# taz.de -- Alles von Samsung
       
       > Koreas mächtiger Schattenstaat von Martine Bulard
       
       Er ist nicht zu übersehen, nicht einmal in diesem Wald skurriler
       Glaspaläste. Der Samsung-Turm steht im Herzen von Gangnam, einem der
       schillerndsten Stadtviertel Seouls. Der Rapper Psy hat das Viertel, in dem
       teure Autos und hippe junge Leute die Szene dominieren, mit seinem
       Videoclip „Gangnam Style“ weltweit bekannt gemacht.
       
       Hier präsentiert Samsung Electronics auf drei Etagen seine spektakulärsten
       Erfindungen: riesige Bildschirme, auf denen der Betrachter sich als Golf-
       oder Baseballspieler betätigen kann; 3-D-Bildschirme; Kühlschränke mit
       durchsichtigen Wänden und einem Computer, der Rezepte liefern kann, die auf
       den Kühlschrankinhalt abgestimmt sind; Spiegel mit Sensoren, die Herzschlag
       und Körpertemperatur messen. Und natürlich ist an prominenter Stelle das
       jüngste Juwel des Konzerns platziert: das Smartphone Galaxy S4, das Anfang
       Juni weltweit eingeführt wurde.
       
       Dies ist die glitzernde Seite des Konzerns. In den Showrooms drängen sich
       an einem Nachmittag im Mai vorwiegend junge Leute; die Universität von
       Seoul liegt direkt um die Ecke. Sie wandern von einer Präsentation zur
       nächsten, staunen über die tollen Neuheiten, probieren, diskutieren. Und
       für alle, die wir ansprechen, wäre ein Arbeitsplatz bei Samsung „ein
       Traum“.
       
       Das bekommen wir immer wieder zu hören. Zusammen mit dem Hinweis, dass
       Samsung den US-Giganten Apple und den japanischen Koloss Sony überholt hat.
       Oder dass Samsung „der Riese des 21. Jahrhunderts mit den
       fortschrittlichsten Technologien“ ist, jedenfalls nach Meinung eines jungen
       Ingenieurs vom Innovationstempel Samsung Design, der mit ironischem
       Unterton auf den höchsten Wolkenkratzer der Welt in Dubai und das
       Atomkraftwerk in Abu Dhabi verweist. Bei beiden Großbauprojekten war
       Samsung federführend – nachdem der koreanische Konzern die französischen
       Anbieter ausgestochen hatte. Samsung, immer wieder Samsung.
       
       Der Konzern streckt seine Tentakeln nach allen Richtungen aus: Er baut
       Werften und Atomkraftwerke, investiert in die Schwerindustrie und den
       Wohnungsbau, in Freizeitparks und Rüstungsunternehmen, in die IT-Branche
       und den Großhandel. Und selbst in die Bäckerei an der Ecke, in
       Versicherungen und Forschungsinstitute nicht zu vergessen. Samsung ist ein
       Mischkonzern mit Zügen eines Familienunternehmens: eine weltweit
       einzigartige Konzernstruktur, „Jaebeol“ genannt.[1]
       
       Was das für die Menschen heißt, erfahren wir von Park Je Song, der als
       Forscher im Korean Labor Institute (KLI) arbeitet: „Als Südkoreaner kommst
       du in einer Klinik zur Welt, die einem Jaebeol gehört, gehst in eine
       Schule, die einem Jaebeol gehört, und bekommst dein Gehalt von einem
       Jaebeol, denn so gut wie alle kleinen und mittleren Unternehmen hängen von
       einem dieser Großkonzerne ab. Du lebst in einer Wohnung, die einem Jaebeol
       gehört, hast eine Kreditkarte von einem Jaebeol, und auch um deine
       Freizeitgestaltung kümmert sich ein Jaebeol.“ Er hätte noch hinzufügen
       können: „Und selbst wenn du in ein politisches Amt gewählt wirst, verdankst
       du das einem Jaebeol.“ Der Krakenkonzern finanziert alle Parteien, von
       rechts bis links.
       
       In Südkorea gibt es etwa 30 Jaebeols. Zu den bekanntesten gehören Hyundai,
       Lucky Goldstar (LG) und die Sunkyung Group (SK). Jeder befindet sich im
       Besitz einer einflussreichen Familiendynastie. Der mächtigste von allen ist
       Samsung. Die Familiengeschichte des Unternehmens ist eine Dauerserie von
       Sensationsprozessen, Bruderkämpfen, Korruptionsfällen und abartiger
       Verschwendung. Verglichen damit ist „Dallas“ eine Seifenoper für Teenager.
       Auch betreibt der Konzern eine intensive Imagepflege: Das Marketingbudget
       für 2012 belief sich auf 9 Milliarden Euro.[2]
       
       In der Geschichte von Samsung spiegelt sich der Aufstieg der Republik Korea
       von einem Entwicklungsland, das noch in den 1960er Jahren hinter dem
       bereits industrialisierten Nordkorea zurücklag, zu einer der 15 größten
       Wirtschaftsmächte der Welt. Der Samsung-Gründer Lee Byung Chull
       (1910–1987), betrieb ursprünglich ein Lebensmittelgeschäft, auf dessen
       Ladenschild drei Sterne prangten – samsung auf Koreanisch. Die
       Firmenlegende preist seinen kommerziellen Instinkt, der ihn auf Weiße Ware
       (Waschmaschinen, Kühlschränke) und später auf Elektronik setzen ließ. Damit
       setzte er sich in Korea und auf den westlichen Märkten durch – und wurde
       reich. Sein Vermögen vererbte er an seine vier Kinder, die nur eine
       geringfügige Erbschaftssteuer zahlten. Zu seinem Nachfolger bestimmte er
       einen seiner Söhne.
       
       Unter diesem Kun Hee entwickelte sich der Konzern weiter zum weltweit
       führenden Halbleiterproduzenten (Lieferant von Apple), zum Marktführer bei
       Smartphones, Flachbildschirmen und Fernsehapparaten und zu einem der
       größten Maschinenbauer und Chemieproduzenten. Auf der Rangliste der
       Weltkonzerne steht Samsung heute auf Platz 20, sein Umsatz entspricht einem
       Fünftel des koreanischen BIPs.[3]Lee Kun Hees Privatvermögen beträgt laut
       Forbes-Liste 13 Milliarden Dollar, damit ist er der reichste Mensch
       Südkoreas und die Nummer 69 weltweit.
       
       Was die Samsung-Legende ausblendet, ist das historische Detail, dass Lee
       Byung Chull seine Geschäfte 1938 mit der Hilfe der japanischen Besatzer
       begonnen hat. Kein Thema ist auch, dass der Konzern vom koreanischen
       Diktator Park Chung Hee[4]massiv unterstützt wurde, durch Überlassung von
       Grundstücken, durch Subventionen und Kredite, durch Steuervorteile und eine
       Abschottung des Binnenmarkts. Samsung ist ein Produkt der Diktaturzeit, was
       dem Konzern immer noch deutlich anzumerken ist.
       
       Der jetzige Konzernchef ist 71 Jahre alt und „herrscht mit absoluter Macht
       über den Kurs des Unternehmens und über die Mitarbeiter“, sagt Park Je
       Song. Und das, obwohl er nicht einmal 3 Prozent des Firmenkapitals besitzt.
       Kun Hees Worte sind Befehle, die von allen strikt befolgt werden. 1995
       verkündete er seinen Mitarbeitern, ohne Angst vor dem Vorwurf des Sexismus:
       „Ihr müsst euch von allem trennen, außer von euren Frauen.“ Von heute auf
       morgen ließ er Produktpaletten, Fertigungsmethoden und Managementstrukturen
       komplett ummodeln. Diese Bereitschaft, „auf den Markt zu reagieren“,
       brachte Samsung große Gewinne und ihm selbst großen Ruhm ein.
       
       Als Kun Hee 1997 feststellen musste, dass seine Mobiltelefone von
       miserabler Qualität waren, organisierte er eine gigantische
       Telefonverbrennung. Vor den Augen der fassungslosen Arbeiter gingen 150 000
       Geräte in Flammen auf. Die Bilder wurden in alle Fabrikhallen des Konzerns
       übertragen. Die Botschaft lautete: Pfusch ist nicht mehr wert als ein
       Haufen Asche. Der Grundsatz „null Fehler“ wurde zum Dogma erhoben, für
       dessen Einhaltung waren die Arbeiter verantwortlich.
       
       Kim Yong Cheol ist ein renommierter Anwalt, der in der „Zentralgruppe für
       Reformen“ (Reformation Headquarter Group) arbeitet. Das Allerheiligste des
       Konzerns wird auch Generalsekretariat genannt. Wie Kim erzählt, riskiert es
       kein Angestellter, während der bis zu sechs Stunden dauernden Besprechungen
       mit dem obersten Chef auch nur ein Glas Wasser zu trinken. Auf die Toilette
       zu gehen ist nämlich nicht gestattet. Keiner spricht ohne Lees Erlaubnis,
       keine käme auf den Gedanken, den leisesten Zweifel zu äußern. „Es ist wie
       bei einem Diktator. Er befiehlt, die anderen führen aus.“
       
       Auch die Zulieferer müssen sich bedingungslos fügen. So schildert es ein
       Kenner der koreanischen Verhältnisse, der Chef eines französischen
       Unternehmens im Bereich städtische Luxusbehausungen ist, jedoch anonym
       bleiben möchte: „Um hier zu arbeiten, muss man erwählt werden. Es gibt
       keine Ausschreibungen. Alles beruht auf Vertrauen. Wenn Sie auserkoren
       werden, müssen Sie dem Konzern vollkommen ergeben sein, aufs Wort
       gehorchen. Aber man hat dafür den Vorteil, dass man seine Innovationen
       vorantreiben kann, allerdings stets unter der Oberaufsicht von Samsung.“
       
       Mit einem anderen Jaebeol zusammenzuarbeiten oder einen Auftrag abzulehnen,
       ist undenkbar. „Es sind feudale Verhältnisse“, gibt der französische
       Unternehmer zu. Weniger renommierte Zulieferer müssen hinnehmen, dass sie
       plötzlich nur noch die Hälfte verdienen oder über Nacht von der Liste der
       Zulieferer gestrichen werden.
       
       Der Anwalt Yong Cheol hat das System Samsung von innen kennengelernt. Und
       er ist auf Genauigkeit bedacht. Sieben Jahre und einen Monat stellte er
       seine Fähigkeiten in den Dienst des großen Mannes und seiner mehr oder
       weniger legalen Geschäftspraktiken: doppelte Buchführung, schwarze Kassen
       für die Bestechung von Journalisten und Abgeordneten, Geheimkonten für die
       Finanzierung privater Hobbys, etwa der von Lees Gattin, die zeitgenössische
       Kunst liebt. „Ich bin geblieben, bis ich herausfand, dass man auf meinen
       Namen ein Konto mit einem Guthaben von zig Millionen Won eröffnet
       hatte.“[5]
       
       Yong Cheol hat 2005 gekündigt. Zwei Jahre später wurde eine
       Untersuchungskommission eingesetzt. Lee Kun Hee bekam wegen
       Steuerhinterziehung und Untreue eine Gefängnisstrafe von drei Jahren mit
       Bewährung – um sogleich vom damaligen Präsidenten Lee Myung Bak begnadigt
       zu werden. Der hatte einmal eine Tochterfirma von Hyundai geleitet. Die
       derzeitige Präsidentin und Tochter des ehemaligen Diktators Chung Hee, Park
       Geun Hye, lud Lee im Mai 2013 sogar ein, sie auf ihrer USA-Reise zu
       begleiten.
       
       Kim Yong Cheol war über das milde Urteil gegen den Boss aller Bosse derart
       empört, dass er 2010 sein Buch „Samsung denken“ publizierte.[6]Darin
       schildert er minutiös die illegalen Praktiken des Clans und die Korruption
       bis in die Spitze des Staates. Doch keine der drei großen Zeitungen Koreas
       (Chosun, Joongang und Donga) war bereit, eine Werbebeilage für das Buch zu
       akzeptieren. Und natürlich erschien in keiner eine Rezension. Alle sind
       durch Werbeeinnahmen oder Familienbeziehungen mit Samsung verbunden,
       gelegentlich muss auch ein Geldkuvert für Journalisten nachhelfen. Nur die
       Zeitung Hankyoreh durchbrach das Schweigen, allerdings muss sie seither
       ohne Werbeanzeigen von Samsung auskommen.
       
       Doch das Buch würde über die sozialen Netzwerke bekannt, bis heute sind 200
       000 Exemplare verkauft. Das bedeutete für den Anwalt zwar einen schönen
       Verkaufserfolg, verschaffte ihm aber keinen Job. Er musste in seine
       Heimatstadt Gwangju zurückehren. In dieser Hochburg der Demokraten fand Kim
       Yong Cheol, der sich selbst als Konservativen bezeichnet, eine neue
       Arbeitsstelle. Im Rückblick bedauert er nur eines: „Es hat keine
       öffentliche Debatte stattgefunden. Samsung hat mein Buch als ‚reine
       Fiktion‘ bezeichnet.“ Und alles ging weiter wie gehabt.
       
       Ähnliche Erfahrungen hat der Filmemacher Im Sang Soo gemacht. Er drehte
       2012 den Spielfilm „Der Geschmack des Geldes“ und verlegte sich damit von
       vornherein auf die Ebene der Fiktion. In dem Film wird das Gebaren der
       Jaebeols meisterhaft geschildert: die Korruption, die Arroganz, die
       Missachtung der Beschäftigten, die Familienfehden, im Extremfall sogar
       Mord.
       
       ## Was in Nordkorea die Kims, sind in Südkorea die Lees
       
       Bei einem Gespräch in den Räumen der koreanischen Ausgabe von Le Monde
       diplomatique erklärt Im Sang Soo: „Die Jaebeols machen aus den Menschen
       Sklaven. Ich musste ihre Mechanismen entlarven.“[7]Dennoch war der Film
       kein großer Erfolg an den Kinokassen. Die Medien schwiegen ihn tot, die
       großen Kinos wollten ihn nicht zeigen. Für den Regisseur war die größte
       Enttäuschung, „dass der Film die Linke nicht interessiert hat, denn sie
       wagt nicht, diese Festung anzugreifen.“ Für Im Sang Soo gibt es auf der
       koreanischen Halbinsel zwei einflussreiche Dynastien: „In Nordkorea die
       Kims und in Südkorea die Lees.“
       
       Angesichts des Schicksals von Roh Hoe Chan scheint diese Aussage nicht
       übertrieben. Der Abgeordnete der Neuen Progressiven Partei verlor bei den
       Wahlen im Februar 2013 sein Parlamentsmandat, weil er eine Liste mit
       Personen veröffentlicht hatte, die von Samsung bestochen worden waren.
       
       Es handelte sich nicht um irgendeine Liste, sondern um eine Liste des
       Geheimdienstes. Der hatte, aus welchen Gründen auch immer, Gespräche
       zwischen dem Konzernchef und dem Chef der Zeitung Joongang abgehört. Darin
       war viel von Geld die Rede, das zum Beispiel an den stellvertretenden
       Justizminister geflossen war, aber auch an ein, zwei Staatsanwälte, an
       mehrere Journalisten und an Kandidaten für die Parlamentswahlen.
       
       Als die Sache durchsickerte, forderte Roh Hoe Chan zunächst einen
       parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Der kam tatsächlich zustande, tat
       aber alles, um den Skandal zu vertuschen. Nur der stellvertretende
       Justizminister musste zurücktreten. Geschützt durch seine Immunität als
       Abgeordneter, machte Roh Hoe Chan daraufhin die Liste bei einer
       Pressekonferenz publik und stellte sie auf seine Webseite. Über die Folgen
       seines Handelns machte er sich keine Illusionen. Der oberste Gerichtshof
       entschied, dass die Immunität Grenzen habe – und im Internet nicht gelte.
       Roh Hoe Chan hält das für eine Farce: „Mich hat man verurteilt, aber gegen
       die Staatsanwälte ist man nicht vorgegangen. Dazu muss man wissen, dass der
       Sohn des Staatsanwalts, der die Untersuchung leitet, bei Samsung angestellt
       ist. Der oberste Gerichtshof wollte ein Exempel statuieren. Es ist
       unglaublich, wie viele ‚Freunde‘ anriefen, um mich davon abzubringen,
       meinen Kampf weiterzuführen.“ Der unbeugsame Abgeordnete warf das Handtuch.
       
       Auch die Gewerkschaften haben erfahren, was Knebelung bedeutet. Ein
       Konzernsprecher, Cho Kevin, bestreitet allerdings jede Form von Repression.
       Da ein Termin mit einem Samsung-Vertreter schwerer zu bekommen ist als mit
       einem Minister oder einem Abgeordneten, kommt seine Auskunft per E-Mail:
       „In vielen Einzelbetrieben gibt es Gewerkschaften; der Konzern respektiert
       das Arbeitsrecht und die ethischen Normen.“ Es stimmt, dass
       Betriebsgewerkschaften existieren, nicht vertreten ist jedoch der
       Koreanische Gewerkschaftsdachverband (Korean Confederation of Trade Union,
       KCTU), dessen Vorläuferorganisation in den 1980er Jahren eine entscheidende
       Rolle bei der Beendigung der Militärdiktatur spielte.
       
       Wie Professor Cho Dho Moon, Soziologe an der Katholischen Universität von
       Korea, dokumentiert hat, arbeitet die Konzernführung mit allen Methoden,
       unter anderem mit Verschleppungen, Drohungen und Erpressung.[8]Bis 2011 war
       im ganzen Konzern nur eine einzige Gewerkschaft zugelassen.
       
       Wer eine neue Gewerkschaft gründen wollte, musste den Antrag bei einer
       staatlichen Behörde stellen. Und die informierte dann sofort die Chefetage
       von Samsung, die den Antragsteller einige Tage aus dem Verkehr zog. In
       dieser Zeit installierte Samsung dann in dem betreffenden Betrieb eine
       firmeneigene Gewerkschaft.
       
       Seit Januar 2011 ist der gewerkschaftliche Pluralismus zwar anerkannt, aber
       der Dachverband KCTU gilt nach wie als Feind des Konzerns.
       
       Unsere Gesprächspartner sind sechs Männer mittleren Alters. Alle arbeiten
       bei Samsung, in der Nähe von Ulsan südöstlich von Seoul. Unser Treffpunkt
       ist ein traditionelles koreanisches Gasthaus, das inmitten eines Parks an
       einem See liegt. Der Ort ist viel reizvoller als die Umgebung der Fabriken,
       in denen sie Akkus für Mobiltelefone, LCD-Bildschirme und Solarmodule
       herstellen. Aber vor allem ist er sicherer. „Es ist gefährlich, mit einer
       Journalistin zu sprechen, noch dazu mit einer ausländischen“, sagen die
       Gewerkschafter. Als Angehörige des KCTU leben sie halb im Untergrund.
       
       Alle sechs sind als „MJ“ eingestuft, für moon jae, was „Problem“ bedeutet.
       Einer von ihnen erklärt: „In jedem Unternehmensbereich gibt es Personen,
       die den Auftrag haben, MJs aufzuspüren, unter Druck zu setzen, sie zu
       kaufen und zu verhindern, dass andere ‚angesteckt‘ werden.“ Ein anderer
       Kollege ergänzt: „Wenn jemand zufällig einmal abends mit einem MJ ein Bier
       trinkt, wird er sofort einbestellt und ausgefragt, was er gehört und gesagt
       hat. Mit einem MJ sollte man nicht einmal in der Kantine am selben Tisch
       sitzen.“
       
       ## Privatleben der Arbeiterinnen ist nicht gern gesehen
       
       Und ständig haben sie mit Sanktionen zu rechnen: Nur einer der
       Gewerkschafter hat seinen Arbeitsplatz am Fließband behalten. Einer wurde
       in ein Büro versetzt, wo er ganz allein die wohltätigen Aktivitäten des
       Unternehmens organisiert. Ein anderer wurde einem streng überwachten
       Versorgungsbetrieb zugewiesen. Die Frage nach der Tätigkeit des Vierten
       löst großes Gelächter aus: „Nichts, ich mache buchstäblich nichts. Vorher
       war ich Arbeiter; jetzt sitze ich allein in einem Büro und habe nichts zu
       tun.“
       
       Der Mann lacht, aber er hat sich in psychiatrische Behandlung begeben. Als
       der fünfte Kollege der Gewerkschaft beitrat, wollte ihn die
       Unternehmensleitung für mehrere Monate zu einer „obligatorischen
       Fortbildung“ nach Malaysia schicken. Er hat sich geweigert und wartet jetzt
       ab, was mit ihm geschieht. Der Sechste in der Runde wurde vor vier Jahren
       entlassen. Wiedereinstellung ausgeschlossen.
       
       Solche „Problemfälle“ gibt es auch in Suwon bei Seoul, wo eine der
       bekanntesten Samsung-Fabriken steht. Hier treffen wir Cho Jang Hee, der
       zusammen mit drei Kollegen die Frechheit besaß, eine Gewerkschaft unter dem
       Dach des KCTU zu gründen.
       
       Alle Anläufe vor ihnen waren gescheitert. Manche der angesprochenen
       Kollegen wurden plötzlich befördert oder bekamen Geld für die Ausbildung
       ihrer Kinder angeboten. Andere wurden unter Druck gesetzt und knickten ein,
       berichtet Cho Jang Hee: „Von einem Tag auf den andere wagen die Kollegen
       nicht mehr, einen anzusehen oder ein Wort zu wechseln. Es gab sogar
       ‚Fortbildungslektionen‘, in denen die Vorgesetzten uns erklärten, wir seien
       Ganoven, die das Unternehmen gefährden.“ Cho Jang Hee und seine Kollegen
       wurden rund um die Uhr überwacht und auf Schritt und Tritt gefilmt. Ihre
       Telefone wurden abgehört, ihre Angehörigen bedroht. Aber sie ließen sich
       nicht einschüchtern.
       
       Ihre Möglichkeiten sind jedoch eng begrenzt: Die Gewerkschaft hat 11
       „öffentliche“ und 68 heimliche Mitglieder, in einem Betrieb mit 10 000
       Beschäftigten. Deshalb sind sie noch weit davon entfernt, in die
       paritätischen Ausschüsse hineingewählt zu werden, die der Konzern
       eingerichtet hat, um den Gewerkschaften den Wind aus den Segeln zu nehmen.
       Diese Ausschüsse bestehen zur Hälfte aus Vertretern der Unternehmensführung
       und zur anderen Hälfte aus Repräsentanten der Belegschaft, die allerdings
       „von oben“ für diese Aufgabe empfohlen wurden.
       
       Immerhin ist der Verband KCTU damit erstmals legal bei Samsung vertreten,
       wenn auch nicht respektiert. Doch die Gründer zahlten dafür einen hohen
       Preis: Cho Jong Hee wurde entlassen; seine beiden Kollegen wurden für drei
       Monate beurlaubt und anschließend an verschiedene Orte versetzt.
       
       In Ulsan wie in Suwon räumen die Gewerkschafter ein, für die
       Vollzeitbeschäftigten seien „die Gehälter in Ordnung“. Aber die
       Zeitarbeiter bekommen 40 bis 60 Prozent weniger, obwohl sie teilweise die
       gleiche Arbeit leisten. Zudem beziehen sie keine Bonuszahlungen. Und wenn
       die Aufträge zurückgehen, landen sie auf der Straße.[9]
       
       Die direkt bei Samsung oder bei Subunternehmen beschäftigten Zeitarbeiter
       werden auf 40 bis 50 Prozent der Belegschaft geschätzt (offizielle Zahlen
       gibt es nicht). Mitarbeiter über 50 Jahre, auch in leitenden Positionen,
       werden massiv zur Kündigung gedrängt, denn sie kosten zu viel. Aber für
       alle gilt, dass die Arbeitsbedingungen schwierig, die Arbeitszeiten
       übermäßig lang und die Belastungen hoch sind.
       
       Auch die Zahl der Arbeitsunfälle ist hoch. Im Januar 2013 starb ein
       Zeitarbeiter, nachdem in der Fabrik Hwasung in der Nähe von Suwon
       Fluorwasserstoffsäure entwichen war. Solche Risiken sind beim Anblick des
       Betriebs nicht zu ahnen. Das kunstvolle Ensemble aus großen, strahlend
       weißen Würfeln, eleganten Glaskonstruktionen und gepflegten Rasenflächen
       erinnert an den Campus einer Universität. Lee Kun Hee hat seine „digital
       city“, die sich über die drei Kommunen Hwasung, Giheung und Onyang
       erstreckt, aufs Genaueste geplant. Am Rand des Geländes liegen Wohnheime,
       die für die weiblichen Arbeitskräfte sind größer, weil in der
       Produktionsstätte für Halbleiter mehr „Operatorinnen“ gebraucht werden.
       Etwas weiter entfernt liegt das Wohnheim der jungen Männer, die für
       Instandhaltung und Versorgung zuständig sind.
       
       Die jungen Leute kommen aus dem ganzen Land. Alljährlich gehen die Manager
       von Samsung auf die Jagd. Sie besuchen die weiterführenden Schulen in der
       Provinz, um sich neue Kandidaten anzusehen. Die Lehrer haben bereits eine
       Vorauswahl getroffen, aber stets gibt es mehr Interessenten als Plätze.
       Samsung genießt einen guten Ruf, und die Gehälter sind relativ hoch.
       Umgerechnet 2 000 Euro sind für Berufsanfänger ein Vermögen (das
       Mindesteinkommen liegt in Korea bei 600 Euro). „Weil ich bei Samsung
       arbeite“, erzählt uns eine Angestellte, „kann ich meine Eltern unterstützen
       und für meine Hochzeit sparen.“
       
       Doch in den weißen Produktionshallen lösen sich die Träume der jungen
       Mädchen meist schnell in Luft auf. Von außen wirkt alles sauber und
       aseptisch. Die „Operatorinnen“ sehen mit ihrer Arbeitskleidung, die den
       Körper ganz verhüllt, wie Astronautinnen aus. Man könnte auch an eine
       Hochsicherheitseinrichtung denken. Doch hinter dem futuristischen Ambiente
       verbergen sich mittelalterliche Arbeitsbedingungen.
       
       Die jungen Frauen arbeiten täglich mindestens zwölf Stunden, danach
       verlangt das Management die Teilnahme an Wohltätigkeitsaktivitäten, um die
       Solidarität zu festigen. Und bevor sie endlich ins Bett können, geht es
       womöglich erneut zurück an den Arbeitsplatz. Und das sechs Tage
       hintereinander. Am siebten Tag sind sie so müde, dass sie selten nach Hause
       zu ihren Familien fahren.
       
       „Wir stehen mit Samsung auf, essen mit Samsung, arbeiten bei Samsung,
       unterhalten uns mit Samsung, schlafen bei Samsung“, beschreibt Kab Soo ihr
       Leben, dem sie glücklich entronnen ist. Sie hat gespart und dann eine
       andere, weniger harte Arbeit gefunden.
       
       Natürlich haben die jungen Frauen das Recht, abends auszugehen. „Wir sind
       hier nicht in China“, meint ein ehemaliger Manager des Konzerns etwas
       pikiert auf meine Frage. Es werde allerdings nicht gern gesehen, räumt der
       Mann ein. Und wenn eine Arbeiterin erst nach dem Zapfenstreich
       (Mitternacht) heimkehrt, bekommt sie eine „rote Karte“, die so lange
       bestehen bleibt, bis sie sich ausreichend an den betriebsinternen
       Wohltätigkeitsaktivitäten beteiligt hat.
       
       Die große Belastung sorgt ohnehin dafür, dass disziplinarische Verstöße nur
       selten vorkommen. Und doch schaffen es die jungen Uniformträgerinnen immer
       wieder, gegen die Degradierung zu Robotern aufzubegehren. Make-up ist
       verboten, also kleben sie sich falsche Wimpern an. Die vorgeschriebene
       Haube muss bis zu den Augen reichen, aber sie schaffen es, sie elegant zu
       drapieren, erzählt Lee Kyung Hong. Der junge Dokumentarfilmer hat
       Samsung-Mitarbeiterinnen drei Jahre lang mit der Kamera begleitet
       hat.[10]Allerdings erst nach ihrem Ausscheiden, denn solange sie bei dem
       Konzern beschäftigt sind, ist es ihnen strikt untersagt, über die
       Arbeitsbedingungen zu sprechen.
       
       „Man arbeitet immer in Angst“, erinnert sich Kab Soo an ihre Zeit in der
       „digital city“. Angst, einen Fehler zu machen. Angst, es nicht zu schaffen.
       Und Angst, krank zu werden. Die Halbleiterfabrik verbraucht große Mengen an
       hochgefährlichen Chemikalien und arbeitet mit elektromagnetischen Feldern.
       Die Arbeiterinnen müssen die Leiterplatten sehr schnell in mehrere Bäder
       tauchen, dürfen keinen Fehler machen, alles ständig kontrollieren.
       
       Auf dem Papier gibt es zwar Sicherheitsvorschriften. Aber in der Fabrik von
       Hwasung ist zwischen Januar und Mai 2013 zweimal Fluorwasserstoffsäure
       entwichen, und die Lüftungsanlagen sind nicht immer intakt. Und auch die
       „Operatorinnen“ selbst schalten häufig die Sicherheitsventile ab, damit sie
       ihre Arbeit beschleunigen und das vorgegebene Pensum erfüllen können.
       
       Dieses Arbeitstempo halten die meisten nicht länger als vier bis fünf Jahre
       durch. Anschließend suchen sie sich einen anderen Arbeitsplatz oder kehren
       zu ihren Eltern zurück und heiraten.[11]Manche bezahlen auch mit dem Leben.
       
       Die 22-jährige Hwang Yumi starb 2007, nachdem sie vier Jahre bei Samsung in
       Giheung gearbeitet hatte. Ihr Vater Hwang Sang Gi erinnert sich an jede
       Sekunde jener Monate, in denen der Krebs seine Tochter zerfressen hat.
       Hwang Sang Gi ist zu einer Symbolfigur geworden. Er hat niemals aufgegeben,
       obwohl er „nicht so gut reden kann wie die Bürokraten von Samsung“, wie er
       selbst meint, und obwohl er mit Drohungen und Geld zum Schweigen gebracht
       werden sollte. Er will, dass der Krebs seiner Tochter als Berufskrankheit
       anerkannt wird. Und zwar nicht nur vom Staat, was bereits geschehen ist,
       sondern auch von Samsung. Aber der Konzern bestreitet nach wie vor jeden
       Zusammenhang zwischen dem Krebs und den Arbeitsbedingungen.
       
       Hwang Yumis Vater kämpft auch für die Frauen, die bei Samsung noch sterben
       werden. Die erste Unterstützung fand er vor Jahren bei der Anwältin Lee
       Jong Ran. Sie ist noch heute empört, wenn sie über die Schäden spricht, die
       diese gefährlichen Substanzen verursachen. „Die Hersteller behaupten, alles
       sei harmlos, aber keiner sagt genau, was verwendet wird. Das sei
       ‚Produktionsgeheimnis‘. Ein tödliches Geheimnis.“
       
       Die Anwältin hat zusammen mit dem Arzt Kong Jeong Ok und der Organisation
       Sharps (Supporters for the Health and Rights of People in the Semiconductor
       Industrie) seit März 2012 über 150 Patienten erfasst, die an Krankheiten
       wie Leukämie, Brustkrebs und Multiple Sklerose leiden. 137 von ihnen haben
       bei Samsung gearbeitet. Viele Spezialisten im Konzern kennen diese
       Berufskrankheiten seit Langem. Aber erst als das tödliche Gas in Hwasung
       freigesetzt wurde, nahe der Luxusresidenzen rund um Suwon, hat man in den
       obereren Etagen begonnen, sich Gedanken zu machen und Vorsorgemaßnahmen
       anzuordnen.
       
       Nach der Untersuchung eines konkreten Falls, die sich über Monate hinzog,
       wurde der Antrag einer Opferfamilie von der für die Entschädigung der Opfer
       zuständigen Behörde abgelehnt. In der Gutachterkommission saß auch ein
       Mediziner, der im Hauptberuf Krankenhausarzt ist – angestellt bei einer
       Samsung-Klinik.[12]
       
       12 Jul 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martine Bulard
       
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