# taz.de -- Einkaufen in Nordkorea
       
       > Unter Kim Jong Un erlebt das Land einen bescheidenen Aufschwung von
       > Patrick Maurus
       
       Mitte Dezember letzten Jahres war Nordkorea wieder einmal in den
       Schlagzeilen: Innerhalb von vier Tagen wurde der Onkel von Staatschef Kim
       Jong Un verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Jang Song Thaek, mit 67
       Jahren für nordkoreanische Verhältnisse ein recht junger Politiker, galt
       als der zweite Mann des Regimes. In der Staatspresse wurden ihm
       „aufrührerische Taten“ vorgeworfen. Doch der genaue Grund der Anklage ist
       immer noch nicht bekannt, was auf einen politischen Prozess hindeutet. In
       westlichen Medien wurde spekuliert, Jang Song Thaek sei als „Ehebrecher“
       verurteilt worden, auch war zu lesen, man habe ihn bei lebendigem Leib
       einer Meute ausgehungerter Hunde zum Fraß vorgeworfen. Der Nordkoreaexperte
       Bruce Cumings meint zu Recht, die Volksrepublik treibe alle
       journalistischen Berichterstatter zur Verzweiflung.
       
       Das spektakuläre Schnellverfahren – das Fernsehen zeigte Aufnahmen von Jang
       Song Thaeks Verhaftung während einer Sitzung des Politbüros – legt den
       Schluss nahe, dass sich am nordkoreanischen Justizsystem nichts geändert
       hat. Tatsächlich werden Angeklagte immer noch von ihren eigenen
       Verteidigern verleumdet, die dem Gericht in der Regel noch für das Urteil
       danken. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass heute niemand mehr ohne
       Prozess ins Gefängnis wandert. Im Oktober 2013 befanden sich mehrere
       Gerichte „im Umbau“, das heißt: stillgelegt in Erwartung von
       Gesetzesänderungen. Noch aufschlussreicher ist eine Meldung der
       südkoreanischen Presseagentur Yonhap, wonach zwei der sechs größten
       Straflager geschlossen werden sollen.
       
       Entgegen der landläufigen Meinung ist das Regime in der Demokratischen
       Volksrepublik Korea (DVRK) kein einheitlicher Block. Eher könnte man es als
       „monolithische Polykratie“ bezeichnen, wobei dieses Wortungetüm zugleich
       die inneren Risse in diesem Staatsgebilde benennt. Eines Staats, der in den
       1990er Jahren außerstande war, seine Bevölkerung zu ernähren, der immer
       noch eine hochgerüstete Festung darstellt, der Sonderwirtschaftszonen und
       Kleinstunternehmen zugelassen hat und der von Konflikten zwischen den
       staatlichen Organen erschüttert wird.
       
       Die eigentliche Krankheit ist die Degeneration der öffentlichen Verwaltung.
       An erster Stelle ist hier die Behörde zu nennen, die in den Jahren der
       Hungersnot damit betraut war, 60 Prozent der Bevölkerung mit Lebensmitteln
       zu versorgen. Zwischen 1995 und 1997 (die Nordkoreaner nennen diese Periode
       den „harten Marsch“) sind nach den verschiedenen Schätzung zwischen 3 und
       13 Prozent der Bevölkerung gestorben. Das Regime demonstrierte spätestens
       damals – 25 Jahre nach seiner Entstehung –, dass es unfähig war, die
       grundlegendsten Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen.
       
       Natürlich kann die Führung in Pjöngjang die Schuld auf die „amerikanische
       Aggression“ schieben, also das Embargo, das nach den Raketentests des
       vergangenen Jahres noch verschärft wurde. Denn das zeigt zweifellos
       Wirkung: Selbst China, Pjöngjangs einziger Verbündeter, veröffentlichte
       letzten Oktober eine lange Liste von Produkten, die nicht nach Nordkorea
       exportiert werden dürfen. Wenige Tage später zeigte der nordkoreanische
       Fernsehsender Mansudae TV eine kanadische Dokumentation über
       Produktfälschungen – vornehmlich chinesischer Provenienz. 
       
       Die Bevölkerung steht solchen Rechtfertigungsversuchen des Regimes und
       seiner Monopolmedien skeptisch gegenüber. Die Nordkoreaner vergleichen die
       Zeit des „harten Marsches“ mit einem Krieg und seinen Begleiterscheinungen:
       Hunger, Zusammenbruch der öffentlichen Versorgung, Schwarzhandel. Damals
       ging es in den Hungerregionen – insbesondere im Osten des Landes – um das
       nackte Überleben. Sämtliche verfügbaren Ressourcen wurden geplündert und
       auf dem Schwarzmarkt verkauft oder ins Ausland geschmuggelt.[1]Viele
       Fabriken, die mangels Stromversorgung der Reihe nach schließen mussten,
       wurden abgerissen, öffentliche Gebäude demontiert, das Metall tauschte man
       in China gegen Lebensmittel ein. Die staatliche Kontrolle, bis hin zur
       Polizeipräsenz, war deutlich geschwächt. Viele Flüchtlinge berichteten,
       dass Strafurteile wegen Schwarzhandel und unerlaubter
       Grenzübertrittsversuche immer seltener wurden.
       
       Ganz sicher wird irgendwann einmal herauskommen, was zu dieser Zeit
       wirklich geschehen ist – und wie damals traditionelle Strukturen wieder
       auflebten und Funktionen des ohnmächtigen Staats übernahmen. Solange diese
       Aufarbeitung ausbleibt, existiert diese Periode lediglich in den
       Fernsehbildern, die immer wieder über die Mattscheibe flimmern:
       stillgelegte Fabriken, Wohnungen ohne Strom, verwüstete Felder. Wie aus
       Kriegsfilmen. Was wiederum suggeriert: Damals gab es einen Feind, doch von
       jetzt an wird alles besser.
       
       Aber wie lässt sich erklären, dass das Regime es für nötig hält, eines
       seiner einflussreichsten Mitglieder zu verhaften und umzubringen? Ist das
       ein Zeichen von Stärke oder von Schwäche? Um die Kämpfe innerhalb des
       nordkoreanischen Machtapparats zu verstehen, muss man zuallererst die
       Klischeevorstellung aufgeben, dass sich hier ein konservatives und ein
       reformorientiertes Lager gegenüberstehen. Denn „Reformer“ sind sie
       inzwischen alle. Selbst jeder Holzkopf von Bürokrat weiß inzwischen, dass
       die offiziellen Sprüche völlig wirkungslos bleiben.
       
       Seit dem „harten Marsch“ hört bei den offiziellen Parolen keiner mehr hin.
       Und niemand glaubt mehr den Reden, die das Blaue vom Himmel versprechen. Ab
       und zu mag noch die reanimierte nationalistische Rhetorik funktionieren,
       die entweder darauf verweist, dass es im Norden keine fremden Truppen, wohl
       aber Bataillone der U.S. Army im Süden gibt, oder aber die eigene
       Opferrolle beschwört (interessanterweise stellen alle koreanischen
       Geschichtsbücher – im Süden wie im Norden – das Land stets als Opfer
       ausländischer Angreifer dar). Aber solche Parolen genügen nicht oder nicht
       mehr, um die Bevölkerung zu erreichen. Das geht nur mit gut gefüllten
       Ladenregalen.
       
       Bei den aktuellen Fraktionskämpfen geht es weniger um die Kontrolle des
       Machtapparats als um die Frage, in welche Richtung sich das Land künftig
       entwickeln soll. Kim Il Sung war der „Vater der Nation“, sein Sohn Kim Jong
       Il gab den Reformer. Der Enkel Kim Jong Un kann sich nur in diese
       Traditionslinie stellen, denn darauf beruht seine ganze
       Legitimation.[2]Doch wenn sein wirtschaftlicher Erfolg von Dauer sein soll,
       darf er sich nicht auf eine bessere Verteilung der Waren beschränken.
       
       Wenn man aus Nordkorea in die westliche Welt zurückkehrt, fällt es überaus
       schwer, eine Vorstellung vom Wirtschaftsschub des Landes zu vermitteln.
       Jeder hat noch die apokalyptischen Bilder der Hungersnot im Kopf, obwohl
       sich die Lage seitdem stetig verbessert hat. Insbesondere in den
       vergangenen Monaten hat sich dieser Prozess noch einmal beschleunigt: Die
       Regale in den Geschäften sind gut gefüllt, und auch die Stromversorgung
       klappt wieder. Die turmhohen Wohnblöcke am Stadtrand, die letztes Jahr
       völlig dunkel waren, sind jetzt die ganze Nacht über erleuchtet.
       
       ## Betonköpfe und Marktreformer
       
       Die Staatsspitze hat die Wirtschaftstätigkeit auf allen Ebenen
       vorangetrieben. Zuerst wurden die Betriebe im ländlichen Raum neu
       strukturiert, dass heißt die Produktionseinheiten auf die Größe familiär
       geprägter Dörfer reduziert. Diese Maßnahme sollte die Produktion wieder
       ankurbeln – und sie war erfolgreich. Gleichzeitig garantierte Kim Jong Un
       der Armee (mit rund einer Million Soldaten), dass ihre wirtschaftlichen und
       finanziellen Interessen unangetastet bleiben. Im Gegenzug konnte er vom
       offiziellen Slogan „die Armee zuerst“ abrücken, mit dem die gigantischen
       Militärausgaben gerechtfertigt wurden. Die militärische Klasse wahrt also
       ihre Privilegien, verpflichtet sich jedoch zu Neutralität gegenüber der
       neuen Politik.
       
       Der eigentliche Konflikt spielt sich zwischen den Reformern nach
       chinesischem Vorbild (Markt plus Einheitspartei) und den Verfechtern des
       Einparteienstaats alten Stils ab. Erstere setzen auf eine Art Flucht nach
       vorn mittels Konsum. Und die ist bereits im Gang: Pjöngjangs Läden sind
       gefüllt, alle Städter treiben Handel, an der chinesischen Grenze blühen die
       Geschäfte, die drei Sonderwirtschaftszonen (siehe Karte) gewinnen an
       Bedeutung. Die Anhänger des Einparteienstaats, die durch die Hungersnot
       völlig diskreditiert sind, sind nicht unbedingt gegen Reformen, wohl aber
       gegen eine Entwicklung, die sie ihre Machtpositionen kosten könnte. Noch
       ist Kim Jong Un im Vorteil, aber das Spiel hat gerade erst begonnen.
       Bislang gibt es für die neuen Geschäftspraktiken noch keinerlei rechtliche
       Basis. Es ist ein Drahtseilakt ohne Netz.
       
       Kim Jong Un hütet sich, wie schon sein Vater, die alte Garde zu verprellen,
       stellt ihr aber gleichzeitig junge Führungskräfte zur Seite. So hat er
       „Zweitministerien“ etabliert, die die notorisch ineffizienten Behörden
       unterstützen und Experten beschäftigen sollen, etwa im Agrarsektor. Mit dem
       neuen Ministerium für die „Bewahrung“ des Landes und der Wälder bekennt
       sich der Staat erstmals offiziell zum Naturschutz.
       
       Wie ist angesichts dieser Konstellation die Ausschaltung von Jang Song
       Thaek zu interpretieren? War er zu chinafreundlich eingestellt? Es wäre
       nicht das erste Mal, dass das Regime eine bestimmte politische Tendenz
       unterstützt, um eine andere zu bekämpfen, nur um diese danach ebenso zu
       vernichten. Jede übermäßige Abhängigkeit von einem Drittland stellt für
       Pjöngjang eine politische Bedrohung dar, weil die nationale Unabhängigkeit
       fast die einzige ideologische Planke ist, die noch einigermaßen trägt.
       
       Jedenfalls entwickelt sich der Handel mit China in atemberaubendem Tempo:
       2011 wuchs das Volumen um 62,5 Prozent auf 5,63 Milliarden US-Dollar.[3]Im
       August 2012 empfahl Chinas Vizehandelsminister Chen Jian den Unternehmen
       seines Landes, in Nordkorea zu investieren – übrigens bei einem
       Pekingbesuch des inzwischen hingerichteten Jang Song Thaek.
       
       Die Liste der Handelspartner wird auch immer länger: Sie reicht von Indien
       über Ägypten und Indonesien bis Thailand. Dank der Sonderwirtschaftszone
       Kaesong rangiert Südkorea sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten
       weiterhin auf Platz zwei, obwohl Kim Jong Un die Zone von April bis
       September 2013 durch Sperrung stillgelegt hatte. Trotz eines Rückgangs um
       10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr belief sich das Handelsvolumen zwischen
       den beiden Koreas 2013 auf 1,71 Milliarden Dollar. Und südkoreanische
       Unternehmer sind sehr um weitere Vertragsabschlüsse mit dem Norden bemüht.
       
       Was eine weitere Öffnung betrifft, so kann man durchaus optimistisch sein.
       Denn jeder Rückschritt in Richtung Isolationismus würde den Interessen
       Chinas und damit des größten Investors zuwiderlaufen, aber auch im eigenen
       Land auf Ablehnung stoßen. Das Regime hat alle seine Trümpfe bereits
       verspielt. Jetzt bleibt ihm als letzte Karte nur noch der Konsum.
       
       Als Erstes hat Pjöngjang die Entwicklung des Energiesektors vorangetrieben.
       Die veraltete Agrarpolitik und die Abholzung der Wälder während der Krise
       hatten zu schweren Überschwemmungen beigetragen, die Straßen und Bergwerke
       zerstörten. Gerade der Bergbau war aber die ökonomische Basis des Nordens,
       der bis 1975 entwickelter war als der Süden.
       
       Dank der Hilfen aus Peking konnten die Überschwemmungsschäden größtenteils
       behoben werden, wenngleich nicht ohne Schwierigkeiten. Die Minen
       trockenzulegen hat viel Zeit und Geld gekostet, erklärten uns chinesische
       Ingenieure vor Ort, zumal die technische Infrastruktur der Bergwerke völlig
       veraltet war.
       
       Um das Energieproblem anzugehen, wurden neue Ölbohrungen südwestlich von
       Sinuiju im Grenzgebiet zu China vorgenommen (hier und bei weiteren
       Bohrungen mit chinesischer, südkoreanischer und japanischer Hilfe). Auch
       der Bau vieler kleiner Staudämme hat die Stromversorgung verbessert. Die
       vermehrte Kooperation lässt sich zudem an der steigenden Zahl der Flüge
       zwischen Pjöngjang und dem chinesischen Shenyang ablesen. Nordkorea hat
       seine Energiesituation also wieder normalisiert. Dies ist ein
       unerlässlicher erster Schritt. Doch um die Industrieproduktion wieder
       anzukurbeln, sind Kapitalzuflüsse in ganz anderer Größenordnung
       erforderlich.
       
       Die zweite Maßnahme war eine Agrarreform. Nach Einschätzung von NGOs sind
       die schwerwiegendsten Probleme in diesem Bereich inzwischen gelöst. Diese
       haben allerdings erhebliche Mühe, die großen internationalen
       Hilfsorganisationen dazu zu bringen, ihre Nahrungsmittelhilfe einzustellen
       – selbst auf die Gefahr hin, dass die Produktion kurzfristig aus dem
       Gleichgewicht gerät. Stattdessen sollte man Kooperationsformen wie mit
       anderen Entwicklungsländern entwickeln. Die ersten Reformen, die auf
       private – statt staatlich gelenkte – Märkte setzen, sind in Gang gekommen.
       Das bedeutet auch eine Absage an die landwirtschaftlichen
       Kollektivbetriebe, deren Tentakeln früher alle Initiativen abgewürgt haben.
       
       Schwieriger wird der Aufbau privater Unternehmen, die Angestellte
       beschäftigen dürfen. Denn ein großer Teil der Menschen arbeitet nach wie
       vor in der Landwirtschaft. Genaue Zahlen gibt es zwar nicht, doch für die
       Arbeit eines Bauern in Europa, der alle Mittel einer technisierten
       Landwirtschaft einsetzt, dürften in Nordkorea immer noch Hunderte von
       Feldarbeitern nötig sein. Zur Zeit des „harten Marsches“ und der großen
       Überschwemmungen musste die ganze Bevölkerung – auch die höheren Kader –
       beim Wiederaufbau der Straßen anpacken. Neuen Asphalt gab es nicht. Selbst
       in Pjöngjang wurde alter Straßenschutt gesammelt, um ihn auf Heizplatten
       weich zu kochen. Diese Masse wurde dann mittels Hämmern und Löffeln in die
       Risse und Löcher gestopft. Geschichten wie diese zeigen, welche
       Herausforderung die (Re-)Mechanisierung des Landes darstellt.
       
       Ein weiteres Mittel der Wirtschaftsförderung stellt die begrenzte
       Liberalisierung des Kleinhandels dar. Seit einigen Jahren gehören „freie
       Märkte“ zum Landschaftsbild, für das ganze Land wird ihre Zahl auf 300
       geschätzt.[4]. Einer der größten ist der Tongil-Markt in Pjöngjang.
       Fotografieren ist hier allerdings nach wie vor streng verboten. Parallel zu
       diesen Märkten entwickeln sich immer schneller auch andere Strukturen, die
       allerdings keinen offiziellen oder jedenfalls keinen öffentlichen Status
       haben und daher schwer zu beschreiben sind.
       
       Die große Schwachstelle in der Versorgung ist nach wie vor der
       Lebensmittelsektor, insbesondere im Bereich Frischwaren. Ansonsten ist auf
       den Märkten in Pjöngjangs alles zu haben: Kleidung, Kosmetika,
       Haushaltsgeräte, Handys, Fahrräder und vieles mehr. Die angebotenen Waren
       sind angesichts der moderaten Preise keineswegs nur für die nordkoreanische
       Nomenklatura erschwinglich. Zudem wird die nationale Währung inzwischen
       frei gehandelt, so dass jeder Devisenbesitzer sein Geld in Won umtauschen
       kann.
       
       In jedem Kaufhaus und jedem Hotel gibt es eine Wechselstube, die jeweils
       zum Tageskurs umtauscht. Damit wird jeder Schwarzmarkt im Keim erstickt.
       Zwar gibt es auf den Märkten hier und da die Möglichkeit, schwarz zu
       tauschen. Aber das Angebot kommt meist von Händlern, die für den Kauf von
       Importwaren oder besonderen Qualitätsprodukten Devisen benötigen; es geht
       ihnen also nicht darum, durch Ausnutzung von Kursschwankungen Geld zu
       verdienen. Inzwischen haben sich sogar florierende Luxusboutiquen
       etabliert, und zwar vorzugsweise in Neubauten mit Restaurants und Sauna. An
       Devisen sind alle möglichen Währungen im Umlauf, und fast jede wird
       akzeptiert.
       
       ## Kleiner Grenzverkehr mit Waren im Gepäck
       
       Viele Läden bewegen sich in einer öffentlich-privaten Grauzone. Was sie
       genau sind, lässt sich schon an den Auslagen ablesen: Wenn
       Qualitätsprodukte angeboten werden, hat man es in der Regel mit einem
       Privatgeschäft zu tun. In den meisten Fällen gehören die Geschäfte
       offiziell zwar nach wie vor dem Staat. Doch das ist, wie der Historiker und
       Nordkoreaexperte Andrei Lankow erklärt, lediglich eine „legal fiction“ –
       ein Scheinarrangement, um formell das Gesetz zu wahren.[5]
       
       Unweit der Sonderwirtschaftszonen Hwanggumpyong und Rason liegen auf
       chinesischer Seite die Grenzstädte Dandong und Yanji. Hier sieht man
       zahlreiche Nordkoreaner, die Warenhandel betreiben, und zwar in
       bescheidenen, im Wortsinne menschlichen Dimensionen: Sie kaufen und
       verkaufen, was sie tragen können. Die chinesischen Städte haben sich wie
       üblich rasch auf diesen kleinen Grenzverkehr eingestellt, der von den
       Behörden gefördert wird. Übrigens auch in umgekehrter Richtung: In Dandong
       fanden wir ein Reisebüro, das pro Jahr Reisen von 4 000 Chinesen nach
       Nordkorea organisiert. Hier wird eine der Quellen sichtbar, aus denen
       Pjöngjang das für den Aufschwung notwendige Kapital bezieht.
       
       Auch weiter nördlich trifft man in der chinesischen Grenzstadt Ji’an viele
       Nordkoreaner. Sie erzählen, dass sie hier einige Wochen oder Monate
       arbeiten und dann mit ihrem Lohn nach Hause zurückkehren. Weniger
       zugänglich sind ihre Landsleute, die das Regime im Rahmen eines staatlichen
       Programms nach China schickt und die dort relativ frei leben und arbeiten
       können. Deren Gehälter fließen allerdings großenteils direkt an den
       nordkoreanischen Staat. Diese Gastarbeiter sind oft Holzfäller oder
       Schneider, haben also Berufe, die Koreaner schon lange vor Gründung der
       DVRK in der Mandschurei und in Sibirien ausgeübt haben.
       
       Obwohl die Wirtschaft Nordkoreas eine gewisse Dynamik entfaltet, fällt es
       der Führung schwer, ihrer Politik einen rechtlichen Rahmen zu geben. Der
       Handel mit ausländischen Unternehmen wird fallweise auf lokaler Ebene
       geregelt. Es gibt keine einzige Vorschrift, die den neuen wirtschaftlichen
       Gegebenheiten entsprechen würde. Weil keine konkreten Alternativen
       erarbeitet wurden, herrscht ein theoretischer Status quo. Einzig für die
       Sonderwirtschaftszonen gilt ein umfangreicher Katalog an Vorschriften.
       Dennoch kommt es häufig, berichtet die chinesischen Presse, zu Konflikten
       mit den Unternehmen aus China, weil eine Schlichtungsinstanz nicht
       vorgesehen ist.
       
       Wenn sich Nordkorea dem Willen des großen Nachbarn völlig unterwerfen
       würde, oder auch nur, wenn die nordkoreanische Bevölkerung diesen Eindruck
       hätte, würde dies das sichere Ende des Regimes in Pjöngjang bedeuten. Das
       wäre freilich auch der Fall, wenn ein längerer Stillstand eintreten würde.
       Im Jahr 2009 hatte Pjöngjang, in Reaktion auf die Wirtschaftskrise, eine
       kühne Finanz- und Steuerreform durchzusetzen versucht. Ein Großteil der
       Sparvermögen wurde drastisch abgewertet und abkassiert. Dieses Geld war
       objektiv wertlos, weil es zu der Zeit ohnehin nichts zu kaufen gab. Dennoch
       begannen damals die Machtstrukturen zu wanken, die in der Vergangenheit
       härteste Krisen unbeschadet überstanden hatten. Bei der städtischen
       Mittelschicht stießen die Reformpläne Jang Song Thaeks auf massive
       Ablehnung. Deshalb verschwanden die Reform und ihr Initiator (aber nicht
       sein Team) binnen weniger Tage von der Bildfläche.
       
       Kim Jong Un weiß also genau, was die Mittelschicht will und was nicht.
       Immerhin handelt es sich um 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung: die höheren
       Kader, die Großstadtbewohner und Arbeiter mit Kontakten ins Ausland. Deren
       Wünschen und Vorstellungen will der neue Herrscher entsprechen. Gekleidet
       wie sein Vater, frisiert wie sein Großvater, aber flankiert von einer
       fotogenen Ehefrau (Tradition und Moderne) ist er unentwegt dabei, neue
       Anlagen und Dienststellen einzuweihen.
       
       Der junge Staatschef ist ein Kind des Systems. Vor seinem Machtantritt, war
       er weitgehend unbekannt. Jetzt genießt er eine gewisse Popularität. Das
       bekommt man ohne Weiteres mit, wenn man sich an einem Montag in Pjöngjang
       in ein Café setzt. Während auf einem der zahlreichen öffentlichen Fernseher
       die letzten Auftritte des Kim Jong Un wiederholt werden, verstummen nach
       und nach die Gespräche. Und die Leute starren auf die Bildschirme, auf
       denen der junge Diktator 45 Minuten lang pausenlos dabei ist,
       Einweihungsakte zu zelebrieren oder eine seiner neuen großen Bauprojekte zu
       inspizieren.
       
       In Pjöngjang entstehen ständig neue Hochhäuser, Wohnblöcke,
       Vergnügungsparks, Schwimmbäder und Krankenhäuser. Höchst aufschlussreich
       ist ein Sonntagsspaziergang in einem der Parks von Pjöngjang oder der
       Besuch eines Schwimmbads, wo man ganzen Busladungen von Landbewohnern
       begegnet, die mit ihrer Arbeitsbrigade einem Tagesausflug in die Hauptstadt
       machen, der abends mit einem Besuch des Arirang-Festivals[6]im Stadion
       Erster Mai gekrönt wird.
       
       Ist die DVRK womöglich der nächste asiatische Tigerstaat? Falls kein neuer
       Richtungswechsel eintritt und sich in Nordkorea ein moderner Staat
       herausbildet, ist das durchaus möglich. Derzeit erlebt das Land zum fünften
       Mal einen wirtschaftlichen Entwicklungsschub – nach den Interventionen des
       Auslands im 19. Jahrhundert, der japanischen Kolonialzeit, dem Aufbau des
       sozialistischen Regimes und dem Wiederaufbau nach dem Koreakrieg. Für die
       wirtschaftlichen und vor allem ideologischen und rechtlichen
       Herausforderungen, vor denen Nordkorea heute steht, gibt es allerdings kein
       historisches Vorbild.
       
       14 Feb 2014
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Patrick Maurus
       
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