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> Wie der Klimawandel Konflikte anheizt
von Agnès Sinai
Zwischen 2006 und 2011 verzeichnete Syrien die längste Dürreperiode und die
größten Ernteverluste seit den frühesten Zivilisationen im Fruchtbaren
Halbmond, jenem Winterregengebiet, das sich von Israel bis in den Südwesten
des Iran erstreckt und in dem die Menschen vor mehreren Tausend Jahren
damit anfingen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben.
Von den 22 Millionen Einwohnern, die Syrien 2009 hatte, waren fast
anderthalb Millionen von der fortschreitenden Wüstenbildung[1]betroffen.
Die Folge war eine massive Landflucht von Bauern, Viehzüchtern und deren
Familien.[2]Der Exodus verschärfte die sozialen Spannungen, die durch den
Zustrom irakischer Flüchtlinge nach der US-Invasion im Jahr 2003 entstanden
waren. Jahrzehntelang hatte das Baath-Regime in Damaskus die natürlichen
Ressourcen des Landes rücksichtslos ausgebeutet, den wasserintensiven
Anbau von Weizen und Baumwolle subventioniert und ineffiziente
Bewässerungsmethoden gefördert. Hinzu kamen Überweidung und
Bevölkerungswachstum. Aus all diesen Gründen sind zwischen 2002 und 2008
die Grundwasserreserven um die Hälfte zurückgegangen.
Für das Zusammenbrechen der syrischen Landwirtschaft waren mehrere Faktoren
entscheidend, vom Klimawandel über die Misswirtschaft im Umgang mit
natürlichen Ressourcen bis hin zur Bevölkerungsentwicklung. Dieses
„Zusammenspiel von wirtschaftlichen, sozialen, klimatischen und
ökologischen Veränderungen hat den Gesellschaftsvertrag zwischen Bürgern
und Regierung untergraben, die Oppositionsbewegungen wachgerufen und die
Legitimität des Assad-Regimes unwiderruflich beschädigt“, analysieren
Francesco Femia und Caitlin Werrell vom Washingtoner Zentrum für Klima und
Sicherheit. Auch den Aufstieg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) führen
die beiden zumindest teilweise auf die lange Trockenperiode zurück.[3]
Diese Dürre ist nicht allein durch natürliche Klimaschwankungen zu erklären
– es handelt sich um eine Anomalie: „Der Rückgang der Niederschläge in
Syrien steht in Zusammenhang mit dem steigenden Meeresspiegel im östlichen
Mittelmeer [...], verbunden mit der abnehmenden Bodenfeuchtigkeit. Für
diese Entwicklungen gibt es allem Anschein nach keine natürliche Ursache.
Die beobachtete Trockenheit und Erwärmung passen vielmehr zu Klimamodellen,
die die Auswirkungen des Anstiegs von Treibhausgasen zeigen“, heißt es in
der Zeitschrift der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften.[4]
Im Osten Chinas hatte die Regierung von Wen Jiabao im Winter 2010/11 wegen
ausbleibender Niederschläge und zahlreicher Sandstürme sogar Raketen
abfeuern lassen, in der Hoffnung, damit Regen auszulösen. Es war eine
Dürreperiode, die Dominoeffekte bis weit jenseits der Landesgrenzen
auslöste. Die Ernteausfälle zwangen Peking nämlich, auf den internationalen
Märkten Weizen zu kaufen. Der folgende Anstieg der Weizenpreise gab dem
Volkszorn im größten Weizenimportland Ägypten neue Nahrung, wo ein
10 Sep 2015
## AUTOREN
(DIR) Agès Sinai
(DIR) Agnes Sinai
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