# taz.de -- Griechenland auf dem Boden der Tatsachen
       
       > von Niels Kadritzke 
       
       Für Europa bedeutet die Regierung Tsipras ein Hoffnungszeichen gegen den
       Vormarsch rechter Parteien. Für Griechenland beginnen nun die Mühen der
       Ebene – mit echten Reformen.
       
       Auf seiner letzten Pressekonferenz vor den Wahlen vom 25. Januar erlaubte
       sich Alexis Tsipras bei aller Siegeszuversicht einen Moment des Zögerns. Er
       sprach von der historischen Gelegenheit, die Zukunft Griechenlands zu
       gestalten, die sich der Linken zum ersten Mal biete – „oder zum letzten
       Mal“, wie er leise hinzufügte, als rede er mit sich selbst.
       
       Tsipras und seine Mannschaft sind sich bewusst, dass für die erste
       griechische Linksregierung die große Bewährungsprobe bevorsteht. Und dass
       es auch schiefgehen kann – mit weitreichenden Folgen nicht nur für die
       griechische Linke, sondern für die gesamte Gesellschaft. Der Wahlsieg der
       „Allianz der radikalen Linken“ hat bei ihren Anhängern hohe Erwartungen
       geweckt. Entsprechend groß wäre die Enttäuschung, falls die
       Tsipras-Mannschaft ihr proklamiertes Hauptziel, mit den Gläubigern
       Griechenlands einen ökonomisch tragfähigen und sozial verträglichen Ausweg
       aus der Schuldenkrise auszuhandeln, nicht einlösen könnte. In diesem Fall
       stünde nicht einfach die Popularität der Hoffnungsträger oder die
       Stabilität ihrer Regierung auf dem Spiel. Wenn es schiefgeht, droht
       Griechenland der ökonomische und soziale Zusammenbruch.
       
       Das wissen alle Beteiligten, nicht zuletzt die griechischen Bürger, die der
       Linken einen begrenzten Regierungsauftrag erteilt haben. Von diesen Wählern
       existiert außerhalb das Landes ein unklares, wenn nicht verzerrtes Bild –
       sowohl bei den Tsipras-Gegnern als auch bei vielen seiner europäischen
       Anhänger, die den Syriza-Erfolg wie ihren eigenen feiern. Natürlich hat
       sich die griechische Gesellschaft radikalisiert, aber zugleich sind die
       meisten Griechen realistisch geblieben – und misstrauisch gegenüber ihrer
       gesamten politischen Klasse.
       
       Das drückt sich auch im Wahlergebnis aus, das vor allem ein Strafgericht
       über die Koalition aus Nea Dimokratia (ND) und Pasok ist. Die beiden
       Altparteien wurden nicht nur für die mörderische „Austeritätspolitik“ der
       letzten fünf Jahre abgestraft, die sie als Auftragnehmer der sogenannten
       Troika exekutiert haben, sondern auch aus einem zweiten Grund: Sie haben
       über vier Jahrzehnte hinweg, seit dem Fall der Militärjunta 1974, eine
       Klientelpolitik betrieben, die Griechenland in die Verschuldung getrieben
       und letztlich an den Rand des Abgrunds gebracht hat.[1]
       
       ## Sieg über das korrupte politische Establishment
       
       Mit der Bilanz, die diese Parteien zu verantworten haben, kann man keine
       demokratischen Wahlen gewinnen: Die Volkswirtschaft ist seit 2008 um ein
       Viertel geschrumpft; die Arbeitslosenrate lag Ende 2014 bei 26 Prozent –
       weit über 70 Prozent davon sind Langzeitarbeitslose, die keinerlei soziale
       Absicherung haben – und die Staatsverschuldung hat die EU-Rekordmarke von
       176 Prozent des BIPs erreicht. Angesichts solcher Zahlen ist der Absturz
       der Altparteien keine Überraschung: Während ND und Pasok 2009 noch 80
       Prozent der Wähler gebunden hatten, kamen sie 2015 zusammen nur noch auf
       32,5 Prozent. Noch bezeichnender ist, dass von den knapp 28 Prozent, die
       der ND noch geblieben sind, überproportional viele älter sind als 60. Die
       Rentnerstimmen sind die letzte Krücke der traditionellen Rechtspartei, die
       also buchstäblich am Stock daherkommt.
       
       Der Sieg der Syriza, die achtmal so viele Wählerstimmen bekommen hat wie
       vor vor fünf Jahren,[2]ist somit keine Überraschung. Auch nicht, dass eine
       junge Generation auf Tsipras setzt, die ihre Zukunft angesichts einer
       Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent vorwiegend im Ausland suchen muss.
       Das griechische Wahlergebnis ist aber nicht nur die Folge eines sozial
       zerstörerischen und ökonomisch widersinnigen Sparprogramms. Es ist auch ein
       großes Hoffnungszeichen, und zwar für ganz Europa. Die gebeutelten Griechen
       haben ihren Protest gegen das Versagen ihrer alten Elite mit der Wahl einer
       linken Partei artikuliert, statt der rechtsextremistischen Chrysi Avgi
       nachzulaufen. Das war keineswegs selbstverständlich. Bei dem stets
       vorhandenen latenten Nationalismus war durchaus zu befürchten, dass eine so
       tief gehende soziale Krise die rechtsradikalen Kräfte stärkt.
       
       Wie real dieser Gefahr war und ist, zeigte im Wahlkampf die Nea Dimokratia.
       In dem Bemühen, den Neonazis Stimmen abzujagen, scheute Regierungschef
       Samaras nicht vor xenophoben Parolen zurück, wie sie in anderen EU-Ländern
       die Spezialität rechtsradikaler Parteien und Bewegungen sind. Auch deshalb
       muss man den Sieg der Syriza als „staatspolitischen“ Glücksfall von
       europäischen Dimensionen würdigen. Man möchte sich ungern ausmalen, wie die
       Rechtsradikalen unter ähnlichen Krisenbedingungen in anderen EU-Ländern
       abschneiden würden – von Ungarn und Tschechien bis zu den Niederlanden,
       Frankreich und Deutschland.
       
       Hier stellt sich allerdings die Frage nach dem Koalitionspartner der
       Syriza: den „Unabhängigen Hellenen“ (Anel) und ihrem Vorsitzenden Panos
       Kammenos. Der Sieg „gegen rechts“ wird durch das Bündnis mit einer Partei
       kontaminiert, die mit dem Begriff „rechtspopulistisch“ noch gut bedient
       ist. Der einzige Anel-Abgeordnete im Europaparlament sitzt mit der
       deutschen AfD und der polnischen PiS in einer Fraktion. Und der autoritäre
       Parteiführer Kammenos betont seine geistige Verwandtschaft mit Nigel Farage
       und den EU-Gegnern der britischen Ukip.
       
       Dabei verkörpert Kammenos eine sehr eigene griechische Melange, deren
       Grundsubstanz das Dogma einer „christlich-orthodoxen“ Identität der
       griechischen Nation ist. Das erklärt das Misstrauen gegen Muslime, Juden
       und jedwede „fremde“ Religion, die militante Homophobie, den Kampf gegen
       „Überfremdung“ und Einbürgerung von Migrantenkindern, aber auch eine
       chauvinistische Außenpolitik, die mit den serbischen und russischen
       Glaubensbrüdern eine „orthodoxe“ Achse schmieden will. Und das alles
       verquirlt mit einer neoliberalen Wirtschaftsdoktrin, die den meisten
       Syriza-Anhängern ein Gräuel ist. Der einzige Berührungspunkt zwischen
       beiden Koalitionspartnern ist der Widerstand gegen die Troika, den Kammenos
       allerdings als „nationalen Kampf“ gegen die deutschen Okkupanten sieht und
       nicht etwa als soziale Protestbewegung gegen die ungerechte Verteilung der
       Krisenlasten.
       
       Für die Syriza-Führung ist die Anel ein peinlicher Bettgenosse, aber auch
       ein ziemlich bequemer. Und das aus zwei Gründen: Erstens ist die Partei auf
       dem Abstieg und hat es nur noch knapp ins Parlament geschafft; zweitens ist
       Kammenos mit seinem aufgeblähten Ego ziemlich berechenbar. Der polternde
       Populist ist nämlich zugleich ein schamloser Opportunist. Schon im Sommer
       2012 war er bereit, die Anti-Troika-Linie der Anel aufzugeben und in die
       Samaras-Regierung einzutreten. Seine einzige Bedingung: das
       Verteidigungsministerium als persönliche Beute. Tsipras bewilligte ihm nun
       den ersehnten Posten, womit er ihn fürs Erste ruhiggestellt hat.
       
       Vor allem wird er sich nicht in die „große Politik“ einmischen, das heißt
       in die Verhandlungen über die griechischen Staatsschulden mit den
       EU-Partnern, der EZB und dem IWF. Und mit den Gläubigern einen erträglichen
       Kompromiss in der Schuldenfrage zu finden, hat für die Syriza allerhöchste
       Priorität. Dies sei der Hauptgrund für das „bequeme“ Bündnis mit Kammenos,
       versichern informierte Quellen in Athen. Man wollte einen
       Koalitionspartner, der auf Mitsprache in dieser Frage verzichtet. Das steht
       angeblich in einem internen Koalitionsvertrag, der auch die Gegenleistung
       festschreibt: Die Regierung soll keine Reformen vorantreiben, die der Anel
       gegen den Strich gehen.[3]
       
       Das klingt wie ein schmerzhaftes Zugeständnis. Aber in Syriza-Kreisen gibt
       man zu, dass der Preis verkraftbar ist: Tsipras sei es gar nicht unlieb,
       wenn er darauf verzichtet, Themen wie die Trennung von Staat und Kirche
       oder die Schwulenehe anzupacken, die in der Gesellschaft nicht
       mehrheitsfähig sind. Solche heiße Eisen will man lieber erst mal abkühlen
       lassen. In diesen Kreisen heißt es auch, dass ein rechter Patriot an der
       Spitze des Verteidigungsministeriums das Misstrauen nicht nur des Militärs,
       sondern aller Uniformträger gegen Syriza dämpft, die in ihrem Programm die
       Abrüstung der Bereitschaftspolizei bei Demonstrationseinsätzen fordert.
       Noch vor Schließung der Wahllokale hielt es die Syriza-Führung für geboten,
       den höchsten Chargen von Polizei und Militär zu versichern, dass sie nicht
       mit einer Ablösung rechnen müssen.
       
       Alles in allem stellt sich die Mesalliance von Syriza und Anel als ein
       taktisches Bündnis dar, dessen Haltbarkeit nur bis zu einer Lösung des
       Schuldenproblems garantiert ist. Im Fall eines Erfolgs wird sich Syriza
       wahrscheinlich nach anderen Partnern umsehen oder über Neuwahlen eine
       Alleinregierung anstreben. Am 26. Januar musste man, als die absolute
       Mehrheit verpasst war, blitzschnell eine Koalition präsentieren, um
       aufkommende Gerüchte über eine zweite Wahl zu ersticken. Der andere
       Kandidat, die neu gegründete liberale Partei „To Potami“ (Der Fluss), habe,
       so heißt es, kein Interesse gezeigt. Zudem hatte der Sprecher des linken
       Syriza-Flügels, Panagiotis Lafazanis, eine Koalition mit Potami noch kurz
       vor den Wahlen definitiv ausgeschlossen. Und einen Flügelstreit konnte und
       wollte die Syriza-Führung in der Stunde des großen Wahlsiegs nicht
       riskieren.
       
       ## Syrizas Leitprinzip: Pragmatismus
       
       So gesehen war die Koalition mit Kammenos tatsächlich alternativlos. Die
       Syriza beruft sich mithin auf einen Pragmatismus, den der Wahlausgang
       erzwungen habe. Pragmatismus kommt vom griechischen „pragma“: das Ding.
       Pragmatismus heißt, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Dieses Leitprinzip
       gilt für das gesamte Syriza-Projekt, dessen Schicksal sich in den nächsten
       Wochen und Monaten entscheiden wird. Das mag für auswärtige Syriza-Fans,
       die mit den griechischen „Dingen“ weniger vertraut sind, enttäuschend sein.
       Aber Tsipras, der hohe Erwartungen immer wieder rhetorisch bedient, hat
       jetzt andere Sorgen. Er muss sein Land zunächst durch die Klippen der
       Schuldenverhandlungen steuern und anschließend einigermaßen über Wasser
       halten. Und dabei möglichst auch noch einige zentrale Wahlversprechen
       einlösen.
       
       Ohne Pragmatismus, ohne Rücksicht auf die realen Gegebenheiten wird das
       nicht zu schaffen sein. Das hat einer der prominentesten europäischen
       Syriza-Sympathisanten, der linke Querdenker Slavoj Zizek, mit brutaler
       Offenheit ausgesprochen: „Es bringt für Griechenland überhaupt nichts, wenn
       man eine verrückte linksradikale Revolution ausprobiert, mit der man
       scheitert, um hinterher nette historische Erinnerungen zu
       pflegen.“[4]Syriza könne nur eine Politik der „Mäßigung“ einschlagen, also
       mit Augenmaß auf Kompromisse hinarbeiten. „Wir müssen absolute Pragmatiker
       sein“, so Zizek. Betrachten wir also die Dinge, wie sie sind.
       
       Der Wahlsieg der linken Syriza und die „pragmatische“ Koalition mit einer
       rechten Kleinpartei garantieren keine Regierungsfähigkeit, schon gar nicht
       in einem Land, dem noch immer der Staatsbankrott droht. Bestimmend ist die
       Notwendigkeit, die Schuldenkrise zumindest zu überbrücken. Ob das gelingt,
       hängt von zwei Faktoren ab: von den realen ökonomischen Gegebenheiten, die
       sich mit den Wahlen nicht verändert haben, und vom Verhalten der
       europäischen Partner Athens, die zugleich ihre Gläubiger sind.
       
       Die Tsipras-Regierung muss aber auch eine weitere „Gegebenheit“
       berücksichtigen: Die Erwartungen ihrer Wähler und die Haltung derer, die
       sie nicht gewählt haben. Der Triumph vom 25. Januar bedeutet keineswegs,
       dass Syriza eine gesellschaftliche Mehrheit repräsentiert. 36,5 Prozent bei
       einer Wahlbeteiligung von 63 Prozent sind keine Basis, auf die man sich bei
       schwierigen und folgenreichen Entscheidungen stützen könnte. Dass die
       Linkspartei fast die absolute Mehrheit der 300 Parlamentssitze erringen
       konnte, liegt am griechischen Wahlgesetz, das der stärksten Partei
       zusätzlich 50 Sitze zuspricht – eine undemokratische Regelung, die Syriza
       abschaffen will.
       
       Ein Großteil der neuen Syriza-Wähler kommt aus der politischen Mitte: 12
       Prozent sind frühere ND-Wähler. Der größte Zustrom kam jedoch von der
       Pasok, die 2009 auf knapp 44 Prozent gekommen war. Mindestens zwei Drittel
       davon hat Syriza geerbt. Es ist kein Zufall, dass die Syriza ihren höchsten
       Stimmenanteil (45 Prozent) auf Kreta erzielen konnte – bis vor fünf Jahren
       eine uneinnehmbare Hochburg der Pasok.
       
       Zu einer nüchternen Analyse des Syriza-Siegs gehört auch der Zulauf durch
       die „Opportunisten der letzten Stunde“: Wenn die Umfragen der stärksten
       Partei kurz vor der Wahl einen uneinholbaren Vorsprung bescheinigen,
       schlagen sich viele noch auf die Seite der Sieger. Dieser Mitläufereffekt
       dürfte der Syriza 3 bis 5 Prozent gebracht haben. Auch darüber sind sich
       Tsipras und seine Genossen im Klaren. Vor allem aber können sie keine
       Illusionen darüber haben, wofür die Mehrheit ihrer Wähler gestimmt hat und
       wofür nicht: nicht für die linkssozialistische Bewegung, die Syriza noch
       vor fünf Jahren war, sondern für eine Partei, die versprochen hat, mit den
       Gläubigern und Partnern Griechenlands einen neue, bessere Schuldenregelung
       auszuhandeln.
       
       Diese Wähler waren nur zu überzeugen, weil Syriza seit Anfang 2013 ihre
       alten Parolen verworfen hat, wonach sie die Vereinbarungen mit dem
       Gläubigertrio „zerreißen“ und die griechischen Verpflichtungen „einseitig
       aufkündigen“ würde. Auch die Drohung, eine Syriza-Regierung werde
       unverzüglich alle Zahlungen an die Gläubiger einstellen, wurde explizit
       zurückgenommen.[5]Entscheidend war jedoch das klare Bekenntnis der
       Parteiführung, sie werde alles tun, um Griechenland in der Eurozone zu
       halten. Ohne diese Absage an jede Form eines „Grexit“ hätte die Linkspartei
       nicht einmal 20 Prozent der Wähler für sich gewonnen. Anfang Januar ergab
       eine Umfrage, dass über 80 Prozent der Befragten den Euro in Griechenland
       behalten wollen, „was immer es erfordert“.[6]
       
       Für Tsipras und die Parteispitze war es deshalb wichtig, dass sie die
       Syriza-Fraktion „Linke Plattform“ (AP) zumindest zum Stillhalten in der
       Grexit-Frage verpflichten konnten. Die AP repräsentiert etwa 30 Prozent der
       Parteimitglieder und stellt die Euro- wie die EU-Mitgliedschaft
       Griechenlands nach wie vor infrage. Doch ihr Sprecher Panagiotis Lafazaris
       – inzwischen Industrie- und Energieminister – erklärte kurz vor den Wahlen
       gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti, die Option eines
       Euro-Austritts stelle sich für Syriza nicht.
       
       ## Wenig Illusionen bei den Wählern
       
       Viele Vorwahl-Umfragen zeigten, dass die Griechen von der Regierung keine
       Wunder erwarten. So wenig sie die windigen Erfolgsstorys der
       Samaras-Regierung geglaubt haben, so skeptisch beurteilten sie die
       Realisierbarkeit eines umfassenden Schuldenschnitts, wie ihn der
       Wahlkämpfer Tsipras in Aussicht gestellt hat. Etwa 70 Prozent der Befragten
       rechneten nicht mit einem maximalen Verhandlungserfolg, das galt auch für
       eine Mehrheit der Syriza-Wähler.
       
       Für die neue Regierung ist diese Illusionslosigkeit der Wähler eine große
       Chance. Die Ernüchterung, die sie den Griechen zumuten muss, kann eine
       Bevölkerung kaum enttäuschen, die ohnehin nicht allzu viel erwartet hat und
       damit auch recht behielt: In den Gesprächen, die Tsipras und Finanzminister
       Varoufakis bei ihrer Tour d’Europe Anfang Februar geführt haben, war vom
       großen Schuldenschnitt keine Rede mehr. Ebenso wenig von einer
       paneuropäischen Schuldenkonferenz, die der Syriza-Chef seit Jahren fordert
       (siehe Artikel auf Seite 4/5).
       
       Der Rahmen der Vereinbarungen mit den europäischen Partnern solle „nicht
       gesprengt, sondern verändert“ werden, erklärte Tsipras am 4. Februar in
       Brüssel, man werde alles tun, „um eine gemeinsame, tragfähige und allseits
       akzeptable Lösung für unsere gemeinsame Zukunft“ zu finden. Und er fügte
       hinzu, die Geschichte der EU sei seit jeher „eine Geschichte von
       Meinungsverschiedenheiten, an deren Ende Kompromisse stehen“.
       
       Ein für alle Seiten akzeptabler Kompromiss erfordert allerdings zwei Dinge,
       die derzeit knapp sind: ausreichend Zeit bei den Griechen und hinreichend
       guten Willen bei den europäischen und internationalen Gläubigern – vor
       allem in Berlin.
       
       Die Modalitäten einer tragfähigen Regelung des griechischen
       Schuldenproblems sind unter Ökonomen lang und breit diskutiert worden.
       Dabei glaubt kaum noch jemand, dass die griechische Staatsschuld in Höhe
       von 175 Prozent des BIPs jemals abzutragen ist. Linke Ökonomen wie Paul
       Krugman oder Rudolf Hickel sind sich mit Chefkommentator Martin Wolf von
       der Financial Times und Leitartiklern von Wirtschaftsdiensten wie Reuters
       oder Bloomberg darin einig, dass zumindest ein „weicher Haircut“ am Ende
       unvermeidlich sein wird. Bloomberg-Kommentator Justin Fox schreibt: „Gebt
       den Griechen eine Atempause und hört damit auf, ihnen ihre
       Wachstumsperspektive abzuwürgen.“ Die Vorschläge von Varoufakis seien
       mitnichten „abseitige Verrücktheiten“, aber um sie umzusetzen, „müsste er
       der Finanzminister von Deutschland und nicht von Griechenland sein“.[7]
       
       Wie schwer der deutsche Finanzminister zu überzeugen ist, hat Varoufakis am
       5. Februar in Berlin erfahren. In Athen hofft man, Paris und Rom als
       „halbe“ Bündnispartner zu gewinnen. Die Regierung in Berlin scheint es
       jedoch nicht zu stören, dass sie mit ihrer Haltung zunehmend isoliert
       dasteht.
       
       Der große Kompromiss, den Varoufakis und Tsipras anstreben, wird, wenn
       überhaupt, erst im Frühsommer kommen. Die Zeit wird knapp, denn Mitte März
       könnte die Staatskasse leer sein; die Pessimisten in Athen sagen, sogar
       schon früher. Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen sind die
       Steuereinnahmen seit Dezember 2014 drastisch zurückgegangen. Das ist zwar
       in einer Vorwahlperiode immer so, aber dieses Mal ist das Loch besonders
       groß, weil viele Griechen die Immobiliensteuer nicht gezahlt haben, deren
       Abschaffung die Syriza versprochen hat. Anfang Februar belief sich der
       Rückstand gegenüber den geplanten Steuereinnahmen bereits auf 2,5
       Milliarden Euro. Und aus dem Finanzministerium verlautet, dass die
       Barreserven der Regierung auf 1,5 Milliarden Euro geschmolzen sind.
       
       Zudem wächst das Defizit in den Sozialkassen, weil die Diskrepanz zwischen
       Einnahmen und Auszahlungen immer größer wird. Die Einnahmen sinken erstens
       wegen der hohen Arbeitslosigkeit und der mithin schwindenden Anzahl
       beitragspflichtiger Beschäftigter; zweitens sind viele Freiberufler
       insolvent und führen keine Sozialbeiträge mehr ab; drittens sind viele
       Unternehmen mit den Beiträgen für ihre Beschäftigten im Verzug. Zugleich
       sind die Ausgaben der Rentenkassen dramatisch gestiegen, weil seit Beginn
       des Sparprogramms zehntausende öffentliche Bedienstete in die Rente
       abgeschoben wurden, während viele andere die letzte Chance zur
       Frühpensionierung genutzt haben. Das wachsende Defizit muss aus dem
       Staatshaushalt ausgeglichen werden.
       
       Bei diesem Kassenstand stellt sich die Frage, wie die Regierung die
       versprochenen sozialpolitischen Korrekturen finanzieren will. Tsipras hat
       nach seinem Wahlsieg bekräftigt, dass Syriza ihr Anfang September
       verkündetes „Programm von Thessaloniki“ umsetzen will. Das beinhaltet nicht
       nur die dringend nötige Lebensmittelhilfe und Krankenversorgung für die
       Ärmsten der Armen, sondern auch die Aufhebung von Maßnahmen, die der
       Samaras-Regierung von der Troika aufgedrückt wurden. Unter anderem will die
       Regierung 3 500 entlassene öffentliche Bedienstete wieder einstellen, die
       niedrigsten Rentenbezüge um 8 Prozent aufbessern und den Mindestlohn für
       den privaten Sektor von 586 auf 751 Euro anheben. Die Gesamtkosten
       beziffern die Syriza-Ökonomen auf 11,5 Milliarden Euro.
       
       Aber wo soll das Geld herkommen? Wenn Tsipras darauf keine Antwort findet,
       steht er in vier Wochen genauso düpiert da wie Pasok-Chef Papandreou im
       Oktober 2009. Der hatte seinen Wahlkampf gegen die konservative
       Karamanlis-Regierung mit Versprechungen bestritten und dem Slogan: „Das
       Geld ist da.“ Um nach dem Wahlsieg festzustellen, dass er einen
       erdrückenden Schuldenberg übernommen hatte.
       
       Die Syriza-Ökonomen haben vor den Wahlen auf drei mögliche Geldquellen
       verwiesen. Erstens werde man den von der alten Regierung geplanten
       Überschuss im „Primärhaushalt“[8]reduzieren; zweitens wolle man mit einem
       konsequenten Kampf gegen Steuersünder die Staatseinnahmen erhöhen und
       drittens durch einen Schuldenschnitt die Zinsbelastung mindern. Der erste
       Vorschlag ist machbar und sinnvoll, da der geplante „Primärüberschuss“ von
       3 Prozent des BIPs nicht nur auf Kosten sozialer Hilfsprogramme, sondern
       auch produktiver Investitionen geht. Der zweite Vorschlag ist richtig und
       notwendig, bringt aber erst mittelfristig höhere Steuereinnahmen. Den
       dritten Vorschlag, einen radikalen Schuldenschnitt, hat Varoufakis
       inzwischen selbst zurückgezogen, weil er – obwohl vernünftig –
       offensichtlich nicht durchzusetzen ist. Stattdessen soll der unmittelbare
       Finanzbedarf durch Ausgabe von T-Bills abgedeckt werden. Diese
       Staatsanleihen mit Laufzeit von wenigen Monaten sollen ein
       „Brückenprogramm“ finanzieren, das den Staat bis zum Abschluss eines großen
       „New Deal“ – etwa Ende Mai – solvent halten könnte.
       
       Doch bei diesen T-Bills gibt es ein Problem. Weil Griechenland derzeit
       nicht als kreditwürdig gilt, sind sie nicht auf dem internationalen
       Finanzmarkt abzusetzen. Als Käufer kommen nur griechische Banken infrage.
       Der Staat würde sich also bei den eigenen Banken verschulden. Aber der
       griechische Finanzsektor hält schon T-Bills in der genehmigten Höhe von 15
       Milliarden Euro. Finanzminister Varoufakis hat zwar beantragt, den „Deckel“
       um weitere 10 Milliarden Euro anzuheben, doch dem müssen die EZB, die
       EU-Kommission und der IWF zustimmen. Zudem sind die griechischen Banken
       derzeit nicht liquide, unter anderem weil sie von Dezember 2014 bis Anfang
       Februar 15 Milliarden Euro an Geldeinlagen verloren haben. Die nötigen
       Milliarden für den Kauf griechischer T-Bills können sie nur aufbringen,
       wenn die EZB ihnen Zugriff auf die Emergency Liquidity Assistance (ELA)
       gewährt, eine Art Liquiditätshilfe für Notfälle. Der EZB-Rat hat ihnen am
       4. Februar 60 Milliarden Euro bewilligt, doch dieser Beschluss kann mit
       einer Zweidrittelmehrheit wieder aufgehoben werden. Wie man es auch dreht
       und wendet: Für die Lösung ihrer unmittelbaren Finanzierungsprobleme ist
       die Athener Regierung auf eine Übereinkunft mit der EZB und mit der
       Eurozone angewiesen.
       
       Vor diesem Hintergrund wird die Reiseroute von Varoufakis verständlich, der
       zuerst potenzielle Bündnispartner in Paris und Rom aufsuchte, bevor er sich
       nach Berlin, zum Hauptgegner einer für Griechenland akzeptablen
       „Brückenlösung“, aufmachte. Auf eine solche sind Tsipras und Varoufakis
       auch deshalb angewiesen, weil sie sonst ihren wichtigsten Wahlversprechen
       nicht einlösen können. In einigen Punkten haben sie vorsichtshalber bereits
       Abstriche an ihrem Thessaloniki-Programm angekündigt.
       
       Der zuständige Vizeminister Katrougalos will zwar 3 500 entlassene
       Staatsdiener wieder einstellen. Aber deren Zahl soll mit den für 2015
       geplanten 15 000 Neueinstellungen verrechnet werden. Und zu welchem
       Zeitpunkt die Kleinstrenten aufgestockt werden, wird von der Liquidität der
       Rentenkassen abhängen. Auch ein anderes Wahlversprechen wurde bereits
       relativiert: die sofortige Anhebung des Mindestlohns im Privatsektor. Hier
       hat Arbeitsminister Skourletis ein „pragmatisches“ Vorgehen angekündigt:
       Die Anhebung soll in kleinen Schritten bis Ende des Jahres und vor allem in
       Absprache mit Arbeitgebern und Gewerkschaften erfolgen. Das ist eine sehr
       realistische Korrektur, wenn man bedenkt, dass selbst die lächerlich
       geringen Mindestlöhne in vielen Branchen ohnehin unterlaufen werden, weil
       viele kleine Unternehmen ihre Beschäftigten nur mit monatelanger Verspätung
       entlohnen oder mit Abschlagszahlungen abfinden.
       
       Wie viele der anderen zugesagten Maßnahmen relativiert oder zeitlich
       gestreckt werden, wird man sehen müssen. Die neue Regierung wird sich eine
       gehörige Portion Pragmatismus leisten können, vorausgesetzt, sie legt den
       Stand der Dinge offen und ehrlich dar. Die meisten Wähler werden Abstriche
       am Maximalprogramm der Syriza nicht nur hinnehmen, sondern sogar verstehen.
       Umso wichtiger sind für sie die Aktionen und Gesten, die eher auf der
       symbolischen Ebene liegen.
       
       Das gilt vor allem für die klare Ansage, dass die Athener Regierung nichts
       mehr mit der Troika zu tun haben will. Damit wird keineswegs die
       Kooperation mit den drei Institutionen EU-Kommission, EZB und IWF
       aufgekündigt, mit denen Athen auf Gedeih und Verderb weiter verhandeln
       muss. Mit der Troika ist vielmehr das Dreiergespann der
       Gläubiger-Institutionen gemeint, das bis zum letzten Dezember alle drei
       Monate in Athen einrückte, um das Benehmen des griechischen Schuldners zu
       zensieren. Was mit der Troika abgelehnt wird, ist ein Modell des Umgangs,
       bei dem hochrangige Bürokraten griechischen Ministern Direktiven erteilen
       konnten, als seien diese Präfekten einer abgelegenen Provinz, die der
       fernen Obrigkeit Gehorsam schulden.
       
       Dieses Troika-Modell wird auch im Europäischen Parlament sehr kritisch
       gesehen. Und alle Kräfte, die sich noch ein solidarisches Europa vorstellen
       können, sollten der Regierung Tsipras dankbar sein, dass sie dieses
       entwürdigende Format aufgekündigt hat. Stattdessen will Athen mit den
       EU-Instanzen und dem IWF „auf Augenhöhe“ verhandeln. Das mag zwischen
       Gläubigern und Schuldnern eine Illusion bleiben; aber dass Tsipras (ohne
       Krawatte) mit Hollande und Renzi spricht, und dass Varoufakis (ohne
       Krawatte) in Frankfurt mit Draghi, in London mit Osborne und in Berlin mit
       Schäuble verhandelt, ist für die meisten Griechen weit mehr als nur
       Symbolik. Es gibt ihnen ein Selbstgefühl, ja eine Würde zurück, die ihnen
       die Troika-Vertreter mit ihrem herrischen Auftreten und die früheren
       Regierungen mit ihrer Willfährigkeit genommen hatten.
       
       Dieses neue Selbstwertgefühl drückt sich auch in den Umfragen aus, nach
       denen 70 Prozent der Befragten die Verhandlungsstrategie von Tsipras und
       Varoufakis richtig finden. Die Griechen – nicht nur die Syriza-Wähler –
       wollen ihre Regierung „kämpfen sehen“. Dass dabei nur ein Kompromiss
       herauskommen kann, versteht sich für die meisten von selbst. Vielleicht
       erweist sich schon in dieser Woche, ob die finanzielle „Brücke“ geschlagen
       werden kann, die substanzielle Verhandlungen über die von Tsipras
       geforderte „gemeinsame, tragfähige und allseits akzeptable Lösung für
       unsere gemeinsame Zukunft“ erst ermöglichen würde. Die Frage ist, was beide
       Seiten zu einer solchen Lösung beitragen können.
       
       ## Keine Kompromisse mehr mit dem Klientelsystem
       
       Griechenlands Vorschlag an die europäischen Gläubiger läuft auf ein Modell
       hinaus, das die Abzahlung der Schulden an das griechische
       Wirtschaftswachstum bindet. Dieses Konzept von Varoufakis, das schon seit
       Langem im Syriza-Programm steht, wurde vom CDU-Fraktionsvorsitzenden Kauder
       mit dem (in der FAZ zitierten) Satz abserviert: „Frechheit darf nicht
       siegen.“ Dieser schwäbische Hausmann hat offenbar vergessen, dass die
       deutsche Seite in den Verhandlungen, die 1953 mit dem Londoner
       Schuldenabkommen endeten, eine ähnliche Forderung vorgetragen hat: Die
       deutschen Restschulden (51,5 Prozent der Schuldensumme wurde der
       Bundesrepublik erlassen) sollten nur aus Exportüberschüssen abgezahlt
       werden. Mit anderen Worten: Man wollte die Bedienung der Schulden an das
       Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik koppeln – das übrigens durch den
       Schuldenschnitt erheblich gefördert wurde.
       
       Allerdings bedeutet auch ein „weicher“ Schuldenschnitt, wie er Athen heute
       vorschwebt, durchaus eine Konzession. Das würde nicht nur Schäuble so
       sehen. Auch die Regierungen von Ländern wie der Slowakei, die weit höhere
       Kreditzinsen zahlen müssen als Griechenland, oder wie Portugal, die nach
       einem brutalen Sparprogramm inzwischen wieder Zugang zu den Finanzmärkten
       haben, werden nach den griechischen Gegenleistungen fragen.
       
       Diese Gegenleistung kann nur der konsequente Kampf gegen einen
       Klientelstaat sein – die wichtigste „soziale Gegebenheit“, die das
       griechische Problem ausmacht. Denn dieses ist, anders, als viele Linke
       meinen, nicht nur eine Folge der Finanzmarktkrise und der fatalen
       Troika-Rezepte. Die griechische Krise hat in Griechenland begonnen. Und man
       versteht sie nicht, ohne die klientelistischen Beziehungen zwischen der
       politischen Klasse und dem Wahlvolk zur Kenntnis zu nehmen. Ohne
       Überwindung des Klientelsystems wird diese Krise nicht zu überwinden sein.
       Denn das Versickern öffentlicher Mittel in einem ineffizienten Staat ist
       das größte Hindernis für eine wirtschaftliche Erholung, die nur über
       öffentliche und private Investitionen in Gang kommen kann.
       
       Die Regierung Samaras war unfähig, das griechische Problem anzugehen, weil
       sie weder bereit noch in der Lage war, dieses politisch-soziale Grundübel
       zu bekämpfen. Das zeigte sich vor allem in dem Versagen, die Steuerbetrüger
       zu erfassen und zur Kasse zu bitten. Viele der von der Troika geforderten
       Reformen, die Steuerbetrug, Korruption und Günstlingswirtschaft eindämmen
       sollten, wurden zwar in Gesetzesform gegossen, aber dann entweder
       „vergessen“, von der Bürokratie boykottiert oder von Teilen der politischen
       Klasse und Lobbygruppen gezielt torpediert. Manche EU-Partner und der IWF
       trauern der Regierung Samaras schon deshalb nicht nach, weil sie über deren
       magere Reformbilanz enttäuscht und zuweilen entsetzt waren.
       
       Der neue Finanzminister Janis Varoufakis hat letzte Woche nach dem Treffen
       mit seinem Amtskollegen Schäuble einen Satz gesagt, den die deutschen
       Medien verschwiegen haben: „Das gegenwärtige Reformprogramm darf keineswegs
       insgesamt verworfen werden. Ich würde sagen, dass 60 bis 70 Prozent der
       Initiativen und Maßnahmen, die auf der Reformliste stehen, auf unserer
       eigenen Wunschliste stehen sollten.“[9]Zuvor hatte Varoufakis dem
       EZB-Präsidenten Draghi dargelegt, dass das „Hauptziel dieser Regierung
       darin besteht, Griechenland in einer Weise zu reformieren, wie es noch nie
       versucht wurde – und mit einer Entschlossenheit, die früher stets gefehlt
       hat“.
       
       Diese Priorität hat Tsipras am 5. Februar auch vor dem höchsten
       Syriza-Gremium herausgestrichen: Man wolle die sozialen Ungerechtigkeiten
       „nach und nach“ abbauen, „aber sofort, wie der Blitz, werden wir handeln,
       um mit dem Regime der Korruption, der Seilschaften und dem ganzen
       Klientelstaat aufzuräumen“. Und diesen Kampf werde man vorantreiben, „nicht
       weil irgendjemand das von uns verlangt, sondern um die Vergangenheit hinter
       uns zu lassen“.[10]
       
       Eine neue Regierung, die den Kampf gegen den Klientelstaat nicht nur verbal
       erklärt, sondern auch konsequent durchführt, könnte zumindest bei einigen
       EU-Partnern die Überzeugung festigen, dass Griechenland endlich
       substanziell geholfen werden muss, nachdem die Politik des Totsparens in
       die Sackgasse geführt hat. Nur bei tiefgreifenden Reformen wäre
       gewährleistet, dass der neue Kurs einer wachstumsorientierten Krisenhilfe
       nicht die Rückkehr zum „alten Griechenland“ bedeutet. Im Gegensatz zum
       abgewählten Regime der klassischen Klientelparteien ist die
       Syriza-Regierung noch nicht mit dem Klientelismus kontaminiert. Wenn sie
       glaubwürdige Schritte macht, kann sie sich als die politische Kraft
       profilieren, die endlich eine „Gegenleistung“ für eine substanzielle
       Schuldenentlastung zu bieten hat. Dafür müsste sie zu allererst ihr eigenes
       Reformprogramm genau buchstabieren – und damit einen Begriff
       rehabilitieren, der in Griechenland durch die von der Troika auferlegten
       „Reformen“ völlig diskreditiert ist.
       
       Mit einem konsequenten Reformprogramm hat die Syriza nichts zu verlieren
       und sehr viel zu gewinnen. Denn der Umbau des öffentlichen Dienstes, der
       aus einem Selbstbedienungsladen der Parteien einen seriösen Dienstleister
       für die Bevölkerung macht, könnte langfristig auch die Staatsverdrossenheit
       der Griechen abbauen helfen. Ein bürgernaher, korruptionsresistenter Dienst
       könnte die Bürger davon überzeugen, dass ihre Steuergelder sinnvoll und
       produktiv verwendet werden.
       
       Die Reform des öffentlichen Sektors ist damit auch Voraussetzung für
       größere Steuerehrlichkeit, ohne die eine progressive Regierung ihr
       sozialpolitisches Programm schlicht nicht finanzieren kann. Dafür reicht es
       nicht, die berühmten „Oligarchen“ zu besteuern oder Fluchtgeld zu erfassen.
       Man muss auch die „kleinen Steuersünder“ belangen. Der Ausgangspunkt für
       jeden Versuch, eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen, ist die Einsicht,
       dass der Klientelstaat der größte Feind des Sozialstaats ist.
       
       Hinzukommt ein weiterer Punkt. Wenn Syriza es schafft, ein eigenes
       radikales Reformprogramm – nicht nur, aber vor allem für den öffentlichen
       Dienst – aufzustellen und umzusetzen, hat sie gute Argumente, diejenigen
       „Reformen“ der Troika abzulehnen, die unter dem Vorwand der „Krisenlösung“
       lediglich den Abbau des Sozialstaats vorangetrieben haben. Dazu gehört ganz
       bestimmt das neoliberale Projekt der „Deregulierung“ des Arbeitsmarkts, die
       Einschränkung gewerkschaftlicher Rechte und vor allem das Dogma der
       „Privatisierung um jeden Preis“, das zu Krisenzeiten auf ein Verramschen
       öffentlichen Eigentums hinausläuft.
       
       Wie ineffektiv und asozial dieser Ausverkauf ist, lässt sich an den wenigen
       „gelungenen“ Privatisierungsprojekten zeigen. Die nominell größte Einnahme
       erzielte der Staat bislang mit dem Verkauf ihrer Anteile an der
       Lotto-Gesellschaft Opap, für die 652 Millionen Euro eingelöst wurden. Dabei
       ist die Opap eine Gewinnmaschine, die dem Fiskus jährlich rund 200
       Millionen Euro eingespielt hat. Der Staat hätte sich langfristig mehr
       Einnahmen gesichert, wenn er die Opap nicht verscherbelt hätte.
       
       Der Käufer, ein Konsortium aus osteuropäischen und einem griechischen
       Oligarchen, war im Übrigen der einzige Bieter und konnte so den Preis
       diktieren. Das gilt auch für alle weiteren Privatisierungen, etwa für die
       gigantische Immobilie des früheren Athener Flughafens Ellinikon. Das
       Konsortium, das sie erwarb – der griechische Oligarch Spyros Latsis mit
       arabischen und chinesischen Teilhabern – zahlte für das küstennahe Areal
       mit 577 Millionen Euro gerade mal die Hälfte des Schätzpreises.[10]
       
       Allerdings werden sich die griechischen Steuerzahler gegen Privatisierungen
       nur dann mobilisieren lassen, wenn die öffentlichen Unternehmen oder Träger
       von Dienstleistungen in Zukunft kundenfreundlicher und kostengünstig
       organisiert werden, statt der klientelistischen Personalpolitik der
       politischen Klasse zu dienen. Das aber erfordert eine gründliche
       Evaluierung des gesamten öffentlichen Sektors.
       
       Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Kfz-Zulassungsstelle von Athen ist eine
       Behörde mit über 500 Angestellten. Wenn man ein Auto mit ausländischer
       Nummer ummelden will, braucht man in dieser Behörde einen ganzen Tag und 14
       Stempel für alle möglichen Dokumente. Wobei hinter jedem Stempel eine
       Arbeitskraft sitzt, die sich an diesem Stempel festhält, bis sie in Rente
       geht. Eine Umsetzung oder Umschulung solcher Staatsdiener würde den
       öffentlichen Dienst nicht nur effektiver machen, sondern auch qualitativ
       verbessern.
       
       Der bereits zitierte Syriza-Sympathisant Slavoj Zizek sieht als wichtigste
       Aufgabe der neuen Regierung, in Griechenland endlich einen „stinknormalen“
       Staat aufzubauen. Dies sei für die Syriza eine „einmalige Chance“. Was er
       damit beschreibt, sind die berühmten „Mühen der Ebene“. Die allerdings für
       Tsipras und seine Regierung besonders mühevoll sind, weil sie dem Staat
       erst einmal das finanzielle Überleben sichern müssen. Dazu braucht es einen
       realistischen Kompromiss, der Griechenland in der Eurozone hält.
       
       Vor den Wahlen hat Tsipras davon geredet, dass Griechenland in Zukunft
       nicht mehr nach der Pfeife der Märkte tanzen wird, sondern dass die Märkte
       nach der griechischen Melodie tanzen werden. Nach den Wahlen ist sein
       Finanzminister nach London geflogen, um in der City vor Bankern und
       Hedgefonds-Managern zu erklären, warum sie in Griechenland investieren
       können. Wie die Dinge nun einmal stehen, werden die Griechen darauf
       angewiesen sein, zusammen mit den europäischen Partnern eine Melodie zu
       komponieren, die sowohl die griechischen Wähler als auch die Märkte
       beruhigt.
       
       12 Feb 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Niels Kadritzke
       
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