# taz.de -- Brasilien liebt Jesus
> Der Vormarsch der Evangelikalen in Politik, Gesellschaft und Medien von
> Lamia Oualalou
Wenn Marina bis Montag nicht klar Position bezieht, bekommt sie die
schlimmste Predigt zu hören, die ich jemals über einen
Präsidentschaftskandidaten gehalten habe.“ Mit dieser Nachricht, die Pastor
Silas Malafaia am Samstag, dem 30. August, auf Twitter postete, begann eine
der wichtigsten Auseinandersetzungen in der jüngsten politischen Geschichte
Brasiliens. Am Vorabend hatte Marina Silva, die Kandidatin der
Sozialistischen Partei (PSB), ihr Programm vorgestellt – und ein Tabu
gebrochen: Sie versprach die Ehe für alle.
Laut einem Urteil des Verfassungsgerichts ist die Homoehe bereits seit Mai
2013 möglich. Daran müssten sich Richter aber nicht unbedingt halten,
erklärt Jean Wyllys, der einzige offen schwule Parlamentarier: „Solange wir
kein Gesetz haben, sind unsere Rechte nicht geschützt.“ Marina Silva,
immerhin praktizierendes Mitglied der äußerst wertkonservativen
Pfingstkirche „Assembleia de Deus“, wollte offensichtlich zeigen, dass sie
bereit ist, ihre angekündigte „andere Politik“ auch wirklich umzusetzen.
Ein paar Stunden nach Malafaias Tweet ruderte sie jedoch zurück, und die
Begeisterung schlug in Empörung um. „Sie haben uns angelogen, Sie haben mit
der Hoffnung von Millionen Menschen gespielt; Sie verdienen das Vertrauen
des brasilianischen Volkes nicht“, schrieb ihr Wyllys. Er hatte zwar eine
andere Kandidatin unterstützt, aber das Wahlprogramm von Marina Silva
begrüßt. Vielleicht ist Silva doch zu streng evangelikal. Oder sie wollte
es sich mit den religiösen Wählern nicht verscherzen. Tatsächlich haben
sämtliche Kandidaten, auch die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff, einen
sogenannten Evangelikalenausschuss eingerichtet, um die Millionen Stimmen
dieser rasant wachsenden Gemeinden einzufangen.
Brasilien macht so etwas wie eine religiöse Revolution durch. 1970
bekannten sich noch 92 Prozent der Bevölkerung zum Katholizismus; 2010
waren es nur noch 64,6 Prozent. „Brasilien ist einzigartig: Es ist das
einzige große Land, das in so kurzer Zeit eine so tiefgreifende Veränderung
seiner religiösen Landschaft erlebt hat“, meint José Eustáquio Alves,
Demografieforscher an der Hochschule für Statistik (Escola Nacional de
Ciências Estatísticas, ENCE) in Rio de Janeiro. Die evangelikalen
protestantischen Kirchen haben sich extrem ausgebreitet, vor allem die
Pfingstgemeinden, während die Mitgliederzahlen der traditionellen
protestantischen Gemeinden (evangelisch- lutherisch, baptistisch oder
methodistisch) in etwa gleich blieben. Mit 123 Millionen Gläubigen bleibt
Brasilien dennoch das größte katholische Land der Welt. „Aber nicht mehr
lange“, meint Eustaquio Alves. Nach seinen Berechnungen werden die beiden
Konfessionen im Jahr 2030 gleichauf liegen.
Die Umwälzung spiegelt sich auch im Stadtbild wider, etwa auf dem
Cinelândia-Platz in Rio de Janeiro, der seinen Namen den großen
Lichtspielhäusern verdankt, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden.
Heute sind sie fast alle verschwunden. Anstelle von Filmstars leuchten
religiöse Slogans („Gott ist Liebe“) oder Kirchennamen („Universalkirche“,
„Weltkirche des Königreichs Gottes“) auf den Neontafeln. So sieht es nicht
nur in Rio, sondern auch in allen anderen Großstädten des Landes aus. Und
in den Vorstädten richten die Pfingstler überall, wo sich Platz dafür
findet, Betsäle ein, zum Beispiel zwischen einer Autowerkstatt und einer
Bar. Infolge des rasanten Städtewachstums hat sich die jahrhundertealte
Struktur mit Rathausplatz und Kirche aufgelöst. Die evangelikalen Kirchen
haben sich dieser Entwicklung angepasst – mit einer Beweglichkeit, „zu der
die Katholiken nicht in der Lage waren“, meint Cesar Romero Jacob,
Politologe an der katholischen Universität von Rio.
## Drei Baracken, eine Apotheke und ein Tempel
In Amazonien, dem sogenannten Wilden Westen Brasiliens, wird nicht nur
neues Agrarland erschlossen. Der französische Geograf Hervé Théry erzählt,
wie sich die Evangelikalen auch unter den Landbesetzern im Regenwald
etablieren: „Drei Wohnbaracken, eine Apotheke und ein Tempel; so fängt jede
neue Siedlung hier an.“ Der Forscher beobachtet auch, wie sich die Prediger
der gigantischen Viertel an den städtischen Peripherien annehmen, die von
den Kommunen im Stich gelassen werden: „Die Evangelikalen bieten eine
Mischung aus Sozial- und Freizeithilfe an. Sie hören den Leuten wirklich
zu, was die Priester inzwischen fast gar nicht mehr machen. Das ist einer
der Schlüssel zu ihrem Erfolg“, meint Théry.
Während sich im Zentrum der „Cidade maravilhosa“, der „wunderbaren Stadt“
Rio, noch mehr als 75 Prozent der Einwohner als katholisch bezeichnen, sind
es in der Peripherie nur noch 30 Prozent. In diesen Vierteln regiert
stadtplanerisch das Chaos. Die meisten Häuser wurden illegal errichtet und
sind eine Gefahr für Leib und Leben; die nächste Ambulanz liegt meilenweit
entfernt; es gibt keine Kanalisation. Der Nahverkehr wird von der Mafia
kontrolliert, die mit der Lokalpolitik eng verbandelt ist. Und für die
Sicherheit sorgen höchstens Drogenhändler oder Milizen, die aus ehemaligen
Polizisten bestehen. Jugendliche langweilen sich hier zu Tode.
In Queimados, einer Vorstadt von Rio, gibt es für die Teenagertochter von
Elaine Souza kein einziges Freizeitangebot. Die katholisch getaufte Souza
gehört zu den Konvertiten des letzten Jahrzehnts. Sie arbeitet als Putzfrau
und braucht täglich fast fünf Stunden für den Weg zur Arbeit an der
Copacabana und zurück. Wenn sie vom Bus aus den Strand sieht, muss sie
manchmal daran denken, dass viele aus ihrem Viertel noch nie hier gewesen
sind. Daheim gibt es so gut wie nichts, keine öffentliche Bibliothek, keine
Grünanlage, nicht einmal eine Bäckerei; nur zwei winzige Bars, in denen die
Männer ihren Lohn für Cachaça, einem Branntwein aus Zuckerrohrsaft, auf den
Kopf hauen.
Für Elaine Souza ist der evangelikale Tempel nicht nur eine Anlaufstelle in
Krisenmomenten. Es ist auch der einzige Ort, an dem sie ihre Freizeit
verbringen kann. Hier werden Theaterstücke einstudiert (zum Muttertag oder
für Weihnachten), man kocht zusammen und macht einander Mut; zum Beispiel,
wieder zur Schule zu gehen, denn hier haben die meisten nur die Grundschule
besucht. Die 32-jährige Souza bringt so oft wie möglich ihre Tochter mit.
Sie will nicht, dass es ihr so ergeht wie vielen Mädchen, die sich in einen
kleinen Drogenboss verlieben, viel zu jung schwanger werden und die Schule
abbrechen.
Der Gottesdienst ist gut besucht und so ganz anders als eine katholische
Messe. Es wird sehr viel gesungen, und die Bekehrten erzählen von ihrer
Erleuchtung. Hier kommt jeder auf seine Kosten. Während der Vatikan eine
einzige Botschaft aussendet, die von seinen gehorsamen Priestern
übermittelt wird, haben die Pfingstprediger weitaus mehr Freiraum.
Bei den Evangelikalen kann sich jeder zum Pastor erklären: Man braucht nur
etwas Charisma, sollte ein wenig Theologie studiert haben (in etlichen
Gemeinden reichen drei Monate) und eine „göttliche Berufung“ besitzen. Die
großen Freikirchen, wie die „Assembleia de Deus“, der Marina Silva
angehört, schreiben gewisse Standards vor. Doch theoretisch kann jeder
Prediger seine eigene Gemeinde gründen – mit einer maßgeschneiderten
Botschaft für die jeweilige soziale Klientel. So predigen manche die
Askese, während andere den Reichtum preisen. Surfer treffen sich in der
Gemeinde „Schneekugel“; Fußballfans schließen sich den „Athleten Christi“
an. Als hätten Marketingstrategen ihre Finger im Spiel, meint Mario
Schweriner, der an der Hochschule für Werbung und Marketing (Escola
Superior de Propaganda e Marketing, ESPM) in São Paulo über die Beziehungen
zwischen Religion und Wirtschaft forscht.
In der extrem ungleichen Gesellschaft Brasiliens kann sich die katholische
Kirchenhierarchie, die den Status quo verteidigt, kaum noch Gehör
verschaffen – zumal sie die Anhänger der sozialistischen
Befreiungstheologie stets unterdrückt hat. „Den katholischen Predigten, die
als Belohnung für die Opfer im Diesseits das Paradies im Jenseits
versprechen, setzen die Pfingstler einen hedonistischen Materialismus
entgegen, der den Erfolg hier und jetzt verspricht“, stellt der Soziologe
Saulo de Tarso Cerqueira Baptista von der Universität des Bundesstaats Pará
fest.
Die Predigten der Evangelikalen füllen ein politisches Vakuum. „Wenn eine
Gesellschaft sich nicht für fähig hält, ihre Probleme auf sozialem,
politischem oder wirtschaftlichem Wege zu lösen, dann bleibt am Ende nur
noch eine übernatürliche Erklärung: Überall haben sich böse Geister
eingenistet, die man vertreiben muss“, erklärt Baptista. Da gibt es etwa
den Dämon der Arbeitslosigkeit, den man vertreibt, indem man während des
Gottesdienstes seine Arbeitszeugnisse schwenkt, oder die Dämonen des
Alkohols, des Schulversagens oder des Ehebruchs, die dank einer rettenden
Geste des Pastors die Flucht ergreifen. Jesus kann auch Krebs und Aids
heilen.
Um sich das Wohlwollen von Gottes Sohn zu sichern, empfiehlt es sich, jeden
Monat den „dizimo“, ein Zehntel seiner Einkünfte, dem Pastor zu geben.
Gezahlt wird bar, per Scheck oder mit Karte. Für die meisten Gläubigen ist
das selbstverständlich. „Ich weiß, wenn ich mal arbeitslos bin, dann wird
mir ein Bruder oder eine Schwester aus der Gemeinde etwas zu Essen bringen
und mir helfen, wieder einen Job zu finden“, meint Elaine Souza.
„Mit dem Zehnten besiegelt man seine Zugehörigkeit zur Gemeinde“, erklärt
Romero Jacob. Den Freikirchen ist natürlich nicht entgangen, dass in
Brasilien eine neue Mittelklasse entstanden ist: 40 Millionen Menschen sind
in den vergangenen zehn Jahren der Armut entronnen. Der materielle Erfolg
gelte bei den Pfingstlern als Beweis, dass man von Gott auserwählt sei,
erklärt Denise Rodriguez, Professorin für Politikwissenschaft an der
Universität Rio de Janeiro. „Und wenn jemand dann immer besser verdient,
wird er dazu neigen, seinen Erfolg der Kirche zuzuschreiben und sich dort
natürlich noch stärker engagieren.“
Inzwischen gibt es einen richtigen Markt für evangelikale Produkte, von
Kleidung über Musik bis zu Fernsehsendern. In São Paulo ist vor allem die
evangelikale Mode aus dem Textilviertel Brás sehr beliebt. Marktführer ist
die Firma Joyaly, die Anfang der 90er Jahre gegründet wurde. „Damals
mussten die Frauen unserer Kirche noch lange, unförmige Röcke tragen. Da
kam meine Mutter auf die Idee, eine eigene Modelinie zu kreieren“, erzählt
Alison Flores, der das Unternehmen zusammen mit seiner Schwester Joyce
leitet, die Modedesignerin ist.
„Es gibt natürlich Regeln: kein Dekolleté, keine durchsichtigen Stoffe,
keine schulterfreien Oberteile“, erklärt Joyce und zeigt uns ihre Entwürfe.
„Trotzdem sehen wir nicht mehr wie Omas aus. Weg mit den dunklen Farben und
den schlechten Schnitten! Ich ziehe meine Inspiration aus europäischen
Kollektionen und passe sie den Vorschriften der Kirche an“, fügt sie
lächelnd hinzu. In den 2000er Jahren wuchs Joyalys Umsatz um nahezu 30
Prozent pro Jahr. Das hat sich etwas abgeschwächt, seit dreißig Firmen auf
dem evangelikalen Modemarkt konkurrieren. „Immer mehr Frauen schließen sich
den Evangelikalen an, und sie werden immer selbstbewusster: Sie wollen
schön sein und zugleich ihren Glauben öffentlich zeigen“, begeistert sich
Flores.
Ein paar Kilometer weiter in Liberdade, dem japanischen Viertel von São
Paulo, gibt es eine komplette Straßenzeile Läden mit evangelikaren
Konsumgütern. In der Straße Conde de Sardezas gibt es evangelikale
Spielsachen, T-Shirts, Badehosen, Helme und Kaffeetassen mit aufgedruckten
Jesussprüchen. Doch der größte Verkaufsschlager ist nach wie vor die Bibel,
das meistverkaufte Buch Brasiliens. „Mehrere meiner Kunden haben zwanzig
oder dreißig Bibeln zu Hause, sie sammeln sie“, erzählt Antonio Carlos, der
Inhaber von „Total Gospel“. Die „Bibel der Frau“ mit speziellen Gebeten
rund um Ehe und Familie ist ebenfalls ein großer Erfolg. Carlos hat auch
eine vergoldete „Riesenbibel“ im Angebot – als Ausstellungsstück fürs
Wohnzimmer.
In Brasilien ist Musikpiraterie immer noch ein großes Problem. Doch die
christliche Musikindustrie bleibt davon verschont. Fünfzehn der zwanzig
meistverkauften Alben stammen von christlichen Sängern, einige sind
katholisch, die meisten evangelikal. Neben den traditionellen Gospels wird
Jesus in allen Musikrichtungen gelobt und gepriesen, von Samba über
Sertanejo (eine Art brasilianischer Country) bis hin zu Rock und Rap. Die
Interpreten können strenge Pastoren sein, kleine Dickerchen mit Cowboyhut
oder auf brav getrimmte Nymphchen.
Plattenfirmen, die früher über solche Typen die Nase gerümpft haben, haben
inzwischen nach dem Vorbild von Sony und EMI eigene Gospellabels gegründet.
„Als ich anfing, haben wir in Garagen gesungen. Jetzt umwerben uns alle
Studios, und wir haben Radiosender, in denen nur unsere Musik gespielt
wird“, erzählt die 42-jährige Eshyla, die heute ein Star in der
evangelikalen Musikszene ist. Sie ist mit einem Prediger verheiratet und
tourt mit ihrem Album „Jesus, o Brasil quer te adorar“, (Jesus, Brasilien
will dich lieben) durchs Land, Tausende strömen zu ihren Konzerten. Eshyla
ist bei Central Gospel Music unter Vertrag, das Label gehört Pastor
Malafaia.
„Die evangelikalen Kirchen nutzen die Unterhaltungsindustrie für die
Kommunikation. Denn sie müssen ja ihre Botschaft verbreiten“, meint der
Marketingexperte Valdemar Figueredo Filho aus Rio de Janeiro. „Die großen
Prediger haben klein angefangen, mit einem Gemeindehaus, dann kam der
Radiosender dazu, danach Fernsehen und schließlich die Plattenfirma. Jedes
dieser Unternehmen stützt das andere, und so steigern sie ihren
Bekanntheitsgrad.“ Die Igreja Universal do Reino de Deus (Universalkirche
des Königreichs Gottes), kurz „Universal“ genannt, war die Vorreiterin
dieser Entwicklung. Diese Kirche unter der Leitung von Bischof Edir Macedo
besitzt zwei Verlage, ein Reisebüro und eine Versicherungsgesellschaft.
Außerdem verteilt sie das Gratisblatt Folha Universal, ein wöchentliches
Hochglanzmagazin mit einer Auflage von 1,8 Millionen – zum Vergleich: Die
angesehene Tageszeitung Folha de São Paulo hat eine Auflage von 300 000
Exemplaren.
Seit 1989 besitzt „Universal“ auch Rede Record, den zweitgrößten
Fernsehsender des Landes. Dort werden Sendungen mit religiösen Inhalten
allerdings erst am späten Abend ausgestrahlt. „Universal“ bucht lieber
Sendezeiten auf anderen Kanälen – eine Strategie, die inzwischen von
Dutzenden konkurrierender Kirchen imitiert wird. Im Radio macht sie es
genauso und beliefert vierzig Radiosender mit religiösen Inhalten.
Figueredo Filho hat ausgerechnet, dass die evangelikalen Kirchen auf diese
Weise mehr als ein Viertel der brasilianischen UKW-Sender kontrollieren und
über 130 Stunden Sendezeit pro Woche auf vier nationalen Radiofrequenzen
mieten. Das nimmt manchmal groteske Formen an: So stellt etwa der Sender
Rede 21 den Predigern 22 Stunden Sendezeit pro Tag zur Verfügung. „Das ist
Rechtsmissbrauch“, schimpft João Brant vom Kollektiv Intervozes, einer NGO,
die für die Demokratisierung der Medien kämpft. „Das sind öffentliche
Sendelizenzen, die ohne Genehmigung an andere Nutzer weitergegeben werden“,
erklärt er. „Selbst wenn man diese religiösen Programme wie Werbeblöcke
behandelt, dürften sie nicht mehr als ein Viertel der gesamten Sendezeit
okkupieren“, sagt er. Im Grunde sei das verfassungswidrig. Jedes Jahr zieht
Intervozes mit der Forderung vor den Kongress, den entsprechenden Passus
klarer zu formulieren. „Und wir stoßen immer auf dasselbe Problem: Alle
Gesetzesvorhaben werden von den christlichen Abgeordneten blockiert.“
Denn das Herz des evangelikalen Machtapparats sitzt im Kongress. Alle
Parlamentarier, die „Brüder im Glauben“ sind, gehören jenseits ihrer
Parteizugehörigkeit zur sogenannten evangelikalen Front. 2014 versammelten
sich hinter dieser Front 73 von 513 Abgeordneten. Jeden Mittwochmorgen
treffen sie sich in einem Sitzungssaal, um gemeinsam zu beten.
Ihr wachsender Einfluss basiert auf der besonderen Struktur des
brasilianischen Wahlsystems: Die Anzahl der Parlamentssitze wird nach der
Summe der Stimmen berechnet, die ein einzelner Kandidat bekommt, plus den
Stimmen für dessen Partei (die Wähler kreuzen entweder das eine oder das
andere an). Wenn ein Kandidat also sehr viele Stimmen bekommt, erhält seine
Partei mehr Sitze. So sahnen vor allem die charismatischen Fernsehprediger
ab, weshalb man sie auch „puxadores de voto“ (Stimmensauger) nennt.
## Religiöser Pop auf allen Kanälen
Von diesem Wahlsystem profitieren alle Prominenten, auch jenseits der
evangelikalen Szene. 2010 ergatterte der Clown Francisco Everardo Oliveira
da Silva alias Tiririca mit Abstand die meisten Stimmen (1,35 Millionen).
Er verfügte zwar über keinerlei Erfahrung in der Politik, aber er ist eben
sehr beliebt. Mit seinen Wählerstimmen konnten vier weitere Abgeordnete
seiner Partei ins Parlament einziehen. 270 aus Funk und Fernsehen bekannte
Prediger buhlten bei den aktuellen Wahlen um ein Abgeordnetenmandat im
Nationalkongress – und überboten damit den Rekord von 2010; da waren es
193.
Dieses System macht es den Parteien leicht, religiöse Kandidaten
aufzustellen. Zumal diese noch einen weiteren Pluspunkt mitbringen: das
Vertrauen der evangelikalen Wähler. „Ein Bruder stimmt für einen Bruder“,
sagt Rodriguez. Die Gläubigen halten einen Vertreter ihrer Kirche natürlich
für verlässlicher als andere. Evangelikale sind regelmäßige Kirchgänger,
sie stammen meist aus einfachen und eher bildungsfernen Verhältnissen, wie
die Studien von Romero Jacob zeigen, und sind daher für die Meinung ihres
spirituellen Führers weitaus empfänglicher als kritische Gebildete.
Pastor Malafaia, der Anführer der „Assembleia de Deus“, der Marina Silva
einen Monat vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in die Knie
zwang, ist sich dessen bewusst. Nach seinem Einfluss gefragt, antwortet er
ohne Umschweife: „Ich möchte selbst kein Kandidat sein. Ich bewege mich
lieber im Hintergrund als auf der politischen Bühne.“ Und fährt fort: „Bei
den letzten Kommunalwahlen habe ich einen Kandidaten lanciert, der vorher
komplett unbekannt war. Am Ende hat er die meisten Wählerstimmen bekommen.“
Auf alle Wahlen nach Proporzsystem (vor allem die Parlamentswahlen) hat
dieses Vorgehen großen Einfluss. „Aber das gilt nicht für Mandate, die nach
Mehrheiten vergeben werden. Die Evangelikalen sind noch weit davon
entfernt, die Hälfte des Landes zu vertreten. Da geht es ums Verhandeln“,
meint Figueredo Filho.
Und genau das wollen die Evangelikalen auch tun. „Bei der Stichwahl um die
Präsidentschaft werden wir uns mit jedem der beiden Kandidaten an den Tisch
setzen und sagen: ‚Willst du unsere Unterstützung? Dann musst du ein
Dokument unterzeichnen und dich dazu verpflichten, dieses oder jenes Gesetz
nicht durchzubringen.‘ So läuft das“, meint Malafaia. Wer auch immer
gewinnt, muss sich in Zukunft im Nationalkongress mit der „evangelikalen
Front“ arrangieren.
In jeder Legislaturperiode versuchen die Evangelikalen vor allem in solche
Ausschüsse hereinzukommen, die soziale Themen behandeln. Sie besetzen
derzeit 14 der 36 Sitze im Menschenrechtsausschuss, wo sie bei
Gesetzesvorhaben zu den Rechten Homosexueller, zu Abtreibung, Drogen oder
Sexualerziehung eingreifen können. Und im Ausschuss für Technologie und
Kommunikation, wo sie mit 14 von 42 Sitzen vertreten sind, passen sie auf,
dass die Vergabe von Radio- und Fernsehlizenzen nicht geändert wird.
„Da wir erst 15 Prozent der Abgeordneten stellen, schließen wir Bündnisse
mit anderen Fraktionen, um unsere Sicht der Dinge durchzusetzen“, erläutert
Paulo Freire, der Vorsitzende der evangelikalen Front. Am einfachsten geht
das mit den katholischen Abgeordneten, die sich ebenfalls einer
Liberalisierung der Sitten widersetzen. Man kann auch einen Kuhhandel
abschließen: Heute unterstützt die Front das Agrobusiness, dafür
unterstützen deren Anhänger morgen die Evangelikalen. „Und manchmal
blockieren wir die Beschlussfähigkeit des Parlaments, indem wir bei
besonders wichtigen Abstimmungen fehlen“, ergänzt Freire.
Während der Amtszeit von Dilma Rousseff erreichten die Evangelikalen, dass
Material gegen Schwulenfeindlichkeit, das in den Schulen verteilt werden
sollte, wieder zurückgerufen wurde, und sie verhinderten die Ausstrahlung
eines Videos zur Aids-Aufklärung. Beim Thema Abtreibung konnten sie
ebenfalls einige Erfolge verbuchen. „Anstatt Fortschritte zu machen, sind
die Feministinnen nur noch damit beschäftigt, die mageren Rechte, die sie
bereits erkämpft hatten, zu verteidigen“, meint Naara Luna von der
Bundesuniversität in Rio de Janeiro. „In den 1990er Jahren wiesen 70
Prozent der Gesetzesvorhaben zur Abtreibung in Richtung Legalisierung, in
den 2000er Jahren zielten 78 Prozent in Richtung Verbot.“
## Vom Bischof zum Fischereiminister
Im Wahlkampf von 2010 spielte die Abtreibungsdebatte eine wichtige Rolle.
Zwischen beiden Wahlgängen sah sich Dilma Rousseff auf Druck der Religiösen
gezwungen, in einem offenen Brief zu erklären, sie sei „persönlich“ gegen
Schwangerschaftsabbruch. In diesem Jahr dreht sich die Diskussion
hauptsächlich um die Ehe für alle. Marina Silvas Richtungswechsel in diesem
Zusammenhang konnte ihr einen Teil der evangelikalen Wählerschaft sichern;
aber der Eindruck, sie sei von den Evangelikalen abhängig, war für den
Wahlausgang fatal. Die Evangelikalen umwerben, ohne Katholiken oder
Konfessionslose abzuschrecken, war die Strategie aller Kandidaten.
Aber das konnte man auch schon vor zwölf Jahren beobachten: Als sich Lula
da Silva 2002 zum vierten Mal zur Wahl stellte, nominierte er José Alencar
als Vizepräsidenten. Der Millionär besaß nicht nur das Vertrauen der
Wirtschaft, sondern war auch Mitglied der evangelikal ausgerichteten
Liberalen Partei (PL). Seither wurde die Nähe der Arbeiterpartei (PT) zur
Pfingstkirche größer, bis man schließlich auch Religiöse in die Regierung
aufnahm. So leitete etwa Senator Marcello Crivella, Bischof der „Universal“
(und Neffe von Edir Macedo), zwischen Februar 2012 und März 2014 das
Fischereiministerium.
Nach Ansicht von Figueredo Filho ist die Abgrenzung gegen die Evangelikalen
pure Heuchelei. „Der Einfluss der Katholiken war früher auch groß, aber
weniger sichtbar. Der Bischof konnte direkt zum Gouverneur gehen, während
die Evangelikalen immerhin Abgeordnete wählen müssen“, sagt er. Die gesamte
Presse berichtete darüber, als Präsidentin Rousseff und mehrere hochrangige
Politiker am 31. Juli der Eröffnung des riesigen Salomontempels in São
Paulo beiwohnten. Ihre Besuche im Vatikan werden dagegen heruntergespielt.
„Die katholische Kultur ist in Brasilien fest verankert. Jetzt verändert
sich die religiöse Landschaft, und das vor allem ruft die Kritik hervor.“
Ein Teil der Bevölkerung lehnt das Eindringen der Religiösen in die Politik
ab; das könnte man mit der wachsenden Zahl der Konfessionslosen erklären,
die keiner Kirche angehören (was nicht automatisch bedeutet, dass sie nicht
gläubig sind). Bis in die 1970er Jahre betrug ihr Anteil weniger als 1
Prozent, 1991 waren es 4,7 Prozent, 2010 bereits 8 Prozent. Nach einer
kürzlich abgeschlossenen Studie des Pereira-Passos-Instituts in den Favelas
von Rio de Janeiro bezeichnete sich ein Drittel der Befragten in der
Altersgruppe zwischen 14 und 24 als konfessionslos. Selbst in den
evangelikalen Kirchen ist der Anteil der Gläubigen, die jede religiöse
Institution ablehnen, zwischen 2000 und 2010 von 0,3 auf 4,8 Prozent
gestiegen. Dieser Trend beschäftigt die Forscher besonders. „Es könnte ein
Zeichen dafür sein, dass sich manche Evangelikale in den radikalen Reden
ihrer Führer nicht wiederfinden“, mutmaßt Romero Jacob.
Auch wenn die Konservativen in der brasilianischen Gesellschaft weiterhin
viel Einfluss besitzen, wird auf den Straßen immer öfter für die Rechte von
Frauen und Homosexuellen demonstriert. „Jesusmärsche“ ziehen Tausende
Menschen im ganzen Land an, aber das gilt auch für Homoparaden – der
Christopher Street Day von São Paulo ist mit 3 Millionen Teilnehmern der
größte der Welt. Inzwischen gibt es sogar evangelikale Gemeinden, die
Homosexuelle aufnehmen. „Die Radikalität der religiösen Führer, ob
Evangelikale oder Katholiken, ist auch eine Reaktion darauf, dass Brasilien
sich trotz allem verändert und öffnet“, meint Maria Luiza Heilborn vom
Zentrum für Sexualität und Menschenrechte an der Staatsuniversität Rio de
Janeiro. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum in der
Öffentlichkeit so heftig über die politischen Ambitionen der Religiösen
diskutiert wird, bis hin zu der Frage nach der Trennung von Kirche und
Staat.
9 Oct 2014
## AUTOREN
(DIR) Lamia Oualalou
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