# taz.de -- Jenseits von Schengen
       
       > Die Ungarn in Transkarpatien leben nach Budapester Zeit von Laurent
       > Geslin und Sébastien Gobert
       
       Mein Großvater hat sein Leben lang in demselben Dorf gewohnt und dabei in
       fünf verschiedenen Ländern gelebt.“ Tjatschiw liegt an der Theiß im
       westlichen Karpatenvorland. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte der heutige
       ukrainische Oblast[1]Transkarpatien zur Habsburger Doppelmonarchie
       Österreich-Ungarn. Im Friedensvertrag von Trianon, der die faktische
       Auflösung des Vielvölkerstaats am 4. Juni 1920 besiegelte, wurde die Region
       der neu gegründeten tschechoslowakischen Republik zugesprochen. Der
       ehemalige Zöllner Sandor Igyarto, ukrainischer Staatsbürger ungarischer
       Herkunft, zieht an seiner amerikanischen Zigarette. „1938 kehrten die
       Ungarn zurück. Im Krieg wurde mein Großvater zur ungarischen Armee
       eingezogen und an die Ostfront geschickt. Ende 1944, als wir sowjetisch
       wurden, hat man ihn nach Sibirien deportiert. Er kam erst nach Stalins Tod
       zurück.“
       
       In Tjatschiw gibt es eine calvinistische, eine katholische, eine
       griechisch-katholische und eine orthodoxe Gemeinde. Auf dem Hauptplatz
       stehen Kriegerdenkmäler für die Gefallenen: die österreichisch-ungarischen
       Soldaten des Ersten Weltkriegs, die Partisanen des Zweiten Weltkriegs und
       die Sowjetsoldaten des Afghanistankriegs. Willkommen im Herzen Europas: So
       errechneten es die k. u. k. Landvermesser und errichteten dem geografischen
       Mittelpunkt Europas im Jahr 1887 ein paar Kilometer weiter östlich, im Dorf
       Rachiw, ein Denkmal. Heute ist Transkarpatien eine vergessene Randregion an
       der Ostgrenze der Europäischen Union, abgehängt hinter der
       „Schengen-Linie“, die Ungarn, die Slowakei und Polen von Rumänien und der
       Ukraine trennt. Für die Transkarpatier liegt „Europa“ nur einen Steinwurf
       entfernt, und ist doch unerreichbar – jenseits der letzten „Mauer“ des
       Kontinents hinter einer Grenze, die trennt und nährt zugleich.
       
       Wie ganz Mitteleuropa war auch Transkarpatien lange Zeit ein multikulturell
       geprägter Landstrich. Hier lebten Ungarn, Ruthenen, Ukrainer, Deutsche,
       Roma und Juden zusammen. Anfang des 20. Jahrhunderts begann ein Prozess der
       Homogenisierung, der sich vor allem seit 1991, mit der Unabhängigkeit der
       Ukraine, beschleunigt hat. Laut der letzten Volkszählung von 2001 leben nur
       noch 150 000 Ungarn in Transkarpatien, das sind 12 Prozent der
       Gesamtbevölkerung der Region – 1921 waren es noch 17 Prozent.[2]„Jedes Jahr
       wandern fünf- bis sechstausend Menschen nach Ungarn aus“, erzählt Igyarto,
       „weil sie hier keine Perspektive haben. Die wirtschaftliche Lage ist
       dramatisch.“
       
       Dennoch sind in der Grenzstadt Tschop, dem für die Sowjetunion einst
       wichtigen Eisenbahnknoten im ungarisch-slowakisch-ukrainischen
       Dreiländereck, in den letzten Jahren viele neue Villen gebaut worden. „Es
       ist kein Geheimnis: Wer hier ein schönes Haus hat, ist mit krummen
       Geschäften reich geworden“, erzählt ein Lokalreporter. „In erster Linie
       durch Zigaretten- und Menschenschmuggel.“ Von Kiew durch die Karpaten und
       mehr als 800 Kilometer schlechte Straßen getrennt, wenden sich die
       transkarpatischen Ungarn konsequent Richtung Westen: Sie sehen ungarisches
       Fernsehen und leben nach Budapester Zeit, eine Stunde vor Kiew.
       
       Das einstige Niemandsland zwischen der früheren Sowjetunion und der
       Volksrepublik Ungarn wird heute von Polizisten mit Hunden und
       Wärmesuchgeräten bewacht. Jedes Jahr versuchen Hunderte Migranten aus
       Pakistan, Afghanistan und Somalia die Barriere zu überwinden. „Um über die
       Grenze zu kommen, muss man etwa 5 000 Euro Schmiergeld für die Grenzbeamten
       einkalkulieren. Anders kommt man praktisch nicht rüber“, erklärt Haruni,
       ein Somalier, der seit zwei Jahren in Uschhorod, der Hauptstadt des
       Oblasts, festsitzt.
       
       Im Sommer 2012 wurden zwei Schmugglertunnel in die Slowakei entdeckt und 13
       000 Zigarettenstangen beschlagnahmt – eine Beute im Wert von rund 130 000
       Euro. „Ohne den kleinen Grenzschmuggel würden die meisten nicht überleben“,
       erklärt der Soziologe Antal Örkeny. „Durch die Schengengrenze sind die
       Menschen hier noch stärker von der Union abgeschnitten als früher.“
       
       Rund fünfzig Kilometer weiter südlich scheint das Städtchen Berehowe schon
       lange in einer Art Dornröschenschlaf zu liegen. Berehowe hat rund 25 000
       Einwohner, die Hälfte bezeichnet sich als Ungarn. Ein Rudel Hunde streift
       durch die Gassen der Altstadt, deren pastellfarbene Fassaden verwittern.
       Auch hier gibt es kaum Jobs; Arbeit gibt es nur in den wenigen
       italienischen Textilfabriken – für maximal 250 Euro im Monat. „Natürlich
       versuchen wir die Jungen zu halten, aber viele wandern nach Ungarn aus,
       sobald sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben“, erzählt Ildiko Orosz, die
       Leiterin des Ungarischen Hochschulinstituts in Transkarpatien „Ferenc II.
       Rakoczi“. „Die Kinder der ungarischen Minderheit gehen auf ukrainische
       Schulen und assimilieren sich. Früher hat hier niemand Ukrainisch
       gesprochen.“ In dieser lange umkämpften Grenzregion war die Verkehrssprache
       Ruthenisch, das von den ukrainischen Nationalisten nicht anerkannt wird
       (siehe Text rechts). „Wir haben im 20. Jahrhundert viel gelitten und einen
       Großteil unserer intellektuellen Elite verloren. Doch seit 1996 können an
       unserem Institut die jungen transkarpatischen Ungarn wieder ein komplettes
       Studium in ihrer Muttersprache abschließen. Das wäre an einer ukrainischen
       Universität nicht möglich.“
       
       An der Straße zwischen Berehowe und Uschhorod steht die Burg Palanok des
       Fürsten Ferenc II. Rakoczi, der von 1703 bis 1711 einen Aufstand gegen die
       Habsburger Zentralmacht anführte. „Hier haben schon immer Ungarn gelebt –
       während die Ukraine gerade mal zwanzig Jahre alt ist“, erklärt Betty
       Henkel, die seit ihrem Hochschulabschluss noch keine Arbeit gefunden hat.
       „Heute stellt man uns ja gern als Ausnahmefall dar, dabei haben wir unsere
       eigenen Schulen und eigene Vereine und Parteien. Natürlich leben wir hier
       alle zusammen, und wir arrangieren uns mit der gegenwärtigen Regierung auch
       so gut es geht. Aber wir erwarten nichts vom ukrainischen Staat.“
       
       Roman Ofizynskij, der stellvertretende Rektor der Nationaluniversität
       Uschhorod, hält nicht viel von der autonomen ungarischen Universität: „Der
       Studiengang am Institut in Berehowe bietet keinerlei berufliche
       Perspektive. Nicht nur nützt das Ungarische gar nichts, um in der Ukraine
       eine Stelle zu finden, dazu kommt noch, dass sie den Schwerpunkt dort auf
       Philologie und Geschichte legen und die praktischen Fächer vernachlässigen.
       Wie viele Geschichtsprofessoren braucht man denn? An unserer Uni haben wir
       einen Lehrstuhl für Ungaristik, und es gibt eigene Stipendien für
       ungarischsprachige Studenten. Sie beklagen sich andauernd über
       Diskriminierung, dabei sind sie sehr privilegiert.“
       
       Die seit 1991 unabhängige Ukraine ist immer noch ein Land auf der Suche
       nach sich selbst. Zwischen dem mehrheitlich russischsprachigen Osten und
       dem Westen, wo neben dem Ukrainischen zahlreiche Minderheitensprachen
       gesprochen werden, liegt eine Art linguistischer Graben, den die
       verschiedenen Regime stets zu nivellieren versuchten. „Während der
       Sowjetzeit wurden russische Beamte und Soldaten in Transkarpatien
       angesiedelt, was eine massive Russifizierung zur Folge hatte. Deshalb
       unterstützten die ukrainischen Ungarn 2004 die Orangene Revolution von
       Wiktor Juschtschenko und Julia Timoschenko“, sagt Istvan Csernicsko,
       stellvertretender Rektor des Ungarischen Instituts Berehowe. „Aber die neue
       Regierung hatte nicht das geringste Interesse daran, den Regionalismus in
       Transkarpatien zu fördern, weil sie fürchtete, dass dies wiederum den Osten
       autonomer machen würde. Deshalb wurde überall, wo es ging, das Ukrainische
       zur Pflichtsprache erhoben – zum Leidwesen der Minderheiten.“
       
       Wiktor Janukowitsch, Juschtschenkos alter Rivale, gegen den sich 2004 die
       „Orangene Revolution“ gerichtet hatte, ist nach Timoschenkos Wahlniederlage
       seit 2010 Präsident der Ukraine.[3]Wenige Wochen vor den Parlamentswahlen
       vom 28. Oktober 2012 unterzeichnete er im August ein Gesetz, das
       Minderheitensprachen, die von mehr als 10 Prozent der Bevölkerung eines
       Oblasts gesprochen werden, einen offiziellen Status einräumt. Das war keine
       ungeschickte Strategie, um sich die Stimmen der Minderheiten zu sichern und
       gleichzeitig die russischsprachigen Wähler zu mobilisieren. Am 24. Dezember
       2012 wurde das Gesetz vom transkarpatischen Regionalparlament ratifiziert.
       
       ## Slowakische Volksmusik im Festsaal von Bükkszentkereszt
       
       Istvan Gajdos ist Präsident der Ungarisch-Demokratischen Föderation in der
       Ukraine (UMDSZ), einer der beiden politischen Parteien, die die Ungarn in
       Transkarpatien repräsentieren,[4]und Bürgermeister von Berehowe; er wurde
       auf der Liste von Janukowitsch’ Partei der Regionen (PR) in die Werchowna
       Rada gewählt, das ukrainische Parlament. „Ungarisch ist jetzt die
       offizielle Sprache des Oblast und der Gemeinde. Es war uns sehr wichtig,
       dass wir in unserer Stadt unsere Muttersprache verwenden dürfen.
       Verkehrsschilder und amtliche Mitteilungen können nun offiziell in zwei
       Sprachen verfasst sein. Natürlich können nicht alle Verwaltungsangestellte
       Ungarisch, aber in Zukunft wird die Kenntnis des Ungarischen ein
       Einstellungskriterium sein.“
       
       Die rechtsextreme Allukrainische Vereinigung „Swoboda“, die bei den
       Parlamentswahlen im vergangenen Oktober erstmals 10 Prozent der
       Wählerstimmen bekommen hat und 38 Abgeordnete ins Parlament schicken
       konnte, will das Gesetz bekämpfen. Oleh Kuzin, der Chef der Regionalsektion
       der Partei, sieht in der „Remagyarisierung“ („Re-Ungarisierung“) von
       Berehowe einen Beweis für die separatistischen Bestrebungen der
       transkarpatischen Ungarn und den Budapester Imperialismus. „Der ungarische
       Staat gibt jährlich eine Million US-Dollar für die Unterstützung der
       ukrainischen Ungarn aus, und das Konsulat verteilt großzügig ungarische
       Pässe, was wirklich ein Unding ist – ein ukrainischer Staatsbürger darf nur
       eine einzige Staatsangehörigkeit haben! Aber Budapest will um jeden Preis
       die ungarischen Bezirke von der restlichen Ukraine isolieren – natürlich um
       sie sich am Ende einzuverleiben.“ Darin sieht Kuzin ein „ernsthaftes
       Problem für die Sicherheit unseres Landes“.
       
       In Viktor Orbans erster Amtszeit als Ministerpräsident von Ungarn wurde
       2001 für Auslandsungarn ein sogenannter Statusausweis eingeführt, der den
       Zugang ins Land zum Studieren und Arbeiten erleichtert. Darüber hinaus
       schlossen Kiew und Budapest ein Abkommen, nach dem die Bewohner aus
       Ortschaften, die weniger als 50 Kilometer von der Grenze entfernt liegen,
       ohne Schengen-Visum nach Ungarn einreisen können.
       
       Nachdem Orban im Mai 2010 zum zweiten Mal Ministerpräsident geworden war,
       können nun seit Januar 2011 die insgesamt 2,5 Millionen Auslandsungarn in
       Rumänien, Serbien, der Slowakei und der Ukraine sogar einen ungarischen
       Pass beantragen, wobei die Ukraine eigentlich gar keine doppelte
       Staatsbürgerschaft zulässt. „Die ukrainische Justiz bestraft niemanden, der
       zwei Pässe besitzt – solange er es nicht an die große Glocke hängt“,
       rechtfertigt sich Istvan Toth, der ungarische Generalkonsul in Berehowe,
       vorsichtig. Er will zwar nicht sagen, wie viele Bürger der Ukraine
       ungarische Pässe beantragt haben[5], räumt aber ein, dass viel Geld aus
       Budapest nach Transkarpatien fließt, mit dem die Universität, die
       Kulturvereine und Organisationen am Leben erhalten werden.
       
       „Dass die Auslandsungarn von der ungarischen Regierung unterstützt werden,
       ist doch ganz normal, aber es reicht leider nicht“, stellt Miklos Kovacs
       resigniert fest. Kovacs ist der Vorsitzende der Kulturellen Föderation in
       Transkarpatien (KMKSZ), die sich Viktor Orbans Partei Fidesz angeschlossen
       hat. „Wir werden von Jahr zu Jahr weniger, und es wird immer schwieriger,
       die ukrainischen Ungarn für die Verteidigung ihrer Interessen zu
       mobilisieren.“ In der Kultur sehe es zwar besser aus, aber das sei
       eigentlich auch nur Folklore. „In ein paar Jahren wird es uns nicht mehr
       geben – vielleicht noch als Gemeinschaft, aber nicht mehr als politisch
       aktive Kraft. Dann wird sich die ungarische Frage in der Ukraine endgültig
       erledigt haben.“
       
       Viele denken, dass Orban den ungarischen Nationalismus im Ausland vor allem
       deshalb schürt, weil er gegen die Wirtschaftskrise im eigenen Land nichts
       ausrichten kann. Seit Orban nach dem Fidesz-Wahlsieg von 2010 wieder an der
       Macht ist, beobachtet man in den Nachbarländern mit ungarischen
       Minderheiten voller Sorge, wie der Ministerpräsident die
       Großungarn-Nostalgiker hofiert. Das „Grundgesetz Ungarns“, die neue
       Verfassung, die am 25. April 2011 unterzeichnet wurde, beschwört die
       christlichen Wurzeln und die „tausendjährige“ Geschichte des Landes und
       übernimmt ausdrücklich „Verantwortung für das Schicksal der außerhalb der
       Landesgrenzen lebenden Ungarn“. Dieser „kollektive Narzissmus“, sagt die
       ungarische Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky, „geht einher mit
       einem ständig kommunizierten Opfermythos, das heißt, die Ungarn, die
       Magyaren, sind Opfer der Geschichte, Opfer der äußeren Feinde und Opfer der
       inneren Feinde, […] und das gehört im Moment vor allem zu der Rhetorik der
       Regierung.“[6]
       
       In Miskolc, dem größten Industriezentrum im Nordosten Ungarns, etwa 150
       Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, zerfallen die letzten
       Ruinen der einstigen Stahlfabriken. Noch Anfang der 1980er Jahre
       beschäftigte die Lenin-Stahlhütte über 18 000 Arbeiter, und zwei Drittel
       der 200 000 Einwohner der Stadt lebten von der Schwerindustrie. Diese Welt
       ist mit der Einführung der Marktwirtschaft untergegangen. „In den neunziger
       Jahren waren 30 Prozent der aktiven Bevölkerung arbeitslos“, erzählt György
       Mike, der im Rathaus von Miskolc – seit 2010 ebenfalls fest in der Hand von
       Fidesz – für die Staatsbetriebe zuständig ist. „Zwar entwickelten sich nach
       und nach der Textil- und der Bankensektor, um die Schwerindustrie
       abzulösen, aber die Leute häuften Schulden an; viele sind heute ruiniert.“
       Seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 schließen die Geschäfte in der
       Innenstadt, und die EU-Subventionen, mit denen beispielsweise das Rathaus
       renoviert wurde, reichen nicht mehr aus, um die Wirtschaft am Laufen zu
       halten. „Der frühere sozialistische Bürgermeister hat die Schulden der
       Stadt auf das Dreifache anwachsen lassen. Wir bekommen keine Kredite mehr“,
       fährt Mike fort. Wegen der Krise, der allgemeinen und der persönlichen,
       hätten die Leute daraufhin massenweise für Fidesz gestimmt.
       
       In den 1990er Jahren war Miskolc noch eine Hochburg der „Roten“. Inzwischen
       geht die rechtsextreme Jobbik-Partei („Bewegung für ein besseres Ungarn“)
       hier erfolgreich auf Stimmenfang. Bei den letzten Wahlen im April 2010
       errang Jobbik 16,7 Prozent der Stimmen und 47 Parlamentssitze. In einem
       kleinen Büro in der Innenstadt betrachtet der Jobbik-Funktionär Miklos
       Arpad nachdenklich die Karte von „Großungarn“. „Dass Transkarpatien der
       Ukraine zugeschlagen wurde, ist einfach ungerecht. Auch die Ungarn in der
       Slowakei oder Siebenbürgen wollten sicher nicht von ihrem Mutterland
       abgeschnitten sein. Ungarn war tatsächlich das größte Opfer der
       Friedensverträge“, erklärt er. „In diesen Regionen leben immer noch sehr
       viele Ungarn. Es ist unsere Pflicht, sie zu beschützen.“
       
       Mit den Pässen für Auslandsungarn will sich Viktor Orban in erster Linie
       Wählerstimmen sichern, aber auch den demografischen Niedergang aufhalten:
       Seit Anfang der 1990er Jahre hat Ungarn 350 000 Einwohner verloren, die
       Geburtenrate bewegt sich um 1,3 Kinder pro Frau und liegt damit weit unter
       der von Bevölkerungswissenschaftlern angenommenen „magischen Schwelle“ von
       2,1 Kindern, bei der sich die Bevölkerung selbst reproduziert. Der
       Soziologe Zoltan Kantor glaubt allerdings nicht an den demografischen Schub
       durch die Auslandsungarn. Er betrachtet den „Trianon-Pass“ vielmehr als
       eine „natürliche nationale Bestätigung“: „Vor dem EU-Beitritt, etwa Ende
       der 1990er Jahre, hätte die Verteilung von Pässen die Auslandsungarn nach
       Ungarn locken können, aber heute nicht mehr – die Grenzen sind schließlich
       offen“, sagt er. „Allerdings hat Orban mit der Frage der ungarischen
       Minderheiten in den Nachbarstaaten eines der wichtigsten Wahlkampfthemen
       von Jobbik an sich gerissen.“ Vielleicht schaffe es Orban damit sogar,
       diese Bewegung einzudämmen, meint Kantor.
       
       In der Slowakei verfolgt man voller Sorge die nationalistischen
       Wahlversprechen der Orban-Regierung, zumal es zwischen den beiden Ländern
       häufig zu Unstimmigkeiten kommt. Robert Fico, der amtierende slowakische
       Ministerpräsident, der während seiner ersten Amtszeit mit der
       nationalistischen SNS, der Slowakischen Nationalpartei, koalierte,
       vermutete bereits kurz nach Orbans Wahlsieg vor fast drei Jahren, dass
       Fidesz ein neues Großungarn wie vor dem Trianon-Vertrag anstrebe, was für
       die Sicherheit der Slowakei ein Risiko darstelle. „Stellen Sie sich vor,
       was passiert, wenn Tausende Staatsbürger die ungarische Nationalität
       annehmen: Die ungarischen Politiker würden sich aufführen, als gehörte der
       Süden der Slowakei zu ihrem Staatsgebiet!“[7]
       
       Bereits im Juli 2009 hatte die Slowakei den Gebrauch des Ungarischen aus
       der Verwaltung und allen öffentlichen Räumen verbannt. Seit 2010 ist die
       doppelte Staatsbürgerschaft verboten; andernfalls droht der Verlust des
       slowakischen Passes. Die SNS, deren Vorsitzender Jan Slota die Ungarn als
       „Krebs im Körper der slowakischen Nation“ bezeichnet hatte, begrüßte die
       Entscheidung. „Die Maßnahme ist absolut legitim“, findet auch Cyril Lesko,
       der SNS-Ortsvorsitzende im ostslowakischen Presov. „Sonst kommt die
       ungarische Minderheit noch auf die Idee, sich abzuspalten.“
       
       In der Slowakei leben etwa 500 000 Ungarn, vor allem im Süden, im
       Grenzgebiet zu Ungarn. Hinter dem Dorf Velke Raskovce, nicht weit von
       Kosice, beginnt eine sumpfige Ebene, die bis zum Horizont reicht. Die Sonne
       geht langsam unter. Jakab Elemer blickt nach Süden, in Richtung der
       ungarischen Grenze. „Wir sind Ungarn, aber slowakische Staatsbürger: Und
       wir wollen beides sein. Wir lassen uns von Budapest keine Vorschriften
       machen.“ Elemer ist einer von 14 Abgeordneten der Partei Most-Hid[8]in der
       Narodna Rada, dem slowakischen Parlament. „2009 sind wir aus der Partei der
       ungarischen Gemeinde (SMK) ausgetreten, um einen eigenen Verband zu
       gründen, denn wir sehen uns nicht als ‚ethnische‘ Partei: Wir sind für die
       Integration in die slowakische Gesellschaft, ohne dass wir darum unsere
       Wurzeln und unsere Kultur verleugnen“, erklärt er. Das sind ganz neue Töne
       – die meisten Parteien der Auslandsungarn halten tatsächlich enge
       Verbindung mit Budapest –, doch sie kommen gut an: Bei den slowakischen
       Parlamentswahlen erreichte die Partei immerhin 8,1 Prozent, die SMK
       hingegen, die eine strengere nationalistische Linie vertritt, blieb unter
       der Fünfprozenthürde.
       
       „Im Gegensatz zur Ukraine oder zu Rumänien gibt es in der Slowakei viele
       gemischte Ehen“, erzählt Antal Örkeny. „Die ungarischen Minderheiten haben
       keinen großen sozialen Einfluss, und es liegt in ihrem ureigenen Interesse,
       sich in die slowakische Gesellschaft zu integrieren.“ Für den Soziologen
       hängt die Identitätspolitik der Minderheiten weitgehend von den
       sozioökonomischen Gegebenheiten ab.
       
       Im benachbarten Ungarn zeigt uns Istvanne Szöllösi, die Vertreterin des
       slowakischen Nationalrats im Dorf Bükkszentkereszt, wenige Kilometer von
       Miskolc entfernt, den Festsaal der Gemeinde, in dem slowakische
       Volksmusikkonzerte veranstaltet werden. „Mitte des 18. Jahrhunderts kamen
       unsere Vorfahren hierher, um in den Glasfabriken rund um Miskolc zu
       arbeiten“, erzählt sie. „Die Fabriken gibt es nicht mehr, aber wir sind in
       Ungarn sehr gut integriert. Niemand kommt auf die Idee, von hier
       wegzugehen.“ Zwar gibt es nach wie vor eine slowakische Grundschule, doch
       die Dorfbewohner, die noch die Sprache ihrer Eltern sprechen, sterben
       langsam aus. Aber diese Situation kann sich schnell ändern. „Wenn sich die
       wirtschaftliche Lage in Ungarn weiter verschlechtert und eine Auswanderung
       in die Slowakei interessant wird, werden sich die Leute von
       Bükkszentkereszt sicher ganz gern auf ihre Wurzeln besinnen“, prophezeit
       Antal Örkeny.
       
       Als die Slowakei und Ungarn zusammen mit acht weiteren Staaten 2004 der
       Europäischen Union beitraten, war damit auch die Hoffnung verbunden, dass
       sich die seit den 1990er Jahren zu beobachtende Renaissance des
       Nationalismus mit der allmählichen Aufhebung der Grenzen abschwächen würde.
       In einer stark idealisierten Vorstellung malte man sich aus, dass die
       Integration in die Europäische Union „Mitteleuropa“ wiederbeleben würde.
       Doch dann kam die Wirtschaftskrise, in deren Gefolge eine europapolitische
       Maßnahme nach der anderen missglückte, und die nationale Engstirnigkeit
       rückte wieder in den Vordergrund. Hinzu kommt, dass die 2008 ausgerufene
       Unabhängigkeit des Kosovo einen Präzedenzfall geschaffen hat: Sie zeigte,
       dass zumindest zu diesem Zeitpunkt die Nationalstaatsbildung auf dem
       europäischen Kontinent offensichtlich doch noch nicht abgeschlossen war.
       Und dass sich Staatsgrenzen immer noch verschieben konnten.
       
       12 Apr 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Laurent Geslin / Sébastien Gobert
       
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