# taz.de -- Unser Kompass zeigt gen Süden
       
       > Fortschritte und Hindernisse auf dem Weg zur regionalen Integration
       > Südamerikas von Gerhard Dilger
       
       Die Analyse der US-Diplomaten ist erhellend: „Brasilianern kommt jede
       Präsenz oder Aktivität der USA in Südamerika verdächtig vor“, kabelte die
       Botschaft in Brasília am 25. November 2009 an das Außenministerium in
       Washington, und: „Brasilien hat ein fast neurotisches Bedürfnis, den USA
       ebenbürtig zu sein und als ebenbürtig gesehen zu werden.“ Hintergrund war
       die Sorge der brasilianischen Regierung über das von ihr als
       „problematisch“ erachtete US-kolumbianische Militärabkommen, das eine Krise
       zwischen Venezuela und Kolumbien ausgelöst hatte. Brasilianische
       Regierungsfunktionäre bedeuteten den US-Diplomaten, dass Südamerika auch in
       diesem Fall seine eigenen Probleme lieber im Rahmen des Staatenbunds Unasur
       (Union Südamerikanischer Nationen) lösen wolle.[1]
       
       Noch vor zehn Jahren wäre eine solche Depesche undenkbar gewesen – die
       südamerikanischen Regierungen der neunziger Jahre hatten sich allesamt dem
       neoliberalen Credo der letzten Jahrzehnte, dem „Washington Consensus“,
       unterworfen. Im Prinzip waren sie bereit, sich dem US-Projekt einer
       Freihandelszone von Alaska bis Feuerland (Alca) anzuschließen – dass es bis
       zur Jahrtausendwende nicht dazu kam, lag vor allem am Protektionismus
       Washingtons. Die Wirtschaftspolitik in der Region wurde von IWF und
       Weltbank vorgegeben, die wichtigste diplomatische Arena war die
       Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), in der die USA den Ton angeben.
       Eine schwere Finanzkrise hatte den Subkontinent fest im Griff, Ende 2001
       kam es zum Zusammenbruch Argentiniens.
       
       Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts hat sich die politische und
       wirtschaftliche Szenerie deutlich gewandelt: Mit der „rosaroten Welle“, die
       in Venezuela, Brasilien, Argentinien, Uruguay, Bolivien, Ecuador und
       Paraguay progressive Kandidaten an die Staatsspitze spülte und teilweise
       mehrfach bestätigte, kehrte das Primat des Politischen nach Südamerika
       zurück.
       
       Den Rohstoffboom zwischen 2003 und 2008 nutzten die Regierungen für
       ambitionierte Sozialprogramme, die Armut ging zurück, die Binnenmärkte
       wuchsen. Gegenüber ihrem ideologischen Antipoden George W. Bush grenzten
       sich die fortschrittlichen Staatschefs selbstbewusster ab denn je. Und in
       einem nie gekannten Ausmaß setzten sie auf regionale Zusammenarbeit – auch
       wenn dabei die institutionellen Fortschritte nur selten mit Rhetorik und
       Absichtserklärungen Schritt halten konnten.
       
       Der „Traum der Integration“, der sich bis in die Ära der
       Unabhängigkeitskriege gegen Spanien vor 200 Jahren zurückverfolgen lässt,
       habe sich nun in eine absolute Notwendigkeit verwandelt, sagt Uruguays
       Präsident José Mujica (seit 2010) immer wieder. „Entweder wir managen die
       Globalisierung – oder sie managt uns“, meint er, eine wirkliche Integration
       müsse aber weit über das Ökonomische hinausgehen und vor allem unter
       Beteiligung der Bevölkerung stattfinden.[2]
       
       Ganz ähnlich argumentiert Samuel Pinheiro Guimarães, einer der
       strategischen Köpfe der brasilianischen Außenpolitik und seit kurzem Hoher
       Generalvertreter des Mercosur. Für kein Land Südamerikas, auch nicht für
       Brasilien, sei eine individuelle Lösung machbar, vier Herausforderungen
       gelte es gemeinsam zu meistern: den Abbau der Kluft zwischen Arm und Reich,
       die Überwindung der Außenabhängigkeiten, die nachhaltige Nutzung des
       „außerordentlichen natürlichen Potenzials“ Südamerikas sowie die Umwandlung
       formal demokratischer Systeme in wirkliche Demokratien, in denen auch die
       bislang Ausgegrenzten mitreden.[3]
       
       In den spanischsprachigen Ländern, die in den 200-Jahr-Feiern seit 2009
       markanter Ereignisse der Unabhängigkeitskriege gedenken, wird häufig ein
       positiver Bogen zu den Emanzipationsbestrebungen der Gegenwart geschlagen.
       Gerade der venezolanische Staatschef Hugo Chávez (seit 1999) sieht sich so
       sehr als Erbe des „Libertadors“ Simón Bolívar (1783–1830), dass er den
       Kämpfer für die Unabhängigkeit mythisch überhöht und ihn für sein
       „sozialistisches“ Projekt reklamiert.
       
       In Wirklichkeit ist das Erbe jener Epoche durchaus ambivalent, verbesserte
       sich doch das Los der indigenen und schwarzen Bevölkerungsmehrheit
       keineswegs. Die Ideale der Französischen Revolution blieben uneingelöst,
       aber immerhin waren sie nun dauerhaft in der Agenda Lateinamerikas
       verankert.[4]Die politische Unabhängigkeit des 19. Jahrhunderts, so lautet
       der Konsens der Linken von Caracas bis Buenos Aires heute, müsse im 21.
       Jahrhundert durch ökonomische Eigenständigkeit mit sozialem Ausgleich
       erweitert werden, die „zweite“ Unabhängigkeit.
       
       Angeführt werden die Bemühungen um eine regionale Integration unter
       sozialen Vorzeichen von Brasilien, das rund die Hälfte der Fläche,
       Bevölkerung und Wirtschaftsleistung Südamerikas stellt. Exemplarisch
       verkörperte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (2003–2010) die
       Führungsrolle seines Landes, die mittlerweile selbst von den rechten
       Präsidenten Chiles und Kolumbiens anerkannt wird. Dass Brasilien auf dem
       Parkett der Weltpolitik selbstbewusster denn je die Rolle einer Macht
       spielt, die sich entgegen dem Status quo in multilateralen Gremien für die
       Interessen des „Südens“ einsetzt,[5]kommt auch seinen Nachbarn zugute. Für
       Kontinuität in dieser von der brasilianischen Rechten heftig attackierten
       Südausrichtung der Außenpolitik steht Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff
       (seit 2011). Innenpolitisch setzt sie jenen Kurs fort, den Marco Aurélio
       Garcia, seit 2003 außenpolitischer Chefberater im Präsidentenpalast, die
       „Sozialdemokratie des Südens“ nennt.[6]
       
       Zentral für die regionale Kooperation ist die Achse Brasília–Buenos Aires,
       ebenso für die seit 1991 bestehende Zollunion Mercosur mit den
       Vollmitgliedern Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Geschichte
       und Vorgeschichte des Mercosur zeigen aber auch, wie langsam das Projekt
       der Integration vorangeht. Zwar hat die jahrzehntelange Rivalität zwischen
       Brasilien und Argentinien mit dem Ende der Militärdiktaturen 1985
       allmählich einer „strategischen Partnerschaft“ Platz gemacht, doch zugleich
       ist die politische und wirtschaftliche Übermacht Brasiliens immer weiter
       gewachsen.
       
       Die kleineren Partner Paraguay und Uruguay haben noch mehr Grund, die
       „Asymmetrien“ des Mercosur zu beklagen, zu deren Milderung der – bescheiden
       ausgestattete – Regionalfonds Focem gegründet wurde. Die konservative
       Mehrheit im paraguayischen Kongress sträubt sich noch immer dagegen, den
       Ende 2006 beschlossenen Beitritt Venezuelas zu ratifizieren.
       
       Die Andengemeinschaft (Comunidad Andina de Naciones, CAN) hingegen, der um
       2006 die zehn Staaten Südamerikas angehörten oder assoziiert waren, wurde
       zweifach geschwächt: zunächst durch den Austritt Venezuelas 2006 und
       anschließend durch den Druck der EU. Auf den Widerstand Boliviens und
       Ecuadors gegen ein klassisches Freihandelsabkommen reagierte Brüssel, indem
       es separate Abkommen mit Peru und Kolumbien aushandelte, die 2010
       unterzeichnet wurden.
       
       Die historische Weichenstellung hin zur selbstbestimmten Integration
       Südamerikas fand im November 2005 auf dem Gipfel der Amerikas im
       argentinischen Mar del Plata statt. Unter der Führung von Lula da Silva und
       Néstor Kirchner (2003–2007) wurde das neoliberale Alca-Projekt begraben,
       von dem in erster Linie nordamerikanische Konzerne profitiert hätten. So
       war der Weg frei für die Unasur, die schließlich im Mai 2008 in Brasília
       gegründet wurde.
       
       ## Erste Feuerprobe für den neuen Staatenbund
       
       Wenige Monate später bestand der neue Staatenbund seine erste Feuerprobe:
       Einmütig stärkten die Präsidenten angesichts schwerer Unruhen in
       Ostbolivien auf einer Sondersitzung ihrem Kollegen Evo Morales (Präsident
       seit 2006) den Rücken und entschärften dadurch die Krise. Ähnlich schnell
       agierten sie im September 2010 angesichts des Putschversuchs gegen Rafael
       Correa (Präsident seit 2007) in Ecuador. Staatsstreiche in Lateinamerika,
       auch solche in anderer Form als im 20. Jahrhundert, sollen der
       Vergangenheit angehören.[7]
       
       Nach dem völkerrechtswidrigen Luftangriff Kolumbiens auf ein Lager der
       Farc-Guerilla auf ecuadorianischem Territorium im März 2008 trieb Brasilien
       die Gründung des Südamerikanischen Verteidigungsrats (CDS) voran, was
       zunächst in Bogotá auf wenig Gegenliebe stieß.[8]Mittlerweile jedoch löst
       sich der neue kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos (seit 2010) von
       der fast ausschließlichen Fixierung auf die USA und bekundet demonstrativ
       Interesse an regionalen Initiativen.
       
       Die brasilianische Regierung unterstellt vor allem den USA, aber auch
       europäischen Ländern, die natürlichen Ressourcen Südamerikas ausbeuten zu
       wollen. Es geht dabei um Amazonien, das riesige unterirdische
       Wasserreservoir Guaraní oder die jüngst entdeckten Erdölvorkommen vor der
       brasilianischen Atlantikküste. In diesem Zusammenhang registrierte Brasília
       die Reaktivierung der 4. US-Flotte für den Südatlantik 2008 mit großem
       Misstrauen.
       
       Man lehne den Vorstoß der USA ab, die Trennung von Nord- und Südatlantik
       aufzuheben, betonte Verteidigungsminister Nelson Jobim im November 2010.
       Die USA hätten die UN-Konvention zum Seerecht nicht unterzeichnet und
       redeten von „geteilter Souveränität“: „Was uns fragen lässt: Welche
       Souveränität wollen die USA teilen, ihre oder unsere?“ Die Europäer wies er
       auf deren Abhängigkeit von den USA in Sicherheitsfragen hin, der man
       definitiv nicht nacheifern wolle: „Keine südamerikanische Nation ist Teil
       eines regionalen Verteidigungsbündnisses, das sich anmaßt, auf der Basis
       unterschiedlichster Vorwände in irgendeinem Teil der Welt intervenieren zu
       können.“[9]
       
       Über den Verteidigungsrat wollen die Südamerikaner eine gemeinsame
       Sicherheitsarchitektur entwickeln und auch in der Rüstungsindustrie stärker
       zusammenarbeiten.[10]Daneben gibt es innerhalb der Unasur Räte zu Energie-
       und Gesundheitsfragen, Wirtschaft und Finanzen sowie zum Kampf gegen den
       Drogenhandel. Das Generalsekretariat wird im ecuadorianischen Quito gebaut,
       das Parlament im bolivianischen Cochabamba.
       
       Unasur ist sicher der vielversprechendste regionale Zusammenschluss, doch
       nicht der einzige. Über Südamerika hinaus reicht die im Februar 2010
       gebildete Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten –
       bislang vor allem ein Zeichen dafür, dass man gern auch ohne die USA und
       Kanada agieren möchte. Die Gründung ist ein weiterer Baustein für eine
       multilaterale Weltordnung, „Teil einer globalen und kontinentalen Wende,
       geprägt vom Niedergang der US-Hegemonie und dem Aufstieg einer Gruppe von
       Regionalblöcken, die dabei sind, ein neues globales Gleichgewicht zu
       bilden“.[11]Prominentes Mitglied ist Kuba, das auf Betreiben Washingtons
       1962 aus der OAS ausgeschlossen worden war. Die OAS büßt immer mehr an
       Bedeutung ein, ebenso der seit 1991 auf Betreiben Spaniens jährlich
       ausgerichtete Iberoamerikanische Gipfel. Die Handelsströme verschieben sich
       dramatisch in Richtung China.
       
       Als antikapitalistischer Zusammenschluss versteht sich die 2004 von Kuba
       und Venezuela gegründete „Bolivarianische Allianz für die Völker unseres
       Amerika/Handelsvertrag der Völker“ (Alba-TCP), der sich seither Bolivien,
       Ecuador, Nicaragua und die karibischen Inselstaaten Antigua und Barbuda,
       Dominica und St. Vincent und die Grenadinen angeschlossen haben; Honduras
       trat nach dem Putsch 2009 wieder aus. Alphabetisierungs- und
       Gesundheitsprogramme spielen eine wichtige Rolle, doch der zentrale Faktor,
       der das Bündnis wirtschaftlich zusammenhält und „solidarischen“ Handel
       ermöglicht, sind Venezuelas subventionierte Ölexporte. Albas Erfolg hängt
       von der Stabilität der venezolanischen Wirtschaft ab[12]– und die
       schwächelt. Ebenso wie Argentinien und Brasilien weiten die Alba-Staaten
       ihren Handel langsam unter Umgehung des US-Dollar aus, und zwar über die
       noch virtuelle Alba-Währung Sucre.
       
       Immer noch auf dem Papier steht die zwischen 2007 und 2009 gegründete „Bank
       des Südens“ (Banco del Sur), und zwar weniger aus technischen als aus
       politischen Gründen. Die Mitglieder Argentinien, Bolivien, Brasilien,
       Ecuador, Paraguay, Uruguay und Venezuela haben sich noch nicht auf das
       Profil der Entwicklungsbank verständigt. Die Ratifizierung durch die
       nationalen Parlamente steht noch aus, ebenso wenig sind die angekündigten
       20 Milliarden Dollar Startkapital in Sicht.
       
       Die brasilianische Entwicklungsbank BNDES hingegen vervierfachte seit 2005
       ihr Kreditvolumen, allein 2010 zahlte sie umgerechnet 96 Milliarden Dollar
       aus. Ihr Geld kommt vor allem brasilianischen Multis zugute, die damit auch
       in Nachbarländern unökologische Großprojekte umsetzen, etwa den Bau einer
       Fernstraße durch einen bolivianischen Nationalpark oder sechs
       Wasserkraftwerke im peruanischen Amazonasgebiet, deren Strom nach Brasilien
       exportiert werden soll.[13]
       
       Gerade im Hinblick auf die „physische Integration“ Südamerikas durch
       Infrastrukturprojekte sind die Kontinuitäten zur neoliberalen Ära größer,
       als die Rhetorik der fortschrittlichen Regierungen vermuten lässt. Es war
       Lulas Vorgänger Fernando Henrique Cardoso (1995–2002), der im August 2000
       zum ersten Südamerika-Gipfeltreffen überhaupt nach Brasília lud, um die
       Initiative für die Integration der regionalen Infrastruktur Südamerikas
       (IIRSA) auf den Weg zu bringen. Bislang voneinander auf dem Landweg
       isolierte Teile des Subkontinents sollen durch zehn Verkehrsachsen
       verbunden werden.
       
       Zu den größten Profiteuren gehören brasilianische Baufirmen sowie das
       Agrobusiness und Bergbaumultis, die dadurch Transportkosten für ihre
       Produkte, vor allem im Handel mit China, senken wollen. Im letzten
       Jahrzehnt hat sich der Anteil der unverarbeiteten Produkte in der
       Exportbilanz sogar drastisch erhöht, in Brasilien von 26,3 Prozent (2001)
       auf 44,6 Prozent (2010). Der Neoliberalismus ist nicht von
       binnenzentrierten oder gar ökosozialen Entwicklungskonzepten, sondern von
       einem „Neoextraktivismus“ abgelöst worden. Der Staat spielt dabei eine
       deutliche größere Rolle als früher, und so wird der Rohstoffexport nun mit
       einem progressiven Diskurs gerechtfertigt.[14]
       
       Den Brasilianern hat ihre übermächtige ökonomische Präsenz – ein weiteres
       Beispiel sind die brasilianischen Sojafarmen in Bolivien, Paraguay oder
       Uruguay – in den Nachbarländern den Ruf „neuer Imperialisten“ eingebracht.
       Und das, obwohl sich Brasília seit 2003 vermittelnd bei Konflikten zwischen
       den Multis und den Ansprüchen der Nachbarregierungen einschaltet, etwa als
       es um höhere Anteile an den Einkünften bei Erdöl- oder Erdgasprojekten in
       Ecuador und Bolivien ging; ebenso kam die brasilianische Regierung Paraguay
       entgegen, das für seinen überschüssigen Strom aus dem binationalen
       Itaipú-Wasserkraftwerk einen höheren Preis möchte. Doch insgesamt stockt
       die viel beschworene Energie-Integration; das Megaprojekt einer Gasleitung
       von Venezuela nach Argentinien wurde ad acta gelegt.
       
       Trotz der massiven Förderung brasilianischer Kapitalinteressen weht der
       Regierung stets der Gegenwind einheimischer Unternehmer ins Gesicht. Der
       Politologe und Verbandsfunktionär Christian Lohbauer bedauert in schöner
       Offenheit das Fehlen eines „subimperialistischen“ Projekts, über das die
       Nachbarländer gezielt von brasilianischen Produkten und Dienstleistungen
       abhängig gemacht werden sollten.[15]
       
       Wie sozial also ist die Integration in der Praxis und inwiefern erreicht
       sie die breite Bevölkerung? Ohne die starke Mobilisierung sozialer
       Bewegungen in den neunziger und frühen nuller Jahren wären die meisten
       linken Staatschefs wohl gar nicht im Amt. Massenproteste trugen erheblich
       zum Zusammenbruch der alten Regime in Venezuela, vor allem aber in Bolivien
       und Ecuador bei. Ungleich stabiler ist die Lage der traditionellen
       Oligarchien in Brasilien, Paraguay oder Uruguay. Überall gehen die
       Präsidenten – sei es aus machtpolitischem Pragmatismus, sei es aus
       Überzeugung – Allianzen oder Kompromisse mit zumindest Teilen der
       wirtschaftlich Mächtigen ein, strukturelle Reformen zur Umverteilung des
       Reichtums oder gar „Sozialismus“ stehen nicht auf der Tagesordnung.
       
       Basisgruppen, Bewegungen, Gewerkschaften und NGOs, die Protagonisten der
       Welt- und anderer Sozialforen, haben sich zur „Zivilgesellschaft“ vernetzt.
       Ihre Beziehungen zu den fortschrittlichen Regierungen sind kompliziert: Sie
       reichen von diversen Formen der Kooptierung, besonders in Brasilien und
       Argentinien, über kritische Solidarität bis hin zum offenen Bruch wie
       zwischen den ecuadorianischen Indigenen-Organisationen und Präsident
       Correa. Der geballten Staatsmacht können sie in keinem Land wirklich etwas
       entgegensetzen, in den Medien fristen sie ein Nischendasein.
       
       ## Bindungen durch Migration, Fußball und Kultur
       
       Oft greifen die Regierungen die Diskurse der Globalisierungskritiker auf,
       vor allem in Bolivien. Besonders gut ließ sich das auf dem alternativen
       Klimagipfel in Cochabamba im April 2010 beobachten, wo es den Aktivisten
       gelang, einige ihrer marktkritischen Positionen in der Abschlusserklärung
       unterzubringen. Doch die Kluft zu den Wachstumsaposteln in der Regierung
       war offensichtlich: So mussten die indigenen Kritiker der
       IIRSA-Infrastrukturprogramme und der extraktivistischen Großprojekte am
       Rande des offiziellen Programms tagen.[16]Auch die häufigen „Dialoge“
       zwischen Regierungsvertretern und Zivilgesellschaft bei solchen
       Großveranstaltungen oder bei manchen Präsidentengipfeln sind eine recht
       einseitige Angelegenheit, kontroverse Debatten sind nicht erwünscht.
       
       Integration an der Basis findet durch die Migrationsbewegungen statt.
       Bolivianer und Paraguayer arbeiten zu Hunderttausenden in São Paulo oder
       Buenos Aires, Kolumbianer sind aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen des
       Bürgerkriegs nach Venezuela oder Ecuador ausgewandert, Peruaner zieht es
       nach Chile. Millionen Brasilianer sind unter Lula in die Mittelschicht
       aufgestiegen, der Tourismus in die Nachbarstaaten boomt. Über den
       Spitzensport Fußball findet ein gewisser Austausch statt, und im Hinblick
       auf die Olympiade 2016 in Rio betrifft das immer mehr Breitensportarten.
       Dazu kommen Initiativen auf universitärer Ebene, die Förderung des
       Spanischen an brasilianischen Schulen, mehr Übersetzungen von
       spanischsprachigen Büchern ins brasilianische Portugiesisch und umkehrt,
       die größere regionale Verbreitung lateinamerikanischer Filme und Musik. Und
       der Mehrstaatensender Telesur mit Sitz in Caracas hat den berühmten
       Ausspruch des uruguayischen Künstlers Joaquín Torres García (1874–1949) zum
       Motto erkoren: „Nuestro Norte es el Sur“ (etwa: „Unser Kompass zeigt gen
       Süden“).
       
       Das alles sind kleine Schritte hin zu einer regionalen Identität, die nach
       jahrhundertelanger kolonialer und neokolonialer Dominanz nur langsam
       entwickelt werden kann. Zumal die Gegenkräfte immer noch übermächtig
       scheinen: Samuel Pinheiro Guimarães konstatiert in seinem Buch eine
       weitverbreitete „ideologische Verwundbarkeit“ und ein „kolonisiertes
       Bewusstsein“, das mit einer „breiten und wachsenden kulturellen Hegemonie
       des Auslands“ einhergehe.[17]
       
       Eine Zwischenbilanz der Integrationsbemühungen in Südamerika fällt daher
       notgedrungen gemischt aus. Einen auch institutionell gefestigten
       Regionalblock wie die EU oder gar die USA wird es auf absehbare Zeit nicht
       geben – das verhindert schon der fehlende Konsens zwischen dem
       progressiv-linksnationalistischen Lager und den nach wie vor an den USA und
       Europa ausgerichteten Liberalen und Konservativen. Diese Kluft zieht sich
       durch alle südamerikanischen Eliten, gerade auch in den „Führungsmächten“
       Argentinien und Brasilien. Hinzu kommt das breite ideologische Spektrum,
       das von den linken Regierungen Venezuelas oder Boliviens bis zu den
       eindeutig neoliberal ausgerichteten in Chile, Peru und Kolumbien reicht.
       Eine kulturelle Sonderstellung nehmen die drei Guayanas ein: das
       englischsprachige Guyana, Surinam und die Kolonialenklave
       Französisch-Guayana.
       
       Der frühere Unctad-Chef Rubens Ricupero vermisst „gemeinsame Werte und
       Ziele“, auf denen jede weitreichende Integration gründen müsse. Durch die
       politische Entwicklung der letzten Jahre sei die lange gültige „Option für
       die USA“ ebenso hinfällig geworden wie der Konsens darüber, wie die
       Gesellschaften zu organisieren seien, nämlich nach dem Vorbild westlicher
       Marktwirtschaften. Er folgert, zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei nur eine
       flexible, oberflächliche Integration möglich.[18]Was kein Manko sein muss,
       wie Brasiliens Verteidigungsminister Jobim in Rio betonte: Im Vergleich zur
       EU seien die südamerikanischen Integrationsprojekte weniger ehrgeizig,
       meint er, „doch deshalb sind sie nicht weniger erfolgreich bei der
       Aufrechterhaltung einer Atmosphäre des Friedens und der Zusammenarbeit“.
       Dafür steht eine Entscheidung der Unasur am 10. März 2011: Die Nachfolge
       des verstorbenen Unasur-Generalsekretärs Néstor Kirchner teilen sich zwei
       erfahrene Diplomaten aus Kolumbien und Venezuela: Ein Jahr amtiert die
       frühere kolumbianische Außenministerin María Emma Mejía, auf sie wird Alí
       Rodríguez folgen, derzeit noch Energieminister in Caracas.
       
       Die Integrationsbemühungen würden fortgesetzt, auch im
       Verteidigungsbereich, sagt Jobim, allerdings „ohne Souveränität an
       transnationale Organisationen abzutreten“. Historisch gesehen ist ein
       solches Beharren auf Eigenständigkeit – vor allem nach außen hin – ein
       großer Fortschritt.
       
       8 Apr 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gerhard Dilger
       
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