# taz.de -- Brasilien liebt Jesus
       
       > Der Vormarsch der Evangelikalen in Politik, Gesellschaft und Medien von
       > Lamia Oualalou
       
       Wenn Marina bis Montag nicht klar Position bezieht, bekommt sie die
       schlimmste Predigt zu hören, die ich jemals über einen
       Präsidentschaftskandidaten gehalten habe.“ Mit dieser Nachricht, die Pastor
       Silas Malafaia am Samstag, dem 30. August, auf Twitter postete, begann eine
       der wichtigsten Auseinandersetzungen in der jüngsten politischen Geschichte
       Brasiliens. Am Vorabend hatte Marina Silva, die Kandidatin der
       Sozialistischen Partei (PSB), ihr Programm vorgestellt – und ein Tabu
       gebrochen: Sie versprach die Ehe für alle.
       
       Laut einem Urteil des Verfassungsgerichts ist die Homoehe bereits seit Mai
       2013 möglich. Daran müssten sich Richter aber nicht unbedingt halten,
       erklärt Jean Wyllys, der einzige offen schwule Parlamentarier: „Solange wir
       kein Gesetz haben, sind unsere Rechte nicht geschützt.“ Marina Silva,
       immerhin praktizierendes Mitglied der äußerst wertkonservativen
       Pfingstkirche „Assembleia de Deus“, wollte offensichtlich zeigen, dass sie
       bereit ist, ihre angekündigte „andere Politik“ auch wirklich umzusetzen.
       
       Ein paar Stunden nach Malafaias Tweet ruderte sie jedoch zurück, und die
       Begeisterung schlug in Empörung um. „Sie haben uns angelogen, Sie haben mit
       der Hoffnung von Millionen Menschen gespielt; Sie verdienen das Vertrauen
       des brasilianischen Volkes nicht“, schrieb ihr Wyllys. Er hatte zwar eine
       andere Kandidatin unterstützt, aber das Wahlprogramm von Marina Silva
       begrüßt. Vielleicht ist Silva doch zu streng evangelikal. Oder sie wollte
       es sich mit den religiösen Wählern nicht verscherzen. Tatsächlich haben
       sämtliche Kandidaten, auch die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff, einen
       sogenannten Evangelikalenausschuss eingerichtet, um die Millionen Stimmen
       dieser rasant wachsenden Gemeinden einzufangen.
       
       Brasilien macht so etwas wie eine religiöse Revolution durch. 1970
       bekannten sich noch 92 Prozent der Bevölkerung zum Katholizismus; 2010
       waren es nur noch 64,6 Prozent. „Brasilien ist einzigartig: Es ist das
       einzige große Land, das in so kurzer Zeit eine so tiefgreifende Veränderung
       seiner religiösen Landschaft erlebt hat“, meint José Eustáquio Alves,
       Demografieforscher an der Hochschule für Statistik (Escola Nacional de
       Ciências Estatísticas, ENCE) in Rio de Janeiro. Die evangelikalen
       protestantischen Kirchen haben sich extrem ausgebreitet, vor allem die
       Pfingstgemeinden, während die Mitgliederzahlen der traditionellen
       protestantischen Gemeinden (evangelisch- lutherisch, baptistisch oder
       methodistisch) in etwa gleich blieben. Mit 123 Millionen Gläubigen bleibt
       Brasilien dennoch das größte katholische Land der Welt. „Aber nicht mehr
       lange“, meint Eustaquio Alves. Nach seinen Berechnungen werden die beiden
       Konfessionen im Jahr 2030 gleichauf liegen.
       
       Die Umwälzung spiegelt sich auch im Stadtbild wider, etwa auf dem
       Cinelândia-Platz in Rio de Janeiro, der seinen Namen den großen
       Lichtspielhäusern verdankt, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden.
       Heute sind sie fast alle verschwunden. Anstelle von Filmstars leuchten
       religiöse Slogans („Gott ist Liebe“) oder Kirchennamen („Universalkirche“,
       „Weltkirche des Königreichs Gottes“) auf den Neontafeln. So sieht es nicht
       nur in Rio, sondern auch in allen anderen Großstädten des Landes aus. Und
       in den Vorstädten richten die Pfingstler überall, wo sich Platz dafür
       findet, Betsäle ein, zum Beispiel zwischen einer Autowerkstatt und einer
       Bar. Infolge des rasanten Städtewachstums hat sich die jahrhundertealte
       Struktur mit Rathausplatz und Kirche aufgelöst. Die evangelikalen Kirchen
       haben sich dieser Entwicklung angepasst – mit einer Beweglichkeit, „zu der
       die Katholiken nicht in der Lage waren“, meint Cesar Romero Jacob,
       Politologe an der katholischen Universität von Rio.
       
       ## Drei Baracken, eine Apotheke und ein Tempel
       
       In Amazonien, dem sogenannten Wilden Westen Brasiliens, wird nicht nur
       neues Agrarland erschlossen. Der französische Geograf Hervé Théry erzählt,
       wie sich die Evangelikalen auch unter den Landbesetzern im Regenwald
       etablieren: „Drei Wohnbaracken, eine Apotheke und ein Tempel; so fängt jede
       neue Siedlung hier an.“ Der Forscher beobachtet auch, wie sich die Prediger
       der gigantischen Viertel an den städtischen Peripherien annehmen, die von
       den Kommunen im Stich gelassen werden: „Die Evangelikalen bieten eine
       Mischung aus Sozial- und Freizeithilfe an. Sie hören den Leuten wirklich
       zu, was die Priester inzwischen fast gar nicht mehr machen. Das ist einer
       der Schlüssel zu ihrem Erfolg“, meint Théry.
       
       Während sich im Zentrum der „Cidade maravilhosa“, der „wunderbaren Stadt“
       Rio, noch mehr als 75 Prozent der Einwohner als katholisch bezeichnen, sind
       es in der Peripherie nur noch 30 Prozent. In diesen Vierteln regiert
       stadtplanerisch das Chaos. Die meisten Häuser wurden illegal errichtet und
       sind eine Gefahr für Leib und Leben; die nächste Ambulanz liegt meilenweit
       entfernt; es gibt keine Kanalisation. Der Nahverkehr wird von der Mafia
       kontrolliert, die mit der Lokalpolitik eng verbandelt ist. Und für die
       Sicherheit sorgen höchstens Drogenhändler oder Milizen, die aus ehemaligen
       Polizisten bestehen. Jugendliche langweilen sich hier zu Tode.
       
       In Queimados, einer Vorstadt von Rio, gibt es für die Teenagertochter von
       Elaine Souza kein einziges Freizeitangebot. Die katholisch getaufte Souza
       gehört zu den Konvertiten des letzten Jahrzehnts. Sie arbeitet als Putzfrau
       und braucht täglich fast fünf Stunden für den Weg zur Arbeit an der
       Copacabana und zurück. Wenn sie vom Bus aus den Strand sieht, muss sie
       manchmal daran denken, dass viele aus ihrem Viertel noch nie hier gewesen
       sind. Daheim gibt es so gut wie nichts, keine öffentliche Bibliothek, keine
       Grünanlage, nicht einmal eine Bäckerei; nur zwei winzige Bars, in denen die
       Männer ihren Lohn für Cachaça, einem Branntwein aus Zuckerrohrsaft, auf den
       Kopf hauen.
       
       Für Elaine Souza ist der evangelikale Tempel nicht nur eine Anlaufstelle in
       Krisenmomenten. Es ist auch der einzige Ort, an dem sie ihre Freizeit
       verbringen kann. Hier werden Theaterstücke einstudiert (zum Muttertag oder
       für Weihnachten), man kocht zusammen und macht einander Mut; zum Beispiel,
       wieder zur Schule zu gehen, denn hier haben die meisten nur die Grundschule
       besucht. Die 32-jährige Souza bringt so oft wie möglich ihre Tochter mit.
       Sie will nicht, dass es ihr so ergeht wie vielen Mädchen, die sich in einen
       kleinen Drogenboss verlieben, viel zu jung schwanger werden und die Schule
       abbrechen.
       
       Der Gottesdienst ist gut besucht und so ganz anders als eine katholische
       Messe. Es wird sehr viel gesungen, und die Bekehrten erzählen von ihrer
       Erleuchtung. Hier kommt jeder auf seine Kosten. Während der Vatikan eine
       einzige Botschaft aussendet, die von seinen gehorsamen Priestern
       übermittelt wird, haben die Pfingstprediger weitaus mehr Freiraum.
       
       Bei den Evangelikalen kann sich jeder zum Pastor erklären: Man braucht nur
       etwas Charisma, sollte ein wenig Theologie studiert haben (in etlichen
       Gemeinden reichen drei Monate) und eine „göttliche Berufung“ besitzen. Die
       großen Freikirchen, wie die „Assembleia de Deus“, der Marina Silva
       angehört, schreiben gewisse Standards vor. Doch theoretisch kann jeder
       Prediger seine eigene Gemeinde gründen – mit einer maßgeschneiderten
       Botschaft für die jeweilige soziale Klientel. So predigen manche die
       Askese, während andere den Reichtum preisen. Surfer treffen sich in der
       Gemeinde „Schneekugel“; Fußballfans schließen sich den „Athleten Christi“
       an. Als hätten Marketingstrategen ihre Finger im Spiel, meint Mario
       Schweriner, der an der Hochschule für Werbung und Marketing (Escola
       Superior de Propaganda e Marketing, ESPM) in São Paulo über die Beziehungen
       zwischen Religion und Wirtschaft forscht.
       
       In der extrem ungleichen Gesellschaft Brasiliens kann sich die katholische
       Kirchenhierarchie, die den Status quo verteidigt, kaum noch Gehör
       verschaffen – zumal sie die Anhänger der sozialistischen
       Befreiungstheologie stets unterdrückt hat. „Den katholischen Predigten, die
       als Belohnung für die Opfer im Diesseits das Paradies im Jenseits
       versprechen, setzen die Pfingstler einen hedonistischen Materialismus
       entgegen, der den Erfolg hier und jetzt verspricht“, stellt der Soziologe
       Saulo de Tarso Cerqueira Baptista von der Universität des Bundesstaats Pará
       fest.
       
       Die Predigten der Evangelikalen füllen ein politisches Vakuum. „Wenn eine
       Gesellschaft sich nicht für fähig hält, ihre Probleme auf sozialem,
       politischem oder wirtschaftlichem Wege zu lösen, dann bleibt am Ende nur
       noch eine übernatürliche Erklärung: Überall haben sich böse Geister
       eingenistet, die man vertreiben muss“, erklärt Baptista. Da gibt es etwa
       den Dämon der Arbeitslosigkeit, den man vertreibt, indem man während des
       Gottesdienstes seine Arbeitszeugnisse schwenkt, oder die Dämonen des
       Alkohols, des Schulversagens oder des Ehebruchs, die dank einer rettenden
       Geste des Pastors die Flucht ergreifen. Jesus kann auch Krebs und Aids
       heilen.
       
       Um sich das Wohlwollen von Gottes Sohn zu sichern, empfiehlt es sich, jeden
       Monat den „dizimo“, ein Zehntel seiner Einkünfte, dem Pastor zu geben.
       Gezahlt wird bar, per Scheck oder mit Karte. Für die meisten Gläubigen ist
       das selbstverständlich. „Ich weiß, wenn ich mal arbeitslos bin, dann wird
       mir ein Bruder oder eine Schwester aus der Gemeinde etwas zu Essen bringen
       und mir helfen, wieder einen Job zu finden“, meint Elaine Souza.
       
       „Mit dem Zehnten besiegelt man seine Zugehörigkeit zur Gemeinde“, erklärt
       Romero Jacob. Den Freikirchen ist natürlich nicht entgangen, dass in
       Brasilien eine neue Mittelklasse entstanden ist: 40 Millionen Menschen sind
       in den vergangenen zehn Jahren der Armut entronnen. Der materielle Erfolg
       gelte bei den Pfingstlern als Beweis, dass man von Gott auserwählt sei,
       erklärt Denise Rodriguez, Professorin für Politikwissenschaft an der
       Universität Rio de Janeiro. „Und wenn jemand dann immer besser verdient,
       wird er dazu neigen, seinen Erfolg der Kirche zuzuschreiben und sich dort
       natürlich noch stärker engagieren.“
       
       Inzwischen gibt es einen richtigen Markt für evangelikale Produkte, von
       Kleidung über Musik bis zu Fernsehsendern. In São Paulo ist vor allem die
       evangelikale Mode aus dem Textilviertel Brás sehr beliebt. Marktführer ist
       die Firma Joyaly, die Anfang der 90er Jahre gegründet wurde. „Damals
       mussten die Frauen unserer Kirche noch lange, unförmige Röcke tragen. Da
       kam meine Mutter auf die Idee, eine eigene Modelinie zu kreieren“, erzählt
       Alison Flores, der das Unternehmen zusammen mit seiner Schwester Joyce
       leitet, die Modedesignerin ist.
       
       „Es gibt natürlich Regeln: kein Dekolleté, keine durchsichtigen Stoffe,
       keine schulterfreien Oberteile“, erklärt Joyce und zeigt uns ihre Entwürfe.
       „Trotzdem sehen wir nicht mehr wie Omas aus. Weg mit den dunklen Farben und
       den schlechten Schnitten! Ich ziehe meine Inspiration aus europäischen
       Kollektionen und passe sie den Vorschriften der Kirche an“, fügt sie
       lächelnd hinzu. In den 2000er Jahren wuchs Joyalys Umsatz um nahezu 30
       Prozent pro Jahr. Das hat sich etwas abgeschwächt, seit dreißig Firmen auf
       dem evangelikalen Modemarkt konkurrieren. „Immer mehr Frauen schließen sich
       den Evangelikalen an, und sie werden immer selbstbewusster: Sie wollen
       schön sein und zugleich ihren Glauben öffentlich zeigen“, begeistert sich
       Flores.
       
       Ein paar Kilometer weiter in Liberdade, dem japanischen Viertel von São
       Paulo, gibt es eine komplette Straßenzeile Läden mit evangelikaren
       Konsumgütern. In der Straße Conde de Sardezas gibt es evangelikale
       Spielsachen, T-Shirts, Badehosen, Helme und Kaffeetassen mit aufgedruckten
       Jesussprüchen. Doch der größte Verkaufsschlager ist nach wie vor die Bibel,
       das meistverkaufte Buch Brasiliens. „Mehrere meiner Kunden haben zwanzig
       oder dreißig Bibeln zu Hause, sie sammeln sie“, erzählt Antonio Carlos, der
       Inhaber von „Total Gospel“. Die „Bibel der Frau“ mit speziellen Gebeten
       rund um Ehe und Familie ist ebenfalls ein großer Erfolg. Carlos hat auch
       eine vergoldete „Riesenbibel“ im Angebot – als Ausstellungsstück fürs
       Wohnzimmer.
       
       In Brasilien ist Musikpiraterie immer noch ein großes Problem. Doch die
       christliche Musikindustrie bleibt davon verschont. Fünfzehn der zwanzig
       meistverkauften Alben stammen von christlichen Sängern, einige sind
       katholisch, die meisten evangelikal. Neben den traditionellen Gospels wird
       Jesus in allen Musikrichtungen gelobt und gepriesen, von Samba über
       Sertanejo (eine Art brasilianischer Country) bis hin zu Rock und Rap. Die
       Interpreten können strenge Pastoren sein, kleine Dickerchen mit Cowboyhut
       oder auf brav getrimmte Nymphchen.
       
       Plattenfirmen, die früher über solche Typen die Nase gerümpft haben, haben
       inzwischen nach dem Vorbild von Sony und EMI eigene Gospellabels gegründet.
       „Als ich anfing, haben wir in Garagen gesungen. Jetzt umwerben uns alle
       Studios, und wir haben Radiosender, in denen nur unsere Musik gespielt
       wird“, erzählt die 42-jährige Eshyla, die heute ein Star in der
       evangelikalen Musikszene ist. Sie ist mit einem Prediger verheiratet und
       tourt mit ihrem Album „Jesus, o Brasil quer te adorar“, (Jesus, Brasilien
       will dich lieben) durchs Land, Tausende strömen zu ihren Konzerten. Eshyla
       ist bei Central Gospel Music unter Vertrag, das Label gehört Pastor
       Malafaia.
       
       „Die evangelikalen Kirchen nutzen die Unterhaltungsindustrie für die
       Kommunikation. Denn sie müssen ja ihre Botschaft verbreiten“, meint der
       Marketingexperte Valdemar Figueredo Filho aus Rio de Janeiro. „Die großen
       Prediger haben klein angefangen, mit einem Gemeindehaus, dann kam der
       Radiosender dazu, danach Fernsehen und schließlich die Plattenfirma. Jedes
       dieser Unternehmen stützt das andere, und so steigern sie ihren
       Bekanntheitsgrad.“ Die Igreja Universal do Reino de Deus (Universalkirche
       des Königreichs Gottes), kurz „Universal“ genannt, war die Vorreiterin
       dieser Entwicklung. Diese Kirche unter der Leitung von Bischof Edir Macedo
       besitzt zwei Verlage, ein Reisebüro und eine Versicherungsgesellschaft.
       Außerdem verteilt sie das Gratisblatt Folha Universal, ein wöchentliches
       Hochglanzmagazin mit einer Auflage von 1,8 Millionen – zum Vergleich: Die
       angesehene Tageszeitung Folha de São Paulo hat eine Auflage von 300 000
       Exemplaren.
       
       Seit 1989 besitzt „Universal“ auch Rede Record, den zweitgrößten
       Fernsehsender des Landes. Dort werden Sendungen mit religiösen Inhalten
       allerdings erst am späten Abend ausgestrahlt. „Universal“ bucht lieber
       Sendezeiten auf anderen Kanälen – eine Strategie, die inzwischen von
       Dutzenden konkurrierender Kirchen imitiert wird. Im Radio macht sie es
       genauso und beliefert vierzig Radiosender mit religiösen Inhalten.
       
       Figueredo Filho hat ausgerechnet, dass die evangelikalen Kirchen auf diese
       Weise mehr als ein Viertel der brasilianischen UKW-Sender kontrollieren und
       über 130 Stunden Sendezeit pro Woche auf vier nationalen Radiofrequenzen
       mieten. Das nimmt manchmal groteske Formen an: So stellt etwa der Sender
       Rede 21 den Predigern 22 Stunden Sendezeit pro Tag zur Verfügung. „Das ist
       Rechtsmissbrauch“, schimpft João Brant vom Kollektiv Intervozes, einer NGO,
       die für die Demokratisierung der Medien kämpft. „Das sind öffentliche
       Sendelizenzen, die ohne Genehmigung an andere Nutzer weitergegeben werden“,
       erklärt er. „Selbst wenn man diese religiösen Programme wie Werbeblöcke
       behandelt, dürften sie nicht mehr als ein Viertel der gesamten Sendezeit
       okkupieren“, sagt er. Im Grunde sei das verfassungswidrig. Jedes Jahr zieht
       Intervozes mit der Forderung vor den Kongress, den entsprechenden Passus
       klarer zu formulieren. „Und wir stoßen immer auf dasselbe Problem: Alle
       Gesetzesvorhaben werden von den christlichen Abgeordneten blockiert.“
       
       Denn das Herz des evangelikalen Machtapparats sitzt im Kongress. Alle
       Parlamentarier, die „Brüder im Glauben“ sind, gehören jenseits ihrer
       Parteizugehörigkeit zur sogenannten evangelikalen Front. 2014 versammelten
       sich hinter dieser Front 73 von 513 Abgeordneten. Jeden Mittwochmorgen
       treffen sie sich in einem Sitzungssaal, um gemeinsam zu beten.
       
       Ihr wachsender Einfluss basiert auf der besonderen Struktur des
       brasilianischen Wahlsystems: Die Anzahl der Parlamentssitze wird nach der
       Summe der Stimmen berechnet, die ein einzelner Kandidat bekommt, plus den
       Stimmen für dessen Partei (die Wähler kreuzen entweder das eine oder das
       andere an). Wenn ein Kandidat also sehr viele Stimmen bekommt, erhält seine
       Partei mehr Sitze. So sahnen vor allem die charismatischen Fernsehprediger
       ab, weshalb man sie auch „puxadores de voto“ (Stimmensauger) nennt.
       
       ## Religiöser Pop auf allen Kanälen
       
       Von diesem Wahlsystem profitieren alle Prominenten, auch jenseits der
       evangelikalen Szene. 2010 ergatterte der Clown Francisco Everardo Oliveira
       da Silva alias Tiririca mit Abstand die meisten Stimmen (1,35 Millionen).
       Er verfügte zwar über keinerlei Erfahrung in der Politik, aber er ist eben
       sehr beliebt. Mit seinen Wählerstimmen konnten vier weitere Abgeordnete
       seiner Partei ins Parlament einziehen. 270 aus Funk und Fernsehen bekannte
       Prediger buhlten bei den aktuellen Wahlen um ein Abgeordnetenmandat im
       Nationalkongress – und überboten damit den Rekord von 2010; da waren es
       193.
       
       Dieses System macht es den Parteien leicht, religiöse Kandidaten
       aufzustellen. Zumal diese noch einen weiteren Pluspunkt mitbringen: das
       Vertrauen der evangelikalen Wähler. „Ein Bruder stimmt für einen Bruder“,
       sagt Rodriguez. Die Gläubigen halten einen Vertreter ihrer Kirche natürlich
       für verlässlicher als andere. Evangelikale sind regelmäßige Kirchgänger,
       sie stammen meist aus einfachen und eher bildungsfernen Verhältnissen, wie
       die Studien von Romero Jacob zeigen, und sind daher für die Meinung ihres
       spirituellen Führers weitaus empfänglicher als kritische Gebildete.
       
       Pastor Malafaia, der Anführer der „Assembleia de Deus“, der Marina Silva
       einen Monat vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in die Knie
       zwang, ist sich dessen bewusst. Nach seinem Einfluss gefragt, antwortet er
       ohne Umschweife: „Ich möchte selbst kein Kandidat sein. Ich bewege mich
       lieber im Hintergrund als auf der politischen Bühne.“ Und fährt fort: „Bei
       den letzten Kommunalwahlen habe ich einen Kandidaten lanciert, der vorher
       komplett unbekannt war. Am Ende hat er die meisten Wählerstimmen bekommen.“
       Auf alle Wahlen nach Proporzsystem (vor allem die Parlamentswahlen) hat
       dieses Vorgehen großen Einfluss. „Aber das gilt nicht für Mandate, die nach
       Mehrheiten vergeben werden. Die Evangelikalen sind noch weit davon
       entfernt, die Hälfte des Landes zu vertreten. Da geht es ums Verhandeln“,
       meint Figueredo Filho.
       
       Und genau das wollen die Evangelikalen auch tun. „Bei der Stichwahl um die
       Präsidentschaft werden wir uns mit jedem der beiden Kandidaten an den Tisch
       setzen und sagen: ‚Willst du unsere Unterstützung? Dann musst du ein
       Dokument unterzeichnen und dich dazu verpflichten, dieses oder jenes Gesetz
       nicht durchzubringen.‘ So läuft das“, meint Malafaia. Wer auch immer
       gewinnt, muss sich in Zukunft im Nationalkongress mit der „evangelikalen
       Front“ arrangieren.
       
       In jeder Legislaturperiode versuchen die Evangelikalen vor allem in solche
       Ausschüsse hereinzukommen, die soziale Themen behandeln. Sie besetzen
       derzeit 14 der 36 Sitze im Menschenrechtsausschuss, wo sie bei
       Gesetzesvorhaben zu den Rechten Homosexueller, zu Abtreibung, Drogen oder
       Sexualerziehung eingreifen können. Und im Ausschuss für Technologie und
       Kommunikation, wo sie mit 14 von 42 Sitzen vertreten sind, passen sie auf,
       dass die Vergabe von Radio- und Fernsehlizenzen nicht geändert wird.
       
       „Da wir erst 15 Prozent der Abgeordneten stellen, schließen wir Bündnisse
       mit anderen Fraktionen, um unsere Sicht der Dinge durchzusetzen“, erläutert
       Paulo Freire, der Vorsitzende der evangelikalen Front. Am einfachsten geht
       das mit den katholischen Abgeordneten, die sich ebenfalls einer
       Liberalisierung der Sitten widersetzen. Man kann auch einen Kuhhandel
       abschließen: Heute unterstützt die Front das Agrobusiness, dafür
       unterstützen deren Anhänger morgen die Evangelikalen. „Und manchmal
       blockieren wir die Beschlussfähigkeit des Parlaments, indem wir bei
       besonders wichtigen Abstimmungen fehlen“, ergänzt Freire.
       
       Während der Amtszeit von Dilma Rousseff erreichten die Evangelikalen, dass
       Material gegen Schwulenfeindlichkeit, das in den Schulen verteilt werden
       sollte, wieder zurückgerufen wurde, und sie verhinderten die Ausstrahlung
       eines Videos zur Aids-Aufklärung. Beim Thema Abtreibung konnten sie
       ebenfalls einige Erfolge verbuchen. „Anstatt Fortschritte zu machen, sind
       die Feministinnen nur noch damit beschäftigt, die mageren Rechte, die sie
       bereits erkämpft hatten, zu verteidigen“, meint Naara Luna von der
       Bundesuniversität in Rio de Janeiro. „In den 1990er Jahren wiesen 70
       Prozent der Gesetzesvorhaben zur Abtreibung in Richtung Legalisierung, in
       den 2000er Jahren zielten 78 Prozent in Richtung Verbot.“
       
       ## Vom Bischof zum Fischereiminister
       
       Im Wahlkampf von 2010 spielte die Abtreibungsdebatte eine wichtige Rolle.
       Zwischen beiden Wahlgängen sah sich Dilma Rousseff auf Druck der Religiösen
       gezwungen, in einem offenen Brief zu erklären, sie sei „persönlich“ gegen
       Schwangerschaftsabbruch. In diesem Jahr dreht sich die Diskussion
       hauptsächlich um die Ehe für alle. Marina Silvas Richtungswechsel in diesem
       Zusammenhang konnte ihr einen Teil der evangelikalen Wählerschaft sichern;
       aber der Eindruck, sie sei von den Evangelikalen abhängig, war für den
       Wahlausgang fatal. Die Evangelikalen umwerben, ohne Katholiken oder
       Konfessionslose abzuschrecken, war die Strategie aller Kandidaten.
       
       Aber das konnte man auch schon vor zwölf Jahren beobachten: Als sich Lula
       da Silva 2002 zum vierten Mal zur Wahl stellte, nominierte er José Alencar
       als Vizepräsidenten. Der Millionär besaß nicht nur das Vertrauen der
       Wirtschaft, sondern war auch Mitglied der evangelikal ausgerichteten
       Liberalen Partei (PL). Seither wurde die Nähe der Arbeiterpartei (PT) zur
       Pfingstkirche größer, bis man schließlich auch Religiöse in die Regierung
       aufnahm. So leitete etwa Senator Marcello Crivella, Bischof der „Universal“
       (und Neffe von Edir Macedo), zwischen Februar 2012 und März 2014 das
       Fischereiministerium.
       
       Nach Ansicht von Figueredo Filho ist die Abgrenzung gegen die Evangelikalen
       pure Heuchelei. „Der Einfluss der Katholiken war früher auch groß, aber
       weniger sichtbar. Der Bischof konnte direkt zum Gouverneur gehen, während
       die Evangelikalen immerhin Abgeordnete wählen müssen“, sagt er. Die gesamte
       Presse berichtete darüber, als Präsidentin Rousseff und mehrere hochrangige
       Politiker am 31. Juli der Eröffnung des riesigen Salomontempels in São
       Paulo beiwohnten. Ihre Besuche im Vatikan werden dagegen heruntergespielt.
       „Die katholische Kultur ist in Brasilien fest verankert. Jetzt verändert
       sich die religiöse Landschaft, und das vor allem ruft die Kritik hervor.“
       
       Ein Teil der Bevölkerung lehnt das Eindringen der Religiösen in die Politik
       ab; das könnte man mit der wachsenden Zahl der Konfessionslosen erklären,
       die keiner Kirche angehören (was nicht automatisch bedeutet, dass sie nicht
       gläubig sind). Bis in die 1970er Jahre betrug ihr Anteil weniger als 1
       Prozent, 1991 waren es 4,7 Prozent, 2010 bereits 8 Prozent. Nach einer
       kürzlich abgeschlossenen Studie des Pereira-Passos-Instituts in den Favelas
       von Rio de Janeiro bezeichnete sich ein Drittel der Befragten in der
       Altersgruppe zwischen 14 und 24 als konfessionslos. Selbst in den
       evangelikalen Kirchen ist der Anteil der Gläubigen, die jede religiöse
       Institution ablehnen, zwischen 2000 und 2010 von 0,3 auf 4,8 Prozent
       gestiegen. Dieser Trend beschäftigt die Forscher besonders. „Es könnte ein
       Zeichen dafür sein, dass sich manche Evangelikale in den radikalen Reden
       ihrer Führer nicht wiederfinden“, mutmaßt Romero Jacob.
       
       Auch wenn die Konservativen in der brasilianischen Gesellschaft weiterhin
       viel Einfluss besitzen, wird auf den Straßen immer öfter für die Rechte von
       Frauen und Homosexuellen demonstriert. „Jesusmärsche“ ziehen Tausende
       Menschen im ganzen Land an, aber das gilt auch für Homoparaden – der
       Christopher Street Day von São Paulo ist mit 3 Millionen Teilnehmern der
       größte der Welt. Inzwischen gibt es sogar evangelikale Gemeinden, die
       Homosexuelle aufnehmen. „Die Radikalität der religiösen Führer, ob
       Evangelikale oder Katholiken, ist auch eine Reaktion darauf, dass Brasilien
       sich trotz allem verändert und öffnet“, meint Maria Luiza Heilborn vom
       Zentrum für Sexualität und Menschenrechte an der Staatsuniversität Rio de
       Janeiro. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum in der
       Öffentlichkeit so heftig über die politischen Ambitionen der Religiösen
       diskutiert wird, bis hin zu der Frage nach der Trennung von Kirche und
       Staat.
       
       9 Oct 2014
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lamia Oualalou
       
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