. Es werde allerdings nicht gern gesehen, räumt der
Mann ein. Und wenn eine Arbeiterin erst nach dem Zapfenstreich
(Mitternacht) heimkehrt, bekommt sie eine „rote Karte“, die so lange
bestehen bleibt, bis sie sich ausreichend an den betriebsinternen
Wohltätigkeitsaktivitäten beteiligt hat.
Die große Belastung sorgt ohnehin dafür, dass disziplinarische Verstöße nur
selten vorkommen. Und doch schaffen es die jungen Uniformträgerinnen immer
wieder, gegen die Degradierung zu Robotern aufzubegehren. Make-up ist
verboten, also kleben sie sich falsche Wimpern an. Die vorgeschriebene
Haube muss bis zu den Augen reichen, aber sie schaffen es, sie elegant zu
drapieren, erzählt Lee Kyung Hong. Der junge Dokumentarfilmer hat
Samsung-Mitarbeiterinnen drei Jahre lang mit der Kamera begleitet
hat.[10]Allerdings erst nach ihrem Ausscheiden, denn solange sie bei dem
Konzern beschäftigt sind, ist es ihnen strikt untersagt, über die
Arbeitsbedingungen zu sprechen.
„Man arbeitet immer in Angst“, erinnert sich Kab Soo an ihre Zeit in der
„digital city“. Angst, einen Fehler zu machen. Angst, es nicht zu schaffen.
Und Angst, krank zu werden. Die Halbleiterfabrik verbraucht große Mengen an
hochgefährlichen Chemikalien und arbeitet mit elektromagnetischen Feldern.
Die Arbeiterinnen müssen die Leiterplatten sehr schnell in mehrere Bäder
tauchen, dürfen keinen Fehler machen, alles ständig kontrollieren.
Auf dem Papier gibt es zwar Sicherheitsvorschriften. Aber in der Fabrik von
Hwasung ist zwischen Januar und Mai 2013 zweimal Fluorwasserstoffsäure
entwichen, und die Lüftungsanlagen sind nicht immer intakt. Und auch die
„Operatorinnen“ selbst schalten häufig die Sicherheitsventile ab, damit sie
ihre Arbeit beschleunigen und das vorgegebene Pensum erfüllen können.
Dieses Arbeitstempo halten die meisten nicht länger als vier bis fünf Jahre
durch. Anschließend suchen sie sich einen anderen Arbeitsplatz oder kehren
zu ihren Eltern zurück und heiraten.[11]Manche bezahlen auch mit dem Leben.
Die 22-jährige Hwang Yumi starb 2007, nachdem sie vier Jahre bei Samsung in
Giheung gearbeitet hatte. Ihr Vater Hwang Sang Gi erinnert sich an jede
Sekunde jener Monate, in denen der Krebs seine Tochter zerfressen hat.
Hwang Sang Gi ist zu einer Symbolfigur geworden. Er hat niemals aufgegeben,
obwohl er „nicht so gut reden kann wie die Bürokraten von Samsung“, wie er
selbst meint, und obwohl er mit Drohungen und Geld zum Schweigen gebracht
werden sollte. Er will, dass der Krebs seiner Tochter als Berufskrankheit
anerkannt wird. Und zwar nicht nur vom Staat, was bereits geschehen ist,
sondern auch von Samsung. Aber der Konzern bestreitet nach wie vor jeden
Zusammenhang zwischen dem Krebs und den Arbeitsbedingungen.
Hwang Yumis Vater kämpft auch für die Frauen, die bei Samsung noch sterben
werden. Die erste Unterstützung fand er vor Jahren bei der Anwältin Lee
Jong Ran. Sie ist noch heute empört, wenn sie über die Schäden spricht, die
diese gefährlichen Substanzen verursachen. „Die Hersteller behaupten, alles
sei harmlos, aber keiner sagt genau, was verwendet wird. Das sei
‚Produktionsgeheimnis‘. Ein tödliches Geheimnis.“
Die Anwältin hat zusammen mit dem Arzt Kong Jeong Ok und der Organisation
Sharps (Supporters for the Health and Rights of People in the Semiconductor
Industrie) seit März 2012 über 150 Patienten erfasst, die an Krankheiten
wie Leukämie, Brustkrebs und Multiple Sklerose leiden. 137 von ihnen haben
bei Samsung gearbeitet. Viele Spezialisten im Konzern kennen diese
Berufskrankheiten seit Langem. Aber erst als das tödliche Gas in Hwasung
freigesetzt wurde, nahe der Luxusresidenzen rund um Suwon, hat man in den
obereren Etagen begonnen, sich Gedanken zu machen und Vorsorgemaßnahmen
anzuordnen.
Nach der Untersuchung eines konkreten Falls, die sich über Monate hinzog,
wurde der Antrag einer Opferfamilie von der für die Entschädigung der Opfer
zuständigen Behörde abgelehnt. In der Gutachterkommission saß auch ein
Mediziner, der im Hauptberuf Krankenhausarzt ist – angestellt bei einer
Samsung-Klinik.[12]
12 Jul 2013
## AUTOREN
(DIR) Martine Bulard
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