# taz.de -- Einkaufen in Nordkorea
> Unter Kim Jong Un erlebt das Land einen bescheidenen Aufschwung von
> Patrick Maurus
Mitte Dezember letzten Jahres war Nordkorea wieder einmal in den
Schlagzeilen: Innerhalb von vier Tagen wurde der Onkel von Staatschef Kim
Jong Un verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Jang Song Thaek, mit 67
Jahren für nordkoreanische Verhältnisse ein recht junger Politiker, galt
als der zweite Mann des Regimes. In der Staatspresse wurden ihm
„aufrührerische Taten“ vorgeworfen. Doch der genaue Grund der Anklage ist
immer noch nicht bekannt, was auf einen politischen Prozess hindeutet. In
westlichen Medien wurde spekuliert, Jang Song Thaek sei als „Ehebrecher“
verurteilt worden, auch war zu lesen, man habe ihn bei lebendigem Leib
einer Meute ausgehungerter Hunde zum Fraß vorgeworfen. Der Nordkoreaexperte
Bruce Cumings meint zu Recht, die Volksrepublik treibe alle
journalistischen Berichterstatter zur Verzweiflung.
Das spektakuläre Schnellverfahren – das Fernsehen zeigte Aufnahmen von Jang
Song Thaeks Verhaftung während einer Sitzung des Politbüros – legt den
Schluss nahe, dass sich am nordkoreanischen Justizsystem nichts geändert
hat. Tatsächlich werden Angeklagte immer noch von ihren eigenen
Verteidigern verleumdet, die dem Gericht in der Regel noch für das Urteil
danken. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass heute niemand mehr ohne
Prozess ins Gefängnis wandert. Im Oktober 2013 befanden sich mehrere
Gerichte „im Umbau“, das heißt: stillgelegt in Erwartung von
Gesetzesänderungen. Noch aufschlussreicher ist eine Meldung der
südkoreanischen Presseagentur Yonhap, wonach zwei der sechs größten
Straflager geschlossen werden sollen.
Entgegen der landläufigen Meinung ist das Regime in der Demokratischen
Volksrepublik Korea (DVRK) kein einheitlicher Block. Eher könnte man es als
„monolithische Polykratie“ bezeichnen, wobei dieses Wortungetüm zugleich
die inneren Risse in diesem Staatsgebilde benennt. Eines Staats, der in den
1990er Jahren außerstande war, seine Bevölkerung zu ernähren, der immer
noch eine hochgerüstete Festung darstellt, der Sonderwirtschaftszonen und
Kleinstunternehmen zugelassen hat und der von Konflikten zwischen den
staatlichen Organen erschüttert wird.
Die eigentliche Krankheit ist die Degeneration der öffentlichen Verwaltung.
An erster Stelle ist hier die Behörde zu nennen, die in den Jahren der
Hungersnot damit betraut war, 60 Prozent der Bevölkerung mit Lebensmitteln
zu versorgen. Zwischen 1995 und 1997 (die Nordkoreaner nennen diese Periode
den „harten Marsch“) sind nach den verschiedenen Schätzung zwischen 3 und
13 Prozent der Bevölkerung gestorben. Das Regime demonstrierte spätestens
damals – 25 Jahre nach seiner Entstehung –, dass es unfähig war, die
grundlegendsten Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen.
Natürlich kann die Führung in Pjöngjang die Schuld auf die „amerikanische
Aggression“ schieben, also das Embargo, das nach den Raketentests des
vergangenen Jahres noch verschärft wurde. Denn das zeigt zweifellos
Wirkung: Selbst China, Pjöngjangs einziger Verbündeter, veröffentlichte
letzten Oktober eine lange Liste von Produkten, die nicht nach Nordkorea
exportiert werden dürfen. Wenige Tage später zeigte der nordkoreanische
Fernsehsender Mansudae TV eine kanadische Dokumentation über
Produktfälschungen – vornehmlich chinesischer Provenienz.
Die Bevölkerung steht solchen Rechtfertigungsversuchen des Regimes und
seiner Monopolmedien skeptisch gegenüber. Die Nordkoreaner vergleichen die
Zeit des „harten Marsches“ mit einem Krieg und seinen Begleiterscheinungen:
Hunger, Zusammenbruch der öffentlichen Versorgung, Schwarzhandel. Damals
ging es in den Hungerregionen – insbesondere im Osten des Landes – um das
nackte Überleben. Sämtliche verfügbaren Ressourcen wurden geplündert und
auf dem Schwarzmarkt verkauft oder ins Ausland geschmuggelt.[1]Viele
Fabriken, die mangels Stromversorgung der Reihe nach schließen mussten,
wurden abgerissen, öffentliche Gebäude demontiert, das Metall tauschte man
in China gegen Lebensmittel ein. Die staatliche Kontrolle, bis hin zur
Polizeipräsenz, war deutlich geschwächt. Viele Flüchtlinge berichteten,
dass Strafurteile wegen Schwarzhandel und unerlaubter
Grenzübertrittsversuche immer seltener wurden.
Ganz sicher wird irgendwann einmal herauskommen, was zu dieser Zeit
wirklich geschehen ist – und wie damals traditionelle Strukturen wieder
auflebten und Funktionen des ohnmächtigen Staats übernahmen. Solange diese
Aufarbeitung ausbleibt, existiert diese Periode lediglich in den
Fernsehbildern, die immer wieder über die Mattscheibe flimmern:
stillgelegte Fabriken, Wohnungen ohne Strom, verwüstete Felder. Wie aus
Kriegsfilmen. Was wiederum suggeriert: Damals gab es einen Feind, doch von
jetzt an wird alles besser.
Aber wie lässt sich erklären, dass das Regime es für nötig hält, eines
seiner einflussreichsten Mitglieder zu verhaften und umzubringen? Ist das
ein Zeichen von Stärke oder von Schwäche? Um die Kämpfe innerhalb des
nordkoreanischen Machtapparats zu verstehen, muss man zuallererst die
Klischeevorstellung aufgeben, dass sich hier ein konservatives und ein
reformorientiertes Lager gegenüberstehen. Denn „Reformer“ sind sie
inzwischen alle. Selbst jeder Holzkopf von Bürokrat weiß inzwischen, dass
die offiziellen Sprüche völlig wirkungslos bleiben.
Seit dem „harten Marsch“ hört bei den offiziellen Parolen keiner mehr hin.
Und niemand glaubt mehr den Reden, die das Blaue vom Himmel versprechen. Ab
und zu mag noch die reanimierte nationalistische Rhetorik funktionieren,
die entweder darauf verweist, dass es im Norden keine fremden Truppen, wohl
aber Bataillone der U.S. Army im Süden gibt, oder aber die eigene
Opferrolle beschwört (interessanterweise stellen alle koreanischen
Geschichtsbücher – im Süden wie im Norden – das Land stets als Opfer
ausländischer Angreifer dar). Aber solche Parolen genügen nicht oder nicht
mehr, um die Bevölkerung zu erreichen. Das geht nur mit gut gefüllten
Ladenregalen.
Bei den aktuellen Fraktionskämpfen geht es weniger um die Kontrolle des
Machtapparats als um die Frage, in welche Richtung sich das Land künftig
entwickeln soll. Kim Il Sung war der „Vater der Nation“, sein Sohn Kim Jong
Il gab den Reformer. Der Enkel Kim Jong Un kann sich nur in diese
Traditionslinie stellen, denn darauf beruht seine ganze
Legitimation.[2]Doch wenn sein wirtschaftlicher Erfolg von Dauer sein soll,
darf er sich nicht auf eine bessere Verteilung der Waren beschränken.
Wenn man aus Nordkorea in die westliche Welt zurückkehrt, fällt es überaus
schwer, eine Vorstellung vom Wirtschaftsschub des Landes zu vermitteln.
Jeder hat noch die apokalyptischen Bilder der Hungersnot im Kopf, obwohl
sich die Lage seitdem stetig verbessert hat. Insbesondere in den
vergangenen Monaten hat sich dieser Prozess noch einmal beschleunigt: Die
Regale in den Geschäften sind gut gefüllt, und auch die Stromversorgung
klappt wieder. Die turmhohen Wohnblöcke am Stadtrand, die letztes Jahr
völlig dunkel waren, sind jetzt die ganze Nacht über erleuchtet.
## Betonköpfe und Marktreformer
Die Staatsspitze hat die Wirtschaftstätigkeit auf allen Ebenen
vorangetrieben. Zuerst wurden die Betriebe im ländlichen Raum neu
strukturiert, dass heißt die Produktionseinheiten auf die Größe familiär
geprägter Dörfer reduziert. Diese Maßnahme sollte die Produktion wieder
ankurbeln – und sie war erfolgreich. Gleichzeitig garantierte Kim Jong Un
der Armee (mit rund einer Million Soldaten), dass ihre wirtschaftlichen und
finanziellen Interessen unangetastet bleiben. Im Gegenzug konnte er vom
offiziellen Slogan „die Armee zuerst“ abrücken, mit dem die gigantischen
Militärausgaben gerechtfertigt wurden. Die militärische Klasse wahrt also
ihre Privilegien, verpflichtet sich jedoch zu Neutralität gegenüber der
neuen Politik.
Der eigentliche Konflikt spielt sich zwischen den Reformern nach
chinesischem Vorbild (Markt plus Einheitspartei) und den Verfechtern des
Einparteienstaats alten Stils ab. Erstere setzen auf eine Art Flucht nach
vorn mittels Konsum. Und die ist bereits im Gang: Pjöngjangs Läden sind
gefüllt, alle Städter treiben Handel, an der chinesischen Grenze blühen die
Geschäfte, die drei Sonderwirtschaftszonen (siehe Karte) gewinnen an
Bedeutung. Die Anhänger des Einparteienstaats, die durch die Hungersnot
völlig diskreditiert sind, sind nicht unbedingt gegen Reformen, wohl aber
gegen eine Entwicklung, die sie ihre Machtpositionen kosten könnte. Noch
ist Kim Jong Un im Vorteil, aber das Spiel hat gerade erst begonnen.
Bislang gibt es für die neuen Geschäftspraktiken noch keinerlei rechtliche
Basis. Es ist ein Drahtseilakt ohne Netz.
Kim Jong Un hütet sich, wie schon sein Vater, die alte Garde zu verprellen,
stellt ihr aber gleichzeitig junge Führungskräfte zur Seite. So hat er
„Zweitministerien“ etabliert, die die notorisch ineffizienten Behörden
unterstützen und Experten beschäftigen sollen, etwa im Agrarsektor. Mit dem
neuen Ministerium für die „Bewahrung“ des Landes und der Wälder bekennt
sich der Staat erstmals offiziell zum Naturschutz.
Wie ist angesichts dieser Konstellation die Ausschaltung von Jang Song
Thaek zu interpretieren? War er zu chinafreundlich eingestellt? Es wäre
nicht das erste Mal, dass das Regime eine bestimmte politische Tendenz
unterstützt, um eine andere zu bekämpfen, nur um diese danach ebenso zu
vernichten. Jede übermäßige Abhängigkeit von einem Drittland stellt für
Pjöngjang eine politische Bedrohung dar, weil die nationale Unabhängigkeit
fast die einzige ideologische Planke ist, die noch einigermaßen trägt.
Jedenfalls entwickelt sich der Handel mit China in atemberaubendem Tempo:
2011 wuchs das Volumen um 62,5 Prozent auf 5,63 Milliarden US-Dollar.[3]Im
August 2012 empfahl Chinas Vizehandelsminister Chen Jian den Unternehmen
seines Landes, in Nordkorea zu investieren – übrigens bei einem
Pekingbesuch des inzwischen hingerichteten Jang Song Thaek.
Die Liste der Handelspartner wird auch immer länger: Sie reicht von Indien
über Ägypten und Indonesien bis Thailand. Dank der Sonderwirtschaftszone
Kaesong rangiert Südkorea sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten
weiterhin auf Platz zwei, obwohl Kim Jong Un die Zone von April bis
September 2013 durch Sperrung stillgelegt hatte. Trotz eines Rückgangs um
10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr belief sich das Handelsvolumen zwischen
den beiden Koreas 2013 auf 1,71 Milliarden Dollar. Und südkoreanische
Unternehmer sind sehr um weitere Vertragsabschlüsse mit dem Norden bemüht.
Was eine weitere Öffnung betrifft, so kann man durchaus optimistisch sein.
Denn jeder Rückschritt in Richtung Isolationismus würde den Interessen
Chinas und damit des größten Investors zuwiderlaufen, aber auch im eigenen
Land auf Ablehnung stoßen. Das Regime hat alle seine Trümpfe bereits
verspielt. Jetzt bleibt ihm als letzte Karte nur noch der Konsum.
Als Erstes hat Pjöngjang die Entwicklung des Energiesektors vorangetrieben.
Die veraltete Agrarpolitik und die Abholzung der Wälder während der Krise
hatten zu schweren Überschwemmungen beigetragen, die Straßen und Bergwerke
zerstörten. Gerade der Bergbau war aber die ökonomische Basis des Nordens,
der bis 1975 entwickelter war als der Süden.
Dank der Hilfen aus Peking konnten die Überschwemmungsschäden größtenteils
behoben werden, wenngleich nicht ohne Schwierigkeiten. Die Minen
trockenzulegen hat viel Zeit und Geld gekostet, erklärten uns chinesische
Ingenieure vor Ort, zumal die technische Infrastruktur der Bergwerke völlig
veraltet war.
Um das Energieproblem anzugehen, wurden neue Ölbohrungen südwestlich von
Sinuiju im Grenzgebiet zu China vorgenommen (hier und bei weiteren
Bohrungen mit chinesischer, südkoreanischer und japanischer Hilfe). Auch
der Bau vieler kleiner Staudämme hat die Stromversorgung verbessert. Die
vermehrte Kooperation lässt sich zudem an der steigenden Zahl der Flüge
zwischen Pjöngjang und dem chinesischen Shenyang ablesen. Nordkorea hat
seine Energiesituation also wieder normalisiert. Dies ist ein
unerlässlicher erster Schritt. Doch um die Industrieproduktion wieder
anzukurbeln, sind Kapitalzuflüsse in ganz anderer Größenordnung
erforderlich.
Die zweite Maßnahme war eine Agrarreform. Nach Einschätzung von NGOs sind
die schwerwiegendsten Probleme in diesem Bereich inzwischen gelöst. Diese
haben allerdings erhebliche Mühe, die großen internationalen
Hilfsorganisationen dazu zu bringen, ihre Nahrungsmittelhilfe einzustellen
– selbst auf die Gefahr hin, dass die Produktion kurzfristig aus dem
Gleichgewicht gerät. Stattdessen sollte man Kooperationsformen wie mit
anderen Entwicklungsländern entwickeln. Die ersten Reformen, die auf
private – statt staatlich gelenkte – Märkte setzen, sind in Gang gekommen.
Das bedeutet auch eine Absage an die landwirtschaftlichen
Kollektivbetriebe, deren Tentakeln früher alle Initiativen abgewürgt haben.
Schwieriger wird der Aufbau privater Unternehmen, die Angestellte
beschäftigen dürfen. Denn ein großer Teil der Menschen arbeitet nach wie
vor in der Landwirtschaft. Genaue Zahlen gibt es zwar nicht, doch für die
Arbeit eines Bauern in Europa, der alle Mittel einer technisierten
Landwirtschaft einsetzt, dürften in Nordkorea immer noch Hunderte von
Feldarbeitern nötig sein. Zur Zeit des „harten Marsches“ und der großen
Überschwemmungen musste die ganze Bevölkerung – auch die höheren Kader –
beim Wiederaufbau der Straßen anpacken. Neuen Asphalt gab es nicht. Selbst
in Pjöngjang wurde alter Straßenschutt gesammelt, um ihn auf Heizplatten
weich zu kochen. Diese Masse wurde dann mittels Hämmern und Löffeln in die
Risse und Löcher gestopft. Geschichten wie diese zeigen, welche
Herausforderung die (Re-)Mechanisierung des Landes darstellt.
Ein weiteres Mittel der Wirtschaftsförderung stellt die begrenzte
Liberalisierung des Kleinhandels dar. Seit einigen Jahren gehören „freie
Märkte“ zum Landschaftsbild, für das ganze Land wird ihre Zahl auf 300
geschätzt.[4]. Einer der größten ist der Tongil-Markt in Pjöngjang.
Fotografieren ist hier allerdings nach wie vor streng verboten. Parallel zu
diesen Märkten entwickeln sich immer schneller auch andere Strukturen, die
allerdings keinen offiziellen oder jedenfalls keinen öffentlichen Status
haben und daher schwer zu beschreiben sind.
Die große Schwachstelle in der Versorgung ist nach wie vor der
Lebensmittelsektor, insbesondere im Bereich Frischwaren. Ansonsten ist auf
den Märkten in Pjöngjangs alles zu haben: Kleidung, Kosmetika,
Haushaltsgeräte, Handys, Fahrräder und vieles mehr. Die angebotenen Waren
sind angesichts der moderaten Preise keineswegs nur für die nordkoreanische
Nomenklatura erschwinglich. Zudem wird die nationale Währung inzwischen
frei gehandelt, so dass jeder Devisenbesitzer sein Geld in Won umtauschen
kann.
In jedem Kaufhaus und jedem Hotel gibt es eine Wechselstube, die jeweils
zum Tageskurs umtauscht. Damit wird jeder Schwarzmarkt im Keim erstickt.
Zwar gibt es auf den Märkten hier und da die Möglichkeit, schwarz zu
tauschen. Aber das Angebot kommt meist von Händlern, die für den Kauf von
Importwaren oder besonderen Qualitätsprodukten Devisen benötigen; es geht
ihnen also nicht darum, durch Ausnutzung von Kursschwankungen Geld zu
verdienen. Inzwischen haben sich sogar florierende Luxusboutiquen
etabliert, und zwar vorzugsweise in Neubauten mit Restaurants und Sauna. An
Devisen sind alle möglichen Währungen im Umlauf, und fast jede wird
akzeptiert.
## Kleiner Grenzverkehr mit Waren im Gepäck
Viele Läden bewegen sich in einer öffentlich-privaten Grauzone. Was sie
genau sind, lässt sich schon an den Auslagen ablesen: Wenn
Qualitätsprodukte angeboten werden, hat man es in der Regel mit einem
Privatgeschäft zu tun. In den meisten Fällen gehören die Geschäfte
offiziell zwar nach wie vor dem Staat. Doch das ist, wie der Historiker und
Nordkoreaexperte Andrei Lankow erklärt, lediglich eine „legal fiction“ –
ein Scheinarrangement, um formell das Gesetz zu wahren.[5]
Unweit der Sonderwirtschaftszonen Hwanggumpyong und Rason liegen auf
chinesischer Seite die Grenzstädte Dandong und Yanji. Hier sieht man
zahlreiche Nordkoreaner, die Warenhandel betreiben, und zwar in
bescheidenen, im Wortsinne menschlichen Dimensionen: Sie kaufen und
verkaufen, was sie tragen können. Die chinesischen Städte haben sich wie
üblich rasch auf diesen kleinen Grenzverkehr eingestellt, der von den
Behörden gefördert wird. Übrigens auch in umgekehrter Richtung: In Dandong
fanden wir ein Reisebüro, das pro Jahr Reisen von 4 000 Chinesen nach
Nordkorea organisiert. Hier wird eine der Quellen sichtbar, aus denen
Pjöngjang das für den Aufschwung notwendige Kapital bezieht.
Auch weiter nördlich trifft man in der chinesischen Grenzstadt Ji’an viele
Nordkoreaner. Sie erzählen, dass sie hier einige Wochen oder Monate
arbeiten und dann mit ihrem Lohn nach Hause zurückkehren. Weniger
zugänglich sind ihre Landsleute, die das Regime im Rahmen eines staatlichen
Programms nach China schickt und die dort relativ frei leben und arbeiten
können. Deren Gehälter fließen allerdings großenteils direkt an den
nordkoreanischen Staat. Diese Gastarbeiter sind oft Holzfäller oder
Schneider, haben also Berufe, die Koreaner schon lange vor Gründung der
DVRK in der Mandschurei und in Sibirien ausgeübt haben.
Obwohl die Wirtschaft Nordkoreas eine gewisse Dynamik entfaltet, fällt es
der Führung schwer, ihrer Politik einen rechtlichen Rahmen zu geben. Der
Handel mit ausländischen Unternehmen wird fallweise auf lokaler Ebene
geregelt. Es gibt keine einzige Vorschrift, die den neuen wirtschaftlichen
Gegebenheiten entsprechen würde. Weil keine konkreten Alternativen
erarbeitet wurden, herrscht ein theoretischer Status quo. Einzig für die
Sonderwirtschaftszonen gilt ein umfangreicher Katalog an Vorschriften.
Dennoch kommt es häufig, berichtet die chinesischen Presse, zu Konflikten
mit den Unternehmen aus China, weil eine Schlichtungsinstanz nicht
vorgesehen ist.
Wenn sich Nordkorea dem Willen des großen Nachbarn völlig unterwerfen
würde, oder auch nur, wenn die nordkoreanische Bevölkerung diesen Eindruck
hätte, würde dies das sichere Ende des Regimes in Pjöngjang bedeuten. Das
wäre freilich auch der Fall, wenn ein längerer Stillstand eintreten würde.
Im Jahr 2009 hatte Pjöngjang, in Reaktion auf die Wirtschaftskrise, eine
kühne Finanz- und Steuerreform durchzusetzen versucht. Ein Großteil der
Sparvermögen wurde drastisch abgewertet und abkassiert. Dieses Geld war
objektiv wertlos, weil es zu der Zeit ohnehin nichts zu kaufen gab. Dennoch
begannen damals die Machtstrukturen zu wanken, die in der Vergangenheit
härteste Krisen unbeschadet überstanden hatten. Bei der städtischen
Mittelschicht stießen die Reformpläne Jang Song Thaeks auf massive
Ablehnung. Deshalb verschwanden die Reform und ihr Initiator (aber nicht
sein Team) binnen weniger Tage von der Bildfläche.
Kim Jong Un weiß also genau, was die Mittelschicht will und was nicht.
Immerhin handelt es sich um 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung: die höheren
Kader, die Großstadtbewohner und Arbeiter mit Kontakten ins Ausland. Deren
Wünschen und Vorstellungen will der neue Herrscher entsprechen. Gekleidet
wie sein Vater, frisiert wie sein Großvater, aber flankiert von einer
fotogenen Ehefrau (Tradition und Moderne) ist er unentwegt dabei, neue
Anlagen und Dienststellen einzuweihen.
Der junge Staatschef ist ein Kind des Systems. Vor seinem Machtantritt, war
er weitgehend unbekannt. Jetzt genießt er eine gewisse Popularität. Das
bekommt man ohne Weiteres mit, wenn man sich an einem Montag in Pjöngjang
in ein Café setzt. Während auf einem der zahlreichen öffentlichen Fernseher
die letzten Auftritte des Kim Jong Un wiederholt werden, verstummen nach
und nach die Gespräche. Und die Leute starren auf die Bildschirme, auf
denen der junge Diktator 45 Minuten lang pausenlos dabei ist,
Einweihungsakte zu zelebrieren oder eine seiner neuen großen Bauprojekte zu
inspizieren.
In Pjöngjang entstehen ständig neue Hochhäuser, Wohnblöcke,
Vergnügungsparks, Schwimmbäder und Krankenhäuser. Höchst aufschlussreich
ist ein Sonntagsspaziergang in einem der Parks von Pjöngjang oder der
Besuch eines Schwimmbads, wo man ganzen Busladungen von Landbewohnern
begegnet, die mit ihrer Arbeitsbrigade einem Tagesausflug in die Hauptstadt
machen, der abends mit einem Besuch des Arirang-Festivals[6]im Stadion
Erster Mai gekrönt wird.
Ist die DVRK womöglich der nächste asiatische Tigerstaat? Falls kein neuer
Richtungswechsel eintritt und sich in Nordkorea ein moderner Staat
herausbildet, ist das durchaus möglich. Derzeit erlebt das Land zum fünften
Mal einen wirtschaftlichen Entwicklungsschub – nach den Interventionen des
Auslands im 19. Jahrhundert, der japanischen Kolonialzeit, dem Aufbau des
sozialistischen Regimes und dem Wiederaufbau nach dem Koreakrieg. Für die
wirtschaftlichen und vor allem ideologischen und rechtlichen
Herausforderungen, vor denen Nordkorea heute steht, gibt es allerdings kein
historisches Vorbild.
14 Feb 2014
## AUTOREN
(DIR) Patrick Maurus
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