# taz.de -- An der Hand der Armee
       
       > In Ägypten lässt sich die säkulare Opposition auf ein verhängnisvolles
       > Bündnis ein von Alain Gresh
       
       Natürlich ist es verwunderlich, wenn eine Armee-Quelle – unter Vorlage von
       Luftaufnahmen – kundtut, dass am 30. Juni 14 Millionen Ägypter (manche
       sprachen gar von 33 Millionen) auf die Straße gegangen seien.[1]Und man
       kann schon ins Grübeln kommen, wenn das Innenministerium verkündet, es habe
       in der Geschichte des Landes noch nie so große Demonstrationen gegeben.
       Auch was die Echtheit von 15 bis 22 Millionen Unterschriften betrifft, die
       die Bewegung Tamarod („Rebellion“) für den Rücktritt von Präsident Mohammed
       Mursi gesammelt haben soll, ist Skepsis angebracht, während ein
       „ägyptischer Philosoph“ mit seiner Versicherung, alle Unterschriften seien
       vom „obersten Verfassungsgericht nachgezählt“ worden, eher zum Lachen ist.
       
       Trotz aller Übertreibungen: Ägypten hat seit der Revolution im Winter 2011
       keine Proteste vergleichbarer Dimensionen erlebt. Doch die Demonstranten
       kritisierten nicht nur die Politik Mursis und der Muslimbrüder. Sie gingen
       auch für Würde, Freiheit und soziale Gerechtigkeit auf die Straße.
       
       Die 1928 gegründete Bruderschaft blickt auf eine turbulente, von
       Repressionen, Verhaftungen, Folter geprägte Vergangenheit zurück. Doch
       immer wenn sich die Möglichkeit bot, konnte die Bruderschaft mit ihrem
       Motto „Der Islam ist die Lösung“ bedeutende Erfolge erzielten – bei Wahlen
       zum nationalen Parlament wie zu den Berufskammern etwa der Ingenieure,
       Anwälte oder Ärzte. Und sie hat sich dank ihres großen
       Solidaritätsnetzwerks und der Opferbereitschaft ihrer Anhänger im Lauf der
       Jahrzehnte eine gewisse Aura erworben. Bei den ersten freien
       Parlamentswahlen, die zwischen dem 28. November 2011 und dem 10. Januar
       2012 stattfanden, gewann sie die Mehrheit der 30 Millionen abgegebenen
       Stimmen. Über den harten Kern der Anhänger hinaus wollten offensichtlich
       viele Ägypter der Bruderschaft eine Chance geben.
       
       „Wir haben schon alles versucht: Wir hatten einen König, aber das hat nicht
       funktioniert. Danach haben wir es mit dem Sozialismus versucht, aber selbst
       unter Nasser haben sich die Paschas der Armee und der Geheimdienste
       gehalten. Dann haben wir es mit der Mitte versucht, und dann mit dem
       Kapitalismus. Auch das hat nicht funktioniert. Jetzt könnten wir doch mal
       die Muslimbrüder ranlassen und schauen, ob es funktioniert. Wir haben
       ohnehin nichts zu verlieren.“ Dieser Kommentar eines Taxifahrers wurde im
       vorrevolutionären Kairo von dem Schriftsteller Chalid al-Chamissi
       festgehalten.[3]Fragt man im Frühsommer 2013 nach den Muslimbrüdern, hören
       sich die Antworten schon wieder ganz anders an. „Das funktioniert auch
       nicht“, sagen die Taxifahrer heute. Was die jahrzehntelange Repression
       nicht geschafft hat, haben die Muslimbrüder zweieinhalb Jahre nach der
       Revolution ganz allein vollbracht: Im grellen Licht der Öffentlichkeit und
       in den oft polemisch ausgetragenen Kontroversen zwischen den
       unterschiedlichen Kräften haben sie sich unwiderruflich selbst entzaubert.
       
       Seit mehreren Monaten bestätigt sich diese Tendenz an den Wahlurnen. Bei
       der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen im Mai 2012 erhielt Mohammed
       Mursi nur etwa ein Viertel der Stimmen. Die Mehrheit im zweiten Wahlgang
       erreichte er nur mithilfe der Gegner seines Konkurrenten Ahmad Schafiq, der
       das alte Regime repräsentierte. Einige Monate Schonfrist machten es Mursi
       möglich, sich des Obersten Militärrats (Scaf) zu entledigen, der für den
       katastrophalen Übergang nach dem Fall Mubaraks und die gewaltsamen
       Ausschreitungen verantwortlich war (zum Beispiel bei einer friedlichen
       Solidaritätsdemonstration für die Kopten im Oktober 2011).[4]Doch danach
       mussten der „Rais“ und seine Organisation miterleben, wie ihre Popularität
       rasch dahinschmolz. Bei den studentischen Wahlen an den Universitäten, aber
       auch bei den Berufsverbänden (etwa der Journalisten und Apotheker) mussten
       sie herbe Verluste hinnehmen.
       
       ## Der Bruderschaft wird vor allem Unfähigkeit vorgeworfen
       
       Für dieses Scheitern gibt es viele Gründe, und zwar nicht nur auf Seiten
       der Bruderschaft. Doch die Organisation war grundsätzlich nicht fähig, sich
       auf den neuen politischen Pluralismus einzustellen, ihre
       Untergrundmentalität zu überwinden, zu einer wirklich politischen Partei
       und damit auch bündnisfähig zu werden. Die Bruderschaft hat zwar die
       Freiheits- und Gerechtigkeitspartei (FJP)[5]gegründet, die aber blieb
       völlig von ihrer Führung abhängig. Ein Funktionär der sozialdemokratischen
       Partei erzählte uns, wie sie mit Repräsentanten der FPJ verhandelten, die
       alle Stunde die Sitzung unterbrechen mussten, um sich mit der Bruderschaft
       abzusprechen.
       
       In den 1990er Jahren begannen die Muslimbrüder sich an der Realität zu
       orientieren und die Idee der Demokratie und der Souveränität des Volkes zu
       akzeptieren. Als dann aber nach ihrem Erfolg bei den Parlamentswahlen 2005
       eine neue Repressionswelle einsetzte, zog sie sich wieder auf sich selbst
       zurück. 2009 konnte der konservative Flügel um den Geschäftsmann Chairat
       al-Schater seine Position festigen und progressive Kräfte wie Abdel Moneim
       Abul Fotuh zurückdrängen.
       
       Was die Ägypter mittlerweile an der Bruderschaft abschreckt, ist gewiss
       nicht ihr Bekehrungseifer oder das Bestreben, die Scharia anzuwenden. In
       dieser Hinsicht hat sie gar nicht viel unternommen, was ihr übrigens von
       den Salafisten der Nur-Partei vorgeworfen wird. Überrascht waren die
       Ägypter vielmehr über das Ausmaß ihrer Inkompetenz und ihre Unfähigkeit,
       Reformen durchzusetzen. Als konservative Organisation haben die
       Muslimbrüder die bestehende Ordnung akzeptiert und es nicht verstanden,
       Allianzen zu schmieden, mit denen ein Umbau des Staatsapparats – Armee,
       Polizei und Justiz – möglich gewesen wäre. So blieb der Apparat ein treuer
       Diener des alten Regimes.
       
       Zudem erinnerte das Gebaren der Bruderschaft gegenüber den sozialen
       Bewegungen und den Gewerkschaften fatal an die Ära Mubarak. So lehnte die
       Bruderschaft ein Gesetzesvorhaben ab, dass die Gründung von unabhängigen
       Gewerkschaften durch freie Wahlen garantiert hätte, kritisiert ein
       Editorial der Zeitschrift Merip: „Sie hatte sogar vor, Streiks zu
       ‚regulieren‘, und schlug sich bei den wilden Streiks, die in der Phase nach
       der Entmachtung Mubaraks anhielten, auf die Seite der Arbeitgeber. Anfang
       Sommer tauchte Ägypten wieder auf der schwarzen Liste der Internationalen
       Arbeitsorganisation (ILO) auf, weil das Land gegen Konventionen verstieß,
       die es unterschrieben hat.[6]Zudem habe die Mursi-Regierung
       Gerichtsentscheide ignoriert, wonach sie die Privatisierung einiger
       Staatsbetriebe überprüfen muss, die in der Mubarak-Ära verramscht worden
       waren.
       
       Im November 2012 verrannte sich der ohnehin schon isolierte Präsident in
       das Projekt einer Verfassungsänderung, die ihm fast uneingeschränkte Macht
       eingeräumt hätte. Als er sich nicht durchsetzen konnte, mobilisierte Mursi
       seine Milizen und versuchte, wichtige Posten mit Getreuen zu besetzen.
       Damit setzte er sich dem Vorwurf aus, er strebe die „Bruderschaftisierung“
       des Staates an, der aber stark übertrieben war, weil er auf die meisten
       staatlichen Institutionen ohnehin keinen Einfluss hatte.
       
       Es wäre allerdings naiv zu glauben, der Aufstand gegen Mursi gehe allein
       auf die Ablehnung seines Verfassungsprojekts zurück. Vielmehr gab es auch
       eine gezielte Kampagne gegen die Bruderschaft, die von den Kräften des
       alten Regimes inszeniert war: Die obersten Gerichte lösten das Parlament
       auf; die Polizei weigerte sich, die Sicherung der öffentlichen Ordnung und
       den Personenschutz für führende Muslimbrüder wahrzunehmen; Schergen des
       Mubarak-Regimes wurden vor Gericht freigesprochen.
       
       Als im Mai 2013 die Organisation Reporter ohne Grenzen die ägyptische
       Regierung auf die Liste der „Feinde der Pressefreiheit“ setzte – eine Ehre,
       die dem Mubarak-Regime nie zuteil geworden war –, sprach der Blog „The
       Arabist“ von einer „gnadenlosen Medienkampagne zur Diabolisierung und
       Delegitimierung der Mursi-Administration“, die weit über die von Mursi zu
       verantwortenden Fehler hinausgehe. Wer CBC, ONTV, al-Qahira wal Nas oder
       andere Satellitensender schaue, oder die hysterischen Kommentare in den
       Zeitungen al-Destour, al-Watan oder al-Tahrir (und zunehmend auch in
       al-Masri al-Youm) lese, werde mit einer fortgesetzten Anti-Mursi-Propaganda
       überflutet.
       
       ## Die jungen Protestler sind erstaunlich naiv
       
       Auch die Opposition, die sich unter der Führung von Mohammed ElBaradei zur
       Nationalen Heilsfront (NSF) formiert hat, beteiligte sich an der Kampagne.
       Dabei hatte sie keine Skrupel, mit den Kräften des alten Regimes gemeinsame
       Sache zu machen. Das kritisierte ein Kommentar in der Zeitung Esam al-Ami,
       in dem es hieß, auf diese Weise sei es den Anhängern des alten Regimes
       (fouloul) gelungen, „sich neu zu erfinden und an der Seite der
       laizistischen Gruppen zu einem entscheidenden Akteur gegen die Bruderschaft
       und die Islamisten zu werden“.[7]
       
       Auch ElBaradei machte die Annäherung an das alte Mubarak-Lager mit. Er
       forderte alle Elemente der verbotenen Nationaldemokratischen Partei auf,
       sich seiner Partei und der Opposition anzuschließen. Und der alte Nasserist
       Hamdin Sabahi, der bei den Präsidentschaftswahlen auf dem dritten Platz
       gelandet war, erklärte den Kampf gegen die Fouloul für zweitrangig:
       Hauptfeind sei jetzt „die Bruderschaft mit ihren islamistischen
       Verbündeten.“ Dieser Sinneswandel resultiert offenbar aus der Loyalität
       Sabahis gegenüber der Armee, denn bei den Parlamentswahlen war seine Partei
       noch mit der Bruderschaft verbündet, die damals mit dem Militär
       kooperierte.
       
       Hinter dem naiven Klischee von jungen Protestlern, die einen
       „islamistischen Diktator“ stürzten, ist also ein nicht ganz so strahlendes
       Bild zu sehen. Man fragt sich, ob es ein Zeichen von Naivität oder von
       Dummheit ist, wenn Mahmud Badr, einer der Gründer der Tamarod-Kampagne,
       stolz behauptet, das Eingreifen von Armeechef al-Sisi gehe auf seine
       Ermahnung zurück: „Sie sind der Oberkommandierende der Streitkräfte, aber
       das ägyptische Volk als ihr Kommandeur befiehlt Ihnen, sich unverzüglich
       auf seine Seite zu stellen, und fordert vorgezogene Neuwahlen.“[8]Eine
       andere Aktivistin der Tamarod-Bewegung, die offenbar mehr Gespür für die
       Realität hat, erklärte dagegen, sie habe sich zurückgezogen, als sie
       erkannt habe, dass die neuen Wortführer Fouloul oder aber bereit waren,
       „die Machenschaften der Staatssicherheit zu rechtfertigen“.
       
       Zahllose Indizien deuten darauf hin, dass die Tamarod-Bewegung von langer
       Hand geplant wurde, und zwar von der ägyptischen Armee, den
       Sicherheitsdiensten und den Fouloul, gestützt auf Saudi-Arabien und die
       Vereinigten Arabischen Emirate.
       
       Inzwischen hat der mit dem alten Regime verbundene Milliardär Naguib
       Sawiris zugegeben, die Kampagne ohne Wissen der Aktivisten finanziert zu
       haben. Und die ehemalige Vizepräsidentin des obersten Verfassungsgerichts
       Tahani Gebali erklärte, sie habe den Tamarod-Aktivisten geholfen, eine
       Strategie auszuarbeiten, um die Armee zum Eingreifen zu bewegen.[9]Eben
       diese Tahani Gebali war eine der Stützen des Mubarak-Regimes gewesen und
       hatte kurz nach dessen Sturz angeregt, die Stimmen der Wähler nach deren
       Bildungsgrad zu gewichten.[10]
       
       Interessant war auch, dass nach dem Sturz Mursis die Benzinknappheit wie
       von Geisterhand behoben war. Und dass die Polizisten wieder auf den Straßen
       patrouillierten, wobei einige Frauen von diesem Schutz allerdings nicht
       viel hatten: Am 3. Juli, dem Tag von Mursis Sturz, kam es auf dem
       Tahrirplatz zu etwa hundert sexuellen Übergriffen und
       Vergewaltigungen.[11]In dem Zusammenhang sei daran erinnert, dass es gerade
       General Abdel Fatah al-Sisi war, der während der Demonstrationen von Anfang
       2011 seine Soldaten aufgefordert hatte, junge Frauen einem
       „Jungfräulichkeitstest“ zu unterziehen.
       
       Mursis Sturz hat die Meinungsvielfalt in den Medien nicht befördert. Im
       Gegenteil: Ein halbes Dutzend Fernsehsender wurde geschlossen, Journalisten
       wurden verhaftet, und die ausländische Presse wurde in einem Tonfall
       angeprangert, wie man ihn unter Mubarak gewohnt war. Und dass das Presse-
       und Informationsministerium bestehen bleibt, lässt auch nichts Gutes ahnen.
       Und während die staatlichen Medien über die Demonstrationen der
       Muslimbrüder, an denen sich immerhin Hunderttausende beteiligen, gar nichts
       berichten, sind inzwischen fast alle Journalisten auf die
       nationalistisch-chauvinistischen Töne eingestimmt. Wobei sich die Drohungen
       des Regimes nicht nur gegen die Muslimbrüder richten, sondern gegen alle
       Kritiker der offiziellen Linie. Da bleiben nur noch wenige Texte, die zu
       lesen lohnt, zu denen ganz sicher die Kommentare des bekannten Satirikers
       Bassem Jussif gehören.[12]
       
       Auf die exzessive Gewalt bei der Niederschlagung der Proteste vom 8. Juli
       und die mindestens 50 getöteten Muslimbrüder angesprochen, antwortete ein
       Armeesprecher, ohne mit der Wimper zu zucken: „Exzessive Gewaltanwendung?
       Es wäre exzessiv gewesen, wenn wir 300 Leute getötet hätten.“
       
       Die englischsprachige Website Madamasr, die nicht auf offizieller
       Propagandalinie liegt, hat die Armee belastende Zeugenaussagen
       veröffentlicht, darunter das Video eines Journalisten, der für einen
       oppositionellen Fernsehkanal arbeitet. Es zeigt Soldaten, die ohne jeden
       Anlass das Feuer eröffneten. Der Film verschwand nach kurzer Zeit von der
       Website. Begründung: Man „warte auf die offizielle Reaktion der Armee“. Und
       als die Zeitung al-Shorouk auf ihrer Website mehrere Zeugenaussagen
       zitierte, wonach die Armee unprovoziert geschossen habe, wurde die Meldung
       alsbald gelöscht.[13]
       
       Mittlerweile ist die Macht offiziell auf Adli Mansur übergegangen, der am
       3. Juli zum Übergangspräsidenten Ägyptens ernannt wurde, nachdem er für nur
       48 Stunden den Vorsitz des obersten Verfassungsgerichts übernommen hatte.
       Die Karriere Mansurs ist eng mit dem Mubarak-Regime verknüpft – und mit
       Saudi-Arabien, wo er über zehn Jahre gearbeitet hat. Nach seiner
       Installation veröffentlichte Mansur eine Verfassungserklärung, die ihm
       umfassende exekutive und legislative Macht sichert und innerhalb von sechs
       Monaten Neuwahlen vorsieht.[14]Auch wurden einige umstrittene Artikel der
       alten Verfassung getilgt, etwa über die beratende Funktion der
       Al-Azhar-Universität bei der Ausarbeitung von Gesetzentwürfen oder über die
       Begrenzung des gewerkschaftlichen Pluralismus.
       
       Die Armee entzieht sich jedoch weiterhin jeder zivilen Kontrolle. Und was
       die Rolle der Religion betrifft, so stellt der von Mansur veröffentlichte
       Entwurf teilweise sogar einen Rückschritt dar: Die „Prinzipien der Scharia“
       bleiben die „vorrangige Quelle der Gesetzgebung“ und müssen – was neu ist –
       der sunnitischen Lehre entsprechen. Dieser Text hat die NSF ElBaradeis in
       Verlegenheit gebracht: Nachdem sie die Version zunächst verurteilt hatte,
       ruderte sie wenig später zurück. Die Tamarod-Bewegung wiederum tritt für
       ein Verbot der Muslimbruderschaft und der salafistischen Parteien ein, die
       mindestens ein Drittel der Bevölkerung repräsentieren.
       
       Die neue Regierung hat auch die zentrale Rolle von General al-Sisi
       bestätigt. Er wurde zum Vizepremier ernannt und bleibt zugleich
       Verteidigungsminister. Im Wirtschaftsministerium dominieren neoliberale
       Kräfte und zahlreiche Figuren des alten Regimes. Die Ernennung des
       Vorsitzenden einer unabhängigen Gewerkschaft zum Arbeitsminister ist die
       einzige gute Nachricht.
       
       Lange Zeit hat man sich in Ägypten gefragt, ob es, wenn die Muslimbrüder
       einmal an der Macht wären, überhaupt „ein Zurück“ geben könne. Heute stellt
       sich die Frage, ob es nach der Absetzung des gewählten Präsidenten noch
       einmal freie und pluralistische Wahlen geben wird. Einige der
       Mitverantwortlichen, darunter Mohammed ElBaradei, betonen zwar, wie wichtig
       die Einbeziehung der Muslimbrüder sei, aber sie äußern kein Wort über die
       extralegale Repression, die Armee und Staatssicherheit gegenüber den
       Muslimbrüdern ausüben, von denen die Medien nur noch als „Terroristen“
       sprechen.
       
       In dieselbe Richtung zielt auch eine neu gebildete Untersuchungskommission.
       Sie soll die Umstände der Flucht von Mursi und einigen Führern der
       Bruderschaft erhellen, die Anfang 2011, zu Beginn des Aufstands aus dem
       Gefängnis Wadi al-Natrun entkommen konnten. Seit Monaten bringt die vom
       muchabarat (Geheimdienst) mit Informationen gefütterte Presse immer neue
       „Enthüllungen“. Wobei die Gerüchte, wonach die Hamas, die Hisbollah und
       sogar al-Qaida den Muslimbrüdern geholfen haben sollen, zugleich eine
       heftige antipalästinensische Kampagne anfeuern.[15]Wenn es so weitergeht,
       wird man der Hamas oder al-Qaida demnächst noch den Sturz Mubaraks in die
       Schuhe schieben.
       
       Will man also die Muslimbrüder zur Gewalt aufstacheln, um dann im Namen des
       „Kampfes gegen den Terror“ erneut den Ausnahmezustand auszurufen? Oder wird
       man die Instabilität auf dem Sinai, die nicht erst mit Mursi begonnen hat,
       zum Vorwand nehmen? Jetzt kommt es darauf an, alle Kräfte einzubinden –
       einschließlich der Islamisten und der Muslimbruderschaft. Die allerdings
       sollte die Lehren aus ihrem Scheitern ziehen und ihre Untergrundmentalität
       endgültig hinter sich lassen.
       
       9 Aug 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alain Gresh
       
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