# taz.de -- Wem gehört Panama City?
       
       > Steuerflüchtlinge, internationale Konzerne und Immobilienspekulanten
       > übernehmen die Stadt
       
       von Allan Popelard und Paul Vannier​
       
       Das Vorzimmer des Ministers für Kanalangelegenheiten Robert Roy ist
       vollgehängt mit Fotos von Containerschiffen und Gemälden aus der Bauzeit
       des Panamakanals zwischen 1880 bis 1914. „Wir erleben in Panama so etwas
       wie eine Belle Époque,“ sagt er und setzt ein selbstbewusstes Lächeln auf.
       
       Roy wurde nach dem Sieg von Juan Carlos Varela bei den
       Präsidentschaftswahlen im Mai 2014 in seinem Amt bestätigt. Nun führt er in
       einer Präsentation vor, welche Perspektiven sich für sein Land eröffnen.
       „Das Wachstum war noch nie so stark. 1996 durchquerten 235 000 Container
       den Kanal, 2010 waren es 6,5 Millionen. Und dank der Erweiterungsarbeiten
       rechnen wir für 2020 mit 12,4 Millionen.“
       
       In Panama City, der am Pazifik gelegenen Hauptstadt, lebt eine Million der
       3,8 Millionen Panamaer. Die rege Bautätigkeit hier beweist, dass man von
       der Verlagerung der Weltwirtschaft in Richtung pazifischer Raum zu
       profitieren gedenkt. „Wie Sie wissen“, resümiert Roberto Roy, „haben wir
       seit 500 Jahren mit Logistik zu tun. Grund ist die privilegierte
       geografische Lage unseres Landes.“
       
       Seit dem 16. Jahrhundert nutzten die Spanier die Landbrücke zwischen
       Atlantik und Pazifik für ihre Eroberung Südamerikas. Panama City diente als
       Schnittstelle zwischen Mutterland und Kolonien, das peruanische Gold wurde
       hier verladen.
       
       Mit der Erschöpfung der Minen verlor die Stadt an Bedeutung. Für die
       Goldfunde im westlichen Nordamerika ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde
       eine Eisenbahn durch Panama gebaut, die Panamá Canal Railway Company, die
       die Schiffsverbindung zwischen New York und Kalifornien erleichterte. Sie
       wurde zum wichtigsten börsennotierten Unternehmen. Und mit der
       Inbetriebnahme des Kanals unter der Ägide der USA wurde der Isthmus
       endgültig zu deren Hinterhof.[1]
       
       Während viele lateinamerikanische Staaten ihre Unabhängigkeit durch
       importsubstituierende Industrialisierung stärkten, wählte Panama den Weg
       einer „Kommerzialisierung der Souveränität“[2], um seinen Platz in der
       internationalen Arbeitsteilung zu finden.
       
       Die Entwicklung der Städte wie der Kanalzone orientierte sich an den
       Bedürfnissen des Welthandels, nicht an denen der Bewohner. Wie viele
       Karibikinseln wurde Panama ab den 1970er Jahren zur Steueroase. Panama
       City, das derselben Zeitzone angehört wie New York, stieg zum
       zweitwichtigsten Finanzplatz des Kontinents auf.
       
       „1969 war ich Wirtschaftsminister“, erinnert sich Nicolas Ardito
       Barletta.[3]„Ich war der Ansicht, dass der Bankensektor gestärkt werden
       müsse. Damals zirkulierten gewaltige Dollarmengen. Wir haben daraufhin
       Gesetze erlassen, die die Entwicklung sowohl des Off-shore-Sektors als auch
       der einheimischen Banken unterstützten.“ Als Adept des neoliberalen
       Katechismus von Milton Friedman beglückwünscht sich Barletta bis heute für
       diese Politik. „Seitdem sind wir die am stärksten finanzialisierte
       Volkswirtschaft Lateinamerikas. Vor der Verabschiedung dieser Gesetze gab
       es in Panama nur 12 ausländische Banken, zehn Jahre später waren es 125.
       Die Bankeinlagen sind von 800 Millionen auf 47 Milliarden Dollar
       angewachsen. 25 000 Menschen arbeiten im Bankensektor.“
       
       Dank gesetzlicher Ausnahmeregelungen und eines Netzes von Konsulaten in
       allen großen Welthäfen ist das Steuerparadies auch ein Zentrum der
       Billigflaggen-Schifffahrt. Weltweit fährt fast ein Viertel aller Schiffe
       unter panamaischer Flagge. Das Land, das sich auf den Verkauf von
       Souveränitätsrechten spezialisiert hat, besitzt keine unabhängige Währung
       und hat 1990 seine Armee aufgelöst.
       
       Entlang der Küste erstreckt sich über zehn Kilometer das Geschäftsviertel
       von Panama City. Die Stadt verdankt ihr Wachstum der Ausbeutung von
       transnationalen Kapitalbewegungen. Der Immobiliensektor wird durch
       Spekulationen angeheizt: Innerhalb von zehn Jahren hat sich der
       Quadratmeterpreis vervierfacht.
       
       Wie aufgereihte Masten stehen die Hochhäuser am Ufer. Nachts, ohne
       irgendein Licht in den Fenstern, verschwimmen sie zu einer Felskette vor
       dem Meer. In den leeren Apartments von Panama City schläft nur das Geld.
       
       Transnationale Unternehmen haben hier ihren Sitz, im Gefolge entstanden
       Luxushotels und teure Wohnsiedlungen. Die letzte Extravaganz: Ocean Reef
       Island, ein an Dubai erinnernder Archipel künstlicher Inseln. Nichts davon
       hat die öffentliche Hand geplant.
       
       „Man hat alles der Privatinitiative überlassen“, sagt der Stadtplaner
       Álvaro Uribe (ein zufälliger Namensvetter des kolumbianischen
       Expräsidenten). „Der Staat hat erst später den Anschluss der neuen Viertel
       an das Elektrizitäts-, Wasser- und Straßennetz übernommen.“
       
       Diese dem Markt überlassene Stadtentwicklung ist ein Paradebeispiel für
       oligarchische Raumproduktion. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben reiche
       Unternehmer immer neue Gebiete in Angriff genommen. Der Bananenkönig Menor
       Keath errichtete in den 1910er Jahren das Viertel Bella Vista. Vierzig
       Jahre später baute die Familie Duque, Eigentümerin eines großen
       Pressekonzerns, das schicke Viertel Cresta. Jüngster Avatar dieser
       privatisierten Baugeschichte ist das Viertel Costa del Este.
       
       „Es begann Anfang der 1990er Jahre“, berichtet Uribe. „ Ein Geschäftsmann,
       Roberto Motta, sah den Bau der Autobahn zwischen Zentrum und Flughafen
       voraus und kaufte viele kleine Parzellen auf einer ehemaligen Mülldeponie.“
       Aus dem Gelände hat er eines der begehrtesten Quartiere gemacht. Zahlreiche
       venezolanische Emigranten auf der Flucht vor der „bolivarianischen
       Revolution“ leben dort. Auf der Strandpromenade, wo Jogger unter Palmen
       trainieren, hat sich Motta selbst ein Denkmal gesetzt.
       
       „Lange Zeit hatten die zehn mächtigsten Familien des Landes mit dem Kanal
       nichts zu tun“, erzählt Marco Gandasegui, Professor für Soziologie an der
       Universität Panama. „Der befand sich in den Händen der Amerikaner, also
       mussten sie sich anderweitig spezialisieren. Als Anfang des 20.
       Jahrhunderts 60 000 Menschen für den Kanalbau ins Land kamen, stellten sie
       die Unterkünfte. So haben sie beträchtliche Vermögen mit
       Immobilienspekulation gemacht.“
       
       2013 betrug das Wachstum im Immobiliensektor 29 Prozent gegenüber 8 Prozent
       beim Bruttoinlansprodukte. 40 Prozent der Bevölkerung von Panama City lebt
       unterhalb der Armutsgrenze, die Hälfte hat keinen Zugang zu Trinkwasser.
       Dennoch entsteht keine sichtbare Oppositionspartei. Bei den Wahlen geht die
       Macht von einer Oligarchenclique zur anderen über.
       
       ## Die Immobilienentwickler stellen selbst ihre Visa aus
       
       Im schlammigen Hafen von Boca la Caja hängt Luis Alberto Mendoza seine
       Netze auf. Das Armenviertel liegt im Herzen des Businessdistrikts –
       zwischen Multiplaza, dem größten Shoppingcenter der Hauptstadt, und der
       Küstenautobahn Corridor Sur. Es besteht nur aus ein paar Dutzend Hütten aus
       Wellblech und Holz und wirkt mit seinen Obstbäumen und dem Kleinvieh wie
       eine bäuerliche Enklave – direkt neben den Grundmauern einer Bauruine. Nach
       dem Bankrott der spanischen Eigentümer wurden die Bauarbeiten an dem einst
       größten Immobilienprojekt der Hauptstadt eingestellt.
       
       150 Fischer verdienen sich hier mühsam ihren Lebensunterhalt und nutzen
       eine Tunnelröhre unterm Autobahndamm, um aufs Meer zu gelangen. Sie haben
       viele Stürme überstanden, aber einige werden nun von der kalten Flut der
       Spekulation erfasst. Juan Rodríguez rechnet es vor: „Mir gehört ein
       Grundstück von 150 Quadratmetern, das meine Eltern damals für 2800 Dollar
       gekauft haben. Jetzt kann ich es für 2000 bis 3000 Dollar den Quadratmeter
       loswerden, also für mehr als 300 000 Dollar. Damit kann ich mir in Arrajian
       oder noch besser in Tocumen etwas kaufen.“ Schon viele sind in diese
       Vororte gezogen.
       
       Die Verbannung der Armen an die Peripherie hat sich mit der touristischen
       Aufbereitung des historischen Stadtkerns Casco Antiguo beschleunigt. Das
       einst heruntergekommene, verrufene Viertel, das 1997 von der Unesco zum
       Weltkulturerbe erklärt wurde, hat sich völlig verändert.
       
       Die Fahrbahnen wurden neu gepflastert, Stromleitungen unterirdisch verlegt,
       Straßenbeleuchtungen erneuert, ein bewachter Parkplatz wurde angelegt – und
       die Unterschicht aus dem Viertel vertrieben. Zugemauerte Türen und Fenster
       zeugen von Wohnungsräumungen, aufgehübschte Fassaden und lackiertes Holz
       von Restaurierungsarbeiten. Nun bewegt sich die Gentrifizierungswelle auf
       das Elendsviertel Chorillo zu. Noch trennt eine von Polizisten bewachte
       Straße die beiden Welten voneinander.
       
       „In der Altstadt von Panama City“, fasst Eduardo Tejeira Davis, Architekt
       verschiedener Museen des Casco Antiguo, die Situation zusammen, „wiederholt
       sich der Prozess, den wir in allen lateinamerikanischen Städten erlebt
       haben. Es hat in den 1950er Jahren in San Juan, Puerto Rico, angefangen,
       sich im guatemaltekischen Antigua in den 1960er und 1970er Jahren und in
       Cartagena, Kolumbien, in den 1980er und 1990er Jahren fortgesetzt. Hier hat
       es in den 2000er Jahren begonnen. Der einzige Unterschied besteht in den
       Leuten, die investieren und hierherziehen. Im alten kolonialen Zentrum von
       Panama City sind es vor allem Ausländer.“
       
       Europäer, Nordamerikaner und Kolumbianer kaufen die schönsten
       Kolonialbauten auf, teilen sie auf und verkaufen sie weiter. „Sie holen
       fünf- bis zehnmal so viel heraus, wie sie investiert haben“, schätzt
       Tejeira.
       
       Die Ergebnisse dieser „Politik der strategischen Verschönerung“[4]sind
       offensichtlich. 1997 kamen 421 000 Touristen ins Land, 2014 waren es mehr
       als 1,6 Millionen. Panama und seine Hauptstadt sind nach Costa Rica zum
       zweitwichtigsten Reiseziel der Region geworden. Man kommt hierher, um in
       den Gassen der Altstadt zu flanieren, die Einfahrt der Frachter in die
       Kanalschleusen zu beobachten und in den riesigen Einkaufscentern zu
       shoppen. Der Flughafen von Tocumen, Drehkreuz von Copa Airlines, ist der
       wichtigste Luftknoten Mittelamerikas, die Kreuzfahrtschiffe der Karibik
       stoppen in Panama.
       
       Seit Anfang der 2000er Jahre arbeiten die Behörden an der Umwidmung der
       ehemaligen US-Militärbasen. Die Stützpunkte, die 1999 an Panama
       zurückgegeben wurden[5], waren einst berüchtigt als Ausbildungsorte rechter
       Militärs und Ausgangspunkt von Interventionen gegen linke Regierungen
       Lateinamerikas.
       
       Auf dem ehemaligen Luftwaffenstützpunkt von Howard, 10 Kilometer vom
       Zentrum entfernt, entsteht auf der anderen Seite der Puente de las
       Américas, der großen Brücke über den Panamakanal, direkt an der Küste das
       Wohn- und Gewerbegebiet Panamá Pacífico. Von Dschungel bedeckte Berge,
       heranrollende Wellen, Stacheldraht, Vogelgeschrei in Endlosschleife,
       Checkpoint, Verbotsschilder: Bis zur niedrigen grauen Kuppel des Himmels
       ist alles ein geschlossener Raum.
       
       Roberto Pereira vom Immobilienkonzern London and Regional beugt sich über
       das Modell des 1400 Hektar großen Projekts. Er hantiert mit seinem Tablet,
       kleine rote Lichter blinken auf. „Dort bauen wir den Business Park, hier
       planen wir 20 000 Wohnungen.“ Mit ihren Banken und Schnellrestaurants,
       ihren Siedlungen und Golfplätzen mutiert die frühere Militärbasis
       allmählich zur nordamerikanischen Vorstadt. Die Kampfflugzeuge und grünen
       Uniformen werden von Privatjets und dunklen Anzügen abgelöst. Doch die
       alten Baracken sind noch zu erkennen und an den Hangars prangt in roten
       Lettern die Schrift USMC (United States Marine Corps).
       
       Für die Errichtung von Panamá Pacífico ist eine staatliche Behörde
       zuständig, die alle öffentlichen Aufgaben, mit denen Investoren zu tun
       haben, unter einem Dach bündelt. Sozialversicherung, Arbeitserlaubnis,
       Baugenehmigung und Visum werden an Ort und Stelle angefertigt und
       ausgehändigt, niemand muss dafür in die Innenstadt fahren. Diese
       Ausnahmeregelungen sind durch das „Gesetz zur Investitionssicherheit“ von
       2004 geschützt.
       
       Beim gescheiterten ersten Kanalbauprojekt am Ende des 19. Jahrhunderts kam
       es zu einem riesigen Finanzskandal, der zahllose Anleger in den Ruin trieb
       – und einige Staaten veranlasste, neue Gesetze zu verabschieden. In
       Frankreich beispielsweise wurde eine Steuer eingeführt, die finanzielle
       Transaktionen an der Börse belastete (sie wurde erst 2007 wieder
       abgeschafft).
       
       Ein Jahrhundert später ist das mobile und globalisierte Kapital wieder
       munter dabei, den Staat und seine Hauptstadt zu Instrumenten seiner eigenen
       Bedürfnisse zu machen.
       
       [1 ]Vgl. Toni Keppeler, „Hundert Jahre Panama-Kanal”, Le Monde
       diplomatique,August 2014.
       
       2 ↑Ein Begriff des Ökonomen Ronen Palan: „Paradis fiscaux et
       commercialisation de la souveraineté de l’Etat“, L’Economie politique,Nr.
       15, Paris, 2002/3.
       
       3 ↑Präsident Panamas 1984/85, der wegen Differenzen mit General Noriega,
       dem Chef der Streitkräfte und faktischen Machthaber, zurücktreten musste.
       
       4 ↑Der Begriff wurde von Walter Benjamin verwendet, um den Umbau von Paris
       durch Haussmann zu beschreiben; er verweist auf das doppelte Motiv der
       „großen Bauarbeiten“: Es ging sowohl um Modernisierung als auch um eine
       bessere Kontrolle des urbanen Raums auf Kosten des Proletariats.
       
       5 ↑Als Ergebnis der 1977 vom US-Präsident Jimmy Carter und dem panamaischen
       Staatschef Omar Torrijos unterzeichneten Verträge.
       
       AUS DEM FRANZÖSISCHEN VON RAUL ZELIK 
       
       Allan Popelard und Paul Vannier sind Geografen.
       
       9 Jul 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Allan Popelard
 (DIR) Paul Vannier​
       
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