# taz.de -- Leute, auf die es nicht ankommt
> Die Wiederkehr des Klassenbewusstseins als Vorurteil von Bruno
> Preisendörfer
Anfang November präsentierte der deutsch-französische Kulturkanal Arte
seinem gebildeten Publikum einen Themenabend über die Unterschicht. Die
Dokumentation zeigte abwechselnd Szenen aus dem Alltag von Elendsfamilien
und dazu passende „Expertenstatements“. Die Verarmten waren die Objekte,
die Wissenschaftler und Sozialpolitiker die Subjekte. Hoffnungslose
Hilflosigkeit auf der einen Seite stand gepflegtem Bescheidwissen auf der
anderen gegenüber. Wenn auf der Seite der Hilflosigkeit „wir“ gesagt wurde,
handelte es sich um das „wir“ der Demütigung. Wenn auf der Seite des
Bescheidwissens von „wir“ gesprochen wurde, war es das „wir“ des Mitleids
von überlegener Warte. Das „wir“ der Armen beschränkte sich schamvoll auf
die eigene Familie und wagte es nicht, die Zuschauer dabei mitzumeinen. Das
„wir“ der Armutsexperten trat als Pluralis Majestatis des öffentlichen
Meinens auf, schloss die Zuschauer darin ein und die Dargestellten davon
aus.
Der Gestus der Dokumentation war „kritisch“ und doch durch und durch
klassistisch, wie ein ähnlich gestrickter Film über schwarze Leute
rassistisch gewesen wäre, von weißen Filmemachern für ein weißes Publikum
gedreht und mit lauter weißen Wissenschaftlern, die als Experten das Leben
von schwarzen Leuten kommentieren. Kennt man im wirklichen Leben Menschen,
wie sie in „aufrüttelnden“ Filmen dieser Art vorzukommen pflegen, hört man
in der einen oder anderen Variante häufig den Satz: „Es gibt die da oben
und uns hier unten. Das ist so, das war so und das wird immer so bleiben.“
Als gebildeter Mensch der akademischen Mittelschicht weiß man natürlich,
dass man das so allgemein nicht sagen kann.
Und befindet sich im Irrtum. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler zum Beispiel
weiß, dass man es doch so allgemein sagen kann: „Es ist eine
anthropologische Konstante, dass es immer Herrschende und Beherrschte
gegeben hat und geben wird.“ Wenn zwei das Gleiche sagen, ist es noch lange
nicht dasselbe. Das „die da oben“ einer Putzfrau hat einen anderen Status
als die „anthropologische Konstante“ eines Historikers. Auch wenn die
Aussagen in der Sache völlig übereinstimmen, wird die eine ernstgenommen
und die andere nicht. Den Aussagen geht es wie den Menschen, die sie
treffen.
Im Englischen gibt es die Wendung „persons of no consequences“. Damit sind
Leute gemeint, auf die es nicht ankommt. Genauer gesagt: Leute, auf die es
als Einzelne nicht ankommt. In der Mehrzahl sind sie so wichtig (als
Konsumenten, als Publikum, als Wähler) wie in der Einzahl unwichtig, weil
es jedem Einzelnen von ihnen an Geld, Macht und Wissen fehlt. Sie gehören
zur Unterschicht.
Nicht jede Person, die arm ist, gehört zur Unterschicht. Nicht jeder, der
zur Unterschicht gehört, ist arm. Für Einkommensstatistiker gilt als arm,
wer über weniger als zwei Drittel des durchschnittlichen Monatseinkommens
jener Haushalte verfügt, die der eigenen Familiensituation entsprechen. Die
promovierte Anglistin, die sich als freie Lektorin und Übersetzerin
durchschlägt und nach dieser Definition arm ist, mag sich auch arm fühlen,
wird sich aber trotzdem nicht zur Unterschicht zählen. Wenn sie mit
studierten Freundinnen zusammensitzt, denen es auch nicht besser geht und
die wie sie von einer festen Stelle träumen, wird sie es beim Diskutieren
vielleicht mit der Selbstbeschreibung als Angehörige des „akademischen
Prekariats“ versuchen. Die etwas aggressivere Formulierung vom
„akademischen Proletariat“ dagegen wäre ihr unangenehm. Mit einem
Universitätszeugnis in der Tasche, auch wenn es auf dem Markt nur wenig
wert ist, lässt man sich nicht widerspruchslos „Proletin“ schimpfen, auch
nicht „akademische“. Und obwohl sie rein theoretisch der „anthropologischen
Konstante“ von Professor Wehler zustimmen würde, käme ihr praktisch kaum in
den Sinn, mit ihren Freundinnen von „denen da oben und uns hier unten“ zu
schwadronieren.
Der angelernte Postbriefträger, der als Festangestellter mit Urlaubs- und
Krankengeldberechtigung nach der am Durchschnittseinkommen orientierten
Zweidritteldefinition nicht arm ist, mag sich trotzdem über seinen
Verdienst beklagen – schon deshalb, weil das alle tun. Auch er wird zögern,
sich zur Unterschicht zu zählen, obwohl er weiß, dass nur die gelbe Karre
zwischen ihm und dem teilzeitbeschäftigten privaten Zusteller steht, dessen
erbärmlicher Bezahlung der Staat neuerdings mit einer Mindestlohnregelung
aufzuhelfen sucht. Sitzt der Postbote mit seinen Kumpeln zusammen, denen es
auch nicht schlechter geht und die wie er eine feste Stelle haben, wird er
es beim Diskutieren vielleicht mit der Selbstbeschreibung als „kleiner
Mann“ versuchen. Rein theoretisch kann ihm die „anthropologische Konstante“
des Professors gestohlen bleiben, alltagspraktisch weiß er genau, dass „die
da oben“ machen, was sie wollen, und es auf Leute wie ihn nicht ankommt.
Wenn die Anglistin im Hausflur dem Briefträger über den Weg läuft und der
Briefträger ahnungslos die Absage auf ihre jüngste Bewerbung nicht in den
Kasten wirft, sondern ihr in die Hand drückt, kommt es für einen kurzen
Moment zu einer Berührung der Lebenswelten der beiden.
Die sozialen Reichweiten der Anglistin und des Postboten sind verschieden.
Sollte die Anglistin in ihrer prekären Lage auch noch alleinerziehend sein,
wird ihr Kind trotzdem mit viel höherer Wahrscheinlichkeit eines Tages die
Universität besuchen als das Kind des Postboten. Erkrankt die Anglistin,
wird sie beim Arzt zuvorkommender behandelt als der Postbote, obwohl sie
mit ihrer Künstlersozialversicherung auch nur Kassenpatientin ist.
Allerdings wird auch sie manchmal gefragt: „Wie geht es uns denn?“ Dieses
„uns“ ist nicht einbeziehend wie das „wir“ der Experten im Fernsehen,
sondern schwankt zwischen Leutseligkeit und Verachtung und erinnert an das
„er“, mit dem einst der aristokratische Herr seinen Diener anzureden
pflegte.
## Clemens weiß, wo seine Tonnen stehen
In diesen Momenten bekommt die Anglistin auf einmal zu spüren, wie es ist,
als jemand behandelt zu werden, auf den es nur in der Mehrzahl ankommt. Sie
lässt sich das nicht gefallen und verschafft sich individuell Respekt. Es
fehlt ihr zwar an Geld, jedoch nicht an Wissen und deshalb auch nicht ganz
und gar an Macht oder wenigstens nicht an jenem indifferenten Einfluss, der
vieles im Alltagsleben leichter macht. Eine subkutane oder gar offene
Diskriminierung aufgrund ihres sozialen Ortes in der Gesellschaft gehört
normalerweise nicht zu ihren Problemen. Sie stößt selten auf Herablassung,
abgesehen vom manchmal herablassenden Mitleid derer, die es gut mit ihr
meinen und denen es selbst besser geht.
Dem exemplarischen „kleinen Mann“ in Gestalt des fest angestellten
Postboten fehlt es auch an Geld, allerdings nicht so sehr wie der
exemplarischen Anglistin in prekären Verhältnissen. Doch vor allem fehlt es
ihm an Wissen, das zusammen mit dem akademischen Persönlichkeitsschliff
wenn schon nicht zu Macht, so doch zu einem gewissen „Auftreten“ verhilft.
Er ist zwar saturiert, aber auf unterstem Niveau, und steht den Armen von
der Arte-Doku mental und in seiner sozialen Aura viel näher als die
definitorisch tatsächlich arme Anglistin.
Im Unterschied zu den statistisch Armen des gebildeten Prekariats fehlt es
den verelendeten Armen des ungebildeten Proletariats, von denen einige
Exemplare bei Arte mehr zoologisch vorgeführt als soziologisch verstanden
wurden, an Geld, Macht und Wissen.
An solche Menschen, denen außer einem letzten bisschen Würde alles fehlt,
denken mittelschichtige Feuilletonisten, wenn sie über „Unterschichtigkeit“
debattieren. Oder sie stellen sich verfettete, verblödete, verfernsehte
Leute vor, körperlich, geistig, seelisch verwahrlost. Einst echauffierten
sich rassistische weiße Zeitungsschreiber über die Verkommenheit der Neger
in den Kolonien, heute fantasieren klassistische Mittelschichtsjournalisten
von alimentierten Sozialhilfedynastien, die dem Steuerzahler, womit sie
sich selbst meinen, auf der Tasche liegen.
„Wenn ich auf die Straße schaue, sehe ich zwanzig, fünfundzwanzig Prozent
Menschen, die sich damit abgefunden haben, dass sie vom Staat leben und
auch in Zukunft leben werden. Fünfzehn Prozent sind oben, die werden bald
gehen und sich in Sicherheit bringen. Und die Mehrheit in der Mitte, die
bildet den am stärksten gebeutelten, ausgebeuteten Teil des Volks. Sie
werden vom Staat gejagt, aus purer Not, weil die Politiker Geld brauchen,
um ihre sozialen Versprechungen zu halten.“ Das ist der Sound des
Klassismus. Allerdings hat das kein Journalist geschrieben, sondern der
Maler Markus Lüpertz gesagt (in der Zeit vom 22. Juni 2006). Künstler sind
Künstler.
An ihr Denken sollte man keine zu hohen Ansprüche stellen. Der Maler weiß
nicht, dass der weitaus größte Teil staatliche Transferleistungen
keineswegs von den Mittelschichten nach unten fließt, sondern innerhalb der
Mittelschichten hin- und hergeschoben wird.
Das hat damit zu tun, dass die Mittelschicht trotz ihrer Ideologie des
Individualismus kollektiv gut organisiert ist und mit Hilfe des
Verbandslobbyismus dafür sorgt, dass an einer Stelle weggestrichene
Subventionen (wie beispielsweise die Eigenheimzulage) an anderer Stelle
wieder eingestrichen werden (wie bei der neu eingeführten steuerlichen
Absetzbarkeit von Handwerksarbeiten am Eigenheim).
Die Menschen der Unterschicht dagegen haben ihre politische Vertretung
verloren. In den westlichen Ländern gibt es keine Unterklassen mehr, wenn
darunter ein kollektives Subjekt mit historischem Selbst- und
Selbstbildungsbewusstsein verstanden werden soll, vergleichbar etwa der
Arbeiterklasse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Klassenbewusstsein ist heute eine Sache der Oberschicht, die sich im
Inneren nach Familienzugehörigkeiten strukturiert und nach außen als offene
Leistungselite rechtfertigt, die sie gerade nicht ist, weder was die
Offenheit noch was die Leistung angeht. Übrigens bringen die Angehörigen
dieser Schicht nicht sich selbst außer Landes, wie der Mann meinte, der mit
dem Pinsel denkt, sondern ihr Geld.
Die westeuropäische Arbeiterklasse als „historisches Subjekt“ ist mit dem
Aufstieg der Wohlfahrtsstaaten verschwunden. Sie hat sich in den
beeindruckenden Erfolgen ihrer reformistischen Programme verloren. Der
utopischen Selbstabschaffung als Klasse in einer von Ausbeutung befreiten
Gesellschaft ist die pragmatische Selbstauflösung in einem sozialstaatlich
gezügelten Kapitalismus zuvorgekommen. Und die akademische Linke hat ihren
weltanschaulichen „Abschied vom Proletariat“ mit André Gorz vor nahezu drei
Jahrzehnten genommen.
Im Niedergang der Wohlfahrtsstaaten zeigt sich nun, dass zwar die Klasse
verschwunden ist, nicht aber die Art von Leuten, die einst zu ihr gezählt
wurden. Sie reicht von den Armen der Arte-Doku bis zum „kleinen Mann“ mit
festem Job. Sie alle sind unterschiedlichen Graden klassistischer
Benachteiligung ausgesetzt, von verborgenen Diskriminierungen bis zur
offenen Stigmatisierung.
Während des Aufstiegs der Arbeiterparteien war der Klassismus ein
Kampfinstrument des Bürgertums, das seine ökonomische Dominanz gegen die
gefürchtete Masse und seine gesellschaftliche Zukunft gegen die Gefährdung
durch sozialistische Revolutionen behaupten musste. Heute ist dieses Thema
erledigt und der Klassismus vor allem ein Distinktionsverfahren einer
verunsicherten Mittelschicht, deren Sehnsucht nach oben sich als illusionär
und deren Abstiegsangst sich als begründet erweist. Die Oberschicht hält
sich aus diesen mittelschichtigen Abgrenzungskämpfen nach unten heraus, sie
hat so etwas nicht nötig.
Der Dreh- und Angelpunkt dessen, was man Klassismus ohne Klasse nennen
könnte, ist nicht das Geld, sondern die Arbeit. Die Anglistin klagt
darüber, dass sie weniger verdient als der Postbote, aber nicht darüber,
dass sie keine Briefträgerin ist. Vorausgesetzt, sie hängt an der
Anglistik, möchte sie Anglistin bleiben und nur die Bedingungen verbessern.
Der Briefträger, selbst wenn er am Postwesen hängt, möchte nicht bleiben,
was er ist. Wahrscheinlich möchte er nicht gerade Anglist werden, und
wahrscheinlich möchte er auch nicht sein oberster Boss Klaus Zumwinkel
sein, denn der „ist ein feiner Pinkel, der es die Leute nur nicht so spüren
lässt“, wie einmal im manager magazin stand.
In der Gewerkschaftszeitung ver.di publik wiederum stand über einen
Müllmann: „Clemens weiß, wo seine Tonnen stehen. Er ist hier jede Woche,
seit Jahren. ‚Eigentlich ist es eine langweilige Arbeit. Doch es ist mein
Traum-job.‘ “
Es gibt zwei Möglichkeiten, und beide sind schlecht für Clemens: Entweder
würde er wirklich bei seinem Traumjob bleiben, selbst wenn er eine
Alternative hätte – dann ist er ein Trottel. Oder er meint das mit dem
Traumjob nicht ernst, was man annehmen kann, und würde etwas Leichteres und
Besseres vorziehen – dann ist er etwas, das er nicht sein möchte, selbst
wenn das Geld stimmt. Er ist jemand, der nicht sein Leben wählen würde,
wenn er die Wahl hätte. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit – er stammt
aus einer Dynastie: „Schon als kleiner Junge wollte der heute 42-Jährige
Müllmann werden – wie sein Vater.“
Gegen rassistische und klassistische Diskriminierung kursieren in der
akademischen Linken seit einiger Zeit Theorien der Anerkennung und des
Respekts. Sind diese Theorien hilfreich? Ja, für die Helfer. Symbolarbeiter
neigen dazu, Konflikte um soziale Macht mit Problemen kultureller
Anerkennung zu verwechseln. Die Theorie des Respekts ermöglicht denjenigen,
die sich zu ihm herablassen, ein gutes Gewissen, ohne praktisch an den
schlechten Verhältnissen, die eine solche Theorie erst nötig machen, zu
rühren. Die hässlichen Tatsachen verschwinden hinter schönen Worten. Ein
akademischer Respektslinker würde jemanden, der Müllmann für einen Traumjob
hält, nie als Trottel bezeichnen. Er würde ihn nur stillschweigend für
einen halten. Für eine person of no consequences eben.
14 Dec 2007
## AUTOREN
(DIR) Bruno Preisendörfer
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